Seelsorge in Facebook – eine Problemanzeige

Diese Diskussion zu Seelsorge in Facebook ergab sich am Rande der Sitzung Web 2.0 vorgestern in Stuttgart, zu der ich als Gast freundlicherweise eingeladen war. Ich bin durch die Position von Tobias Schneider ins Nachdenken gekommen, Ich danke ihm, dass er seine Argument aufgeschrieben hat. Ich halte diese Diskussion für wichtig, auch wenn, oder gerade weil ich anderer Meinung bin. Zunächst aber die Position von Tobias Schneider, bevor ich darauf antworte.

Seelsorge in Facebook – eine Problemanzeige

Nachdem ich schon lange keine wirklich inhaltlichen Beiträge mehr gebracht habe, hier ein paar Gedanken zu einem sehr schwierigen Thema: Seelsorge in Facebook. Angeregt dazu wurde ich vom Betreiber von theonet.de [=das bin ich, eigene Anm.], der hierzu (zumindest bisher) eine andere Position hat als ich. Dieser Text versteht sich als Diskussionsgrundlage und beinhaltet meine persönliche Sichtweise als Pfarrer und Social-Media-Nutzer.

Eine der Grundvoraussetzungen von Seelsorge ist der Schutzraum, in dem eine Gespräch stattfindet. Dieser Schutzraum kann sehr unterschiedlich sein, zwischen einer Verabredung im Amtszimmer des Pfarrers bis hin zu dem spontanen Gespräch am Gartenzaun. Wichtig ist, dass das Setting der Seelsorge ein vertrauensvolles Gespräch ermöglicht. Als beruflicher Seelsorger habe ich als Pfarrer eine besondere Verantwortung dafür, für solch ein Setting zu sorgen. Nicht zuletzt wegen des Seelsorgegeheimnises, das streng gewahrt werden muss.

Und hier beginnen schon die Probleme. Kann denn Facebook überhaupt solch ein geschützter Raum sein? Ist das Seelsorgegeheimnis in Facebook überhaupt realistisch schützbar?

Ich würde spontan sagen: Nein.

Denn es ist eine Tatsache, dass sämtliche Daten, die eine Person in Facebook irgendwie “veröffentlicht”, gespeichert werden. Dazu gehören auch z.B. Chatprotokolle. Über die Verwendung dieser Daten weiß alleine Facebook Bescheid, so dass es durchaus möglich ist, dass Chatprotokolle aus “Seelsorgegesprächen” ausgewertet und weiterverwendet werden. Ein geschützter Raum kann das kaum sein. Ich müsste demnach eine Seelsorgeanfrage in Facebook ablehnen oder auf andere Kontaktmöglichkeiten verweisen. Denn schließlich könnte das Gespräch von dritten mitverfolgt oder später gelesen werden.

Auf der anderen Seite gibt es gegen dieses Argument natürlich wiederum Einwände. Zum einen die pragmatische Sichtweise: Die Datenmenge an Nachrichten und Chatprotokollen bei Facebook ist so immens, dass es kaum vorstellbar ist, dass da “jemand” tatsächlich gezielt nach Daten sucht bzw. es überhaupt jemanden interessiert ob Frau Müller mit dem Herrn Maier ein seelsorgerliches Chatgespräch geführt hat. Hinzu kommt die Relativierung, dass ich letztlich nie als Pfarrer mit absoluter Sicherheit einen geschützten Raum anbieten kann. Ein Telefonat kann theoretisch abgehört werden, ebenso wie ein Gespräch, egal wo man es führt. Die Verantwortung des Seelsorger für eine geschütztes Setting hat Grenzen, sonst könnte keiner vernünftig Seelsorge betreiben.

Nun macht es aber schon einen Unterschied, ob auf der Straße ein Passant Gesprächsfetzen mitbekommt, oder ob ich in Facebook einen Chat führe. Denn das Protokoll des Chats wird gespeichert, theoretisch bis in alle Ewigkeit. Und so kann nicht nur Facebook selbst, sondern auch ich oder die beseelsorgte Person oder jeder andere, der auf meinen oder den betreffenden Account Zugriff hat, diese Gespräch 1:1 rekonstruieren. Deshalb ist es auch für den Seelsorger viel schwieriger, das Seelsorgegeheimnis letztlich in der Form zu bewahren, wie es bei einem Vier-Augen-Gespräch möglich wäre.

Aus diesen Überlegungen folgt zwingend, dass Seelsorge aus Sicht eines “professionellen” Seelsorgers in Facebook nicht möglich bzw. zu unsicher ist.

Ich mache es aber trotzdem, aus gutem Grund. Und das hat etwas mit der anderen Seite zu tun, nämlich der Person, die Seelsorge wünscht. Denn diese Person wählt ja das Setting im Normalfall gezielt aus. Ob das nun ein Gespräch im Bus ist, oder am Gartenzaun, nach der Kirche im Beisein der Familie oder der Besuch im Pfarramt – im Normalfall entscheidet nicht der Seelsorger, in welchem Setting das Gespräch stattfindet (außer vielleicht bei Kranken-, bzw. Altenbesuchen). Und so ist auch das Setting “Facebook-Chat” kein willkürliches.

Verschärft wird dies noch durch die Tatsache, dass gerade z.B. Jugendliche gezielt digitale Kontaktmöglichkeiten nutzen. Sie wählen absichtlich diesen Weg, weil sie sich dadurch sicherer fühlen und einem Erwachsenen eher öffnen können, als in einem direkten Gespräch. Und meines Erachtens wiegt dieser Aspekt mehr als die Gefahr, dass das Gespräch gespeichert und nachgelesen werden kann.

Aber wenn nun den Gesprächspartnern die Gefahren gar nicht bewusst sind. Müsste man dann nicht dennoch auf eine Seelsorgegespräch via Facebook-Chat verzichten? Zum Wohle des anderen?
Ich sehe das nicht so. Natürlich sollte ich gerade im Umgang mit Jugendlichen darauf aufmerksam machen, dass Facebook nicht so sicher ist, wie sich mancher darin fühlt. Dennoch ist dieser Weg der Kontaktaufnahme ein ganz “normaler” Vorgang und für viele möglicherweise sogar der einzige, bei dem sie überhaupt mit einem Seelsorger in Kontakt treten können oder wollen.

Aus all diesen Überlegungen habe ich für mich ein (vorläufiges) Fazit gezogen:
Der Schutz des Seelsorgebedürftigen durch das Seelsorgegeheimnis ist eine große Verantwortung, die ich als Pfarrer trage. Dies beinhaltet auch, dass ich mich um einen geschütztes Setting bemühe, in dem ein Gespräch stattfinden kann. Dennoch muss ich auch auf der anderen Seite den Wunsch der Personen respektiere, die zu mir kommen. Die Ablehnung eines Gespräches, nur weil ich selbst das grundlegende Setting nicht als “geschützten Raum” empfinde, ist für mich nicht angemessen. Es hat meist einen guten Grund, dass eine Person mich in Facebook anspricht und nicht auf der Straße oder per Telefon. Dennoch gehört zu meiner Verantwortung, dass ich auch andere (für mich evtl. “bessere”) Settings anbiete und z.B. eine persönliches Gespräch vorschlage. Der Wunsch der Person, die mit mir Kontakt aufnimmt, wiegt allerdings schwerer als mein eigenes Bedürfnis. Daher werde ich im Zweifelsfall auch schwerwiegende seelsorgerliche Themen in Facebook besprechen, wenn dies so gewünscht wird.

Für Seelsorge in Facebook gebe ich mir daher selbst folgende Regeln:

  • Sei zugewandt. Auch in Facebook hat die Hilfe suchende Person die ungeteilte Aufmerksamkeit verdient, so schwer dies auch im Einzelfall sein kann. Wenn ein Chat in seelsorgerliche Themen rutscht, gelten verschärfte Regeln bezüglich Reaktion oder auch Gesprächsende.
  • Sei dir der Datenproblematik immer bewusst. Auch die Aussagen des Seelsorgers werden gespeichert und können später unter Umständen nachvollzogen werden.
  • Biete Alternativen. Ein Facebook-Chat kann der Einstieg in ein weiterführendes Gespräch mit anderem Setting sein. Allerdings sollte es nicht so wirken, als ob der Seelsorger von vorneherein ein Gespräch auf diesem Weg ablehnt.
  • Das Seelsorgegeheimnis gilt auch in Facebook.Dies beinhaltet den direkten Umgang mit den Informationen, die man bekommt, aber auch indirekt Sicherheitsaspekte von Facebook selbst. Ein Account, mit dem Seelsorge betrieben wird, erfordert das höchstmögliche Sicherheitsmaß (automatisches Ausloggen, SSL-Verbindungen etc.). Allerdings hat die Verantwortung auch Grenzen, wie oben bereits erwähnt.

via ToLeBlog – Theologie und mehr » Blog Archiv » Seelsorge in Facebook – eine Problemanzeige.

Respekt, wie Tobias seine Argumente darlegt und wie er auf Facebook Seelsorge übt. Trotzdem bleibe ich dabei, dass Seelsorge auf Facebook nicht geht. Genauer müsste man sagen, dass man auf Facebook keine Seelsorge ausüben sollte, denn dass Seelsorge geht, hat Tobias gezeigt.

Warum man auf Facebook nicht seelsorglich tätig sein sollte? Weil es gegen kirchliches Datenschutzrecht verstößt. Die Inhalte eines seelsorglichen Chats sind personenbezogene Daten, die nicht auf einem ausländichen (US-amerikanischen) Server außerhalb jeglicher Kontrolle gespeichert werden dürfen – hier ist das kirchliche Datenschutzrecht einzuhalten. Das EKD-Seelsorgegeheimnisgesetz ist mehr als eindeutig:

§ 11
Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln
Soweit Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln ausgeübt wird, haben die jeweilige kirchliche Dienststelle oder Einrichtung und die in der Seelsorge tätige Person dafür Sorge zu tragen, dass die Vertraulichkeit in höchstmöglichem Maß gewahrt bleibt.

Gerade weil wir auch gegenüber dem Staat auf die Unverbrüchlichkeit des Seelsorge- und Beichtgeheimnisses wert legen, müssen wir es selber achten. Es geht nicht nur um den einen seelsorglichen Kontakt, sondern darum, Seelsorge als ein Angebot für alle Menschen aufrecht zu erhalten bzw. zu stärken.

Ich weiß darum, dass es Situationen geben mag, indem man bewusst um eines höheren Rechtes willen ein bestimmtes Gesetz übertreten kann und muss. Dies kann und darf aber nicht die Regel sein, sondern geschieht in Ausnahmen in der eigenen Verantwortung. Daher muss für mich der Grundsatz gelten: Keine Seelsogre auf Facebook.

Gerade aufgrund der binnenkirchlichen Kritik an Facebook erscheint es mir als sinnvoll, hier keinen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen. Sonst efährden wir auch andere Facebook-Projekte der Verkündigung. Ich gebe zu, dies ist ein politisches Argument, aber man sollte es nicht unterschätzen.

Ich gebe zu, auch im RL gibt es Situationen, in denen ein Seelsorgegespräch nicht in einem geschützten Setting stattfindet. Bei einer Begegnung in Bus oder Bahn habe ich nur diesen Raum vorgegeben. Lasse ich mich nicht auf ein seelsorgliches Gespräch ein, bei dem auch Mitfahrende zuhören können, kommt es wahrscheinlichnicht zu keinem Gespräch in einer sichereren Umgebung. Was passiert, wenn ich das Gespräch nicht verlagern kann? Darauf weiß ich auch keine allgemeingültige Antwort, sondern ich muss im Einzelfall entscheiden, on- oder offline.

Ich weiß aus Skandinavien, dass es im Facebook-Auftritt der Kirche eine Chat-App gibt. Diese läuft auf einem eigenen Server der Kirche, Gespäche werden nicht protokolliert.Seelsorge ist hier unter Wahrung des Seelsorgegeheimnisses möglich.

Statt die einzelne Pfarrerin oder den einzelnen Pfarrer in ein Dilemma zu stürzen, wie sie oder er mit Seelsorgeanfragen auf Facebook umgeht, wäre es eigentlich an der Zeit, alle seelsorglich Tätigen eine datenschutzkonforme Seelsorgechat-App anzubieten.

Bis es eine solche App gibt, rate ich aber von Seelsorge auf Facebook ab – anders als Tobias.

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10 Responses to Seelsorge in Facebook – eine Problemanzeige

  1. Pingback: Praxisbeispiel: Jugend-Seelsorge im Social Web | #Netzkirche

  2. Ismael sagt:

    Für mich fast schon Alltag: In irgendeiner Community oder auf einem Forum offenbart jemand Selbstmordgedanken. Wie reagiere ich?
    Oder ein Chat, der “ganz harmlos” beginnt, führt in die Tiefe, zu ganz persönlichen Fragen.
    Und schon, ob ich nun will oder nicht, bin ich Seelsorger, ganz praktisch. Ohne Ausbildung dazu und ohne dass ich das so nennen würde.
    Aber was bleibt mir anderes übrig, als auf die Probleme meiner Mitmenschen einzugehen, wenn ich mich als Mitmensch und Christ nicht verraten will?

    Zu allgemeinen Gesichtspunkten dieser Beitrag: http://glaubenstexturen.wordpress.com/2012/09/07/brauchen-wir-internet-seelsorge/

  3. Vor Kurzem habe ich zufällig diese Nachricht gesehen, die darüber berichtet, dass Facebook alle Chat-Nachrichten automatisiert analysiert und ggf. an Mitarbeiter weiterreicht, die dann ihrerseits Behörden verständigen können: http://www.servaholics.de/2012/07/facebook-chat-nachrichten-werden-automatisiert-ueberwacht/
    Man beachte die weiterführenden Links zu Reuters und zu stadt-bremerhaven.de.

    Nun ist Facebook-Seelsorge idR. vermutlich auf dem Level von unspektakulärer Alltags-Seelsorge anzusiedeln, aber man stelle sich einmal vor, die beiden Kommunizierenden passen zufällig in das Suchmuster (z.B. 60-jähriger Pfarrer kommuniziert mit 13-jähriger Konfirmandin seelsorglich) und diese Nachricht würde dann an einen Facebook-Mitarbeiter weitergereicht! Oder ein unwahrscheinlicherer Fall: Es handelt sich nicht um Alltagsseelsorge und ein Straftäter würde ein Delikt gestehen, was dann unverzüglich bei einem Facebook-Mitarbeiter und anschließend bei der Polizei landet!

    Das wäre m.E. nicht nur unangenehm, sondern würde Pfarramt, Kirche und Beichtgeheimnis ungünstig diskreditieren. Die Beispiele zeigen m.E. deutlich, warum Seelsorge über Facebook ein No-Go ist. Dies m.E. müsste von kirchlicher Seite auch deutlich kommuniziert werden, um Missverständnissen vorzubeugen.

  4. Pingback: Netzfunde vom Montag, den 9. Juli 2012 | Ein feste Burg ist unser Gott

  5. tobijahu sagt:

    Tobias hat in einem Kommentar unter seinen Blogartikel bereits einen meines Erachtens wesentlichen Punkt angesprochen, die Differenz zwischen institutionalisierter und personalisierter Seelsorge. Fatal wäre es auf jeden Fall, wenn die Institution Kirche (EKD, EKiR, ELK-WUE, …) auf ihrer Facebookseite Seelsorge über die Facebookboardmittel anbieten würde. Das ist, meine ich, auszuschließen. Davon ist jedoch zu unterscheiden, wenn ein Geistlicher einen Account auf Facebook hat und als Seelsorger angesprochen wird (ob der ansprechenden Person immer bewusst ist, dass es sich um “Seelsorge” handelt, sei auch mal dahingestellt). Und hier würde ich auch den Einwand von Uwe Koss nicht gelten lassen: Ich bin überzeugt, dass es auch für Seelsorge einen Kairos gibt. Sicherlich nicht in jedem Fall, aber es gibt ihn sicherlich in einigen Fällen. Wenn das Gespräch dann in diesem Moment nicht zustande kommt, kommt es am nächsten Tag sicherlich nicht zustande. Letztlich sitzt man in der Zwickmühle: Kann man das Gespräch in diesem Moment nicht auf “sicherere” mediengestützte Wege umleiten (Telefon wäre sicherlich nicht sicher, aber doch sicherer) – was tun? Es gibt das Problem der Datensicherheit und die Möglichkeit des verpassten Kairos. Denn selbst, wenn eine Person sagt, am nächsten Tag zum Gespräch zu kommen, kann sich die Meinung doch auch schnell wieder ändern. Zudem hat auch die textgestützte Kommunikation ihre Vorzüge gegenüber eines Telefonats, so dass das Gespräch hier sicherlich anders verlaufen wird (cf. dazu die Schilderungen zur internetbasierten Seelsorge umgesetzt und geschildert aus Sicht der Telefonseelsorge von Vesten und Greulich in WzM, 63. Jg. (2011), 438-451). Eine generelle Leitlinie würde ich daher für einen solchen Fall nicht ausgeben wollen, sondern empfehlen, die Situation jeweils bedacht abzuwägen. Dies scheint mir Tobias mit seinem Statement anzustreben, dazu liefert er noch vier bedenkenswerte Kriterien. Ich finde das momentan recht überzeugend, auch wenn es natürlich nicht letztlich zufriedenstellend ist. Gibt es daher eigentlich bereits Gespräche von Kirchen mit Facebook, ob nicht von Facebook selbst gewisse Möglichkeiten eingeräumt werden (können).

    • Bernd Kehren sagt:

      Solch eine Seelsorge-App wäre schon klasse.
      Das könnte ein schönes interkonfessionelles Projekt im Deutschsprachigen Raum sein, auf das jeder Seelsorgende mit einer institutionellen Mail-Adresse (Rheinland z.B.: @ekir.de-Adresse) mit einfachem Klick/Link zugreifen und einen (im Rahmen der Technik notwenig immer nur relativ) sicheren und nicht protokollierten Dialog sicher stellen kann.

      Ein App sozusagen für alle; die einzelnen Bistümer, Landeskirchen, Freikirchenverbände sorgen für die nötigen Rechenzentrumsanbindung. Seelsorgende mit institutioneller Mailadresse können im Rahmen ihres Bistums/ihrer Landeskirche/ihrer Freikirche darauf zugreifen, im konkreten Fall einen Link generieren, der mit einem Klick, einem freigewählten Usernamen und einen jeweils aktuellen Password die geschützte Kommunikation ermöglicht.

      Egal in welchem Netzwerk, Wer-kennt-wen, Facebook, studivz könnte auf solch ein Angebot verzweigt werden. Man wäre unabhängig von US-Geheimdiensten und ihrer Gnade, technisch könnte man bei einem der großen Anbieter wie Telekom andocken, die ja auch im Telefonbereich Seelsorgenummern für Seelsorger ermöglichen, die nicht im Anrufprotokoll der Anbieter auftauchen. (Ist das bekannt? Jeder Seelsorger kann eine entsprechende Telefonnummer registrieren lassen, die das Seelsorgegeheimnis sichert – sofern nicht im heimischen Apparat/Computer selber die Nummern bereits gespeichert werden. Und jeder mit solch einer Möglichkeit verpflichtet sich, die Nutzer in seinem haushalt darauf hinzuweisen, dass er die Nummern protokolliert. Das wäre ein interessanter Hinweis, an die öffentlichen Datenschutzbeauftragten, ob dies nicht mal öffentlich problematisiert werden müsste, dass die Praxis im privaten Bereich dank der Möglichkeiten jeder einfachn Fritz!box o.ä. ganz anders aussieht.)

      Die Internet-Angebote von Telefonseelsorge/Internetseelsorge o.ä. ließen sich möglicherweise integrieren, oder diese App an diese andocken.

      Es wäre fast ein einziger Klick, man würde das Gespräch “am Zaun oder im Bus oder in der Kneipe” beginnen, und könnte dem Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin signalisieren: Dein Gespräch ist mir so wichtig, dass ich dir anbieten kann, dieses Gespräch jetzt sofort ungestört und abhörsicher weiter zu führen.

      Was den Betheler Praktologen betrifft: Das scheint mir mehr eine Frage nach der eigenen Abgrenzung und weniger eine nach der Abhörsicherheit zu sein. Sicher, ein Pfarrer oder eine Pastorin ist irgendwie immer im Dienst. Aber andererseits braucht er oder sie auch mal einen “öffentlichen Rückzugsraum”, damit man nicht entsprechend ausbrennt. Und wer dann sagt: “Tut mir leid, (ich bin nicht der liebe allmächtige Gott, der sich immer und überall seinen Schäfchen sofort zuwenden kann), ich kann jetzt nicht und bin nur privat hier, aber morgen könnte ich ihnen in meiner Sprechstunde mein ganzes Ohr und mein ganzes Herz geben”, dann hätte er mein Verständnis. Wobei ich unterstellen würde, dass der werte Kollege gewichten würde, ob es nicht im konkreten Fall doch besser wäre, zu einem kurzen Spaziergang aufzubrechen und das Gespräch vor Ort zu führen – und dafür die Sprechstunde am nächsten Tag sozusagen abzukürzen, um Muße zum Auftanken zu haben.
      Aber das ist dann eine Frage der eigenen Grenzen und Möglichkeiten (und nicht jeder Seelsorger muss Internet-Seelsorge betreiben). Die Diskussion hier geht ja vielmehr um die der Seelsorge notwendige Abhörsicherheit, und die sollten Internet-Seelsorgende zwingend sicherstellen und nur in einer Übergangszeit und der Not gehorchend zähneknirschend Abstriche machen.

      Welche Möglichkeit gibt es eigentlich für Internet-Seelsorgende, sich an Angebote wie chatseelsorge.de anzudocken? Das wäre ja ggf. eine Alternative zu solch einer App?

  6. Ich stimme Dir, Ralf Peter, vollkommen zu. So internetaffin ich bin, so skeptisch bin ich, wenn es um den vielfachen allzu sorglosen Umgang mit Internet-Seelsorge durch manche Kolleginnen und Kollegen geht. Das beginnt bei der Seelsorge per Mail und geht weiter bei den sozialen Netzwerken. Nicht nur, dass solche Gespräche potentiell abgehört werden können. Auch ist der staatliche Zugriff nicht ausgeschlossen. Der Schaden für die Seelsorge im Allgemeinen wäre wohl immens, wenn Seelsorge-Protokolle öffentlich würden. Sehr problematisch m.E.: Gemeinde-Email-Adressen, die von “irgendeinem” Systemadministrator aus der Gemeinde angelegt werden und dann von den Mitarbeitenden genutzt werden. Wer kann hier mitlesen? Diese Frage stellen sich viele nicht. Gerade bei Facebook gibt es noch den Aspekt, dass durch eine unaufmerksame Bedienung Dinge öffentlich werden können, die es nicht sollen und dürfen. Auch im kirchlichen Kontext habe ich das schon mehrere Male erlebt. Eine unbemerkte (oder zu spät bemerkte) Falschveröffentlichung ist nur schwer oder gar nicht rückholbar.

    Trotzdem: Ich selbst habe verschiedentlich seelsorgliche Gespräche in sozialen Netzwerken geführt – allerdings haben diese immer damit begonnen, dass ich auf die o.g. Problematik hingewiesen und auf andere Angebote verwiesen habe. Allerdings wollten die Leute nicht wechseln. Sie hatten gezielt nach einem Pfarrer gesucht und waren froh, einen gefunden zu haben. Ein Treffen war wegen der räumlichen Entfernung ausgeschlossen. Was also tun? Ich habe die Gespräche angenommen. Es waren intensive und tiefgehende Gespräche, die tiefer gingen als mancher face-to-face-Kontakt.

    Kurzum: Hohe Vorsicht walten lassen, im Einzelfall nach besten Wissen und Gewissen entscheiden. Transparent informieren und die Profis (Telefonseelsorge etc.) ins Spiel bringen. Eine App wäre sicher nicht schlecht. Aber auch sonst ist doch die Online-Nutzung ziemlich nahtlos, so dass der Wechsel auf eine sichere Website reichen würde, oder?

    Die Bethel-Professoren-Meinung, dass Seelsorge nur im nichtöffentlichen Raum stattfinden solle, kann ich allerdings nicht teilen. Seelsorge muss überall stattfinden können und tut es faktisch auch (gerade in Kneipen – allerdings oft nicht durch Pfarrer). Einen Gesprächsabbruch wie von ihm vorgeschlagen halte ich für falsch. (Buchtipp “Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung” von Tim Lohse hinzuweisen.) Viele Menschen (Onliner zumal) haben heute die Einstellung, dass sie ihre Probleme und Nöte dann klären wollen, wenn es für sie der richtige Zeitpunkt ist. Werden sie abgewiesen, suchen sie sich anderswo “Seelsorge”. Deswegen ist es auch richtig, dass es keine Bürozeiten bei der Telefonseelsorge (und auch hoffentlich sonst in der Seelsorge) gibt.

    Markus Eisele

  7. Uwe Koss sagt:

    Überträgt man die Problematik auf ein anderes Berufsfeld mit ähnlichen Standards, dann wird für mich klar, dass zur Zeit, so lange Facebook die notwendigen Standards noch nicht anbieten kann, Seelsorge darüber nicht standardmäßig stattfinden kann:
    Von einem Arzt erwarte ich, dass er auch außerhalb seiner Praxis in Notfällen tätig wird – wenn im Flugzeug jemand kollabiert, muss er oder sie so gut es unter diesen Umständen geht, helfen.
    Im Internet eine vollständige Sprechstunde anzubieten, die über allgemeine Hinweise hinausgeht, wird in der Regel fahrlässig sein, da wesentliche diagnostische Methoden (noch) nicht möglich sind (aber auch hier wird daran gearbeitet). Ähnlich wie in der Seelsorge ist es für Menschen hoch attraktiv zunächst die (relative) Anonymität des Netzes zu nutzen und z.B. bei Themen wie Sexualität oder unangenehme Erkrankungen ehrlicher fragen zu können. Bei vielen solcher Foren erlebt man aber, dass – wenn es über das allgemeine Wissen hinaus geht – auf konkrete Sprechstunden bei Ärzten verwiesen wird.
    Diesen “garstigen Graben” zu überwinden und von dem Einstieg in das Seelsorgegespräch auf sichere Möglichkeiten zu verweisen (www.telefonseelsorge.de, http://www.chatseelsorge.de oder http://www.kummernetz.de oder andere) halte ich für den einzigen gangbaren Weg.
    Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es tatsächlich eine App braucht oder wir schon gute andere Angebote haben, die nur vernetzt werden müssten ohne dass jede Landeskirche ihre eigene Applikation aufsetzen muss. Nach meiner Beobachtung ist der Bereich Seelsorge im Internet immer noch jeder sein eigenes Fürstentum.
    Selbstverständlich werden Leute bei dem Verweis abspringen (“Ich merke, dass Du da große Probleme mit hast. Willst Du nicht mal intensiver mit jemanden darüber nachdenken z.B. bei….”). Für mich hier prägend war eine Vorlesung eine Theologieprofessors für Seelsorge in Bethel, der uns jungen Theolgiestudierenden, die wir “endlich” an die Seelsorge ran wollten und überall nach potentiellen Fällen suchten, folgendes mitgab: “Wenn mich abends in der Kneipe jemand nach dem Muster anspricht ‘ach, Sie sind Pfarrer. Gut zu wissen. Ich wollte schon immer mal mit jemanden über den Tod meiner Mutter, den grausamen Mord an …’ oder so etwas anspricht, lade ich ihn sehr freundlich am nächsten Tag zu mir ins Pfarramt ein. Wenn ihn diese Sache wirklich intensiv bedrückt und beschäftigt, wird er kommen und wir können seelsorgerlich daran arbeiten. Wenn er daran kein Interesse hat, dann scheint diese Sache für diesen Menschen nicht so wichtig sein – dann muss er mir den Abend in der Kneipe nicht verderben”

  8. georgekue sagt:

    Kann man denn diese skandinavische App nicht importieren und auch bei uns nutzen?

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