Die digitale Revolution stockt und stockt in der Schule – oder: Angst ist ein schlechter Ratgeber

Gestern Arbeitsgruppe der Schulkonferenz zum Thema Handynutzung in der Schule, heute bei Diskussion zum Thema „My Digital Revolution“ des Deutsch- Amerikanischen Institutes in Freiburg. Deutschland und Amerika – zwei unterschiedliche Welten in der Digitalisierung. Apple, Facebook, Google, Microsoft – alles amerikanische Unternehmen.
Es hat viele Gründe, warum es in Deutschland kein Silicon Valley gibt, aber eins hat mich beim Lesen von Thomas Schulz‘ Buch „Was Google wirklich will“ nachdenklich gemacht. Er beschreibt, wie die Google-Gründer auch die Motivation haben, die Welt durch ihre Produkte zu verbessern. Für europäische Ohren klingt dies wie naive Fortschrittsgläubigkeit, aber es drückt den amerikanischen Optimismus aus. Die Digitalisierung ist keine Bedrohung, sondern eine Chance, die Welt mit neuen Dienstleistungen und Produkten zu verbessern. Die Chance und Herausforderung, die Möglichkeit, etwas zu gestalten, Aktion steht im Vordergrund.
Gefahr und Reaktion dagegen in Deutschland. Ich bin Mitglied der Schulkonferenz eines ganz normalen Gymnasiums. Handy-Nutzung in der Schule steht auf der Tagesordnung. Der Entwurf für einen Handy-Nutzungsvertrag beschreibt die Zielsetzung:

Zielsetzung
Das Gymnasium [Name weggelassen] strebt eine positive Lernatmosphäre an. Dazu gehört auch, alles zu unterlassen, was beim Lernen und Arbeiten und im sozialen Umgang stören könnte. Da bei der Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln vielfältige Probleme aufgetreten sind bzw. auftreten können, ist es notwendig, verbindliche Regeln zu vereinbaren und sie gleichermaßen verpflichtend einzuhalten.

Mein Vorschlag, den Entwurf der Nutzerordnung über ein Wiki zur Diskussion zu stellen wird als zu aufwändig abgelehnt, eine Arbeitsgruppe aus Lehrerschaft, Schülerschaft und Elternschaft soll es richten, ich melde mich für diese Gruppe. Also statt digitale Kommunikationsmittel zu nutzen und so eine größere Beteiligung und dann mehr Akzeptanz für die so verabredeten Kommunikationsformen zu gewinnen, lieber Old School per Arbeitsgruppe.

In der Arbeitsgruppe fühle ich mich als Störer, weil ich nicht sofort reglementieren will, sondern erstmal die Chancen beschreiben möchte. Im Entwurf wird die Handy-Nutzung ausnahmsweise „zur Recherche oder für Messungen“ zugelassen, „nur nach und im Rahmen der ausdrücklichen Aufforderung bzw. Erlaubnis der verantwortlichen Lehrkraft unter didaktischen Aspekten“ – das Bestreben, die Handy-Nutzung möglichst einzuschränken, ist offensichtlich. Meine Frage nach anderen Nutzungsszenarien ist nicht ergiebig, als Präsentationsmedium scheidet das Handy aus, weil die vorhandenen Beamer in der Schule keinen HDMI-Eingang haben, so dass sie sich nicht anschließen lassen. Ich wage gar nicht, OER und digitale Schulbücher zu erwähnen. Freies WLAN ist überhaupt nicht auf der Agenda. (Vor drei Jahren besuchte unsere Tochter für eine Woche eine Schule in Finnland – mit freiem WLAN, im selben Jahr ging ich zu einem Elternabend in unserer Schule und die Lehrerin nutze einen Overhead-Projektor, um Inhalte zu zeigen, die auch online verfügbar waren.)

Wenn Kinder die Zukunft ist und Schule auf das Leben vorbereiten soll, so ist Deutschlands Zukunft noch nicht sehr digital.

Abusus non tollit usum – Missbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf, das ist ein römischer Rechtsgrundsatz. Ein Recht darf nicht allein deshalb unterbunden werden, weil es missbraucht werden kann.

Um es deutlich zu sagen, es gibt Missbrauch sozialer Kommunikationsmittel, Cybermobbing kann brutaler sein als Mobbing auf dem Schulhof, da Handys Jugendliche den gesamten Tag über begleiten und nicht auf die Zeit in der Schule beschränkt sind. Solcher Missbrauch lässt sich jedoch damit nicht bekämpfen, indem man die Handy-Nutzung in der Schule möglichst untersagt, sondern lernt, wie man sich in Mobbing-Situation verhält,: wohin sich Opfer wenden können, wie man nein sagen kann, wenn eine Gruppe beginnt, jemanden über soziale Medien zu mobben, und transparent macht, welche Konsequenzen es für die Mobbenden gibt. Online fallen schnell Hemmschwellen in der Kommunikation (Online-Disinihbition), das muss ich wissen und lernen, wie ich damit umgehe, damit aus einem Ausgrenzen kein Mobbing wird.
Gerade um den Missbrauch zu bekämpfen, muss der rechte Gebrauch gelernt werden – und wo, wenn nicht in der Schule. Verbote aus Angst helfen nicht weiter.

Also: Medienkompetenz in der Schule fördern, Medientrainings durchführen anstatt aus Angst vor Missbrauch die Handys möglichst aus der Schule fern zu halten.

Ob der nächste Mark Zuckerberg oder Larry Page oder Bill Gates aus deutschen Schulen kommen wird? Wenn wir die Digitalisierung aus den Schulen fernhalten, wahrscheinlich nicht. Damit unsere Kinder Chancen haben, braucht es in den Schulen ein Umdenken, oder eine digitale Revolution.

Internetgottesdienst: „Ihr da draußen”

Screenshot from 2016-04-10 13:54:07

Kurz vor zwei Uhr ging ich gestern auf Sublan.TV, um beim allseits angekündigten interaktiven Gottesdienst dabei zu sein. In meinem Firefox-Browser klickte ich auf „Wie funktiert es” und erhielt eine Fehlermeldung, ich wechselte zu Chrome, und der Stream startete, ich sah ein Studio, Moderatoren, eine Band und Menschen, die durchs Bild huschten. Nun hieß es Warten bis zum Beginn. Mehr von diesem Beitrag lesen

Von Open Access und Privacy sowie von christlicher Unterweisung und göttlicher Vorhersehung oder: digitale Souveränität theologisch

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Einleitung

Digitale Souveränität bezeichnet die Möglichkeit eines Menschen, digitale Medien souverän
selbstbestimmt zu nutzen, sie erweitert so den Begriffes der Medienkompetenz. Neben individuellen Voraussetzungen sind aber auch entsprechende Rahmenbedingungen notwendig, um souveränes Handeln in digitalen Medien ermöglichen, dazu gehören die Bereitstellung entsprechender Produkten und Technologien, z.B. sicherer Transportweg
für Daten aber auch regulatorische Maßnahmen. Auch diese äußeren Gegebenheiten beeinflussen zu einem großen Teil die digitale Souveränität der Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft und der Gesellschaft selbst.

Digitale Souveränität ist daher ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft, schon deshalb sollten wir uns als Kirche damit beschäftigen, denn wir verstehen uns als Teil der Gesellschaft verstehen und wir wollen uns in ihre Diskursen einbringen.

Beim Thema „Digitale Souveränität” geht es aber auch um das Menschenbild. Es geht um
die anthropologische Frage, wer ist der digitale Mensch. Was bedeutet das christliche Menschenbild für die Digitalisierung? Was können wir als Kirche, was kann unsere Theologie beitragen? Mehr von diesem Beitrag lesen