#AllAreWelcome: Das Kino läuft im Kopf

allarewelcome.pngZwei Begebenheiten vom Wochenende. Ich jogge auf meiner gewöhnlichen Runde, zwischen zwei Autos neben dem Vorderrad kniet ein Mann, den ich nur flüchtig sehe, daneben eine Matte. Ein Nachbar, der verspätet die Winterreifen aufzieht, aber habe ich neben dem Auto Reifen liegen sehen? Oder ein Flüchtling, der in der nahegelegenen Turnhalle untergebracht ist und sein Gebet verrichtet? Oder eine noch ganz andere Situation? Ich bin dran vorbeigelaufen, umkehren um nachzusehen möchte ich nicht. Falls es doch ein Nachbar ist, wäre es unsinnig und wenn es ein Moslem beim Gebet ist, wäre es unpassend ihn anzustarren, während er zwischen zwei Autos einen abgeschiedenen Platz sucht. Während ich weiterjogge spule ich bei im Kopf die Szene zurück, um doch noch herauszufinden, was neben dem Auto sich zutrug. Ich schaue auf die Uhr und versuche zu rekapitulieren, wann die Gebetszeiten sind. Es bleibt Unsicherheit bei mir.

Auf dem Fußballplatz beim Lokalderby in der Pause. Das Thema kommt auf die Unterbringung der Flüchtlinge in Sporthallen. Dann erzählt jemand vom Kunstrasenplatz neben einer Flüchtlingsunterkunft, dass die Stadt nun diesen rund um die Uhr bewachen lasse, da Flüchtlinge dort ihre Notdurft verrichtet hätten. Wie reagieren? Überhören? Widersprechen, auch wenn es doch stimmen sollte. Ich erinnere mich an einen Bürgerabend, als die Turnhalle zu einer Auffangstelle für Flüchtlinge wurde. Der Sozialdezernent wies darauf hin, dass die Polizei verstärkt in der Gegend Streife fahre. Er nannte zwei Gründe: zum Schutz der Flüchtlingsunterkunft vor Anschlägen und um durch die Präsenz präventiv zu wirken und Sicherheit für alle zu vermitteln – und nicht wie einige Anwohner vermuteten, weil wegen der Flüchtlinge die Kriminalität gestiegen sei.

Die Unterbringung von Menschen aus anderen Kulturen auf engstem Raum in Turnhallen führt zu Verhaltensweisen, die für Einheimische auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mögen, manchmal ist es aber auch nur vermutetes Verhalten, obwohl sich etwas ganz anders zugetragen hat.

Bin ich bereit, mich auf den anderen einzulassen, ihm zu begegnen? Nur dann können wir voneinander lernen. Wenn ich etwas Persönliches von Flüchtlingen weiß, kann ich auch in Gesprächen mit Dritten von meinen Begegnungen erzählen und um Verständnis werben.

In unserer Gemeinde findet am nächsten Wochenende der zweite englischsprachige Gottesdienst statt. Diesmal nicht unter dem Motto #RefugeesWelcome, sondern #AllAreWelcome – denn wir wollen einander auf Augenhöhe begegnen.

Und wenn mir beim nächsten Mal beim Joggen jemand in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft freundlich zunickt und Hallo sagt, unterbreche ich meinen Lauf und versuche, ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

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