Ganz nah dran und doch weit weg: Online-Lebensberatung und Online-Seelsorge, Online-Beichte – nichts ist unmöglich?

fireshot-screen-capture-186-ekd_-internetseelsorge-www_ekd_de_seelsorge_internet_internetseelsorge_htmlIm Oktober durfte in der Akademie in Tutzing einen Vortrag zur Online-Seelsorge auf der Tagung „Hilfe aus dem Netz. Chancen und Grenzen von Online-Medizin und Online-Psychologie” halten. Da die Zeit drängt, hier eine erste verschriftlichte Version, die ich noch etwas überarbeiten werde.
Hier der Text als PDF-Dokument, das auch einige Grafiken und Screenshots enthält. Außerdem hier die Folienpräsentation.

Am 9.12. durfte ich im Zentrum Seelsorge in Hannover auch einen Vortrag zu Online-Seelsorge halten, die Vortragsfolien gibt es hier.


Ganz nah dran und doch weit weg:
Online-Lebensberatung und Online-Seelsorge, Online-Beichte – nichts ist unmöglich?1

Einleitung

Im folgenden geht es mir nicht um Werbung für Chatseelsorge oder Online-Beratung, sondern um eine Darstellung, wo wir in der Kirche stehen – mit allen Problemen und Herausforderungen. Überschriften für Vorträge auf Tagungen: ein Titel muss ins Programm, auch wenn der Vortrag noch nicht fertig ist. Der vorab für diesen Vortrag festgelegte Titel passt auch nach dessen Fertigstellung, und zwar in doppelter Hinsicht. Zunächst: Online-Seelsorge ist nah am Klienten, auch wenn die Seelsorgerin weit entfernt ist, das Netz überbrückt die Entfernung zwsichen ihnen. Er passt aber auch in dieser Weise: Als einzelne Christenmenschen sind wir sind nah dran, was Seelsorge im Netz ist, sind an vorderster Front aktiv und nah bei den Menschen. Als Institution Kirche haben wir die Veränderungen durch Digitalisierung noch nicht vollzogen, sind in diesem Sinne ganz leider oft weit weg.

Wenn die Kirche als Institution weit weg ist, heißt das auch, sie besetzt das Feld nicht so, wie sie es müsste oder könnte, nimmt dann auch keine Garantenfunktion wahr. Man findet im Netz sehr viel, manches, was theologisch auch bedenklich ist, also auch in diesem Sie: es ist also nichts unmöglich.

Es scheint das Paradigmazu gelten, dass Enzelpersonen oder kirchliche Grassroot-Intiativen vorpreschen, und die Institution folgt – oder auch nicht. Die große Frage für viele Projekte der Online-Seelsorge und Beratung ist die Verstetigung.

Außerdem kommt hinzu: in akademischer Theologie und auch in Kirchenämtern spielt Online-Seelsorge immer noch eine eher marginale Rolle – 20 Jahre, seitdem es Online-Seelsorge in Deutschland gibt.

Online-Seelsorge stellt daher auch die kritische Frage, inwieweit Digitalisierung theologisch gedacht wird und wie sie in kirchliches Handeln umgesetzt wird.

Grundsätzlich: Digitale Seelsorge

Seelsorge und Online-Kommunikation

Schon die Terminologie ist nicht einheitlich, es finden sich als Bezeichnungen Online-Seelsorge, Internet-Seelsorge und Webseelsorge. Es gibt unterschiedliche Kommunikationskanäle, wie es die Begriffe: Mail- bzw. Chatseelsorge anzeigen, des weiteren gibt es beisielsweise auch auch SMS-Seelsorge (Finnland, Schweiz), neuerdings sogar WhatsApp-Seelsorge. Als Marke hat sich „Telefonseelsorge im Internet“ mit ihrem eigenen Beratungs- bzw. Seelsorgekonzept im Internet etabliert.

Seelsorge ereignet sich im persönlichen Gespräch zweier Menschen, jede personale Begegnung geschieht in einem Kontinuum, in diesem Sinne ist Seelsorge immer analog, ein seelsorgliches Gespräch kann nicht auf eine Abfolge von Nullen und Einsen reduziert werden. Andererseits erfasst die Digitalisierung immer mehr Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und beeinflusst unser tägliches Leben. Es geht um Digitalisierung und was dies für die Seelsorge bedeutet, daher spreche ich auch gerne von „digitaler Seelsorge”.

Im angelsächsichen Sprachraum gab es schon früh den Begriff „cyberpsychology”, das Web und Online-Interaktionsformen gehören zum Alltag dazu, dies psychologisch zu untersuchen und zu nutzen („e-therapy”) ist Aufgabe bzw. Chance der „cyberpsychology”.

Was für die Psychologie gilt, kann auch die Seelsorge nachvollziehen und sich der Lebenswelt von Social Media und Internet öffnen, sie muss es sogar, wenn sie nicht Menschen ausschließen will, deren Lebensbezüge durch Online-Kommunkationsformen geprägt werden. Digitale Seelsorge in diesem Sinne verstanden ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern sollte eigentlich zum Pflichtprogramm für Kirche und Diakonie gehören.

Niederschwelligkeit

Die Hemmschwelle, an der Tür des Pfarramtes zu klopfen und um ein seelsorgliches Gespräch zu bitten, ist hoch; Online-Seelsorge dagegen ist niederschwellig, darin ähnelt sie der Telefonseelsorge. Die Niederschwelligkeit bezieht sich nicht nur auf den Zugang zu einem Angebot der Online-Seelsorge, sondern digitale Kommunikation eröffnet neue Chancen.

War es in den fünfziger Jahren üblich, sich nach einem Umzug beim neuen Pfarrer vorzustellen, so ist heute die Hemmschwelle, bei einer Pfarrerin oder einem Pfarrer an der Haustür zu klingeln, sehr hoch. Online dagegen gibt es diese Barriere nicht. Ich erinnere mich gut an die Frage eines Iraners aus einem Chat, der von einem Pfarrer wissen wollte, was Christen eigentlich glauben, bevor er eine christliche Frau heiratete. Missbrauchsopfern – so eine Erfahrung aus der Chatseelsorge – fällt es häufig leichter, ihre Erfahrungen im Chat sich von der Seele zu tippen, als sich in einem face-to-face-Gespräch zu offenbaren. So liegt in der Kanalreduktion des Chats (der Seelsorger hört z.B. keine Stimme) eine seelsorgliche Chance, die erfahrene Seelsorgerin wird jedoch auf andere Kommunikationsformen achten wie z.B. die Tippgeschwindigkeit oder die Orthographie bzw. die Nutzung von Acronymen. Sie kann Chancen nutzen, die sich aufgrund der Kanalreduktion bieten, so kann man im Chat entsprechend eingeleitet direktere Rückfragen stellen, die face-to-face verletzend wären.

Ebenso ist die Hemmschwelle, sich emotional zu äußern, im Internet deutlich geringer. Der Begriff der „online inhibition“ bzw. „online disinhibition effect“ charakterisiert die Verhaltensweise in sozialen Netzwerken, sie ist Ursache für den schnellen Like-Klick auf Facebook, aber auch den Rant auf Twitter. Online-Kommunikation ist daher auch personale Kommunikation, jedoch folgt sie anderen Regeln. Um Online-Seelsorge anbieten zu können, müssen Seelsorgende sicher die Umgangsformen des Netzes beherrschen.

Rahmenbedingungen

Das Internet ist nicht parochial wie die Kirche oder nach Zuständigkeitsbereichen gegliedert verfasst, wer Internetseelsorge anbieten will, operiert weltweit und ist nur durch den Sprachraum oder Kulturraum beschränkt.

Dies macht es schwierig, eine geeignete Trägerstruktur zu finden, beispielsweise betreiben die Landeskirche Hannover und Rheinland Chatseelsorge.de, die Ratsuchenden kommen aber aus dem gesamten deutschen Sprachraum. Bei sinkenden finanziellen Möglichkeiten ist dies ein strukturelles Problem für die Etablierung bzw. institutionelle Aufstellung von Online-Seelsorge bzw. -Beratung, wenn man sie nicht nicht als Ergänzung zu lokalen Angeboten platziert und lokale Zugangshürden erreichtet.

Rechtlich und technisch muss bei Online-Seelsorge und -Beratung dem EKD-Datenschutzgesetz und dem Seelsorgegeheimnisgesetz Rechnung getragen werden. Daher ist eigene Infrastruktur nötig, da soziale Netze wie Facebook diesen Standards nicht genügen.

Allerdings gilt es, offen zu bleiben für Neues , denn Social Media und die zugrundeliegende Technologie ändern sich schnell, so führte WhatsApp eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ein, die unter bestimmten Kautelen Seelsorge auch nach kirchlichem Recht möglich sein lässt.

Wenn digitale Seelsorge ein komplementäres Angebot ist zur Gemeindeseelsorge, können Ratsuchende sich die für sie passende Form des Kontakts und der Seelsorge aussuchen. Online-Seelsorge ist keine Konkurrenz für Seelsorge in der Gemeinde, dazu hat sie viel zu wenig personelle Ressourcen, um Konkurrent zu sein.

Übersicht Online-Seelsorge

Nichts ist unmöglich – Alles geht?

Wer möchte, kann Online-Seelsorge anbieten, so wie dieser pensonierte Pfarrer2:

Hallo olivergnannt! Meine Antwort kommt etwas spät – aber ich versuch’s mal: Ich bin Pastor im Ruhestand und werde demnächst eine homepage aufmachen, auf der ich SEELSORGE KOSTENLOS anbiete. Fianzielle Einnahmen erwarte ich nicht. Wer etwas bezahlen will, soll seinen freiwilligen Beitrag an BROT FÜR DIE WELT oder CARIATAS spenden.

Rechnungen werden werden von mir nicht gestellt.

Ähnlich auch ein Pfarrer aus Bielefeld, der die Website Email-Pfarrer.de betreibt. Man spürt ihm das Engagement ab, aber es fehlt Medienkompetenz, denn es gibt keinen Hinweis auf Datenschutz, eine Kontaktaufnahme über eine verschlüsselte Verbindung ist unmöglich.

Online-Seelsorge mit Gesicht: Virtuelles Pfarrhaus

Ein Blick auf ekd.de zeigt schnell, welche offiziellen Seelsorge-Angebote es im Netz gibt. Die EKD ist strukturell nicht zuständig, es gibt keinen EKD-Pfarrer (außer AuslandspfarrerInnen), daher hat die EKD auch keine Online-Seelsorgerin, sondern verweist auf bestehende Angebote der Landeskirchen und die Telefonseelsorge.

Chatseelsorge.de wurde 2003 von der hannoverischen Landeskirche unter Beteilugung der rheinischen Kirche gestartet, grundlegende Idee ist die des „virtuellen Pfarrhauses” (so zumindest in einer Vorlage der rheinischen Kirche bei der Einführung), Pfarrerinnen und Pfarrer (bzw. auch Diakoninnen und Diakone) sind als Seelsorgende online, aufgrund ihres Berufes stehen sie auch mit ihrer auf der Website sichtbaren Kurzbiografie für Kirche ein, anders als bei der Telefonseelsorge im Internet, wo die Seelsorgerinnen und Seelsorger kein Gesicht zeigen und nich als Person ansprechbar sind. Auf Chatseelsorge.de gibt es ein Vorzimmer und Räume, die einzelnen Seelsorgerinnen und Seelsorgern zugeordnet sind, in die User gezielt eintretn können.

Beim Start gab es drei Chats in der Woche, für Einzelgesprächen standen in der Regel vier Seelsorgerinnen und Seelsorger zur Vefügung. Über die Zeit musste dieses Angebot ausgedünnt werden, die rheinische Kirche startete mit in der Seelsorge ausgebildeten Ruhestandspfarrern, aufgrund der Verdichtung des Pfarramtes hat es aber nur unzureichend Nachfolgerinnen und Nachfolger aus dem aktiven Dienst gegeben. Es wird noch im Wesentlichen die selbe Technik genutzt, technisch und kozeptionell gibt es Überlegungen zu einer Neuaufstellung in den beiden beteiligten Landeskirchen. Hannover und Rheinland.

In Bayern gab es das erste Online-Seelsorgeangebot eines Pfarrers via Email bereits 1995, in den folgenden 21 Jahren hat es sich nicht viel verändert, wenn man die aktuelle Website mit der ursprünglichen Seite aus einem Webarchiv vergleicht.

Weitere Landeskirchen bieten ebenfalls Kontakt zu einem Online-Pfarrer an.

Die Badische Landeskirche bietet unter dem Namen Netseelsorge bzw. Webseelsorge Konakt zu Seelsorgerinnen und Seelsorgern an, dies geschieht über ein Webformular und mit Verschlüsselung. Hier gibt es zahlenmäßig die meisten Mail-Seelsorgerinnen und -Seelsorger. Es ist nun ein eigenständiges protestantisches Projekt, das ursprünglich ökumenisch aufgesetzt war im Rahmen von Kummernetz.de, das in Kooperation mit der Internetseelsorge des Bistums Würzburg stand. Da sich der Trägerverein Kummernetz aufgelöst hat, steht auch hier eine Neuausrichtung an.

Kummernetz war ursprünlich eine Initiative eines Einzelnen, die sich zu einem Verien ebtwicklete und institutionell beim Bistum Würzburg angesiedelt war. Aufgrund institutioneller Entscheidungen konnte diese Anbindung an das Bistum aufgelöst, der Verein musste sich auflösen. Kleine Bestandteile des Kummernetzes firmieren nun als Webseelsorge, jedoch ohne offizielles Mandat.

Anonyme Online-Seelsorge und -Beratung

Der Telefonseelsorge ist es gelungen, die Marke und das Konzept vom Telefon ins Internet zu übertragen, nur Medium hat sich geändert. Seit 1995 bietet die TelefonSeelsorge auch Begleitung per Mail und Chat an, Seelsorgerinnen und Seelsorger geben sich nicht zu erkennen und verbleiben anonym.

Von der Seelsorge zur Glaubenskommunikation

Die Internetseelsorge katholischerseits wurde neu positioniert, die Domain internetseeslorge.de verweist auf eine Seite bei angesiedelt bei KGI, der Katholische Glaubensinformation im Internet. Neben Seelsorge finden sich Exerzitioen und geistliche Begleitung online.

Exkurs: Online-Beichte

Das Thema Online-Beichte wird oft von Medien aufgegriffen, spielt in der Online-Seelsorge aber keine große Rolle. Websites zur Beichte sind oft nur scherzhaft.

Exkurs 2: Online-Welten

Funcity – usprünglich gegründet als Community des Radiosenders FFN – ist die älteste Community in Deutschland, in der es eine Kirche gibt, in welcher Seelsorgende aktiv sind. Hier gibt es keine geschützte Kommunikation.

Seelsorge in Social Media

Die Social Media Guidelines der drei NRW-Landeskichen und Bayern schreiben die Nutzung eines gesicherten Kanals vor, daher war bisher Konsens, dass Seelsorge niht über bestehende Social Media Plattformen angeboten werden darf. Die Einführung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schafft hier neue Grundlagen, so dass die ablehnende Position neu zu bedenken ist. Ein Pfarrer bietet daher bereits WhatsApp-Seelsorge an.

Statistiken

Im Jahr besuchen rund 4000 User die Chatseelsorge, es gab 2015 rund 22.000 Ratsuchende, die per Mail Kontakt zur Telefonseelsorge aufnahmen – bei rund 1,8 Milionen Mails im selben Jahr. Diese Zahlen belegen, dass Online-Seelsorge zahlenmäßig marginal ist, dies liegt jedoch nicht an mangelnder Nachfrage seitens Ratsuchender, sondern daran, dass nicht genügend Seelsorgerinnen und Seelsorger zur Verfügung stehen.

Fazit: Umbruchssituation

Online-Seelsorge befindet sich innerhalb der evangelische Kirche in einer Umbruchssituation, die hier stichwortartig angerissen ist:

  • Die Landeskirchen Hannover und Rheinland arbeiten an einer Neukonzeption der Chatseelsorge

  • Die Landeskirche Baden muss aufgrund des Wegfalls von Kummernetz ihre Netzseelsorge auf eine andere technische Grundlage stellen

  • Arbeitskreis christliche Online-Beratung: die beiden letzten beiden Treffen wurden abgesagt, es ist fraglich, wie dieser Arbeitskreis weiterarbeitet

  • Landeskirchen und Parochialprinzip stößt an Grenzen

  • Beratungsstellen vor Ort nutzen verstärkt auch Online-Kanäle, Mail bzw. auch WhatsApp

  • Messenger oder Webmeeting-Möglichkeiten werden über landeskirchliche Intranet-Portale geschaffen, die so auch Seelsorge per Video ermöglichen.

  • Wie verändert sich Online-Seelsorge, wenn sie über mobile Endgeräte vollzogen wird?

  • Wird es Seelsorge auf neuen Kanälen geben, wie kann Seelsorge auf Snapchat aussehen?

Online-Seelsorge in der Praktischen Theologie

Internet kommt in Praktischer Theologie kaum bzw. nicht vor, im Register von Meyer-Blank3 fehlt der Begriff . Gregor Waclawiak fasst in seiner Dissertation von Oktober 2015 zusammen:

„Es gibt bisher wenig Literatur zum Thema Internetseelsorge. Man kann einzelne Artikel finden, die von Autoren verfasst wurden, die in diesem Bereich direkt tätig sind. Meist werden die konkreten Angebote im Internet beschrieben ohne weitergehende bzw. theologische Reflexion.“4

Etwas anders bei Mohrgenthaler,5 er hat eigenes Kapitel „Mediengestütze Seelsorge“ (Kap. 19), allerdings hat sich die Mediennutzung zwischenzeitlich deutlich verändert, er erwähnt, dass laut Studien Email für Jugendliche eine Möglichkeit für Seelsorge darstelle, – aber Jugendiche schreiben keine Mails mehr.

Die Kirche muss sich auf Digitalisierung einlassen, dazu braucht es auch eine Digitale Theologie, so ach der programmatische Titel des Buches von Johanna Haberer.6

Vor zwei Jahren (November 2014) beschäftigte sich die EKD-Synode mit dem Thema Digitalisierung. Wenn man den vor der Synode veröffentlichten Kundgebungsentwurf und die beschlossene Kundgebung vergleicht, sieht man, wie weit sich die Synode vor zwei Jahren bewegt hat – man kann aber auch sagen, wie weit die Mehrheit im Vorbereitungsauschuss der Synode bzw. das was dort konsensfähig war, vom aktuellen Stand der Diskussion entfernt war:7

Wir erkennen, wie wenig wir von dem verstehen, was die Entwicklungen bewirken werden. Wir ahnen die Gestaltungsaufgabe, die die umfassende Digitalisierung mit sich bringt.“

Nach intensiver Diskussion ersetzte die EKD-Synode das Wort „Community”, das noch im Kundgebungsentwurf stand, durch das Wort „Gemeinde”:

Die Digitalisierung der Gesellschaft führt dazu, dass durch digitale Räume neue Formen von Gemeinde entstehen. Nicht physische Nähe, sondern Kommunikation ist für sie wesentlich. Die evangelische Kirche respektiert und fördert diese neuen Gestalten von Gemeinde.”8

Nun ist es zumindest EKD-amtlich, dass es Online-Gemeinde gibt bzw. in Deutschland geben kann, mehr noch, die EKD sich verpflichtet hat, solche Gemeinden zu fördern. Es war ein längerer Weg zu dieser Erkenntnis, bei der Begründung eines Pilotprojekts9 hieß es noch 2006 in Bezug auf Online-Gemeinschaften, es sei „ungeklärt”, ob diese „auch Teil des lebendigen Miteinanders der Kirche sind.” Seit Ende 2014 gibt es grünes Licht für Online-Gemeinde.

Aber: Online-Gemeinden brauchen auch Online-Pfarrerinnen und -Pfarrer, es braucht Online-Seelsorge. Was hat sich seitdem geändert? Leider nicht viel. Wie sieht der Besuch im digitalen Raum zwei Jahre später aus? Dem Synodenbeschluss sind keine Taten gefolgt, es wurden keine neuen Ressourcen bereitgestellt bzw bestehende Ressourcen anders alloziiert.

Die letzte EKD-Medienstrategie – publizistisches Gesamtkonzept – genannt, stammt aus dem Jahr 1997.10 Das Internet kommt nur am Rande vor, Versuche, eine Online-Strategie zu entwickeln gab es, aber das Konzept ist in Gremien versandet.

Man muss sogar noch weitergehen, das Internet ist mehr als ein publizistisches Medium, die Digitalisierung berührt alle Lebensbereiche.

Also: es bräuchte eine Digitalstrategie oder Digitalisierungsstrategie, nehmen wir als Kirche überhaupt die Herausforderung wahr?

Leben genügend Online-Seelsorgerinnen in dieser digitalen Kultur, dass sie die Anknüpfungspunke haben, um Gesprächspartner zu sein und in diesem Kontext die befreiende Botschaft des Evangeliums zur Sprache bringen zu können?

Und: Haben wir den Mut, uns in Kommunikationszusammenhänge und auf Plattformen zu begeben, die wir aus Datenschutzgründen für bedenklich halten, aber von vielen Menschen genutzt werden?

In der Barmer Theologischen Erklärung (These VI) heißt es:

Der Auftrag der Kirche … besteht darin, … die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ – wenn wir an alles Volk gewiesen sind, müssen wir auch auf die Netzwerke mit unserer Verkündigung und Seelsorge gehen, wo die Menschen sind, unabhängig, ob uns die Netzwerke gefallen oder nicht.


Quellen:

EKD-Pressemitteilung: „Internet ermöglicht Online-Gemeinschaften“ (26.04.2006), http://www.ekd.de/presse/pm83_2006_online_gemeinschaften.html (abgerufen am 29.04.2016).

Haberer, Johanna: Digitale Theologie: Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München: Kösel 2015.

Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hrsg.): Mandat und Markt: Perspektiven evangelischer Publizistik. Publizistisches Gesamtkonzept 1997, Frankfurt am Main: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 1997.

Meyer-Blanck, Michael und Birgit Weyel: Studien- und Arbeitsbuch praktische Theologie, Neue Fassung Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008 (UTB Theologie, Religion 3149).

Morgenthaler, Christoph, Albrecht Grözinger und Christoph Morgenthaler: Seelsorge, 2. Aufl Aufl., Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus 2012 (Lehrbuch praktische Theologie, hrsg. von Albrecht Grözinger … ; Bd. 3).

Waclawiak, Gregor: Gott im Netz: religiöse Kommunikation im Internet: Fallstudien zur Internetseelsorge, Berlin Münster: LIT 2015 (Theologie und Praxis, Band 38).

Vorbereitungsausschuss der EKD-Synode 2014: „Entwurf der Kundgebung zur ‚Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft‘“, https://www.evangelisch.de/inhalte/110392/20-10-2014/digitale-verkuendigung-diskutieren-sie-mit (abgerufen am 29.04.2016).

EKD-Synode 2015: „Kundgebung: ‚Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft‘“, https://www.ekd.de/synode2014/schwerpunktthema/beschluss_kundgebung.html (abgerufen am 29.04.2016).

1Vortrag auf der Tagung „Hilfe aus dem Netz . Chancen und Grenzen von Online-Medizin und Online-Psychologie ” vom 14. bis 16. Oktober 2016 in der Evangelischen Akademie Tutzing.

3Meyer-Blanck, Michael und Birgit Weyel: Studien- und Arbeitsbuch praktische Theologie, Neue Fassung Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008 (UTB Theologie, Religion 3149).

4Waclawiak, Gregor: Gott im Netz: religiöse Kommunikation im Internet: Fallstudien zur Internetseelsorge, Berlin Münster: LIT 2015 (Theologie und Praxis, Band 38).

5Morgenthaler, Christoph, Albrecht Grözinger und Christoph Morgenthaler: Seelsorge, 2. Aufl Aufl., Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus 2012 (Lehrbuch praktische Theologie, hrsg. von Albrecht Grözinger … ; Bd. 3).

6Haberer, Johanna: Digitale Theologie: Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München: Kösel 2015.

7Vorbereitungsausschuss der EKD-Synode 2014: „Entwurf der Kundgebung zur ‚Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft‘“, https://www.evangelisch.de/inhalte/110392/20-10-2014/digitale-verkuendigung-diskutieren-sie-mit (abgerufen am 29.04.2016).

8EKD-Synode 2015: „Kundgebung: ‚Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft‘“, https://www.ekd.de/synode2014/schwerpunktthema/beschluss_kundgebung.html (abgerufen am 29.04.2016).

9EKD-Pressemitteilung: „Internet ermöglicht Online-Gemeinschaften“ (26.04.2006), http://www.ekd.de/presse/pm83_2006_online_gemeinschaften.html (abgerufen am 29.04.2016).

10Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hrsg.): Mandat und Markt: Perspektiven evangelischer Publizistik. Publizistisches Gesamtkonzept 1997, Frankfurt am Main: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 1997.

Keine Angst vor Online-Gottesdiensten

fireshotcapture106-twompletSpiritualität im Internet – ist das heute noch ein Thema, mit dem sich eine Synode eigens beschäftigen muss?  Oder ist es einfach Realität für Menschen, die online leben und deren geistliches Leben sich auch im Netz vollzieht?

Vermutlich beides:  Daher hielt ich gerne auf der lippischen Landessynode heute einen Workshop über Spiritualität im Netz nach dem Hauptvortrag „Kommunikation der biblischen Botschaft in der digitalen Gesellschaft„.

Weil Synoden die Kirche leiten, müssen sie sich mit diesem Thema beschäftigen, denn Online-Spiritualität ist noch ein Randthema in unserer Kirche – während für die, die Online-Angebote nutzen, Spiritualität im Internet eine wichtige Möglichkeit ist, ihren Glauben zu leben.

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Chatandacht am Ewigkeitssonntag: Im Gedenken miteinander verbunden

andacht_webZum achten Mal laden wir auf Trauernetz.de zu einer Chatandacht am Ewigkeitssonntag ein.

Ab jetzt können Angehörige, Freundinnen und Freunde die Namen von Menschen, die Ihnen wichtig sind und derer sie in der Andacht gedenken wollen, in ein Online-Formular eintragen. Diese Namen werden dann in der Andacht „verlesen“ – d.h. während des Chats eingeblendet. Mehr von diesem Beitrag lesen

WhatsApp-Seelsorge: The Times They Are a-Changin‘

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Geht Seelsorge auf Facebook? Sieht man sich kirchliche Social Media Guidelines an oder liest das EKD-Datenschutzgesetz, kommt fast reflexartig die Antwort „Nein“. So habe ich bis vor kurzem auch immer geantwortet, wenn ich gefragt wurde. Aber die Zeiten ändern sich. Mehr von diesem Beitrag lesen

Free Software? – It’s Anthropology, Stupid

Screenshot_2016-09-04-07-41-08When I saw the call for papers, I submitted a proposal titled “The Anthropological Dimension of Free Software: a Philosophical Argument” as you can see in the announcement in the program.

Anthropology is the study of various aspects of humans within past and present societies. There are many cases one can make for Free Software but I believe if one is an advocate for or an opponent of Free Software ultimately depends on one’s idea of human beings – or anthroplogy.

I have to admit; sometimes I use Google and Google services.

We are having a family dinner in a nice restaurant, the food is marvelous, and I take out my cell phone and take a picture of the antipasti. When we are ready for dessert my phone vibrates, there is a notification from Google asking me to contribute my photo to the collection of the restaurant’s photos on Google maps and comment on the restaurant.

You all know what’s happened. Google knows my location, my photos are geo-tagged and uploaded to Google photos, Google uses this information to ask me for more information – and if I share my photo on Google maps and rate the restaurant, then I further contribute to Google’s world-wide knowledge. I will not focus on privacy issues but on the aspect of sharing. When asked, it is a reflex for many people to help. They freely give their information to Google without realizing that Google does not reciprocate by making this information available under a free license but controls who gets access to this information. Mehr von diesem Beitrag lesen

Freie Software? – Auch eine Frage des Menschenbildes

20160818_131708Wie ich zu freier Software stehe, hängt auch vom Menschenbild ab, das ich habe. Der Umgang mit Freier Software ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch eine weltanschauliche. In der christlichen Tradition gibt es viele Anknüpfungspunkte, aber im Engagement für Freie Software ist ein Zusammenschluss vieler Akteure auch unterschiedlicher Weltanschauungen notwendig. Im Blick auf die christliche Tradition fand ich es sehr spannend zu lesen, wie der amerikanische Soziologe Robert Merton (links ist seine Dissertation abgebildet) beschreibt, wie die Gemeinwohlorientierung im Puritanismus (und in Deutschland im Pietismus) zu einer gesellschaftlichen Haltung führte, in dem man Wissen freizügig teilte. Solch eine Haltung wiederzuentdecken ist für die Informationsgesellschaft wichtig, damit nicht einige wenige amerikanische Internetkonzerne exklusiven Zugriff auf die Ressourcen der Informationsgesellschaft haben, sondern die Allgemeinheit, was durch Freie Software, Open Access, Open Educational Resources, Open Data sichergestellt wird.

In meinem Vortrag auf der QtCon will ich darlegen, dass die Entscheidung, sich für Feie Software zu engagieren, aus einem Menschenbild folgt, das das Teilen (Sharing) in den Mittelpunkt stellt.

Anbei eine erste Version meines Vortrages – der auf der QtCon natürlich auf Englisch gehalten wird. Kommentare, Feeback und Kritik gerne. An dieser Stelle der Hinweis, dass der Vortrag noch work in progess ist. Meine Thesen verkürzen einige Sachverhalte, ich werde sie ananderer Stelle grne ausführlicher begründen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Was würde Jesus zu Freier Software sagen?

20160731_110801Ist „Freie Software” christlicher? Diese Frage lässt sich zumindest im Sinne einer Präferenz für Freie Software (häufig auch Open Source genannt) antworten, so zumindest die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland auf ihrer Tagung im Jahre 2015.

Grundsätzlicher geht es um die Frage nach dem Menschenbild. Welches Menschenbild liegt den vier Freiheiten Freier Software zu Grunde? Wie verhält dies sich zum christlichen Menschenbild? Mehr von diesem Beitrag lesen

Frauenordination, weil vom Evangelium geboten

Talar

Talar

Der Beschluss der  Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland, die Frauenordination abzuschaffen, hat in Deutschland zu großer Empörung geführt, eine Wiederkehr des Mittelalters wurde beschworen. Angst vor einer Rückkehr ins Mittelalter ist jedoch kein theologisches Kriterium, sondern der Beschluss ist falsch, weil er – so wie ich die Bibel gemäß reformatorischer Lehre verstehe – gegen das Evanglium verstößt.

Frauenordination? Kommt in der Bibel nicht vor. Schwule Pfarrer im Pfarrhaus? Gibt es in der Bibel auch nicht.  Aber wir finden in der Bibel Polygamie und Todesstrafe, trotzdem sieht keine Lebensordnung einer Kirche Polygamie vor oder hat die Todesstrafe im Kirchenrecht. Etwas ist theolgisch  nicht deshalb erlaubt oder deswegen verboten, weil es in der Bibel vorkommt oder eben nicht vorkommt, sondern die Frage lautet: Wie kommt in einer Frage das Evangelium zum Tragen? Mehr von diesem Beitrag lesen

Vom Handy als Gesangbuch, Luther auf Minecraft, dem Eintreten gegen Rassismus und Kollekten ohne Bargeld

20160601_181859Die European Christian Internet Conference ist ein Austauschort für Ideen unter kirchlichen Internetbeauftragten, es ist hilfreich zu sehen, wie Kolleginnen und Kollegen aus Nachbarländern mit denselben Herausforderungen umgehen, oder vor welchen Herausforderungen sie stehen, die im eigenen Land noch nicht aktuell sind. Die Konferenz fand letzte Woche in Göteburg auf Einladung der Kirche von Schweden statt. Mehr von diesem Beitrag lesen

Rechte Hetze, Snapchat und Freie Software: ein subjektiver Rückblick auf #rpTEN

 

Die re:publica ist ein gutes Barometer für das, was im Netz passiert, aktuelle Trends zeigen sich an den Veranstaltungsthemen und Publikumsströmen. Ich war nur zwei Tage auf der #rpTEN, Anspruch auf Vollständigkeit hat der Rückblick nicht, er ist meine subjektive Sicht. Mehr von diesem Beitrag lesen