#reformaction: Handeln wir oder lassen wir uns beschenken?

www-reformaction2017-de_alle-challengesDie  Ice Bucket Challenge machte im Sommer 2014 die Runde auf Social Media. Sie sollte auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen und Spendengelder für deren Erforschung und Bekämpfung sammeln. Die Herausforderung bestand darin, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und danach drei oder mehr Personen zu nominieren, es einem mit Ice Bucket Challenge binnen 24 Stunden gleichzutun, sowie 10 US-Dollar bzw. Euro an die ALS-Gesellschaft zu spenden.
Die Idee der Challenge, dass man sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf schüttet und so – für einige Sekunden – auch ein Mal das Gefühl der Lähmung im Körper spürt, das ein Erkrankter sein Leben lang ertragen muss. Wem das zu nass oder kalt war, sollte 100 US-Dollar bzw. Euro an die ALS-Gesellschaft spenden.

Seit der äußerst erfolgreichen Ice Bucket Challenge tauchen viele Challenges im Social Web auf. Wen wundert es, dass auch die Öffentlichkeitsfachleute der EKD mit Unterstützung einer Agentur die #reformaction erfanden. Auf der Website lesen wir:

Wir feiern 500 Jahre Reformation! Mit Challenges unter dem Motto „Gemeinsam Großes bewegen“ zeigen wir, dass Glaube bewegt und verbindet. An jeder Challenge sollen möglichst 500 Menschen teilnehmen.

Beteilige dich und erzähle anderen davon! Ab sofort kann jeder Ideen für eigene spannende Challenges einreichen. Mit der Vaterunser-Challenge versuchen wir das Gebet in 500 verschiedenen Sprachen und Dialekten einzusprechen. Bist du dabei?


Wird das Vaterunser nun zum Darstellungsobjekt protestantischer Glaubensschau? Sind wir als Evangelische nur erfolgreich, wenn das Gebet Jesu Christi in 500 Sprachen eingesprochen als Audio im Web ist?

Was für ein Verständnis der Reformation drückt sich in „#reformaction“ aus?

Ist nicht Reformation die Botschaft von der freien Gnade Gottes? Handeln wir oder lassen wir uns beschenken? Leisten wir etwas oder wird uns etwas zugesprochen? Müssen wir unser Heil uns selber erarbeiten oder werden wir „aus Gnade” heil, trotz unserer Fehler, unserer unerreichter Leistungen, trotz unseres Versagens?

Ich erinnere noch gut an die Systematik-Vorlesung in meinem ersten Semester.
Ein Kernsatz:

„Der Mensch muss sich sagen lassen, was er sich selber nicht sagen kann.”

An diesem einen Satz kann man die für die Reformation zentrale  Rechtfertigungslehre entfalten: Ich muss nichts leisten, um vor anderen Menschen, vor meinem eigenen Urteil übermich selbst, um vor Gott bestehen zu können. Es wird mir zugesprochen, dass ich mit und in meinem Leben bestehen kann.

Überspitzt: Sagt nicht gerade reformatorische Theologie, dass wir als Versagerinnen und Versager gerechtfertigt sind und vor Gott bestehen können, weil wir es eben nicht aus eigener Kraft schaffen, Gottes Anforderungen an uns (theologisch: das Gesetz) zu erfüllen. Also: die Challenges nicht zu erfüllen, wäre gut protestantisch.

Theologisch: es geht um das Verhältnis von Glauben und Werken, das Luther neu bestimmte. Werke – Handlung, Aktion – sind Frucht des Glaubens, aber nicht Voraussetzung oder Bedingung. Deswegen verschob Luther den Jakobusbrief nach hinten in den Bibelausgaben, weil bei Jakobus die Werke im Vordergrund stehen. Das Reformationsjubiläum nun als Reform-Aktion – #reformaction – zu promoten, widerspricht für mich den Inhalten eben dieser Reformation. Also: die Inhalte der Reformation nach vorne stellen, sollte das Bestreben kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit sein. Dies haben wir in der rheinischen Kirche versucht, zu den vier reformatorischen Exklusivpartikeln hat unser theologischer  Ausschuss Narrative erarbeitet, Menschen erzählen, was Christus, Glaube, Gnade und Schrift für sie heute bedeutet.

Gute Öffentlichkeitsarbeit oder PR bedeutet, dass Form  und Botschaft kongruent sind, dies ist bei #reformaction für mich eben nicht gegeben.

Ein Viertel des 500. Reformationsjahres ist bereits vorbei. Neben der vorgegebenen Vaterunser-Challenge wurden bis jetzt vier weitere Challenges eingestellt. Drei sind geschafft, die Adventskränze, das Wünsche-Erfüllen und das Angst-durch-Lachen-Vertreiben tragen den Stempel „Geschafft“, die Vaterunser- und die Chor-Challenge sind noch offen. Auf Instagram – laut EKD-Editorial einer der Social-Media-Kanäle, auf dem die Kampagne sichtbar werden soll – finden sich zurzeit 14 Posts zum zum Hashtag #reformaction2017.

Durch Challenges lässt sich die protestantische Community bundesweit anscheinend nicht mobilisieren und herausfordern. „Gemeinsam Großes [zu] bewegen“ gelingt hier leider nicht.

Aber zum Glück geht es bei der Reformation nicht darum, was wir als Protestantinnen und Protestanten alles leisten – oder nicht; was wir schaffen oder wo wir versagen, sondern dass in der Reformation wiederentdeckt wurde: Wir müssen als Menschen gar nichts leisten, sondern Gott macht uns heil ohne unser Zutun.

Wichtig ist, dass wir diese Geschichte der Reformation erzählen.

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