Gott – Freiheit – Welt: Jubileusz Reformacji in Polen

Festgottesdienst in der Warschauer Trinitatiskirche

Festgottesdienst in der Warschauer Trinitatiskirche

Auf Polnisch und Englisch lädt dieses Motto zu den Reformationsfeierlichkeiten ein. Gegenüber dem sonst gebräuchlichen Dreiklang „Gott – Ehre – Vaterland“ setzt sich die polnische evangelische Kirche ab, statt Nation und Ehre setzt sie Freiheit und Weltverantwortung und gibt sich durch die englische Übersetzung europäisch.

Reformationsmotto
Reformationsmotto: Gott – Freiheit – Welt

Rund 70.000 Gemeindeglieder hat die evangelische Kirche Augsburger Bekenntnisses in Polen  (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Rzeczypospolitej Polskiej), das sind rund 0,2 Prozent der polnischen Bevölkerung. Wenn auch zahlenmäßig klein, hat diese Kirche das 500-jährige Jubiläum der Kirche groß in Warschau gefeiert. Schon auf den Anzeigetafeln in Bussen und Straßenbahnen sah man das Logo des Jubiläums und die Einladungen zu den Veranstaltungen von Freitag, 27.10. bis Sonntag 29.10.2017.

Schwierige Geschichte

Das deutsch-polnische Verhältnis ist nicht nur derzeit politisch schwierig, sondern es gibt eine lange wechselvolle Geschichte, zu der auch die drei polnischen Teilungen gehören. Wer sich an Wittenberg, dem Ausgangspunkt der Reformation vor 500 Jahren, erinnert, kann das Berlin der Nazizeit nicht ausblenden, von wo aus mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, welcher mit dem  Holocaust endete.

Die Reformation aus Wittenberg führte bereits 1573 zur Konföderation von Warschau (auch Warschauer Religionsfriede genannt), die Lutheranern und anderen Konfessionen dieselben Rechte zustand wie Katholiken. Damit war Polen das fortschrittlichste Land Europas, was die Religionsfreiheit betraf. Der aus Berlin geplante Angriffskrieg führte zum Warschauer Ghetto und hinterließ 1945 eine vollständig zerstörte Warschauer Innenstadt und machte Polen zum Ort des Holocaust.

Julius Bursche

Lange Zeit galt die Gleichung und hielt sich das Vorurteil evangelisch = deutsch, katholisch = polnisch, so dass evangelische Christinnen und Christen sich stets als Polen erweisen mussten, auch wenn schon Juliusz Bursche, erster Bischof seiner Kirche in der Zwischenkriegszeit, erklärte:

„Die Aufgabe der Kirche ist, das Evangelium zu verbreiten, unter Polen, unter solchen Polen, die früher Deutsche waren und deutsche Namen tragen, und unter denen, die Deutsche sind, nicht das Polentum oder das Deutschtum zu verkünden“.

Festakt im Königsschloss

Festakt im Königsschloss: Preisübergabe an die Erzbischöfin von Schweden

Festakt im Königsschloss: Preisübergabe an die Erzbischöfin von Schweden

Aufgrund der Geschichte wurde die evangelische Kirche in Polen lange Zeit als deutsch verdächtigt und misstrauisch beäugt. Um so wichtiger ist daher die Anerkennung auch des polnischen Staates,  der Festakt am Freitag zum 500. Reformationsjubiläum fand im Warschauer Königsschloss in Anwesenheit des Staatspräsidenten Andrzej Duda statt. In seiner Rede würdigte Duda den Beitrag polnischer Lutheraner zum Wohl der polnischen Nation und hob dabei besonders Julius Bursche hervor, der sich für das Polentum eingesetzt habe, weil dieser in den Abstimmungsgebieten nach dem ersten Weltkrieg für deren Zugehörigkeit für Polen geworben habe.

Nach dem Präsidenten hielt Jerzy Buzek, früherer polnischer Ministerpräsident und früherer EU-Parlamentspräsident, die Festrede über die Bedeutung der Reformation für die europäische Einheit. Die Wahl des Themas – so Buzek in seiner Rede – erfolgte auf Vorschlag von Landesbischof Jerzy Samiec. Gegenüber den eher nationalen Tönen des Staatspräsidenten nun pro-europäische Akzente des früheren Ministerpräsidenten und bekennenden Lutheraners. Zum Ende des Festaktes: Die Verleihung des Princess Anna Wazówna Church Award, den die Erzbischöfin von Schweden Antje Jackelén  für ihre Kirche entgegennahm.

Masurenhilfe

Mit diesem Preis bedankt sich die polnische evangelische Kirche bei der Kirche von Schweden für die Masuren-Hilfe. Während die Volksgruppe der meist protestantischen Masuren im frühren Ostpreußen während des deutschen Kaiserreichs und der Nazizeit einer Germanisierungspolitik ausgesetzt war, wurden sie nach Eingliederung des südlichen Teils Ostpreußens in den polnischen Staat nun als Evangelische und vermeintliche Deutsche diskriminiert. Um ihre Not zu lindern, legte der schwedische Pfarrer Daniel Cederberg legte  1946-1948 ein Hilfsprogramm auf, um Nahrungsmittel nach Masuren zu bringen, wurde dabei aber vom polnischen Staat behindert.

Der Umgang des polnischen Staates mit den mehrheitlich protestantischen Masuren zeigte beispielshaft, welchen schweren Stand die evangelische Kirche in Polen nach dem zweiten Weltkrieg hatte. Diese Diskriminierung der evangelischen Kirche  durch die Preisverleihung im Beisein des Staatspräsidenten anzusprechen, ohne dabei anzuklagen, zeigt das Selbstbewusstsein und die Größe dieser an Mitgliederzahlen kleinen Kirche.

Ökumenische Gäste

Auch das Verhältnis zur katholischen Kirche ist mittlerweile entspannt, als ökumenischer Gast nahm Wojciech Polak,  der Primas von Polen am Festakt teil. Aber auch aus der internationalen Ökumene waren  Munib Younan, der lutherische Bischof von Jordanien und dem Heiligen Land und Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, vertreten, sowie viele weitere Gäste aus der europäischen Ökumene.

Vielfältiges Festprogramm

Urkunde der Warschauer Konföderation von 1573

Urkunde der Warschauer Konföderation von 1573

Das Festprogramm  zielte aber nicht nur auf die geladenen Gäste, sondern richtete sich an die Warschauer Bevölkerung und an Gemeindeglieder aus ganz Polen. Im Rahmen des Programms durfte ich einen Workshop halten, an dem auch eine Konfirmandengruppe aus Masuren teilnahm. Am Freitag- und Samstagabend unter anderem ein Konzert in der Nationalphilharmonie, eine Reformationsausstellung der Warschauer Universitätsbibliothek, das Zentralarchiv für historische Urkunden holt die Urkunde der Warschauer Konföderation aus dem geschützten Archiv und zeigt sie öffentlich.

Aufführung der Refomationskantate in der reformierten Kirche in Warschau

Aufführung der Refomationskantate in der reformierten Kirche in Warschau

Außerdem die Uraufführung einer Reformationskantate in Warschaus reformierter Kirche, die mit sechs Kameras vom polnischen Fernsehen aufgezeichnet wird. Ich verstehe leider den polnischen Text nicht, kann aber im Textheft die Städtenamen Wittenberg – Genf – Rom – Krakau und das Wort „Ökumene“ ausmachen, die Kantate zum 500-jährigen Reformationsjubiläum – teilweise jazzig beschwingt – scheint einen Bogen von Luther über Calvin zu Johannes Paul II zu ziehen,  das Publikum antwortet mit standing ovations, mein Banknachbar allerdings merkt an, der Text habe ihm nicht gefallen – vielleicht doch etwas zu ökumenisch?

Festgottesdienst

Bischof Munib Younan bei der Festpredigt

Bischof Munib Younan bei der Festpredigt

Höhepunkt der Reformationsfeierlichkeiten: der Festgottesdienst am Sonntag. Zu Beginn des Gottesdienstes in der Trinitatiskirche ein Grußwort des katholischen Primas. Dann für viele eine Überraschung. Markus Dröge, Bischof der  Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, geht nach vorne und übergibt den Familienangehörigen von Juliusz Bursche Kopien von Dokumenten, die belegen, wo Bursche begraben ist. Nach der Eroberung Polens hatte die Gestapo Bischof Bursche verhaftet und nach Deutschland deportiert. Er kam im Gefängnis in Berlin-Moabit zu Tode. Die Umstände des Todes und den Ort des Grabes verschwieg die Gestapo gegenüber der Familie, um jedweden Ort der Erinnerung an Bischof Bursche zu nehmen. Bisher gibt es für Bursche nur ein symbolisches Grab in Polen. Laienhistorikern gelang es jedoch kürzlich, nach dem Studium von Krankenhausakten das Grab des Bischofs ausfindig zu machen.

Die Bedeutung von Bischof Bursche für die polnischen Protestanten kann man als Ausländer nur schwer nachvollziehen, eine Gottesdienstteilnehmerin erzählt mir, sie habe geweint, als sie hörte, das Grab sei gefunden. Jedenfalls ist Markus Dröges Ansprache im Festgottesdienst ein sichtbares Zeichen der Versöhnung.

Die Eingangsliturgie hält eine Diakonin. Letztes Jahr gab es auf der Synode zwar eine Mehrheit für die Frauenordination, die aber nicht das notwendige verfassungsändernde Quorum erreichte. Da es – gegen den Wunsch des amtierenden leitenden Bischofs – keine Pfarrerinnen in der Kirche gibt,  nimmt trotzdem eine Diakonin sichtbar am Gottesdienst teil. Bei Gebeten und Lesungen sind ein Flüchtling aus dem Nahen Osten, ein Vertreter der deutschsprachigen und ein Afrikaner für die englischsprachige Gemeinde beteiligt. Ohne das es eigens ausgesprochen werden müsste, positioniert sich die evangelische Kirche Augsburger Bekenntnisses so in der Flüchtlingspolitik.

Bischof Munib Younan hält eine leidenschaftliche Predigt. Er überträgt Luthers Gerechtigkeitsbegriff, der sich auf das Individuum bezieht, auf die Gemeinschaft und appelliert an die Gemeinde, engagiert Zeugnis abzulegen und sich für Gerechtigkeit weltweit einzusetzen – und zitiert in der Predigt mehrfach Papst Franziskus.

Bewegt verlasse ich den Gottesdienst und fliege am Nachmittag nach Hause, dankbar, dass ich bei diesen Reformationsfeierlichkeiten dabei sein durfte.

Klein, aber fein

Pinwand an der Warschauer Unibibliothek

Pinwand an der Warschauer Unibibliothek

Ich habe eine zahlenmäßig kleine Kirche erlebt, die in die Gesellschaft hinein wirken will. Bemerkenswert mit wie (im Vergleich zu deutschen Kirchen)  wenig Mitarbeitenden eine so große Sichtbarkeit des Reformtionsjubiläums erreicht wurde: Roll-ups vor dem Audimax der Uni in Warschau, Übertragungen im Fernsehen, oder Einladungen zu Konzerten an öffentlichen Orten.  Kein Rückzug hinter Kirchenmauern, sondern eine Öffnung in die Gesellschaft. So nehme ich es als Außenstehender wahr und frage mich, welche internen Abstimmungsprozesse es gebraucht hat, um das Reformationsjubiläum so zu feiern.

Kein bitterer Blick zurück in die leidvolle und schwierige Vergangenheit, sondern eine klare und offene Ausrichtung auf die Zukunft. Die Stellung bezieht und durchaus andere Positionen einnehmen als die Regierung vertritt. Eine Kirche, die sich für Versöhnung einsetzt. Und die deutlich sichtbarer ist, als es ihre Größe vermuten ließe  und die Botschaft der Reformation mit dem Motto: Gott – Freiheit – Welt  offen verkündet.


Weitere Fotos

Bischof Jerzy Samiec beim Festgottesdienst

Bischof Jerzy Samiec beim Festgottesdienst

Gefüllte Emporen in der Trinitatiskirche

Gefüllte Emporen in der Trinitatiskirche

Gottesdienstprogramm

Gottesdienstprogramm

Trinitatiskirche

Trinitatiskirche

Urkunde der Warschauer Konföderation

Urkunde der Warschauer Konföderation

Katechismus auf Lateinisch, Deutsch und Polnisch

Katechismus auf Lateinisch, Deutsch und Polnisch

 

 

 

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2 Responses to Gott – Freiheit – Welt: Jubileusz Reformacji in Polen

  1. Vielen Dank für die ausführliche Darstellung der Reformationsfeier in Polen. Das öffnet manchen neuen Horizont für mich.
    An zwei Stellen habe ich mir beim ersten Überfliegen der Darstellung exaktere Formulierungen gewünscht:

    Es ist richtig, dass „mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann“, aber „welcher mit dem Holocaust endete“ kann man doch nicht unwidersprochen lassen. Das Ende des Weltkriegs fiel nicht zeitlich mit der physische Vernichtung eines großen Teils des europäischen Judentums zusammen. Die unsäglichen 12 Jahre des vermeintlichen „Tausendjährigen Reiches“ fanden im Holocaust einen ihrer grausigen Tiefpunkte. Dabei spielte der Zweite Weltkrieg sicher eine große Rolle, aber dessen Beziehung zum Holocaust lässt sich in einem Nebensatz schwerlich zusammenfassen, auch terminlich nicht.

    Im Zitat „Der aus Berlin geplante Angriffskrieg führte zum Warschauer Ghetto …und machte Polen zum Ort des Holocaust“ sehe ich einen klitzekleinen Entwicklungsbedarf. Polen war EIN „Ort des Holocaust“, nicht der Ort.

    • Ralpe says:

      Danke für den Kommentar.

      Natürlich fand der Holocaust in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern statt, da es aus diesen Gebieten Deportationen gab, aber es ist bezeichnend, dass alle Vernichtungslager sich im Gebiet des heutigen Polens befinden, daher der bestimmte Artikel.

      Ich geb zu, die Formulierung „endete“ ist etwas unglücklich. Ich wollte den Bogen vom Angriffskrieg gegen Polen zum Holocaust spannen, denn ohne den Krieg hätte es den Holocaust in dieser Form nicht gegeben.

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