Uomo in mare – Mann über Bord: Jeder hat einen Namen

20180729_120757Sommerurlaub in Oberitalien. Als wir gen Süden aufbrachen, war die sogenannte Flüchtlingskrise das  alles bestimmende Thema in der deutschen und europäischen Politik. Die neue rechte  Regierung in Italien weigert sich, gerettete Flüchtlinge auf Schiffen von Hilfsorganisationen an Land zu lassen. Meine Italienisch-Kenntnisse reichen nicht aus, um der politischen Diskussion in Italien folgen zu können, mich erreichen nur die Bilder der Medien aus Deutschland.

Die Flüchtlingskrise findet für Touristen in Oberitalien nicht statt, außer man sieht genauer hin. An den kiesigen Stränden des Garda-Sees verkaufen Afrikaner Damenhandtaschen und Sonnenbrillen, Afrikanerinnen bieten an, Mädchen Zöpfe zu flechten. Ob sie Flüchtlinge oder Migrantinnen und Migranten sind, wer weiß? Wer kann das auch differenzieren? Sind es mehr, als wir vor zwei Jahren in Italien waren? Ich weiß es nicht.

Zwei Erfahrungen, die mich nachdenklich machen:

 Augustine

Nicht über Flüchtlinge reden, sondern mit ihnen und ihnen die Möglichkeit geben, selber ihre Geschichten zu erzählen – so dass Fazit der Studie RefugeesReporting, die Berichterstattung zu Flüchtlingen in europäischen Medien analysiert. Am Ausgang eines Supermarktes treffe ich au f einen Afrikaner. Mit einer umgedrehten Schirmmütze in der Hand bittet er die Kunden um das Wechselgeld ihres Einkaufes. Ich spreche ihn an.

Er heißt Augustine und kommt aus Nigeria. Seine Heimat hat er verlassen, weil er keine Zukunft für sich sah. Von Libyen kam er über das Mittelmeer nach Italien. Ich frage nach, er antwortet nur in einem Boot, mehr erzählt er nicht dazu.

Er ist Fliesenleger und würde gerne arbeiten. Er zeigt auf die Fußbodenfliesen des Supermarktes und sagt, das sei sein Beruf.  Seit zwei Jahren läuft sein Asylverfahren in Italien, ein Ende nicht absehbar. Wenn ich ihn richtig verstehe, deutet er an, dass sich die Lage für Flüchtlinge  seit Verfahrensbeginn verschlimmert hat. Vom italienischen Staat erhält er keine Unterstützung, darf aber auch nicht arbeiten. Hilfe erhält er gelegentlich von einem katholischen Pater, der um die schwierige Lage der Flüchtlinge weiß. Sonst kann er nur betteln. An den meisten Tagen ist er einfach nur zum Nichtstun gezwungen.

Er fragt mich nach meinem Beruf. Auf meine Antwort, ich bin evangelischer Pfarrer, erzählt er von sich, dass er in Nigeria zu einer Pfingstgemeinde gegangen ist. Hier in Italien hat er sich keine Kirche gesucht. Einer Gemeinde möchte er sich anschließen, wenn er irgendwo angekommen ist.

Am liebsten würde er nach Deutschland, wohin sein Bruder mit seiner Frau geflohen ist. Er weiß aber, dass der Weg nach Deutschland für ihn verschlossen ist.

So kann er nur warten, dass sein Verfahren in Italien weitergeht. Sein größter Wunsch ist, zu arbeiten, statt um Unterstützung zu betteln.

Am Ende unseres Gespräches frage ich Augustin, ob ich ein Foto von ihm machen und seine Geschichte erzählen darf. Ich  zeige ihm das Foto, er nickt zustimmend, ich danke ich fürs Gespräch.

Mann über Bord

Uomo in mare

Uomo in mare

„Uomo in mare – Man overboard“ –  solche Hinweisschilder finden sich auf den Schiffen, die zwischen den Inseln der Lagunenstadt Venedig Fährdienste leisten. Solche Hinweise zur Seerettung wirken auf mich wie ein politisches Statement, wenn ich auf dem Handy auf Social Media Diskussionen zur Seerettung von Flüchtlingen im südlichen Mittelmehr lese und dann auf solch ein Schild blicke, während ich mit einer Fähre auf dem Mittelmeer fahre.

Die Hinweise zur Seerettung auf den Fähren geben Verhaltensregeln, falls jemand über Bord geht. Auf Italienisch und Englisch, damit Einheimische oder Touristinnen oder Touristen wissen, wie sich im Notfall verhalten sollen. Die Vorgehensweise bei einer Rettung aus dem Mittelmeer ist geregelt, damit möglichst niemand zu Schaden kommt. Was an der venezianischen Mittelmeerküste eine Selbstverständlichkeit ist, gilt an den südlichen Küsten Italiens allerdings nicht mehr. Die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer wird behindert, Rettungsschiffe dürfen nicht auslaufen, Aufklärungsflugzeuge nicht abheben.  Eine Grundlage unserer Gesellschaft wird aufgegeben, wenn Lebensrettung bei  Todesgefahr nicht mehr Konsens ist. Sollen nur Einheimische, Touristinnen und Touristen, aber keine Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten mehr gerettet werden? Sind mittlerweile Menschenleben unterschiedlich viel wert? Ein Europäer mehr als ein Afrikaner oder Araber?

Oft unausgesprochen bleibt das zynische Argument, dass unterlassene und untersagte Rettungsmaßnahmen im Mittelmeer als Abschreckung dienen sollen. Mit derselben kalten Logik könnte man auch Lungenkrebspatienten medizinische Hilfe verweigern, sofern sie als Raucher selbst die Krebserkrankung herbeigeführt haben. Aber: zu einer humanen Gesellschaft gehört es, dass Nothilfe gewährt wird, unabhängig davon, ob oder inwieweit jemand selbst für seine Notlage verantwortlich ist.

Während ich Urlaub mache, begleiten die Kolleginnen und Kollegen auf Social Media den Besuch des rheinischen Präses auf einem Seawatch-Schiff auf Malta, das nicht zur Seerettung auslaufen darf. Ich beneide sie nicht um die Aufgabe, moderieren zu müssen.  Ich bin dankbar für den klaren Standpunkt unseres Präses – die Kritik auf Social Media an seiner Reise sehe ich als Chance, ins Gespräch zu kommen. Wie, wenn nicht mit Worten, sollten wir für eine christliche Position in der Flüchtlingspolitik werben?

Es gibt keine einfachen Antworten auf Flucht und Migration. Die Bekämpfung der Fluchtursachen kann nicht früh genug anfangen, also am besten dort, wo Menschen ihre Heimat verlassen. Neben Asylrecht brauchen wir auch ein faires Einwanderungsrecht, denn nicht nur Krieg, Bürgerkrieg oder individuelle Verfolgung sind Flucht- und Migrationsgründe.  Außerdem müssen die Verfahren schnell durchgeführt werden, damit Menschen nicht jahrelang in der Luft hängen. Flucht und Migration sind ein europäisches Thema, hier müssen die nordeuropäischen Länder mit den Mittelmeeranrainerstaaten solidarisch sein. Über diese Fragen kann und muss man im einzelnen streiten, um die richtigen Antworten zu finden.

Aber Menschen im Mittelmeer sterben zu lassen, ist in jedem Fall die falsche Antwort.

Und nicht vergessen: es geht um Menschen. Jede und jeder von ihnen haben ihre eigene Geschichte. Seit gestern hat einer dieser Menschen einen Namen für mich: Augustine, und ich bin froh, dass er gerettet wurde.

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