Wie sagt man es richtig? Pasym oder Passenheim?

Letztes Jahr war ich in Pasym/Passenheim und habe bei der Übertragung eines Gottesdienstes mitgewirkt. Die Gegend hat mir sehr gefallen. Wegen der Corona-Pandemie mussten wir unsere ursprünglich geplante Urlaubsreise absagen. Deshalb war ich froh über die Gelegenheit, an einem masurischen See unseren Sommerurlaub zu verbringen.

Evangelische Kirche in Pasym / Passenheim
Evangelische Kirche in Pasym / Passenheim

Aber wie sag ich es der Familie, wohin wir fahren? Masuren? Ehemaliges Ostpreußen? Województwo warmińsko-mazurskie? Woiwodschaft Ermland-Masuren? Nach Pasym oder Passenheim? An den Großen Kalbensee oder Kalwa?

Ortsnamen sind auch politisch

Im Erdkunderaum hingen zu meiner Schulzeit in den 80er Jahren noch Karten, die Deutschland in den Grenzen von 1937 zeigten. Bei Ostpreußen stand “unter polnischer Verwaltung” (bzw. sowjetischer Verwaltung). Das Gebiet war aber als deutsch gekennzeichnet. Ich erinnere mich noch, wie auf westdeutschen Autobahnen der Weg nach Stettin gewiesen wurde. Sobald man die deutsch-deutsche Grenze gen Osten überquerte, gab es auf der DDR-Autobahn nur noch Szczecin. Die Namenswahl war politisch.

Auf Englisch differenziert Wikipedia besser

Was die Landkarten bei mir im Erdkunderaum aber nicht zeigten, war die komplexe ethnische Realität in Ostmitteleuropa. Diese weist die englischsprachige Wikipedia-Seite zu Ostpreußen deutlich besser aus als die deutschsprachige.

Rund die Häfte der Bevölkerung Ostpreußens war 1825 deutsch

In year 1824, shortly before its merger with West Prussia, the population of East Prussia was 1,080,000 people.[7] Of that number, according to Karl Andree, Germans were slightly more than half, while 280,000 (~26%) were ethnically Polish and 200,000 (~19%) were ethnically Lithuanian.[8] As of year 1819 there were also 20,000 strong ethnic Curonian and Latvian minorities as well as 2,400 Jews, according to Georg Hassel.[9] Similar numbers are given by August von Haxthausen in his 1839 book, with a breakdown by county.[10] However, the majority of East Prussian Polish and Lithuanian inhabitants were Lutherans, not Roman Catholics like their ethnic kinsmen across the border in the Russian Empire.

Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges waren 85 Prozent der Bevölkerung deutsch

In 1939 East Prussia had 2.49 million inhabitants, 85% of them ethnic Germans, the others Poles in the south who, according to Polish estimates numbered in the interwar period around 300,000-350,000,[28] the Latvian speaking Kursenieki, and Lietuvininkai who spoke Lithuanian in the northeast. Most German East Prussians, Masurians, Kursieniki, and Lietuvininkai were Lutheran, while the population of Ermland was mainly Roman Catholic due to the history of its bishopric. The East Prussian Jewish Congregation declined from about 9,000 in 1933 to 3,000 in 1939, as most fled from Nazi rule.[29] Those who remained were later deported and killed in the Holocaust.

1950 lebten nur noch ein Fünftel der ursprünglichen Bevölkerung im polnischen Teil Ostpreußens

Over 80% of the 1950 inhabitants [=polnischer Teil Ostpreußens] were new in the region, less than 20% had resided in the province already back in 1939 (so called autochthons, who had German citizenship before World War II and were granted Polish citizenship after 1945). Over 20% of all inhabitants were Poles expelled from areas of Eastern Poland annexed by the USSR. The rest were mostly people from neighbouring areas located right next to East Prussia (almost 44% came from Masovia, Sudovia, Podlachia and pre-war Polish Pomerania) and southern Poland (~16%).

Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts rund die Hälfte der Bevölkerung Ostpreußens deutschsprachig war, gab es vor Beginn des Zweiten Weltkrieges 85 Prozent Deutsche. Dieser Anstieg der deutschsprachigen Bevölkerung ist Folge einer Germanisierungspolitik in den Gebieten, die Preußen durch die polnischen Teilungen gewonnen hatte. Auch hier ist die englische Wikipedia-Version viel ausführlicher als die deutsche, die noch lobend hervorhebt, dass die Unterdrückung der polnischen Sprache zur Kaiserzeit im Gegensatz zur Nazizeit rechtsstaatlich erfolgte:

Im Gegensatz zum NS-Staat und seiner Germanisierungspolitik beruhte die Politik des deutschen Kaiserreichs auf rechtsstaatlichen Prinzipien, die es jedem Bürger, also auch denen dänischer oder polnischer Herkunft, freistellten, gegen staatliche Maßnahmen zu klagen

Ortsumbenennungen durch Nazis

Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es Umbenennungen polnischer Ortsnamen. Allerdings setzten die Nazis 1938 eine Kommission ein, die polnische (und litauische sowie altpreußische) Namen eliminierte bzw. eindeutschte. Diese germanisierten Namen ostpreußischer Orte wurden in der Bundesrepublik weiter verwendet. Dies belegt die englischsprachige Wikipedia, die deutschsprachige vermeldet dies nicht.

Religion überbrückt Sprachgrenzen

Neben Sprache war auch Religion identitätsstiftend. Die polnischsprachigen Masuren waren in der Regel Lutheraner. In den evangelischen Kirchen wurden deshalb Gottesdienste und Seelsorge auf Deutsch und Polnisch bis in die Nazizeit angeboten. Aus diesem Grunde entschieden sich die Masuren mehrheitlich in den Abstimmungsgebieten nach dem Ersten Weltkrieg für Ostpreußen bzw. Deutschland und gegen Polen. Aufgrund ihres Protestantismus konnten sie sich nicht mit dem katholischen Polen identifizieren.

Erstaunlicherweise hatten die Nazis in den polnischsprachigen Gebieten Masurens besonders hohe Stimmanteile, sie organisierten ihre Wahlkampfveranstaltungen auch im masurischen Dialekt:

In the 1920s Masuria remained a heartland of conservatism with the German National People’s Party as strongest party.[69][70][71] The Nazi Party, having absorbed the conservative one, became the strongest party already in the Masurian constituencies in the elections of 1930[71] and received its best results in the poorest areas of Masuria with the highest rate of Polish speakers.[72] Especially in the elections of 1932 and 1933 they reached up to 81 percent of votes in the district of Neidenburg and 80 percent in the district of Lyck.[73][74] The Nazis used the economic crisis, which had significant effects in far-off Masuria, as well as traditional anti-Polish sentiments[75] while at the same time Nazi political rallies were organised in the Masurian dialect during the campaigning.

Grenzgänger zwischen Polen und Deutschland

Als wir in Pasym/Passenheim ankamen, begegneten wir im Hotel einem Mann, der uns seine Geschichte erzählte. Während des Krieges war er in Masuren geboren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges floh er mit Verwandten nach Westdeutschland. Als er sechs war, holten ihn seine Eltern, die in Masuren verblieben waren, zurück in ihre Heimat. Er kam in die polnische Schule, obwohl er nur Deutsch sprach. Ein Teil seiner Familie lebt in in Polen, ein anderer in Deutschland. Als Spätaussiedler kam er im Rentenalter nach Deutschland. Er sagt von sich, dass er besser Deutsch spricht, aber beim Schreiben auf Polnisch besser ist.

Großer Kalbensee / Kalwa in Masuren

Wir haben den Urlaub am Großen Kalbensee in Masuren sehr genossen, das Wetter war großartig. Da wir außer wenigen Wörtern kein Polnisch sprachen, haben wir uns zumeist auf Deutsch verständigt. Ob wir dabei auf Deutsch den polnischen oder den deutschen Ortsnamen verwendeten, war nicht so wichtig. Entscheiden war die Bereitschaft, sich auf eine interessante und komplexe Geschichte einzulassen.

ARD-Masuren-Krimi aus Pasym/Passenheim

Am 20. Mai strahlte die ARD in der Reihe Donnerstags-Krimi den Film „Fryderyks Erbe“ aus. Die Kriminaltechnikerin Dr. Viktoria Wex reist von Berlin nach Pasym, weil ihr Onkel Fryderyk vermisst wird. In seinem am See gelegenen Haus findet sie einen ihr unbekannten Toten, so entwickelt sich die Familienangelegenheit zu einem Kriminalfall, in dem Viktoria zu ermitteln beginnt und auf Personen aus iher Kindheit trifft.

Eine Szene spielt auch in der evangelischen Kirche in Passenheim. Im Film wechselt die Kirche die Konfession, es ist ein katholischer Priester, dem Viktoria in der Kirche begegnet.

Szene aus dem ARD-Film “Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe” bei Minute 61.

Aber der Film verändert nicht nur die Konfession, sondern auch die Wirkung der Kirche deutlich. Bei meinen beiden Besuchen in Pasym habe ich die Kirche als hell und freundlich wahrgenommen und nicht als düster. Mich hat der Krimi durch schöne Landschaftsbilder angesprochen, die konfessionelle und religiös-politische Geschichte Masurens nimmt das Drehbuch leider nicht in den Blick. In diesem Aspekt hätte ich mir mehr erwartet.


Hinweis: Den Absatz zum Film „Fryderyks Erbe“ habe ich nach der Erstausstrahlung am 22, Mai 2021 eingefügt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.