Zwischen Kanzel und Algorithmus: Verkündigung und Seelsorge im Zeitalter von KI

Was vor wenigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, ist inzwischen Teil kirchlicher Praxis. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass solche Experimente stattfinden, sondern auch, wie sie wahrgenommen werden: KI-generierte Predigten werden häufig als „gar nicht schlecht“ beschrieben. Chatbots reagieren scheinbar empathisch.

Eine Predigt, geschrieben von künstlicher Intelligenz.
Ein Chatbot, der tröstende Worte findet.
Ein Avatar, der einen Gottesdienst leitet.

Die eigentliche Frage ist daher nicht mehr, ob KI religiöse Sprache erzeugen kann, sondern:
Was geschieht, wenn sie es tut?

Wahrscheinlichkeiten statt Wahrheit

Um diese Frage theologisch einordnen zu können, muss zunächst klar sein, was KI überhaupt ist.

Generative Systeme wie ChatGPT „verstehen“ nicht im eigentlichen Sinne. Sie haben kein Bewusstsein, keine subjektiven Empfindungen, kein Selbst. Vielmehr funktionieren sie so, dass sie auf Grundlage großer Datenmengen berechnen, welches Wort oder welcher Satz mit der größten Wahrscheinlichkeit folgt.

Damit ist ein entscheidender Punkt benannt:

KI ist nicht auf Wahrheit ausgerichtet, sondern auf Wahrscheinlichkeit.

Das bedeutet: Ihre Aussagen können wahr sein – müssen es aber nicht. Sie sind statistisch plausibel, nicht notwendigerweise sachlich korrekt.

Und dennoch: Weil ihre Sprache menschlichem Sprechen so stark ähnelt, neigen wir dazu, sie zu vermenschlichen. Wir reagieren höflich, lesen Empathie hinein, lassen uns ansprechen. Genau darin liegt eine ihrer größten Wirkungen – und zugleich eine der größten Herausforderungen.

Eine Technologie mit beispielloser Geschwindigkeit

Hinzu kommt das enorme Tempo der Entwicklung. Systeme wie ChatGPT haben innerhalb weniger Monate eine Verbreitung erreicht, für die andere Technologien Jahre oder Jahrzehnte brauchten.

Das verändert auch, wie Wissen organisiert wird:

  • Statt viele Suchergebnisse zu vergleichen, erhalten Nutzer*innen zunehmend eine einzelne, vorgefilterte Antwort.
  • KI trifft eine Auswahl – und diese Auswahl passt sich an die Person an.

Für kirchliche Öffentlichkeitsarbeit bedeutet das konkret: Wenn kirchliche Inhalte nicht so aufbereitet sind, dass KI-Systeme sie lesen und verarbeiten können, verschwinden sie zunehmend aus der digitalen Wahrnehmung.

KI als Werkzeug: reale Chancen

Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, KI nur kritisch zu betrachten. In der Praxis wird sie längst genutzt:

  • zur Strukturierung von Predigten aus Stichworten
  • zur sprachlichen Überarbeitung und besseren Lesbarkeit
  • zur Übersetzung (z. B. in internationalen Gemeinden)
  • zur Aufbereitung von Predigten für digitale Formate (z. B. Generierung von Reels, also Kurzvideos für Social Media)

In dieser Perspektive ist KI zunächst ein Werkzeug – vergleichbar mit anderen homiletischen Hilfsmitteln. Sie kann Arbeit erleichtern, Zugänge erweitern und Kommunikation unterstützen.

Der kritische Übergang: vom Werkzeug zum Ersatz

Die entscheidende Frage stellt sich dort, wo KI nicht mehr nur unterstützt, sondern ersetzt.

Was geschieht, wenn Predigten vollständig generiert werden?
Wenn Liturgien algorithmisch entstehen?
Wenn Avatare Verkündigung übernehmen?

Umfragen zeigen: Viele Menschen nehmen solche Formate zunächst nicht als schlechter wahr. Die Texte sind oft sprachlich überzeugend, strukturiert, teilweise sogar theologisch anschlussfähig.

Gerade das macht die Situation herausfordernd. Denn die Differenz liegt nicht unbedingt auf der Ebene der Form.

Was KI nicht kann

Der entscheidende Unterschied liegt an anderer Stelle.

KI kann Texte erzeugen – aber sie kann nicht:

  • aus einer gelebten Beziehung zur Gemeinde heraus sprechen
  • eigene Erfahrungen einbringen
  • Verantwortung für das Gesagte übernehmen
  • echte Empathie empfinden

Sie kann ein „Ich“ formulieren – aber kein biografisch verankertes Ich.

Und genau hier zeigt sich, was Predigt im Kern ist: nicht nur die Weitergabe von Inhalten, sondern ein Geschehen, das aus der Verbindung von Text, Person und Gemeinde entsteht.

Die Erfahrung – die gemeinsam gelebte Wirklichkeit – fehlt der KI.


Eine theologische Spannung

Damit stellt sich eine grundlegende theologische Frage:

Kann der Heilige Geist auch durch KI-generierte Worte wirken?

Man könnte argumentieren: Der Geist hat immer schon durch unvollkommene Medien gewirkt. Auch „tote Worte“ können lebendig werden.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Verkündigung nicht notwendig an ein menschliches Gegenüber gebunden ist – an jemanden, der vor Gott (coram Deo) und vor der Gemeinde steht.

Diese Spannung lässt sich nicht einfach auflösen.
Aber sie zwingt dazu, genauer zu klären, was wir unter Verkündigung verstehen.


Seelsorge als Grenzbereich

Noch deutlicher wird die Problematik im Bereich der Seelsorge.

KI kann heute bereits Gespräche führen, die als empathisch wahrgenommen werden. Sie erkennt Muster, reagiert auf bestimmte Schlüsselwörter und kann angemessen formulieren.

Doch Seelsorge ist mehr als das Finden passender Worte.

Seelsorge ist ein Beziehungsgeschehen zwischen zwei Menschen coram Deo.

Das wird besonders deutlich bei Entwicklungen wie sogenannten „Trauer-Bots“, mit denen Menschen mit Verstorbenen „kommunizieren“ können. Technisch ist das möglich – etwa durch das Einlesen von Chatverläufen.

Die Frage ist jedoch:
Was bedeutet das für den Trauerprozess?
Und was geschieht, wenn wir beginnen, Beziehungen algorithmisch zu rekonstruieren?


Risiken und Verantwortung

Neben diesen theologischen Fragen gibt es auch klare ethische Herausforderungen:

  • KI-Systeme reproduzieren bestehende Vorurteile (Bias)
  • sie erzeugen falsche Informationen (Halluzinationen)
  • sie werfen Fragen des Datenschutzes auf

Mit dem EU AI Act gibt es einen rechtlichen Rahmen, der solche Risiken adressieren soll. Für die Kirche bedeutet das: Auch sie steht in der der rechtlichen Verantwortung, muss diese Entwicklungen aber auch ethisch und theologisch reflektieren.


Eine Frage der Unterscheidung

Die Aufgabe besteht daher nicht darin, KI grundsätzlich zu bejahen oder abzulehnen.

Es geht um Unterscheidung:

Wo unterstützt KI kirchliche Praxis sinnvoll?
Wo verändert sie sie in problematischer Weise?
Und wo ersetzt sie etwas, das nicht ersetzbar ist?

Vielleicht lässt sich die zentrale Frage so formulieren:

Wenn KI religiöse Sprache erzeugen kann – was bleibt dann spezifisch menschlich an Verkündigung und Seelsorge?

Gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Frage wird deutlich:

Die Kirche steht nicht nur vor einer technischen Herausforderung, sondern vor einer theologischen.

Und genau in dieser theologischen Reflexion liegt die Aufgabe für die Kirche.


Offenlegung: dieser Blogpost wurde KI-unterstüzt generiert aus einer Transkription eines Vortrages auf dem Pfarrkonvent des Kirchenkreises An der Agger am 16. März. In der Präsentation finden sich Quellenangaben und Links.

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