Hatte Jesus eine Frau? Was die historischen Quellen sagen
Historische Einordnung, Oktober 2026

Kurzantwort: Ob Jesus von Nazareth verheiratet war, ist historisch nicht belegt. Die neutestamentlichen Evangelien erwähnen keine Ehefrau Jesu. Ihr Schweigen beweist allerdings nicht, dass Jesus unverheiratet war.
Das 2012 bekannt gewordene sogenannte „Evangelium der Frau Jesu“ liefert keinen verlässlichen Beleg für eine Ehe des historischen Jesus. Bereits 2015 legte der Forscher Andrew Bernhard überzeugende Hinweise darauf vor, dass das Fragment eine moderne Fälschung ist: Sein koptischer Text und die mitgelieferte Übersetzung weisen auffällige Abhängigkeiten von einer erst seit 1997 verfügbaren Textausgabe auf. Bernhard erläuterte diese Befunde in einem Beitrag vom 10. September 2015 auf dem Blog von Bart Ehrman.
Der folgende Beitrag erschien ursprünglich am 20. September 2012. Er dokumentiert die damalige Debatte und geht der Frage nach, weshalb die Vorstellung eines verheirateten Jesus sowohl medial als auch theologisch so viel Aufmerksamkeit erregte.
Der Medienhype um den Papyrusfund von 2012
So geistert es mit rund zwei Tage Verzögerung nun auch durch die deutschen Medien. Die deutschen Meldungen gehen auf die amerikanische Berichterstattung über einen Papyrusfund zurück, den Karen King, Theologie-Professorin in Harvard, veröffentlicht hat. Einige Meldungen lassen bei der Überschrift das Fragezeichen weg, und titeln, Jesus habe eine Frau gehabt. Das klingt besser.
Das US-Magazin Smithsonian hat den Hintergrund zu diesen Meldungen recherchiert:
The fragment’s 33 words, scattered across 14 incomplete lines, leave a good deal to interpretation. But in King’s analysis, and as she argues in a forthcoming article in the Harvard Theological Review, the “wife” Jesus refers to is probably Mary Magdalene, and Jesus appears to be defending her against someone, perhaps one of the male disciples.
“She will be able to be my disciple,” Jesus replies. Then, two lines later, he says: “I dwell with her.”
The papyrus was a stunner: the first and only known text from antiquity to depict a married Jesus.
But Dan Brown fans, be warned: King makes no claim for its usefulness as biography. The text was probably composed in Greek a century or so after Jesus’ crucifixion, then copied into Coptic some two centuries later. As evidence that the real-life Jesus was married, the fragment is scarcely more dispositive than Brown’s controversial 2003 novel, The Da Vinci Code.
King selber betont, dass dieser Papyrus nichts über den historischen Jesus aussage. Er belege nur, dass es im zweiten bzw. vierten Jahrhundert Christen gegeben habe, die glaubten, Jesus sei verheiratet gewesen. Diese Ansicht als solche ist auch nicht neu – neu ist allerdings, dass es dafür einen Beleg aus dem vierten Jahrhundert nach Christus gibt.
Ich erinnere mich an einen Vortrag während meines Studiums, als Schalom Ben-Chorin über sein Buch „Bruder Jesus“ sprach. Ben-Chorins Argument: Jesus sei ein Rabbi gewesen. Da üblicherweise zur Zeit Jesu alle Rabbis verheiratet gewesen seien, folge daraus auch, Jesus habe eine Frau gehabt.
Dass die Evangelien nichts davon berichten, liege daran, dass niemand Selbstverständlichkeiten aufschreibe – oder würde man in der Biographie eines katholischen Priesters erwähnen, dass dieser unverheiratet sei?
War Jesus ein verheirateter Mann? Hat er eine Frau gehabt? Was macht diese Frage für uns so interessant, warum springen die Medien so darauf an?
Es hängt wahrscheinlich mit unserer Vorstellung von Jesus zusammen. Wir stellen ihn uns nicht als wirklichen Menschen vor. Dem widerspricht aber gerade die altkirchliche Christologie mit ihrer Dogmenbildung auf den Konzilien, die gerade einen Doketismus – das Jesus nicht wirklich, sondern nur dem Anschein nach Mensch war – bekämpft. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott – vere homo et vere Deus – so das altkirchliche Bekenntnis.
Eine Ehe Jesu sollte also theologisch vollkommen irrelevant sein, genauso wie seine Größe, seine Haarfarbe, sein Alter – warum erscheint sie uns aber als problematisch? Meine Vermutung, es liegt an unserem Umgang mit der Leiblichkeit und Sexualität. Im frühen Christentum – dazu brauchen wir nur die Paulusbriefe zu lesen – gab es Konflikte zwischen Asketen und Libertinisten; wobei sich kirchengeschichtlich für lange Zeit eine Leibfeindlichkeit im Christentum durchgesetzt hat.
Wenn Jesus eine Frau gehabt hätte, könnte niemand leugnen, dass er auch Sex gehabt hätte, dies aber widerspricht gängigen Klischees, die Jesus als asexuelles Wesen betrachten.

Es ist durchaus interessant, dass es – so belegt es der Papyrus, sollte er denn echt sein – noch im vierten Jahrhundert Strömungen im Christentum gab, die sich Jesus als Mann mit einer Frau vorgestellt haben. Wenn sich diese Richtung durchgesetzt hätte, wäre es wahrscheinlich auch zu einer anderen Sexualmoral im Christentum gekommen.
Für die Frage nach dem historischen Jesus – so Karen Kings Einschätzung – ist der Papyrusfund aber irrelevant. Theologisch ist er höchstens kirchengeschichtlich interessant, aber es würde an keinen Glaubensgrundlagen rütteln, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre, im Gegenteil, es würde nur das „vere homo et vere Deus“ unterstreichen.
Für die Medien ist der Fund aber schon interessant. Man braucht es nicht auszusprechen, denn man denkt es mit: Hatte Jesus eine Frau, dann hatte er auch Sex mit ihr. Auch wenn der Papyrus keinen historischen Beleg dafür bietet, es reicht zur Spekulation. Damit kann man das gängige Jesus Bild in Frage stellen und außerdem gilt: Sex sells – auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wird.
