Leben, als ob es Gott nicht gäbe?

CNN berichtet über ihn, Pastor Ryan Bell ist in vieler Munde, seit er ankündigte, ein Jahr lang zu leben, als ob es Gott nicht gäbe. Pfarrer die nicht mehr glauben (wollen) erzeugen einen Medienhype. Ryan Bell hat Lehraufträge an zwei christlichen Hochschulen verloren, ein engagierter Atheist hat deshalb auf einer Fundraising-Plattform ein Konto für Ryan Bell aufgesetzt, auf dem seit Jahresbeginn statt der angestrebten US$ 5.000 über 21.000 bereits eingegangen sind.

Wirtschaftlich – der 42-jährige Ryan Bell hat zwei Töchter zu versorgen – scheint der Selbstversuch zumindest nun gangbar, auch das geplante Buch dürfte Erträge abwerfen, aber nach eigenem Bekunden geht es in diesem Projekt um die Suche nach Wahrheit:

My desire is, as always, to pursue the truth and do it in a sometimes serious, sometimes playful, way that might be insightful for others as well. During the year I will be blogging my experience here and working on a book. I invite you to follow along and share your thoughts.

Sein Vorhaben beschreibt er im dafür aufgesetzen Blog so:

I will “try on” atheism for a year. For the next 12 months I will live as if there is no God. I will not pray, read the Bible for inspiration, refer to God as the cause of things or hope that God might intervene and change my own or someone else’s circumstances. (I trust that if there really is a God that God will not be too flummoxed by my foolish experiment and allow others to suffer as a result).

Bell sieht sich (noch) nicht als Atheist, der Ausgang des Selbstexperimentes, so betont er, ist offen. :

I will do whatever I can to enter the world of atheism and live, for a year, as an atheist. It’s important to make the distinction that I am not an atheist. At least not yet. I am not sure what I am. That’s part of what this year is about.

Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Bell in diesem Jahr machen wird, ob er über dieses Jahr hinaus als Atheist weiterleben wird oder er sich weiterhin als Christ verstehen wird – und auch seine Jobs als Dozent an christlichen Hochschulen im nächsten Jahr wieder ausüben wird.

Zu leben als ob es Got nicht gäbe – dies als ein Experiment durchzuführen finde ich auf der einen Seite befremdlich und gleichzeitig auch faszinierend. Daher folge ich gespannt dem Blog A Year without God.

Als ob es Gott nicht gäbe – et si Deus non daretur – dieser Satz begegnet auch bei Bonhoeffer in „Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“ – wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Auch wenn es nur Schlagworte sind, es geht bei Bonhoeffer um religionsloses Christentum bzw. eine nicht-religiöse Interpretation des Christentums.

Bonhoeffers Verhältnis zur Barth’schen Theologie und die Frage ob das Chrisrtentum Religion ist, kann man akademisch verhandeln, dies betrifft aber auch direkt meine christliche Existenz: Wie jenseitig oder wie diesseitig ist mein Glaube?

Führt mich mein Glaube zur Weltflucht oder weist mich er mich gerade an diese Welt?

Ist mein Glaube von der Begegnung mit Gott her bestimmt oder ist Gott nur eine Funktion meines Denkes? Und wenn, welche Funktion erfüllt mein Glaube – und Gott – in meinem Alltag?

Halte ich Gebetszeiten am Tag ein, weil es frommer Brauch ist? Was erwarte ich, wenn ich bete? Glaube ich wirklich an eine göttliche Intervention aufgrund meines Gebetes? Ist „Gott“ vielleicht die einfachere oder bequemere Antwort auf die Frage unserer Existenz und die der Welt? Wird Gott so zu einem Lückenbüßer?

Ich kann Gott auch als Chiffre benutzen – und tatsächlich so leben, als ob es ihn nicht gäbe, obwohl ich formal seine Existenz bejahe.

Bei diesen Fragen geht es darum, was Glaube für uns ist. Eine Funktion in unserem Alltag und eine Zustimmung zu Glaubenssausagen oder eine Haltung, die meine Existenz auf Gott bezieht. Dann gehört aber gerade auch der Zweifel zum Glauben dazu. Jede Beziehung schließt auch die Möglichkeit des Verlusts ein. Ein Glaube ohne Zweifel verlöre seine Tiefe und würde zu einem bloßen Fürwahrhalten von Bekenntissen und verkäme zu einer Durchführung von Ritualen.

Umgekehrt ließe sich fragen, was heißt es so zu leben, als ob es Gott gäbe? Ein Leben als Christ oder Christin muss mehr sein, als bestimmte Frömmigkeitsrituale einzuhalten oder bestimmte Bekenntnisse für wahr zu halten.

Wenn ich die Radikalität der Aussagen Jesu in der Bergpredigt höre – lasse ich mich darauf ein oder beginne ich, diese direkt zu relativieren? Glaube ich wirklich, dass das Gottesreich nahe ist? Oder habe ich den Mut, mich darauf einzulassen, weil es Gott gibt?

Oder ist es nicht kirchliche Praxis und persönlicher Lebensstil, so zu planen, als ob es Gott doch nicht gäbe?

Wie gesagt, ich halte Ryan Bells Experiment für spannend – für spannender hielte ich es jedoch auszubuchstabieren, was es bedeutet so zu leben, als ob es Gott gäbe. Denn Gott ist mehr als ein bloßes Fürwahrhalten seiner Existenz.

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4 Responses to Leben, als ob es Gott nicht gäbe?

  1. Bernd says:

    Und weswegen hat er seinen Job verloren?
    Weil er gemerkt hat, dass die konservative Linie seiner Kirche in Bezug auf Schwule und Lesben nicht mehr mit seinem Glauben zu vereinbaren war: Sie durften zwar Mitglieder seiner Kirche sein, aber sie durften keine Leitungsfunktionen übernehmen.
    Dagegen (und gegen noch viel mehr) hat er aufbegehrt. Deswegen war er seinen Job los.

    Merke: Wer die grenzenlose Liebe Christi weitergeben will, wird von seiner Kirche (auch wenn es in diesem Fall die Siebenten-Tags-Adventisten sind) manchmal radikal ausgebremst.

    (Was bedeutet das im Blick auf den gegenwärtigen Konflikt in Baden-Württemberg?
    vgl.: https://www.openpetition.de/petition/online/gegenpetition-zu-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens)

    Es ist immer dasselbe: Fromme Menschen können ausgesprochen ekelig sein, wenn sie ihre gewohnte Theologie verabsolutieren und anderen Menschen Knüppel zwischen die Beine werfen, die Ernst machen mit Jesu Frage, ob religiöse Richtlinien für die Menschen oder die Menschen für die Richtlinien da sind.

    Da kann man schon mal auf die Idee kommen, dass vielleicht auch andere dieser Richtlinien ein Hindernis für Gottes Liebe sein könnten, und dass man mal eine Zeit lang alle diese Richtlinien über Bord wird und schaut, ob Gott einem einen guten Weg für seine Liebe weist.

    Dietrich Bonhoeffer hat sich auf seine Weise auf diesen Weg eingelassen. Er hat in der Öffentlichkeit den Hitler-Gruß gezeigt, um seine geheime Mission nicht zu gefährden. Er hat in der Konspiration gelebt, musste sich falsche Legenden ausdenken und Menschen über seine wahren Absichten täuschen, so sehr, dass er sich hinterher fragte: Sind wir (für Gottes Kirche) noch brauchbar? (Und ich bin auf Christen gestoßen, die vor 30 Jahren in Duisburg öffentlich diese Frage verneinten!) Er hat seine liebgewonnene fromme Praxis aus dem illegalen Predigerseminar abgelegt und seinem Freund Eberhard Bethge geschrieben, dass er merkwürdigerweise kein schlechtes Gewissen deswegen hat und irgendwie auch nichts vermisst. Wohl habe er sich mit Atheisten besser über Gott unterhalten können als mit so manchem frommen Menschen.

    Mal sehen, was von Gottes Liebe sichtbar wird auf dem neuen befristeten Weg von Bryan Bell.
    Ich wünsche ihm viel Glück und Gottes Segen.

  2. empeiria says:

    Naja, die Gott-ist-tot-Theologie ist ja jetzt nichts neues. Schon Meister Eckhart formulierte im Mittelalter er würde die „Schau der Trinität verschmähen, um einem Mütterchen Suppe zu kochen“ oder ein neuzeitlicheres Beispiel gibt Dorothee Sölle mit ihrem Buch „Atheistisch an Gott glauben“. Es mag eine Provokation, eine Wahrheitssuche oder auch eine humorvolle Neuausrichtung sein – spannend wäre jedenfalls ob das Medienecho ähnlich groß ist, wenn das Experiment scheitert, abgebrochen wird oder Gott selbst eingreift 😉

  3. Fabian M. says:

    Ich habe Auch über das „Experiment“ gelesen und werde es verfolgen. Es ist in der Tat interessant. Wobei ich es eher als „Selbstfindungsphase“ bezeichnen würde, die eben öffentlich dokumentiert wird. Gott ist, schreibst du ganz richtig, ja eben mehr als das bloße Fürwahrhalten seiner Existenz. Und diese „Beziehung“ einfach für ein Experiment „abzuschalten“, halte ich für unmöglich.
    Ich jedenfalls bin gespannt, was der (Ex-) Pastor berichten wird.

  4. Muriel says:

    Ich habe ja ohnehin bei allen (wenigen) Christen, die ich kenne, den Eindruck, dass sie ziemlich genau so leben, als gäbe es ihren Gott nicht.
    Das viel interessantere Experiment wäre daher aus meiner Sicht das Gegenstück zu Pastor Bell.

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