Himmelfahrt: Papa, dir glaub ich gar nichts mehr!

Himmelfahrt (c) Michael Hüter

Himmelfahrt (c) Michael Hüter

Gefreut habe ich mich, dass mein Artikel „Himmelfahrt ist Vatertag, auch für Jesus“, den ich für evangelisch.de geschrieben habe, nun neu aufgelegt auf der EKD-Startseite zum Himmelfahrtstag steht. Per Mail und Facebook habe ich dazu Rückfragen erhalten, auf die ich nun im Blog gerne antworte.

Kritisiert wird meine Aussage, Himmelfahrt sei keine zentrale Glaubensaussage, so z.B. „dass ein Satz des apostolischen Glaubensbekenntnisses ‚aufgefahren in den Himmel‘ nicht zentrale Glaubensaussage ist, für christlich verkehrt.“

Das mag man so sehen, dass jeder Satz des apostolischen Glaubensbekenntnisses zentral ist, aber hier würde ich antworten, dass Kreuz und Auferstehung die Mitte sind. Gut lutherisch und in alter Sprache: dass Jesus Christus für mich gestorben und auferstanden ist, bringt mir die Seligkeit. Oder reformiert mit dem Heidelberger Katechismus:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre.

In diesem Sinne ist Himmelfahrt nicht zentral. Auch wenn der Name Apostolisches Glaubensbekenntnis anderes suggeriert, ist doch – wenn ich die Kirchengeschichte richtig erinnere – das nizänische bzw. nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis älter und auch weiter verbreitet. Im zweiten Artikel lesen wir:

Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Himmelfahrt kommt vor, ist aber nur eine Zeile, zentral hier die Verhältnisbestimmung zwischen erster und zweiter Person der Trinität, an den Formulierungen im Glaubensbekenntnis spürt man noch, wie in der  Alten Kirche um die Formulierungen gerungen wurde, die dann Eingang ins Bekenntnis fanden. Die Präexistenz des Gottessohnes nimmt mehr Raum im Bekenntnis ein, diese findet sich bereits im so genannten Philipper-Hymnus, einem vermutlich vorpaulinischen Text, den Paulus im Philliper-Brief zitiert.

 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Zentrales Thema dieses vielleicht ältesten Christus-Hymnus die Inkarnation des präexistenten Christus sowie sein Leiden, sein Tod und schließlich seine Erhöhung durch Gott und die Verleihung des „Namens über alle Namen“ – aber keine Himmelfahrt.

Nach dem 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes steht und fällt der christliche Glaube mit der Auferstehung, Himmelfahrt kommt in Paulus‘ Argumentation nicht vor.

Im Johannes-Evangelium ist – wie im Philipper-Hymnus – die Erhöhung des Sohnes wesentlicher Gedanke.

Wenn ich nicht doch noch etwas übersehen habe, findet sich die Himmelfahrt Christi nur im ersten Kapitel der  Apostelgeschichte und in einem Vers des Lukasevangeliums (24:51), sonst ist sie biblisch nicht erwähnt.

Beim Mittagstisch brachte ich die Frage auf, ob Himmelfahrt zentral sei, und mir schlug sofort Widerspruch entgegen, mit der Himmelfahrt endeten doch alle Evangelien. Wer sagt, Himmelfahrt sei nicht wichtig, ignoriere, was in den Evangelien stehe. Das Nachsehen ergab, tun sie aber nicht, nur eben Lukas hat einen Vers zur Himmelfahrt. Als ich versuchte, differenziert zu argumentieren, sagte mir die Jüngste: Papa, dir glaub ich gar nicht mehr – und sie wechselte das Thema.

Sie hat im Religionsunterricht das Leben Jesu gelernt, von der Geburt im Stall eben bis zur Himmelfahrt. Daher ist Himmelfahrt wichtig für sie, es ist das letzte Ereignis im Leben des (irdischen) Jesus, ohne Himmelfahrt wäre das Leben Jesu für sie unvollständig. Daher ihre Vehemenz, Himmelfahrt zu verteidigen.

Dem biblischen Gesamtbefund angemessener wäre es, von der Erhöhung Christi zu sprechen – solch ein Begriff ist jedoch für eine Achtjährige nicht angemessen. Für uns Erwachsene kann dies jedoch ein anderer und neuer Zugang zum Himmelfahrtsfest sein, denn die Erhöhung Jesu bedeutet doch gerade, dass der Sohn zur Rechten des Vaters sitzt – und dies ist doch auch die theologische Aussage von Himmelfahrt.

 


Und hier der zitierte Artikel:

Himmelfahrt ist Vatertag, auch für Jesus

Warum Himmelfahrt ein Feiertag ist

14. Mai 2015

Das Kirchenjahr vollzieht in Festen das Leben Jesu nach und will es erfahrbar machen: Weihnachten als Fest der Geburt Jesu, Karfreitag feiern wir Jesu Tod, Ostern seine Auferstehung. Ist die Himmelfahrt nur ein Nachtrag zur Auferstehung?

Himmelfahrt: Jesus weilt nicht mehr unter den Menschen

Mit Ostern schließen drei von vier Evangelien ihren Bereicht vom Leben und Wirken Jesu. Die Auferstehung ist das Schlusskapitel der Evangelien und der Schlüssel zur Deutung der Lebensgeschichte Jesu.
Nur Lukas berichtet von der Himmelfahrt Jesu: „und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“ in seinem Evangelium (Kap. 24,51) und auch noch in der Apostelgeschichte. Die Himmelfahrt erwähnt sonst nur noch das Markus-Evangelium in einem später hinzugefügtem Schlusskapitel.

Aber auch Lukas schildert die Himmelfahrt Jesu nur am Rande, zentral ist sie bei ihm nicht. Viel mehr Platz nimmt bei ihm die Pfingstgeschichte ein, die Ausgießung von Gottes Geist auf die versammelte urchristliche Gemeinde. Himmelfahrt ist – ohne es abwertend zu meinen – eine Durchgangsstation von Ostern zu Pfingsten.

Die Ostergeschichten im neuen Testament sagen aus, dass Jesus nicht im Tode geblieben ist, sondern lebt. Sie betonen, dass der Gekreuzigte derselbe ist wie der Auferstandene. Ausdruck dieser Identität sind die Wundmale der Kreuzigung auch am Leib nach der Auferstehung. Auch wenn dieser Körper nach der Auferstehung ein anderer ist, so ist Jesus doch derselbe. Er begegnet nach seiner Auferstehung verschiedenen Menschen – bis zu seiner Himmelfahrt. Sie ist das Ende dieser Begegnungen. Die Himmelfahrt ist Sinnbild dafür, dass Jesus nicht mehr unter uns Menschen auf der Erden weilt. Im späteren Schluss des Markus-Evangeliums heißt es in bildhafter Sprache, „er setzte sich zur Rechten Gottes“ (Markus 16,19). Himmelfahrt ist Jesu Rückkehr zu Gott, seinem Vater.

Jesus ist bei Gott – dem Vater aller

Himmelfahrt ist die Erklärung dafür, dass Jesus nicht mehr in körperlicher Gestalt bei seinen Jüngern ist. Matthäus und Markus bemühen diese Deutung nicht, sondern beschließen ihr Evangelium mit Sendungsworten – sie stellen ein Vermächtnis und Auftrag dar, Jesu Botschaft in die Welt zu tragen. Ab da ist Jesus weiterhin bei seinen Jüngern, aber mit seinem Geist, für den es im Neuen Testament verschiedene Namen gibt, wie Tröster oder Beistand – oder „Heiliger Geist“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt. Mit diesem Geist, mit Jesu Geist, mit dem Heiligen Geist, – so glauben es Christen – ist Jesus auch heute noch unter ihnen. Im Geist, nicht leibhaftig ist Jesus heute gegenwärtig. Dieser Geist ermöglicht es Christen, Gott Vater zu nennen, weil Gott auch der Vater Jesu Christi ist.

Bildhaft kommt dieser Geist beim ersten Pfingstfest zu den Urchristen, durch den Geist ist Gott jetzt bei ihnen – bis zum heutigen Tage, so das biblische Zeugnis.

Himmelfahrt ist eine Erklärung dafür, dass Jesus nicht mehr auf der Erde ist. Himmelfahrt so verstanden findet sich zwar in den biblischen Berichten, ist aber keine zentrale Glaubensaussage. Entscheidend ist dagegen, dass Jesus bei Gott ist, den alle Menschen durch Jesus Christus auch Vater nennen können. So verstanden ist Himmelfahrt Vatertag – auch und gerade für Christen.

 

 

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4 Responses to Himmelfahrt: Papa, dir glaub ich gar nichts mehr!

  1. h.paul says:

    Ich glaube auch, wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir das, was aus der historisch-kritischen Forschung wichtig ist und wie ein erwachsener Glaube aussehen kann, nicht in unsere Gemeinden hineintragen. Dann gibt es solche einen Satz wie von deiner Tochter ganz schnell auch von erwachsenen Gemeindegliedern.

  2. Bernd Kehren says:

    Ich bekomme seit einiger Zeit doch arge Bauchschmerzen, wenn im Kindergottesdienst die alte didaktische Regel nicht eingehalten wird, dass in später liegenden didaktischen Spiralen nichts zurückgenommen werden muss.

    Das bedeutet für mich, dass ich die Himmelfahrt von Anfang an „gebrochen“ erzählen muss.
    Ich weiß nicht, wie dieser „himmlische Aufzug“ funktioniert hat.
    Dann darf ich es auch nicht so erzählen, als ob ich es wüsste, und als ob es das Selbstverständlichste der Welt sei.

    [Mal ganz abgesehen davon, dass („Sie hat im Religionsunterricht das Leben Jesu gelernt, von der Geburt im Stall eben bis zur Himmelfahrt. „) im NT auch nichts von einer Geburt im Stall steht. Einfach mal nachlesen. Wissen müsste man dazu, dass es nicht unüblich war, das Kleinvieh mit im Haus lebte – wobei das Haus so gebaut war, dass das Vieh nicht überall hin kam. Aber in manchen Häusern gab es eben durchaus eine Krippe als Inventar, genau richtig für ein neugeborenes Baby. Und „topos“ ist nicht zwangsläufig „Raum“, sondern eben auch „Ort“: „legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen ‚topos‘ in der Herberge…]

    Wir Christen wollen es gerne einlinig. Wir haben es nicht gelernt, mit den unterschiedlichen Sichtweisen der Bibel umzugehen, mit dem Rätselhaften. Alles wollen wir erklären können, auch das Unerklärbare. Alles muss eindeutig aufgehen, auch das miteinander Unvereinbare.

    Wir haben oft nicht genügend gelernt, mit der Bibel so umzugehen, wie wir sie haben, sondern nur noch mit der Bibel, wie wir sie uns in bestimmten Traditionen passend gemacht haben.

    Und gerade bei „Himmelfahrt“ wird diese Diskrepanz besonders greifbar.

  3. monalfredo says:

    Was ist „Die Präistenz des Gottessohnes“? Handelt es sich um eine offizielle Kürzungsvariante, oder hat sich der Autor vertippt?
    Gruß
    Alfred

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