Digitale Seelsorge: Nicht mehr ob, sondern wie

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Seelsorge ereignet sich im persönlichen Gespräch zweier Menschen, in diesem Sinne ist sie immer analog: Ein seelsorgliches Gespräch kann nicht auf eine Abfolge von Nullen und Einsen reduziert werden. Allerdings erfasst die Digitalisierung immer mehr Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der englische Begriff „cyberpsychology” beschreibt die psychologischen Herausforderungen durch Online-Interaktionen und die Möglichkeiten, im Web auch therapeutisch zu agieren. Auch die Seelsorge kann sich der Lebenswelt von Social Media und Internet öffnen. Sie muss es sogar, wenn sie nicht Menschen ausschließen will, deren Lebensbezüge durch Online-Kommunikationsformen geprägt werden. Digitale Seelsorge in diesem Sinne verstanden ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern sollte eigentlich zum Pflichtprogramm für Kirche und Diakonie gehören.

Das Internet ist nicht parochial wie die Kirche oder nach Zuständigkeitsbereichen gegliedert. Wer Internetseelsorge anbieten will, operiert weltweit und ist nur durch den Sprachraum beschränkt. Dies macht es schwierig, eine geeignete Trägerstruktur zu finden. Beispielsweise betreiben die Landeskirche Hannover und Rheinland Chatseelsorge.de, die Ratsuchenden kommen aber aus dem gesamten deutschen Sprachraum. Bei generell sinkenden finanziellen Ressourcen ist dies ein strukturelles Problem. Rechtlich und technisch muss bei Online-Seelsorge dem EKD-Datenschutzgesetz und dem Seelsorgegeheimnisgesetz Rechnung getragen werden. Es ist eine eigene Infrastruktur nötig, da soziale Netze wie Facebook diesen Standards nicht genügen.

Die Hemmschwelle, an der Tür des Pfarramtes zu klopfen und um ein seelsorgliches Gespräch zu bitten, ist hoch. Online-Seelsorge dagegen ist niederschwellig und eröffnet neue Kommunikationswege: Missbrauchsopfern – so eine Erfahrung aus der Chatseelsorge – fällt es häufig leichter, sich ihre Erfahrungen im Chat von der Seele zu tippen, als sich in einem face-to-face-Gespräch zu offenbaren. So liegt in der Kanalreduktion des Chats (der Seelsorger hört z.B. keine Stimme) eine seelsorgliche Chance – die erfahrene Seelsorgerin wird jedoch auch auf andere Kommunikationsformen achten wie die Tippgeschwindigkeit oder die Orthographie. Im Chat lassen sich entsprechend eingeleitet direktere Rückfragen stellen, die beim face-to-face-Kontakt verletzend wären. Ebenso ist die Hemmschwelle, sich emotional zu äußern, im Internet deutlich geringer: der schnelle Like-Klick auf Facebook, aber auch die Empörung auf Twitter zeigen dies. Online-Kommunikation ist also auch personale Kommunikation, jedoch folgt sie anderen Regeln. Um Online-Seelsorge anbieten zu können, müssen Seelsorgende die Umgangsformen des Netzes sicher beherrschen.

Wenn digitale Seelsorge ein komplementäres Angebot ist, können Ratsuchende sich die für sie passende Form des Kontakts und der Seelsorge aussuchen.

Hinweis: Dieser Text erschien unter dem Titel „Nicht mehr ob, sondern wie? Wie digitale Seelsorge gelingen kann“ in „diakonie unternehmen 2/2015“.

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2 Responses to Digitale Seelsorge: Nicht mehr ob, sondern wie

  1. Pingback: Seelsorge, Social Media und Schule | Θ TheoNet.de

  2. Malast says:

    Eine weitere Möglichkeit der Seelsorge bzw. der Trauerbewältigung kann auch die Nutzung von QR Codes an Grabsteinen sein. Hier bietet http://www.trauercode.com eine solche Dienstleistung an. In der heutigen Zeit eine moderne und auch sinnvolle Ergänzung, wie ich finde.

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