Frauenordination, weil vom Evangelium geboten

Talar

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Der Beschluss der  Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland, die Frauenordination abzuschaffen, hat in Deutschland zu großer Empörung geführt, eine Wiederkehr des Mittelalters wurde beschworen. Angst vor einer Rückkehr ins Mittelalter ist jedoch kein theologisches Kriterium, sondern der Beschluss ist falsch, weil er – so wie ich die Bibel gemäß reformatorischer Lehre verstehe – gegen das Evanglium verstößt.

Frauenordination? Kommt in der Bibel nicht vor. Schwule Pfarrer im Pfarrhaus? Gibt es in der Bibel auch nicht.  Aber wir finden in der Bibel Polygamie und Todesstrafe, trotzdem sieht keine Lebensordnung einer Kirche Polygamie vor oder hat die Todesstrafe im Kirchenrecht. Etwas ist theolgisch  nicht deshalb erlaubt oder deswegen verboten, weil es in der Bibel vorkommt oder eben nicht vorkommt, sondern die Frage lautet: Wie kommt in einer Frage das Evangelium zum Tragen?

Gerade als lutherische Kirche muss die lettische Kirche ihre Entscheidung, keine Frauen zu ordinieren, am reformatorischen Schriftverständnis messen lassen, nämlich „was Christum treibet“. Stand, Volkszugehörigkeit oder Geschlecht haben in der christlichen Gemeinde keine unterscheidende Bedeutung, wir sind alle eins in Christus (Gal 3,28), daher widerspricht es dem Evangelium, wieder Unterscheidungen einzuführen. Luther sagte, auch Konzilien können irren, das gilt mit Sicherheit auch für lutherische Synoden.

Vor fünf Jahren hatte ich für evangelisch.de einen Artikel zum reformatorischen Schriftverständnis geschrieben, die Argumentation ist leider nicht veraltet.

(Theologisch interessant finde ich auch Philipp Kurowskis Beitrag „Frauenordination ist evangelisch!“ – der nicht vom Schriftverständnis, sondern vom Heiligen Geist her argumentiert.)

Theologisch lässt sich die Reformation an zwei Punkten festmachen: an der Rechtfertigungslehre und dem Schriftprinzip. Die Rechtfertigungslehre ist die zentrale (Wieder-)Entdeckung Martin Luthers: Allein durch Gottes Gnade kann der Mensch allein aus Glauben vor Gott bestehen, diese Rechtfertigung geschieht allein durch Jesus Christus, oder griffiger auf Latein:

* sola gratia – allein durch die Gnade Gottes – das heißt vollkommen ohne eigenes Verdienst, denn vor Gott sind alle Menschen Sünder.
* sola fide – allein durch den Glauben – das heißt nicht durch das Vollbringen guter Werke, das Himmelreich lässt sich nicht erarbeiten.
* solus Christus – allein Jesus Christus – das heißt es gibt keinen anderen Heilsvermittler, auch die Kirche gewährt nicht das Heil.

Zu diesen inhaltlichen Bestimmungen, wie der Mensch vor Gott bestehen kann, korrespondiert das Formale: Nur die Heilige Schrift ist Grundlage des Glaubens.

* sola scriptura – allein die Bibel ist die Grundlage des Glaubens – das heißt die kirchliche Tradition ist keine Richtschnur für den Glauben.

Zirkelschluss: Christus und die Schrift

Die Rechtfertigungslehre bedingt das Schriftprinzip – und umgekehrt. So argumentiert Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms, als er zum Widerruf aufgefordert wird:

„Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Die heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes ist Richtschnur des Glaubens. Grund dafür ist, dass die Bibel bezeugt, dass allein Christus den Menschen allein aus Glauben allein durch Gnade rechtfertigt. Wer kritisch nachdenkt, sieht sofort, hier liegt ein Zirkelschluss vor: Jesus Christus ist unser Heil (das uns aus Gnaden durch den Glauben zuteil wird) – das ist das zentrale Zeugnis der Bibel. Die Heilige Schrift ist aber nur deshalb alleinige Grundlage unseres Glaubens, weil sie das Heil in Jesus Christus bezeugt.

Mit anderen Worten: die Rechtfertigungslehre ist die zentrale Aussage der Heiligen Schrift – und die Bibel ist allein unser Maßstab, weil sie diese Rechtfertigungslehre zum Inhalt hat. Die Bibel wird quasi durch die Brille der Rechtfertigung gelesen – das ist die große Schwäche, aber auch eine Stärke des reformatorischen Schriftverständnisses.

Andere Wege: Das Lehramt oder die Inspiration

Was wären die Alternativen? Stringent ist natürlich die katholische Position, gegen die sich die Reformatoren abgrenzen. Die kirchliche Tradition ist neben der Heiligen Schrift Grundlage und Norm des Glaubens. Das kirchliche Lehramt und letztlich die Unfehlbarkeit des Papstes sind die Folge, wenn man neben die Heilige Schrift noch die Kirche bzw. ihre Tradition stellt.

Ein anderer Weg geht, wer die Stellung der Bibel durch eine Inspirationslehre bestimmt. Die Bibel ist Richtschnur, weil sie von Gott inspiriert wurde und daher wortwörtlich Gottes Wort ist. Diese Position findet sich auch innerhalb des Protestantismus – allerdings bildet sich die Lehre der Verbalinspiration erst im 17. Jahrhundert heraus. Prägend wird sie für die angelsächsischen reformierten Kirchen. Die Lehre der Verbalinspiration ist entscheidend für den Fundamentalismusstreit in Nordamerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts und prägt die moderne evangelikale Bewegung in den USA.

Nicht das kirchliche Lehramt – wie in der katholischen Kirche – auch nicht eine als Bekenntnis definierte Inspirationslehre ist der reformatorische Schlüssel zum Verständnis der Bibel, sondern ein inhaltliches Kriterium. In seiner Vorrede auf das Neue Testament schreibt Luther 1522:

„Evangelion ist ein griechisches Wort und heißt auf deutsch: gute Botschaft, gute Märe [=Geschichte], gute, neue Zeitung [=Nachricht], … von dem man singt, sagt und fröhlich ist. … [Darin] stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben. Auch das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen: zu sehen, ob sie Christum treiben oder nicht.“

Wo kommt die gute Nachricht von Christus vor?

Luthers Prüfstein war das Kriterium, „was Christum treibet“ – das heißt: wo kommt das Evangelium vor? Hierzu ein Beispiel: Vom Jakobusbrief war Luther so enttäuscht, weil er eben nicht die Rechtfertigung aus Glauben, sondern den Vorrang guter Werke vertritt, dass Luther dieses biblische Buch eine „stroherne Epistel“ nennt. Aus der Bibel hat Luther den Jakobusbrief allerdings nicht verbannt, ihn jedoch ans Ende der Bibel verschoben.

Hier wird ganz deutlich: Nicht die Bibel ist Wort für Wort inspiriert, sondern sie muss aus folgender Perspektive gelesen und verstanden werden: Wo kommt die gute Nachricht von Jesus Christus vor?

Natürlich lässt sich das reformatorische Schriftprinzip nicht allein auf Martin Luthers Satz „Was Christum treibet“ reduzieren. Theologen kennen noch weitere Prinzipien der Bibelauslegung, die sie am griffigsten auf Latein zitieren:

Scriptura sui ipsius interpres bedeutet: die Bibel legt sich durch andere Bibelverse aus, um so ein biblisches Gesamtbild zu erhalten.

Sola scriptura – tota scriptura: allein die Schrift heißt auch die gesamte Heilige Schrift. Man darf sich also nicht nur Lieblingsverse bei Argumentationen herauspicken, sondern muss das gesamte biblische Zeugnis beachten.

Wichtig ist, in zentralen Punkten überein zu stimmen

Frauenordination? Schwule Pfarrer im Pfarrhaus? Das kommt in der Bibel nicht vor. Aber wir finden Polygamie und Todesstrafe in der Bibel. Etwas ist nicht deshalb erlaubt oder deswegen verboten, weil es in der Bibel vorkommt oder eben nicht vorkommt, sondern die Frage lautet: Wie kommt in einer Frage das Evangelium zum Tragen?

Die Bibel ist dabei ein Buch, das uns mit ihrer Botschaft in unserer Existenz betroffen macht und uns selbst in die Verantwortung ruft. Auf dem Reichstag zu Worms beruft sich Martin Luther auf die Bibel und sein Gewissen. Er selbst übernimmt die Verantwortung dafür, wohin ihn sein Gewissen durch sein Bibelverständnis führt.

Gerade wenn verschiedene Menschen die Bibel lesen und auslegen (und sich dabei noch auf ihr Gewissen berufen), kann es zu verschiedenen Interpretationen kommen. Die Reformatoren unterscheiden deshalb zwischen unwesentlichen und wesentlichen Glaubensaussagen und – formen. Wichtig ist, in den zentralen Punkten überein zu stimmen, dann darf durchaus Dissens in Nebensächlichkeiten bestehen.

Die Reformatoren hatten eine Mitte ihres Denkens: Allein Jesus Christus – allein die Schrift. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Eine Kirche, die sich evangelisch nennt, sozusagen den Evangeliumsbezug zu ihrem Markenzeichen macht, muss und darf sich allein auf die Bibel und das durch die Bibel bezeugte Evangelium stützen. Es geht dabei um nichts anderes als um die Gute Nachricht, denn das Evangelium – so Luther – ist zu aller erst etwas, das man gerne weitererzählt, das uns zum Singen bringt und uns fröhlich macht. Dies sollte man auch bei hitzigen theologischen Diskussionen nicht vergessen.

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11 Responses to Frauenordination, weil vom Evangelium geboten

  1. Sehr geehrter Ralf Peter Reimann,

    Wer sich so oft auf Luther beruft (und das auch noch völlig verzerrt, wie wir gleich sehen werden), sollte zumindest erwähnen, dass Luther gegen(!!!) Frauenordination war:

    http://thetruthinlove.net/martin-luther-on-women-pastors/

    —–Zitat——–

    ///sola scriptura – allein die Bibel ist die Grundlage des Glaubens – das heißt die kirchliche Tradition ist keine Richtschnur für den Glauben./////

    ———-Zitat Ende——-

    Das ist nicht „sola scriptura“, sondern „solo scriptura.“

    Sola scriptura bedeutet die Bibel ist die höchste Norm (norma normans), nicht die Einzige.

    Auch Bekenntnisse, Traditionen etc. können Normen sein, aber nur normierte Normen, nicht die Höchste.

    Zu Luther:

    Ihre Argumentation (die mich übringens auch nicht überzeugen würde wenn Luther richtig wiedergegeben würde) stützt sich auf aus dem Zusammenhang gerissenen Luther Zitaten.

    Eine wirklich seriöse Analyse der Schrifthaltung Luthers findet man hingegen u.a. bei dem Luther-Experten Armin Buchholz

    Er schreibt über die Schrifthaltung Martin Luthers:

    [Buchholz]

    „Die autoritative Dimension des Schriftverständnisses und der Schriftauslegung Luthers wurzeln in der Göttlichkeit der Schrift Gottes als einer von Gott, dem Heiligen Geist, hervorgebrachten Schrift, d.h. als einem Buch, dem die göttliche Autorität seines göttlichen Schöpfers zukommt. (…)

    Nicht von Menschen, sondern von Gott durch Menschen ist alles in der Schrift Gesagte gesprochen. Darum ist die Bibel, wiewohl als ganze im menschlichen Wort geschrieben, als ganze letztlich nicht Menschenwort, sondern Gotteswort; und darum auch lässt sich innerhalb der Bibel nicht zwischen Worten Gottes und bloß menschlichen Worten unterscheiden, geschweige denn scheiden. (…)

    Die Bibel ist für Luther also nicht etwa nur Gottes Wort nur weil und insofern sie Christum, das Evangelium bzw. die Rechtfertigungslehre treibet (…)

    Für Luther verhält es sich keineswegs so, dass ihr göttlicher Charakter nur auf bestimmte Schriftinhalte beschränkt wäre (…) alle Inhalte der Schrift sind für Luther Gottes Wort. (…)

    Als Gottes eigene Schrift hat die Bibel teil an dem Charakter ihres göttlichen Autors: Weil Gott nicht lügen, nicht zweifeln, nicht irren und sich selbst nicht widersprechen kann, deshalb ist auch seine Schrift in allen ihren Aussagen wahr und gewiss, ohne Irrtümer und ohne Widersprüche.

    (Aus Armin Buchholz: „Schrift Gottes im Lehrstreit“, TVG S. 273f)

    Luthers Schrifthaltung war, wenn man sie genau analysiert, sehr, sehr nah bei der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel.

    Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch folgender Link:

    http://www.lutherische-bekenntnisgemeinde.de/Luther%20Verbalinspiration.htm

    Und damit bricht ihre Argumentation vollends zusammen.

    Noch einige weitere Anmerkungen:

    ———Zitat———

    Frauenordination? Kommt in der Bibel nicht vor. Schwule Pfarrer im Pfarrhaus? Gibt es in der Bibel auch nicht. Aber wir finden in der Bibel Polygamie und Todesstrafe, trotzdem sieht keine Lebensordnung einer Kirche Polygamie vor oder hat die Todesstrafe im Kirchenrecht. Etwas ist theolgisch nicht deshalb erlaubt oder deswegen verboten, weil es in der Bibel vorkommt oder eben nicht vorkommt, sondern die Frage lautet: Wie kommt in einer Frage das Evangelium zum Tragen?

    ———–Zitat Ende———

    1. Zur Todesstrafe:

    Ist nach Römer 13 überhaupt nicht Sache der Gemeinde, sondern der weltlichen Obrigkeit.

    2. Zur Polygamie:

    Hat mit FO nix zu tun. Ist als Thema dennoch interessant.

    http://tinyurl.com/zz9uycb

    3. Homosexualität: Nee, das Thema mach ich jetzt nicht ausführlich auf. Daher auch nur als Link.

    http://www.theologische-links.de/downloads/sexualethik/homosexualitaet1.html

    4. Frauenordination steht nicht nur nicht in der Bibel, sie wird dort, wie Homosexualität, untersagt.

    Ich hab das hier mal etwas ausführlicher erklärt:

    https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=294423250898735&id=292517567755970

    sdg
    Marc

    • Ralpe says:

      Hallo Marc Dannlowski,

      danke für die Hinweise auf Luther.

      Hier eine kurze Antwort:

      Allerdings kann auch Luther irren (gerade was zum Beispiel das Verhältnis zu den Juden angeht), er nennt sich selber auch „armer stinkender Madensack“, und dass man darum die Kirche nicht lutherisch nennen sollte….

      Die Stelle, die Du (auf Englisch) als Beleg dafür zitierst, dass Luther Frauenordination ablehnt, spricht von „women, children, and incompetent people“ – in dieser Reihung kommt es auf die Fähigkeiten der theologischen Urteilsbildung an, dies trifft aber heute auf akademisch gebildete Theologinnen nicht zu – zu Luthers Zeit gab es aber leider keine studierten Frauen, wie es sie heute gibt.

      In der theologischen Urteilsfindung gilt für mich: Schrift, Bekenntnis – und dann die Reformatoren und Kirchenväter etc. In der Confession Augustana steht „rite vocatus“ – also keine Einschränkung der Ordination aufs männliche Geschlecht.

      Ein Blogpost – oder ein Artikel auf evangelisch.de – ist keine wissenschaftliche Arbeit, allerdings war mir wichtig herauszuarbeiten, dass ein hermeutischer Zirkelschluss bei Luther vorliegt. Das Evangelium – die Rechtfertigungslehre – ist das Zentrum aus der Schrift, dieses wird durch die Schrift bezeugt. Wo diese Zeugnis nicht klar wird, kritisiert Luther die Schrift, so wie im Bezug auf den Jakobus-Brief. Also um der Mitte der Schrift willen auch Kritik an der Schrift, die Frage ist daher, was für uns die Mitte der Schrift ist. Für die Reformatoren ist das Christus – und seine Verkündigung – und nicht das Amt, das ihn verkündigt.

      • Vielen Dank für deine Antwort.

        ———Zitat—————

        Allerdings kann auch Luther irren (gerade was zum Beispiel das Verhältnis zu den Juden angeht), er nennt sich selber auch „armer stinkender Madensack“, und dass man darum die Kirche nicht lutherisch nennen sollte….

        ———Zitat Ende——

        Ob Luther Recht hat oder nicht, ist für mich an der Stelle erstmal sekundär.

        Mich stört vielmehr, dass in EKD Texten und auch von Bischöfen Luther einfach Pro Frauenordination zitiert wird, ohne zu erwähnen, dass er dagegen war.

        Das kommt so rüber als wäre Luther in der Frage auf der Seiten der EKD. Ist er aber nicht.

        Wenn man sich von ihm distanzieren möchte kann man das ja tun und sollte es theologisch-exegetisch(!) begründen.

        Aber einfach zu tun als sei Luther selbstverständlich für Frauenordination gewesen ist mMn. unredlich.

        ——–Zitat——–

        Die Stelle, die Du (auf Englisch) als Beleg dafür zitierst, dass Luther Frauenordination ablehnt, spricht von „women, children, and incompetent people“ – in dieser Reihung kommt es auf die Fähigkeiten der theologischen Urteilsbildung an, dies trifft aber heute auf akademisch gebildete Theologinnen nicht zu – zu Luthers Zeit gab es aber leider keine studierten Frauen, wie es sie heute gibt.

        —-Zitat Ende——

        Es sind schon deutlich mehr Stellen bei Luther auf die sich Dr. Greg Lockwood in dem Englischen Text bezieht.

        Und Luther argumentiert keineswegs mit fehlender Bildung bei Frauen, sondern mit den einschlägig bekannten Bibelstellen die ausschließlich Männer für das gemeindeleitende Lehramt vorsehen.

        ——-Zitat————–

        Ein Blogpost – oder ein Artikel auf evangelisch.de – ist keine wissenschaftliche Arbeit, allerdings war mir wichtig herauszuarbeiten, dass ein hermeutischer Zirkelschluss bei Luther vorliegt. Das Evangelium – die Rechtfertigungslehre – ist das Zentrum aus der Schrift, dieses wird durch die Schrift bezeugt. Wo diese Zeugnis nicht klar wird, kritisiert Luther die Schrift, so wie im Bezug auf den Jakobus-Brief. Also um der Mitte der Schrift willen auch Kritik an der Schrift, die Frage ist daher, was für uns die Mitte der Schrift ist. Für die Reformatoren ist das Christus – und seine Verkündigung – und nicht das Amt, das ihn verkündigt.

        ——-Zitat Ende——

        Luthers Kritik am Jakobusbrief hängt damit zusammen, dass ihm die römisch-katholische Kirche diesen Brief ständig vorgehalten hat als vermeintlichen Beweis gegen die reformatorische Rechtfertigungslehre.

        Luthers Fehler war teilweise zu glauben Rom würde sich zu Recht auf Jakobus berufen. Deshalb, wegen einer falschen Exegese, bekam er Probleme mit dem Brief.

        Letztlich hat er ihn aber in Bibel gelassen und diesen Kanon hat Luther nie wirklich kritisiert.

        Man darf hier übrigens auch Luthers anfängliche Kanonkritik nicht mit Bibelkritik verwechseln.

        In der Reformation wurde anfangs überprüft welche Schriften wirklich in den Kanon gehören und welche nicht.

        Im AT kam es dann ja auch zu Unterschieden zwischen Rom und der Reformation.

        Luther hat aber nie „um der Mitte der Schrift willen auch Kritik an der Schrift“ geübt.

        Ergänzend zu der Dissertation von Buchholtz (bei dem ich da auch noch viel mehr zitieren könnte) ein Zitat von E. Schnabel:

        [Schnabel]

        So ist auch das Prinzip „was Christum treibet“ kein bibelkritisches Prinzip. Luther war völlig davon überzeugt , dass die ganze Schrift überall nur von Christus handelt .

        H. Bornkamm hat das durch seine Studie „Luther und das Alte Testament, Tübingen, 1948“ bestätigt.

        Wenn nun Luther Christus überall in der Schrift sah, ist es schlichtweg falsch zu sagen, er halte nur die christologischen Teile für verbindlich und unfehlbar, (…)

        (E. Schnabel, Inspiration und Offenbarung, TVG, S. 205.)

        Der Punkt der mich jetzt aber noch besonders ärgert ist, dass du Luthers Sichtweise gegen die Lehre der Verbalinspiration stellst.

        Erneut ergänzend zu Buchholtz und Roland Sckerl dazu ein Zitat von H. Sasse:

        [Sasse]

        Der Satz von der absoluten Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift auch in Dingen, die den Glauben nicht berühren , scheint in Luther eine eindrucksvollen und autoritativen Vertreter zu haben. Es ist nicht schwer nachzuweisen, dass er sich auch für die Richtigkeit der historischen Angaben der Bibel auf die unbedingte Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift als des wahrhaftigen, unfehlbaren Gotteswortes beruft.

        (H. Sasse „ Was sagt uns Luther über die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift?“)

        Ich fasse zusammen:

        1. Luther hat die Bibel nicht mit einer vermeintlichen „Mitte der Schrift“ kritisiert.

        2. Luther hat eine Verbalinspirationslehre vertreten die ganz nahe bei der späteren Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel ist.

        3. Daher ist es auch nur konsequent, dass Luther gegen Frauenordination war.

        4. Wenn man das anders sehen möchte, dann kann man sich eben nicht auf Luther berufen, sondern muss gegen seine Schrifthaltung und gegen seine Sichtweise zur Frauenordination argumentieren.

        sdg
        Marc

        • Ralpe says:

          Hallo Marc,

          richtig, es geht ums Schriftverständnis.

          Die Lehre der Verbalinspiration findet sich nach meiner kirchengeschichtlichen Kenntnis erst in der protestantischen Orthodoxie, also nach Luther.

          Innerhalb der protestantischen Bekenntnisschriften findet sie sich nur in der Westminster-Konfession, einer späten Bekenntnisschrift (vgl. http://www.evangelisch.de/inhalte/103875/28-02-2011/die-westminster-konfession-gott-als-autor ), die im angelsächsischen Raum große Bedeutung erlangte, aber nicht in Kontinentaleuropa.

          Das Schriftverständnis in der Schrift zu begründen, ist immer auch ein Zirkelschluss.
          Wenn ich die Inkarnation ernst nehme, dass Gott Mensch wurde, dann begegnen mir in Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch, der allmächtige Gott wird ein ohnmächtiges Kind in der Krippe, schwach, verwundbar, ja sogar sterblich. Dann brauche ich auch nicht die Bibel als reines Goteswort zu überhöhen, sondern es findet sich auch Menschenwort in ihr.

          Dann begegnen mir in der Schrift, die diesen Jesus als Christus bezeugt, Gottes- und Menschenwort.

          Die Schrift im Sinne der Verbalinspiration zu verstehen, nimmt in meinen Augen die Inkarnation nicht ernst. Oder, in theologischer Terminologie: Verbalinspiration kann zu Doketismus führen, wenn man die Menschlichkeit der Schrift nicht sieht.

          • Hallo,

            ———-Zitat——–

            Die Lehre der Verbalinspiration findet sich nach meiner kirchengeschichtlichen Kenntnis erst in der protestantischen Orthodoxie, also nach Luther.

            ——-Zitat Ende———-

            Ich kann nur wiederholen, dass das so nicht stimmt. Die Bücher und Links zu Luthers Schrifthaltung habe ich oft genannt.(Buchholtz, Sckerl etc.) Auch bei Calvin finden wir eine derartige Inspirationlehre.

            Zum Schriftverständnis:

            Wir können das tatsächlich nur aus der Schrift selbst begründen. Eine höhere Autorität haben wir nicht. Die Schrift selber zeigt wie sie verstanden werden will:

            https://bibelbund.de/2015/06/die-bibel-das-wort-gottes/

            Den befürchteten Doketismus vermeiden Luther und die Chicago Erklärung. Die Bibel ist Gottes Wort und menschliches Produkt aber ohne Widersprüche und Irrtümer, wie Christus ganz Mensch ist aber ohne Sünde.

            Christustreue ist nur durch Bibeltreue zu haben. Anders haben wir Jesus nicht. (Auch noch im Sakrament, aber das ist ja im Grunde auch Wort.)

            http://www.bernhard-kaiser.homepage.t-online.de/downloads/bibeltreueundchristustreue.pdf

            sdg
            Marc

        • Ralpe says:

          Bin gestern noch darauf gestoßen, was Präses Manfred Rekowski bei der internationalen Konferenz von Laienpredigerinnen und Laienpredigern gesagt hat:

          „Das ist eine Betonung des „Priestertums aller Getauften“, weil allen Getauften der Weg zur Ordination möglich ist. Die Ordination von Frauen ist ein unverzichtbares Element dieses einen Dienstes.“

          Ganzer Text: http://www.ekir.de/www/downloads/20160615_PT_Laienprediger_Kurzvortag_Praeses(1).pdf

  2. don2alfredo says:

    Danke für die Wiederaufnahme dieser guten Darstellung! – Nichts gegen das Schriftprinzip, aber in folgendem Satz kommt „aus der Bibel“ einmal zu viel vor: „Aus der Bibel hat Luther den Jakobusbrief allerdings nicht aus der Bibel verbannt, ihn jedoch ans Ende der Bibel verschoben.“ 🙂

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