Refugees Reporting: Diese Stimmen müssen gehört werden

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Zurzeit führen CCME und WACC Europe eine Studie zur Medienberichterstattung über Flüchtlinge durch. Als WACC-Vertreter durfte ich vorgestern an einer Konsultation zu dieser Studie teilnehmen. Die Ergebnisse der Studie werden am 16. November in Brüssel vorgestellt. Beim Treffen ging es darum, die vorläufigen Ergebnisse dieser Medienuntersuchung mit Journalistinnen, Journalisten und Flüchtlingen zu interpretieren und Folgerungen daraus zu ziehen.

Die Medienuntersuchung in acht europäischen Ländern (Ankunfts-, Durchgangs- und Bleibeländer) soll Tendenzen in der Berichterstattung über Flüchtlinge aufzeigen. Dazu wurde beispielsweise die Wortwahl analysiert, sprechen die Medien von Flüchtlingen, Migranten, illegalen Migranten oder Asylbewerbern? Berichten sie über Flüchtlinge oder geben sie Flüchtlingen die Gelegenheit, selbst zu Wort zu kommen? Auf welche Themen konzentriert sich die Berichterstattung: Integration, Kriminalität, Gesetzgebung oder Arbeitsmarkt?

Neutrale Berichterstattung oder Fürsprache

Braucht es Guidelines für die Berichterstattung? Diese Frage lässt sich nur für einzelne Länder beantworten. In Deutschland gibt es den  Pressekodex , in Italien die  Carta di Roma , während es beispielsweise in Frankreich keine verbindlichen medienethischen Richtlinien gibt. In der Diskussion kam es bald zur Frage nach der Rolle und dem Ziel der Medien: Berichterstattung oder Fürsprache („reporting or advocacy“)? Vertreterinnen und Vertreter der Flüchtlingsnetzwerke sahen die Chance, über die Medien ihre Anliegen zu verbreiten und beklagten, dass rechtsextreme Parteien wie beispielsweise die „Wahren Finnen“ über die Medien eine weitere Plattform für ihren Hass bekämen. Eine Medienvertreterin entgegnete, als Journalistin müsse sie auch darüber Bericht geben, was rechtsextreme Politikerinnen oder Politiker sagen, auch wenn sie sich als Bürgerin und Mensch dessen schäme, was sie berichten müsse.

Geflüchtete zu Wort kommen lassen

Wie kann man die Stimmen der Flüchtlinge stärken, dass sie Subjekt und nicht Objekt der Berichterstattung sind? Der Schutz von Persönlichkeitsrechten und die Absicht, Empathie für die Anliegen von Flüchtlingen zu wecken, stehen dabei manchmal in einem Widerspruch. Flüchtlingsorganisationen haben in den Camps bei Calais unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vor den Medien abgeschirmt, so dass in der britischen Presse über erwachsene Männer berichtet wurde und unbegleitete Minderjährige ausgeblendet wurden. Das Bild erwachsener Migranten wurde so transportiert und dominierte die öffentliche Wahrnehmung in Großbritannien.

Ein wichtiges Anliegen besonders für Vertreterinnen der Flüchtlingsnetzwerke ist es, der Marginalisierung weiblicher Flüchtlinge entgegenzuwirken. Aber auch hier gibt es ethische Konflikte. Ein Fotograf berichtet, wie er Vertrauen aufgebaut hatte und von Frauen in einer Flüchtlingseinrichtung die Erlaubnis erhielt, sie abzulichten. Als deren Männer davon erfuhren, untersagten diese ihm die Veröffentlichung der Fotos. Die Bilder veröffentlichen und so den Frauen Sichtbarkeit geben oder die Veröffentlichung zurückzustellen, um die Frauen zu schützen? Aufgrund schlechter Erfahrungen mit Medien schirmen NGOs oft Flüchtlinge vor diesen ab, doch wie können dann Presseleute authentische Stimmen einfangen und so Geflüchtete für sich selber sprechen lassen?

Medienstrategie für Flüchtlingsnetzwerke

Ein Fazit: man müsse Vertrauen zwischen Medien und Flüchtlingsnetzwerken aufbauen. Aus der Frage, wie dies gehen könne, entwickelte sich schnell eine Diskussion, wie eine Medien- und Kommunikationsstrategie für Flüchtlingsnetzwerke aussehen könne. Gerne gaben die Medienvertreterinnen und -vertreter dazu Tipps aus ihrer Perspektive. Nicht nur Seminare für Journalistinnen und Journalisten sind notwendig, sondern auch Medientrainings für Vertreterinnen und Vertreter der Flüchtlingsnetzwerke.

Wichtige Stimmen

In der Abschlussrunde betonte eine Journalistin: In Europa gebe es keine Flüchtlingskrise, die Krise gebe es in der Türkei, im Libanon, in Somalia, aber es gebe in Europa Geflüchtete, die ihre Geschichten zu erzählen haben. Und eine Vertreterin eines Flüchtlingsnetzwerkes richte ihre Bitte an die Vertreterinnen und Vertreter der Medien, besonders die geflüchteten Frauen in den Blick zu nehmen, damit sie nicht auch noch in den Medien marginalisiert werden.

Ich war beeindruckt vom Engagement der Journalistinnen und Journalisten, die zur Konsultation gekommen waren. Am meisten hat mich jedoch bewegt, wie gut und wie schnell die bei der Konsultation anwesenden Flüchtlinge in Europa angekommen sind. Sie sprechen nicht nur die Sprache ihres Herkunftlandes, sondern auch die Sprache ihres neuen Landes und diskutierten in Englisch  auf Augenhöhe mit Medienprofis im internationalen Pressezentrum in Brüssel. Solche Stimmen müssen und werden gehört werden.

 

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