Gamescom: Lasset das Klagen!

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Die Hallen der Koelnmesse sind voll, es dröhnt aus den teilweise abgedunkelten Hallen. Riesige Leinwände, das Publikum reicht vom Teenie-Alter bis zu mittleren Jahrgängen. Gamescom heißt der Event, der über eine Viertel Million Besucher in die Domstadt bringt.

Im Entertainment-Bereich, der allen Interessierten offen steht, bilden sich Menschentrauben um meterhohe Projektionsflächen, auf denen die Besucher mit- und gegeneinander ihre Lieblingsspiele spielen. Wer Zuhause auf Konsolen oder am PC spielt, kann hier in den Menschenmassen aufgehen.

In der Business-Area, die nur Fachbesucherinnen und -besuchern offensteht, zeigt sich, wer hinter den Spiele-Produktionen steht. Für Kinofilme reicht die Verwertungskette auch bis zum Konsolenspiel, folglich findet man z.B. auch Warner Bros. unter den Ausstellern.

Die Stimmung ist gut, einige haben sich als Charaktere aus der Online-Spiele-Welt verkleidet.

Mir kommt die Erinnerung an den Kirchentag 2007 in Köln, der auch in den Deutzer Messehallen stattfand. Allerdings ist bei der Gamescom der Altersdurchschnitt deutlich jünger und die Hallen sind noch voller. Sowohl Kirchentag als auch Gamescom stellen eine eigene Welt dar – allerdings sind diese Welten sehr unterschiedlich

In den elektronischen Spielen taucht man in eine jeweils eigene Welt ein, man kann sie sich aussuchen, die Möglichkeiten sind nur durch den Markt beschränkt, der immens ist.

Was ist das Faszinierende an den einzelnen Spielen? Was beflügelt mich, mir ein bestimmtes auszusuchen, mit dem ich dann viel Zeit verbringe? Die gekonnte Gestaltung virtueller Wirklichkeit mag dabei ein gewichtiger Faktor sein, hochauflösende Grafik lässt vergessen, dass es nur eine elektronische Realität ist.

Beim Gang durch die Hallen habe ich bei den Spielen keinen religiösen Content gesehen. Ich will jetzt nicht lamentieren und klagen, so wie es der EKD-Beauftragte tut, dass im TV zu wenig Kirche vorkommt (wobei er ja durchaus der Sache nach Recht hat), sondern überlegen, woran es liegen kann.

Ich war an der Entwicklung des letztes EKD-Online-Spieles http://spiel.calvin.de im Kirchenamt beteiligt – es stammt von 2009. Didaktisch und auch vom Content her, ist es sicher hochwertig. Allerdings war das Budget so gering, dass eine Realisierung in einer Technik, die die Attraktion von Online-Spielen auch 2009 ausgemacht hätte, nicht möglich war.

Ich will nicht klagen, sondern es geht zunächst ums Wahrnehmen. Man mag kirchliche Präsenz bzw. fehlende Präsenz in den Medien beklagen, dabei ist aber in der Regel Print, Rundfunk, Film oder Internet Gegenstand der Betrachtung. Spiele sollten wir aber auch in den Blick nehmen, sie führen zu einem intensiveren Erleben als die klassischen und elektronischen Medien. Welches Budget und Engagement sind sie uns wert?

Ich besuchte die Gamescom mit einem Kollegen einer christlichen Jugendorganisation aus Finnland und diskutierte diese Fragen auch mit ihm. Er erzählte, wie auf Spiel-Events in Finnland (natürlich bedeutend kleiner als die Gamescom), die Kirche Ruheräume und Gesprächsmöglichkeiten anbietet. Sie ist präsent, wo Spielerinnen und Spieler sind. Ein Modell für uns? Statt zu klagen, kann man etwas tun.

 

PS (28.8.2012): Bin erst spätr auf diesen Beitrag gestoßen, der die Probleme (aus Sicht von Hindus) aufzeigt, wenn religiöse Charaktere in Spielen vorkommen: http://www.ign.com/articles/2012/07/03/should-we-keep-religion-out-of-games

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6 Responses to Gamescom: Lasset das Klagen!

  1. Finde ich interessant. Mich beschäftigt das auch schon lange, ein Freund von mir betreibt eine Firma mit Online-Sportspielen, so dass mir das Umfeld nicht unbekannt ist.
    Ich habe immer mal versucht, über den KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) mal Kontakte zu Software-Herstellern usw. zu bekommen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Erfolglos bisher. Letztens habe ich erfahren, dass die Firma BlueByte, welche die Siedler-Spiele geschaffen hat, in Düsseldorf ansässig ist. Ich wollte unseren KDA-Leuten schon mal vorschlagen, ob wir Kontakt dahin aufnehmen und einen Betriebsbesuch 2013 versuchen dort zu machen. Könnten wir auch mit den rheinischen Internetmenschen zusammen angehen, Interesse?

  2. Juha Kinanen says:

    Die virtuelle Kinderkirche

    Die virtuelle Kinderkirche ist eine interaktive, virtuelle Kirchenwelt der evangelisch-lutherischen Kirche in Finnland, die Kindern zwischen 6 und 12 Jahren die Grundlagen des christlichen Glaubens näher bringen möchte. Seit ihrer Eröffnung im Januar 2009 hat sie bereits 17 000 registrierte Benutzer und täglich besuchen ca. 2500 grosse und kleine Gäste das Portal.

    Das Kirchenschiff lädt dich ein, in die Stille einzutauchen und zur Ruhe kommen, eine Kerze anzuzünden oder auch an einem Gebet teilzunehmen. Du kannst Geschichten aus der Bibel hören oder lesen oder gar mit deinen eigenen Kunstwerken die Geschichten illustrieren. Auf der Empore hast du die Möglichkeit Orgel zu spielen oder den anderen beim Musizieren und Singen zuzuhören. Im Kirchturm kannst du die verschiedenen Klänge und Harmonien der Glocken ausprobieren und auf dem Friedhof Blumen auf ein Grab legen und dort eine Kerze anzünden.
    Die Krypta eröffnet dir mit Spielen, Malaufgaben und Zusammensetzspielen die Welt der christlichen Symbole. Die Jukebox hält eine Sammlung von christlichen Liedern mit fetziger Begleitung für dich bereit und auf dem Videoscreen warten unter anderem Musikvideos und Marionettentheater auf dich.

    In der Kinderkirche bewegst du dich mit deinem virtuellen Alias, dessen Aussehen du frei gestalten und ändern kannst. Mit den anderen Kindern verständigst du dich durch smileys und mit vorgegebenen Sätzen, mit ein wenig Phantasie schaffst du es auch mit anderen Verstecken, Fangen oder andere Spiele zu vereinbaren.

    Auch die Kinderkirche folgt dem Kirchenjahr; die liturgischen Farben und die Anzahl Kerzen auf dem Altar wechseln je nach der Zeit im Kirchenjahr und ob gerade ein besonderer Feiertag ist. Besonders beliebt war der virtuelle Adventskalender, hinter dessen Fenstern jeden Tag im Advent ein neues Spiel, eine neue Aufgabe oder ein Video zum Vorschein kam. Im Dezember 2009 wurde der Adventskalender mehr als 70 000 mal geöffnet.

    Kommende Ostern wird in der Kinderkirche der erste Gottesdienst in Realzeit gefeiert und in Entwicklung befindet sich auch eine virtuelle Sonntagschule.

    In der Kinderkirche gibt es auch Seiten die sich an Erwachsene richten, sie enthalten besonders Materialien für die christliche Erziehung im Kindergarten und für den Religionsunterricht in der Grundschule.

    Die Kinderkirche findet man unter http://www.lastenkirkko.fi. Beim Eintritt wird man aufgefordert, sich zu registrieren und sein virtuelles Alias zu erstellen.

  3. FM says:

    Neben der fehlenden Präsenz der Kirchen, die aus meiner Perspektive auch durchaus wünschenswert wäre (in welcher Form auch immer), stellt sich glaube ich noch eine weitere Frage. Du schreibst: „Beim Gang durch die Hallen habe ich bei den Spielen keinen religiösen Content gesehen.“ Das halte ich fast für unmöglich, auch wenn ich selbst bei der Gamescom nicht war. Sicher – kirchlichen (!) oder spezifisch christlichen Inhalt mag man nicht finden.

    Ich glaube aber, dass es wichtig ist hier zu differenzieren. Denn nur dann kann man wahrnehmen, dass in vielen Computerspielen Dinge verarbeitet und angeboten werden, die sonst aus Religion und Kirche kommen. daraus folgt: Ein religiöses Bedürfnis ist in irgendeiner Form da, und es muss gestillt werden. Ich denke, vor allem Transzendenz und die Erlösersymbolik spielen in vielen Computerspielen eine wichtige Rolle. Es wäre durchaus interessant, sich das mal genauer anzuschauen. Und es wäre m. E. auch ein sehr guter Anknüpfungspunkt für Kirche und Gemeinden.

    Viele Grüße!

    • Ralpe says:

      Hallo FM,

      danke für den Kommentar. Erlösersymbolik und Transzendenz (Erschafft sich der Spieler eine eigene Welt und ist so deren Schöpfergott?) sind sicher Themen, über die sich das Nachdenken lohnt. Meine Anmerkung zu kirchlichen Inhalten bezog sich darauf, dass z.B. keine Kirchen in Spielen vorkommen, wo man sich Städte btw. Dörfer konstruiert. Aber wie in der Überschrift gesagt, ich will nicht klagen, sondern zuerst wahrnehmen.

  4. Ralpe says:

    Diesen Kommentar bekam ich von Alexander Ebel über Google+

    „Ich hab‘ da vor zehn Jahren mal was geschrieben … hier noch zu finden: http://www.livenet.de/neuigkeiten/ethik_und_gesellschaft/104914-macht_und_kontrolle_ueber_eine_eigene_welt.html

    „Kirchen verpassen seit Jahren Chancen“ heißt dort der letzte Abschnitt des 2002 verfassten Artikels. Erschreckend, wie wenig sich in den zehn Jahren geändert hat.

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