Brand Experience: unsere neue Religion?

Stop Praying

„Stop Praying“

„Hör mit dem Beten auf!“ – „Performanz ist unsere Religion“ – so begrüßt die Besucher ein Plakat über der Eingangstür. „Stop praying. God’s too busy to worry about your Digital Marketing, Our Religion is performance.“ So wirbt ein Aussteller auf der dmexco, der größten europäischen Messe für digitales Marketing. Werbung bedient sich religiöser Sprache. Das ist nichts Neues. Aber es geht noch einen Schritt weiter: „brand experience“ wird selbst zur Religion – Marken vermitteln Erfahrungen, die vormals der Religion vorbehalten waren.

Die religiöse Überhöhung von Marken wurde einmal mehr beim Tode von Steve Jobs deutlich, Apple ist meine Religion und Steve Jobs mein iGod. Und wenn dieser stirbt, kommt er in den iHeaven.

Der Focus auf Apple lenkt davon ab, dass „brand experience“ natürlich auch für andere Marken gilt, auch wenn Apple ein Meister der Zelebration von Markenbewusstsein und Markenerfahrung ist.

Werbung und Religion zu Verknüpfen, ist – theologisch gesprochen – kein Sündenfall per se. Diese Verbindung kann auch helfen, klarer zu sehen, welche Funktion Religion in unserem Alltag haben kann. (Theologen und Theologinnen diskutieren ausgehend von Dietrich Bonhoeffer, ob man das Christentum als Religion verstehen darf oder das Christentum religionslos ist – aber das ist ein anderes Thema.)

Vor diesem Hintergrund habe ich mit Interesse den Vortrag „The Truth about Marketing 3.0“ von Marketing-Guru Nick Brien gehört. Die Halle ist voll bis auf den letzten Platz, ich höre Gospel-Musik und verfolge an einem Bildschirm vor der nur spaltbreit geöffneten Tür den Vortrag. Wüsste ich nicht, dass ich auf einer Werbemesse bin, ich könnte mich in einer amerikanischen Megachurch wähnen. Wahrheit und Erfahrung sind Schlagworte, die ich von Beispielen untermauert immer wieder höre. Dazu emotionale Musik, die von den eingespielten Werbetrailern stammt. Die Predigt beginnt, hier einige Zitate:

We live in an age of information, emotion and participation.

The authenticity of brand experience is butil on trust.

We are in an age of transparency. Truth transcends evil, but tell the truth well.

When people care, they share.

Brands should have a purpose

Dann präsentiert Nick Brien Studien, so besagt ein:  „Brands will have more power than government and the media.“ – und man könnteergänzen, Marken werden mehr Einfluss besitzen, als die Regierung, die Medien – und natürlich als die Kirchen und die Religion.

Damit wir nicht beim Kapitalismus pur stehen bleiben, müssen Marken auch Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Wenn Marken – und damit Unternehmen –  in bestimmten Bereichen an die Stelle des Staates und der Medien  treten – haben sie auch eine Verantwortung. Google entscheidet weltweit, was wir finden und welche Informationen verbreitet oder gesperrt werden, daraus resultiert eine Verantwortung für die Gesellschaft. Nick Brien meint, „it is not acceptable to  build value for yourself only,  brands must build value for society, too.“

Marken führen zu Erfahrungen, das hippe Gadget, die einfache Suche, der weltweite Informationszugang. Marketing erzählt die Geschichten dazu. Wenn Marken etwas Gutes für die Gesellschaft tun,wird dies zum Bestandteil der „brand experience“. Solche Marke zu nutzen, bedeutet Gutes zu tun.

Eine positive „brand experience“  zu schaffen, ist der Schlüssel für erfolgreiches Marketing. Soziale Netze transportieren dann diese Erfahrungen, die wir jeden Tag machen. Solches Marketing kann nur gelingen, wenn die zu Grunde liegenden Erfahrungen auttisch sind, nur dann werden sie geteilt.

The Truth about Marketing 3.0, die Wahrheit über Marketing 3.0: Menschen machen positive Erfahrungen mit Marken und geben diese in sozialen Netzen weiter. Dies gelingt dann, wenn Marken auch für Werte stehen.

Viel, was Nick Brien über Marken und „brand experience“ sagt, lässt sich auch auf Religion und religiöse Erfahrung übertragen. Von welchen religiösen Erfahrungen – Geborgenheit, Sinnerfahrung, Liebe – werden Menschen angerührt, dass sie diese Erfahrungen in sozialen Netzen teilen wollen? Welche religiöse“Marken“ bauen wir dazu auf?

PS: Das ist ein etwas verspäteter Blogartikel zur dmexco2012

PPS: Auf der dmexco-Website gibt es ein offizielles Video, das aber (wahrscheinlich aufgrund der Musik in den Trailern) von der GEMA blockiert wird, daher habe ich obiges Video verlinkt.

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5 Responses to Brand Experience: unsere neue Religion?

  1. Max says:

    Ein wirklich interessanter Text. Ich kann dazu nur so viel sagen, dass die Welt sich immer wieder selber beeinflusst und bestimmt. Es wird immer ein fiktives Bild gezeigt und versucht dem Menschen das und nicht ein anderes zu verkaufen. Im meine die Aussage „Stop praying. God’s too busy to worry about your Digital Marketing, Our Religion is performance.” stimmt schon in einer gewissen Art und Weise. Warum sollen wir beten, wäre es nicht sinnvoller zu handeln? Na ja nicht destotrotz sind es eben Medien die unser Handeln unsere Sinneswahrnehmungen, einfach den Menschen vermitteln. Könnte noch zu dem Beitrag ein wirklich tolles Buch empfehlen, dass sich mit Medien und ihrer Teilhabe am Menschlichen auseinandersetzt: http://www.frieling.de/katalog/archive/medien-oder-die-teilhabe-am-menschlichen?backto=1

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  4. Interessanter Text, interessante Frage.. Subjektiv, aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen: Die „Marke“ könnte sein, als Gesprächspartner ehrlich und authentisch und nicht aufdringlich zur Verfügung zu stehen. „Unsere“ Inhalte werden über die Person vermittelt und unser Medium ist eine klare Sprache. Mehr dazu hier: http://www.matthias-jung.de/Historie.html

    • Ralpe says:

      Danke für den Kommentar. In der Analogie wäre wahrscheinlich „evangelisch“ die Marke. Frage: Welche „experience“ kann der/die „Kunde/Kundin“ damit verbinden?

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