Soziale Netzwerke durchdringen alle Bereiche des Lebens, nichts wird ausgespart, Freude und Leid, Spaß und Ernst, Leben und Tod. Und auch die Religion hat ihren Platz, allerdings wird religiöse Online-Kommunikation in der Regel von der Netzcommunity in Deutschland eher wenig wahrgenommen.

Dies zeigte sich jüngst bei der Beschneidungsdebatte: das wurde in den meinungsführenden Print-Medien ganz anders diskutiert als von der Netzcommunity mit ihren Blogs, da die deutsche Internetgesellschaft eher atheistisch als kirchlich geprägt ist. In Print-Medien kamen vielfach Vertreter der Kirchen zu Wort, die etwa das Recht auf Beschneidung auch aus der deutsch-jüdischen Geschichte ableiten und das Recht auf religiöses Selbstbestimmung stark machten. In vielen Online-Beiträgen dagegen stellten Blogger vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes in den Vordergrund. Die religiöse Perspektive spielte hier nur eine rudimentäre Rolle.
Ist diese vereinfachende, holzschnittartige Beobachtung verallgemeinerbar?
Schauen wir auf die als internetaffin bekannte Piratenpartei, so kann man feststellen, dass es zumindest einen Zusammenschluss von Christen – wie bei den anderen Volksparteien auch – auch bei den Piraten gibt [http://wiki.piratenpartei.de/Christen_in_der_Piratenpartei], sie bemühen sich darum, auch innerparteilich auf einen Abbau von Vorurteilen oder schlichtweg Unwissenheit gegenüber dem Christentum hinzuwirken. Ein solcher Zusammenschluss kann aber wohl trotzdem kaum verhindern, dass die Verhaltensweisen und Meinungsbildung in der Netz-Community und der Zivilgesellschaft zumindest verschieden sind. Doch ist eine solche Auseinanderentwicklung wünschenswert? Denn Netzcommunity und Zivilgesellschaft sind wesentliche Bestandteile unserer Gesellschaft.
Dabei ist auch zu bedenken, was diese Entwicklung für gesellschaftliche relevante Themen bedeutet. Denkt man an die Diskussion um die Beschneidung, fällt der Blick sogleich auf das Thema Integration. Die zweite und dritte Generation von Migrantinnen und Migranten tendieren dazu, verstärkt ihr Leben religiös zu verstehen. Es ist schwierig, religiös geprägte Menschen für die Beteiligung an offenen Diskussionsprozessen innerhalb der deutschen Internetgesellschaft zu gewinnen, wenn diese die Netzcommunity in Deutschland als anti-religiös wahrnehmen. Dies kann zu einer Flucht in digitale Parallelwelten führen. Fundamentalisten nutzen zwar soziale Netzwerke intensiv, aber nur innerhalb ihrer eigenen geschlossenen Community und kapseln sich von der Interaktion mit Andersdenkenden ab.
Dies gilt nicht nur für islamische Fundamentalisten, auch christliche Extremisten nutzen das Internet und seine Netzwerke zur Rekrutierung und Bestärkung von Gesinnungsgenossen, wie die Vorgänge um kreuz.net zeigen. Ziel ist gerade keine offene Diskussion relevanter Themen, sondern Diffamierung und Separation. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Mohammed-Video. Dieses hätte ohne soziale Netzwerke nicht solch eine weltweite Kontroverse entfachen können. Der Umgang mit diesem Video zeigt auch, wie religiöses und säkulares Weltverständnis aufeinandertreffen [https://theonet.de/2012/09/17/mohammed-film-ist-nichts-mehr-heilig/].
Eine Kultur des Dialoges und Respekts zwischen Menschen unterschiedlicher Prägung in Bezug auf Religion, zwischen säkularen und religiösen Menschen, ist gerade für das Internet zu entwickeln, damit unsere Gesellschaft auch online nicht auseinanderdriftet. Dialogangebote und Diskurse verhindern Fundamentalismus und fördern Integration – dies gilt auch für das Internet.
Der deutsch-amerikanische Religionsphilosoph Paul Tillich versteht Religion im weitesten und tiefsten Sinne als das, “was uns unbedingt angeht”. Diese Begriffsdefinition erlaubt Humanisten, Christen, Atheisten, Muslimen und Agnostikern sich darüber auszutauschen, was sie unbedingt angeht und ihr Selbstverständnis betrifft. Die so verstandene religiöse Dimension kann auch in die Diskussionskultur der Netzcommunity integriert werden. Sie erlaubt es Menschen, das zu teilen, was sie unbedingt angeht. Dies ist ein Kennzeichen einer partizipativen Gesellschaft, im Netz und in der Zivilgesellschaft.
PS: Thomas Weckelmann und ich hatten dieses Thema bei der re:publica beim call for papers als Vorschlag für eine Session angemeldet, leider haben wir es nicht ins Programm geschafft.