Ist Freie Software christlich?

Jesus über Freie Software: "Wenn dich jemand bittet, ihm dem den Quellcode zu geben, so veröffentliche ihn"
Jesus über Freie Software: „Wenn dich jemand bittet, ihm dem den Quellcode zu geben, so veröffentliche ihn“

Man könnte auch zugespitzt fragen: Was würde Jesus zu „Freie Software” sagen? Ist sie christlicher als proprietäre Software? Diese Frage lässt sich zumindest im Sinne einer Präferenz für Freie Software (häufig auch Open Source genannt) beantworten, so zumindest die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland auf ihrer Tagung im Jahre 2015.

Das Menschenbild hinter Freier Software

Grundsätzlicher geht es um die Frage nach dem Menschenbild. Welches Menschenbild liegt den vier Freiheiten Freier Software zu Grunde? Wie verhält dies sich zum christlichen Menschenbild?

Zunächst: Was ist freie Software? Oft wird sie auch als Open Sorce bezeichnet. Die erste erste dokumentierte vollständige Definition findet sich im GNU Bulletin, vom Januar 1986, zitiert nach der Free Software Foundation Europe:

• Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck auszuführen.
• Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programms zu untersuchen, und es an seine Bedürfnisse anzupassen.
• Die Freiheit, Kopien weiterzugeben und damit seinen Mitmenschen zu helfen
• Die Freiheit, ein Programm zu verbessern, und die Verbesserungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben, sodass die gesamte Gesellschaft profitiert.

Diese Freiheiten sind Rechte, keine Pflichten, auch wenn die Beachtung dieser Freiheiten der Gesellschaft von Zeit zu Zeit eine Verpflichtung für den Einzelnen darstellt. Jede Person kann wählen, auf die Freiheiten zu verzichten oder sie in Anspruch zu nehmen. … Freie Software erlaubt, Hilfe und Unterstützung anzubieten, sie erzwingt es aber nicht.

Uneingeschränktes Weitergeben der Software steht im Vordergrund – es wird sogar erwähnt, damit Mitmenschen zu helfen. Wichtig ist dabei auch die Orientierung am Gemeinwohl durch Weitergabe der Verbesserungen. Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programmes zu untersuchen, setzt voraus, den Programmcode offenzulegen. Freie Software verbreitet sich daher als Open Source. Dies ist eine technische Folgerung aus dieser Freiheit, gleichzeitig folgt daraus auch, dass niemand sich durch Geheimhaltung des Quellcodes Vorteile verschaffen kann.

Auch die christliche Tradition befürwortet das Teilen

Der Gedanke des uneingeschränkten Teilens findet sich auch beim Kirchenvater Augustinus in Bezug auf die christliche Unterweisung aus, wenn er formuliert:

„Omnis enim res, quae dando non deficit, dum habetur et non datur, nondum habetur, quomodo habenda est.“
(„Wenn eine Sache nicht gemindert wird, da man sie mit anderen teilt, ist ihr Besitz unrecht, solange man sie nur allein besitzt und nicht mit
anderen teilt.“)

In der Bergpredigt (Mt 5,41f) sagt Jesus:

Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Ob es eine (erzwungene) Dienstleitung ist (die Begleitung auf dem Wege) oder ein Gegenstand (Kleidung), der Christenmensch soll beides den Bittenden oder Fordernden geben, denn in solcher Haltung drückt sich die von Jesus gewünschte Feindesliebe (Mt 5,43-45) aus:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,
damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Sind die Bergpredigt und Freie Software nur eine Utopie?

Angefangen in der frühen Kirche bis in die Gegenwart stellt sich die Frage, wie die Bergpredigt Jesu gelebt werden kann. Ob sie Handlungsanweisung ist oder das auf Erden nicht verwirklichbare Reich Gottes beschreibt. Ob sie nur für die christliche Gemeinde anwendbar ist oder universale Geltung beansprucht. Ob sie Utopie und Wunschdenken ist.
Hätte es zu Jesu Zeit Computer gegeben, vielleicht hätte er dann in der Bergpredigt so formuliert:

 Und wenn dich jemand bittet, ihm den Quellcode zu geben, so veröffentliche ihn.

Darf man die Bergpredigt so aktualisieren? Hätte sich Jesus so für Freie Software ausgesprochen? Oder muss man formulieren: So wie ein Leben nach der Bergpredigt utopisch bleibt, so ist auch Freie Software eine Utopie?

Lässt sich die Bergpredigt als eine Anleitung zum gerechten Wirtschaften lesen? Oder ist dies utopisch? Welche Wirtschaftsmodelle gibt es für Freie Software? Was funktioniert, was ist utopisch? So wie die Ansprüche der Bergpredigt immer wieder relativiert werden und eingeschränkt werden, damit sie der gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht werden, muss man ebenso die Forderung nach Freier Software auf bestimmte Bereiche einschränken oder bleibt es eine Vision, dass alle Software frei wird?

Wider Egoismus und für Gemeinwohl

Bestrebungen, Wissen zu teilen, hat es immer wieder auch in der Kirchengeschichte gegeben. Pietismus und Puritanismus, so der amerikanische Soziologe Robert Merton, haben im „Kommunalismus” ein Konzept gefunden, das sich am Gemeinwohl als Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt und Entdeckungen orientierte. Wissen wurde weitergegeben und nicht geheim gehalten. Ideengeschichtlich findet sich diese Haltung auch in den Bewegungen von Open Access und Open Data. Auch Open Source Software bzw. Freie Software lässt sich hier auch einordnen.
Während die Ethik der Bergpredigt von Nächstenliebe getragen ist, haben der Liberalismus und Kapitalismus andere anthropologische Grundlagen. Nach Thomas Hobbes führen die Menschen einen „Krieg aller gegen alle“ („bellum omnium contra omnes”), in dem „der Mensch dem Menschen ein Wolf“ ist („homo homini lupus”). Der Egoismus des Einzelnen und der Gesellschaft sind die bestimmende Konstante. Ähnlich auch Adam Smith in seiner grundlegenden Schrift „The Wealth of Nations”, der den menschlichen Eigennutz zur Grundlage seiner sozioökonomischen Theorie macht:

„By pursuing his own interest he [=man] frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it. I have never known much good done by those who affected to trade for the public good. It is an affectation, indeed, not very common among merchants, and very few words need be employed in dissuading them from it.”

Allerdings gibt es laut Smith (in The Theory of Moral Sentiments) eine unsichtbare Hand, die den Egoismus aller dennoch zum größtmöglichen Wohl der Gesellschaft steuert.

The rich…are led by an invisible hand to make nearly the same distribution of the necessaries of life, which would have been made, had the earth been divided into equal portions among all its inhabitants, and thus without intending it, without knowing it, advance the interest of the society…

D.h. wenn jeder sein wirtschaftliches Eigeninteresse betreibt, ist es für die Gesellschaft in der Gesamtbetrachtung am besten, da es eine unsichtbare Hand (Gottes?) gibt, die den Ausgleich schafft.

Kapitalismus und Liberalismus führen zu proprietäre Software

Wenn Egoismus die treibende Kraft in der ökonomischen Theorie des Kapitalismus und Liberalismus ist, dann muss man dies auch auf das Wirtschaftsmodel der Software-Industrie übertragen. Proprietäre Software mit der Geheimhaltung des Codes, der Lizenzierung und Steuerung der Nutzung passt zu dieser Wirtschaftstheorie. Die logische Konsequenz ist: Code verstecken, Daten ansammeln und diese in zugangsbeschränkten Datenbanken einsperren, die Herstellung von Software, deren Daten nicht exportiert werden können. Google, Facebook, Microsoft sind Symbole dieses Konzept.

Freie Software orientiert sich am Gemeinwohl

Freie Software dagegen hat mehr das Gemeinwohl im Blick hat. Wenn Teilen auf der Grundlage einer Allgemeinwohlorientierung (Kommunalismus) vorrangig ist, passen Freie Software, aber auch Open Access und Open Data, in solch ein sozioökonomische Modell.
Menschenbild und Wirtschaftssystem begründen sich wechselseitig. In unserer modernen Gesellschaft gibt es auch nicht Kapitalismus oder Liberalismus in Reinform, sondern wir verstehen uns als soziale Marktwirtschaft. So gibt es auch proprietäre und Freie Software nebeneinander, es entwickeln sich tragfähige Geschäftsmodelle für Freie Software in einer Marktwirtschaft.
Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft ist es jedoch wichtig, im Auge zu behalten, wie Menschenbild und Wirtschaftssystem zueinander in Beziehung stehen.
Wem die Bergpredigt Handlungsanweisung ist, engagiert sich in der Informationsgesellschaft für Freie Software. Denn: Freie Software ist auch christlich.


Zurzeit schreibe ich am Vortrag The Anthropological Dimension of Free Software: A Philosophical Argument und wollte hier im Blogpost einmal die theologischen Grundlagen für Freie Software bedenken

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