Was würde Jesus zu Freier Software sagen?

20160731_110801Ist „Freie Software” christlicher? Diese Frage lässt sich zumindest im Sinne einer Präferenz für Freie Software (häufig auch Open Source genannt) antworten, so zumindest die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland auf ihrer Tagung im Jahre 2015.

Grundsätzlicher geht es um die Frage nach dem Menschenbild. Welches Menschenbild liegt den vier Freiheiten Freier Software zu Grunde? Wie verhält dies sich zum christlichen Menschenbild?

Zunächst: Was ist freie Software? Die erste erste dokumentierte vollständige Definition findet sich im GNU Bulletin, vom Januar 1986, zitiert nach der Free Software Foundation Europe:

  • „Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck auszuführen.
  • Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programms zu untersuchen, und es an seine Bedürfnisse anzupassen
  • Die Freiheit, Kopien weiterzugeben und damit seinen Mitmenschen zu helfen
  • Die Freiheit, ein Programm zu verbessern, und die Verbesserungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben, sodass die gesamte Gesellschaft profitiert.

Diese Freiheiten sind Rechte, keine Pflichten, auch wenn die Beachtung dieser Freiheiten der Gesellschaft von Zeit zu Zeit eine Verpflichtung für den Einzelnen darstellt. Jede Person kann wählen, auf die Freiheiten zu verzichten oder sie in Anspruch zu nehmen. … Freie Software erlaubt, Hilfe und Unterstützung anzubieten, sie erzwingt es aber nicht.“

Uneingeschränktes Weitergeben der Software steht im Vordergrund – es wird sogar erwähnt, damit Mitmenschen zu helfen –, wichtig ist dabei auch die Orientierung am Gemeinwohl durch Weitergabe der Verbesserungen. Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programmes zu untersuchen, also den Programcode offenzu legen – d.h. Freie Software als Open Source zu verbreiten – ist auf der einen Seite eine technische Folgerung aus dieser Freiheit, auf der anderen Seite folgt daraus auch, dass niemand sich durch Geheimhaltung des Quellcodes Vorteile verschaffen kann.

Der Gedanke des uneingeschränkten Teilens findet sich beim Kirchenvater Augustinus in Bezug auf die christliche Unterweisung aus, wenn er formuliert:

„Omnis enim res, quae dando non deficit, dum habetur et non datur, nondum habetur, quomodo habenda est.“
(„Wenn eine Sache nicht gemindert wird, da man sie mit anderen teilt, ist ihr Besitz unrecht, solange man sie nur allein besitzt und nicht mit
anderen teilt.“)

In der Bergpredigt (Mt 5,41f) sagt Jesus:

Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Ob es eine (erzwungene) Dienstleitung ist (die Begleitung auf dem Wege) oder ein Gegenstand (Kleidung), der Christenmensch soll beides den Bittenden oder Fordernden geben, denn in solcher Haltung drückt sich die von Jesus gewünschte Feindesliebe (Mt 5,43-45) aus:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Angefangen in der frühen Kirche bis in die Gegenwart stellt sich die Frage, wie die Bergpredigt Jesu gelebt werden kann; ob sie Handlungsanweisung ist oder das auf Erden nicht verwirklichbare Reich Gottes beschreibt; ob sie nur für die christliche Gemeinde anwendbar ist oder universale Geltung beansprucht, ob sie Utopie und Wunschdenken ist.

Hätte es zu Jesu Zeit Computer gegeben, vielleicht hätte er dann in der Bergpredigt so formuliert:

 Und wenn dich jemand bittet, ihm den Quellcode zu geben, so veröffentliche ihn.

Darf man die Bergpredigt so aktualisieren? Hätte sich Jesus so für Freie Software ausgesprochen? Oder muss man formulieren: So wie ein Leben nach der Bergpredigt utopisch bleibt, so ist auch Freie Software eine Utopie?

Lässt sich die Bergpredigt als eine Anleitung zum gerechten Wirtschaften lesen? Oder ist dies utopisch? Welche Wirtschaftsmodelle gibt es für Freie Software? Was funktioniert, was ist utopisch? So wie die Ansprüche der Bergpredigt immer wieder relativiert werden und eingeschränkt werden, damit sie der gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht werden, muss man ebenso die Forderung nach Freier Software auf bestimmte Bereiche einschränken oder bleibt es eine Vision, dass alle Software frei wird?

Bestrebungen, Wissen zu teilen, hat es immer wieder auch in der Kirchengeschichte gegeben. Pietismus und Puritanismus, so der amerikanische Soziologe Robert Merton, haben im „Kommunalismus” ein Konzept gefunden, das sich am Gemeinwohl als Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt und Entdeckungen orientierte. Wissen wurde weitergegeben und nicht geheim gehalten. Ideengeschichtlich findet sich diese Haltung auch in den Bewegungen von Open Access und Open Data, Open Source Software bzw. Freie Software lässt sich hier auch einordnen.

Während die Ethik der Bergpredigt von Nächstenliebe getragen ist, hat der Liberalismus und Kapitalismus andere anthropologische Grundlagen. Nach Thomas Hobbes führen die Menschen einen „Krieg aller gegen alle“ („bellum omnium contra omnes”), in dem „der Mensch dem Menschen ein Wolf“ ist („homo homini lupus”), der Egoismus des Einzelnen und der Gesellschaft sind die bestimmende Konstante. Ähnlich auch Adam Smith in seiner grundlegenden Schrift „The Wealth of Nations”, der den menschlichen Eigennutz zur Grundlage seiner sozioökonomischen Theorie macht:

„By pursuing his own interest he [=man] frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it. I have never known much good done by those who affected to trade for the public good. It is an affectation, indeed, not very common among merchants, and very few words need be employed in dissuading them from it.”

Allerdings gibt es laut Smith (in The Theory of Moral Sentiments) eine unsichtbare Hand, die den Egoismus aller dennoch zum größtmöglichen Wohl der Gesellschaft steuert.

The rich…are led by an invisible hand to make nearly the same distribution of the necessaries of life, which would have been made, had the earth been divided into equal portions among all its inhabitants, and thus without intending it, without knowing it, advance the interest of the society…

D.h. wenn jeder sein wirtschaftliches Eigeninteresse betreibt, ist es für die Gesellschaft in der Gesamtbetrachtung am besten, da es eine unsichtbare Hand (Gottes?) gibt, die den Ausgleich schafft.

 

Wenn Egoismus die treibende Kraft in der ökonomischen Theorie des Kapitalismus und Liberalismus ist, dann muss man dies auch auf das Wirtschaftsmodel der Software-Industrie übertragen. Proprietäte Software mit der Geheimhaltung des Codes, der Lizenzierung und Steuerung der Nutzung passt zu dieser Wirtschaftstheorie. Code verstecken, Daten ansammeln und diese in zugangsbeschränkten Datenbanken einsperren, die Herstellung von Software, deren Daten nicht exportiert werden können, ist die logische Konsequenz. Google, Facebook, Microsoft sind Symbole dieses Konzept.

Freie Software dagegen hat mehr das Gemeinwohl im Blick hat. Wenn Teilen auf der Grundlage einer Allgemeinwohlorientierung (Kommunalismus) vorrangig ist, passen Freie Software, aber auch Open Access und Open Data, in solch ein sozioökonomische Modell.

Menschenbild und Wirtschaftssystem begründen sich wechselseitig. In unserer modernen Gesellschaft gibt es auch nicht Kapitalismus oder Liberalismus in Reinform, sondern wir verstehehn uns als soziale Marktwirtschaft. So gibt es auch proprietäre und Freie Software nebeneinander, es entwickeln sich tragfähige Geschäftsmodelle für Freie Software in einer Marktwitschaft.

Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft ist es jedoch wichtig, im Auge zu behalten, wie Menschenbild und Wirtschaftssystem zueinander in Beziehung stehen.

Wem die Bergpredigt Handlungsanweisung ist, engagiert sich in der Informationsgesellschaft für Freie Software.


Zurzeit schreibe ich am Vortrag The Anthropological Dimension of Free Software: A Philosophical Argument und wollte hier im Blogpost einmal die theologischen Grundlagen für Freie Software bedenken

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4 Responses to Was würde Jesus zu Freier Software sagen?

  1. Bernd Kehren says:

    „Angefangen in der frühen Kirche bis in die Gegenwart stellt sich die Frage, wie die Bergpredigt Jesu gelebt werden kann; ob sie Handlungsanweisung ist oder das auf Erden nicht verwirklichbare Reich Gottes beschreibt; ob sie nur für die christliche Gemeinde anwendbar ist oder universale Geltung beansprucht, ob sie Utopie und Wunschdenken ist.“

    Ich habe mich schon seit meinem ersten Semester Theologie gewundert, wie phantasielos die Theologie oft ist, dass sie nicht merkt, dass es viel mehr Interpretationsmöglichkeiten gibt als diese oder vergleichbare Alternativen.

    Vielleicht ist die Bergpredigt beides: Handlungsanweisung _und_ Beschreibung des Gottesreiches _und_ Zuspitzung und Übertreibung, um Menschen wach zu rütteln, Sarkasmus angesichts einer manchmal menschenverachtenden Frömmigkeit, Provokation und Anregung und Ermutigung gegen den äußeren Augenschein. Aufforderung, gewohnte Dinge mal von einer anderen Seite zu sehen.

    Die Zuspitzung auf die beiden Alternativen schränkt unseren Glauben nicht nur völlig unsinnig ein, sondern legt auch die Ansicht nahe, dass letztlich nur eine von den beiden Möglichkeiten die richtige sein kann. Aber die Wirklichkeit ist viel komplexer. Ich bin zunehmend der Ansicht, dass auch die Bergpredigt Mut macht, sich auf diese Komplexität einzulassen, neue Blickwinkel auszuprobieren und auch alte Ansichten ad absurdum zu führen.

    Wenn man sich darauf einlässt, entdeckt man sehr konkrete Handlungsanweisungen: Nämlich, sich der Verantwortung zu stellen, die man als Ebenbild Gottes als Aufgabe erhalten hat.
    Zu dieser Verantwortung gehören Utopien genauso wie Realismus.

    Wenn man beides außer Acht lässt, kann es einem gehen wie in der Jerusalemer Urgemeinde, in der man alles verkaufte, was man hat – und dann auf die Kollekte der jungen weltweiten Christenheit angewiesen war.

    Auf das Thema bezogen: Wer die Kapazitäten frei hat, um freie Software zu erstellen, soll dies tun. Und er wird vielen Menschen damit Gutes tun.
    Aber manche Menschen müssen von ihrer Arbeit leben, und manche davon leben vom Erstellen von Software. Die müssen auch drauf achten, dass niemand einfach von ihrer Arbeit leben, indem sie diese ohne Lizenzgebühren einfach abkupfern.
    Beides hat sein Recht.

    Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dazu gehört eine gesunde Portion Egoismus. Wer nur an andere denkt, verliert sich irgendwann selbst und wundert sich, warum er so einsam ist, wenn er nicht mehr an andere denken kann.
    Altruismus funktioniert nur als Geben und Nehmen. Auch Nehmen muss gelernt sein. Und es funktioniert nur so, wenn sich nicht die anderen daran gewöhnen, dass einer nur immer gibt, ohne jemals etwas dafür zu erhalten.

    Einer der Mechanismen, die dies sicher stellen, läuft über Geld für Arbeit, aus denen auch Rücklagen für die Rente gebildet werden können.

    Wenn ich an die Gleichnisse vom Schatz im Acker oder der Perle denke, für die jemand alles verkaufte, was er hatte: Waren das Sammler, die nun von Luft und Liebe lebten und ansonsten den Schatz oder die Perle bewahrten?
    Sind die zu Freunden gegangen und haben gesagt: Lasst uns zusammen leben und den Acker kaufen und dann den Schatz teilen?

    Oder haben die den Schatz eingestrichen und davon den Kredit der Freunde bezahlt und dann den restlichen Schatz sinnvoll investiert? (Was den Sinn fürs Gemeinwohl und die Freunde nicht ausschließt?) War der Mensch ein Perlenliebhaber – oder ein Perlenhändler? Und warum hat er den Verkäufer nicht drauf aufmerksam gemacht, was für ein kostbares Stück da auf dem Tisch lag, das er gerade günstig erwerben konnte?

    In der Realität sind die meisten Alternativen in Wirklichkeit gar nicht alternativlos.

    Die Realität ist in Wirklichkeit ziemlich komplex, und mit falschen Vereinfachungen wird man ihr nicht gerecht.
    Der Mensch, der seine Freunde nicht angemessen am Gewinn durch den Schatz oder die Perle beteiligt, wird irgendwann ohne Freunde sein und niemanden mehr finden, der ihm noch mal Geld leiht. Der Mensch, der seinen Freunden später nichts vom Schatz erzählt, wird auch die Freude nicht teilen können.

    Aber niemand von uns ist Gott. Niemand kann grenzenlos geben. Irgendwann ist er entweder ausgebrannt oder pleite oder beides.
    Wer also für freie Sotware eintritt, müsste auch Modelle entwickeln, wie die Autoren freier Software von ihrer Arbeit leben können. Das könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen sein. Das könnten Spenden- und Honorierungssysteme sein. Das könnte ein Appell an die Nutzer sein, dass es ohne Honorar für die Entwickler irgendwann keine Entwicklung mehr geben wird.
    Und es könnte der Respekt für Kaufsoftware sein. Nicht für jede und nicht um jeden Preis. Kritischer Respekt, vielleicht.

    • Johannes says:

      Hallo Bernd,
      Freie Software ist nicht gleich kostenlose Software oder gleich unbezahlte Entwickler. Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Es gibt einige Firmen, die mit Freier Software gutes Geld verdienen. D.h. die von dir geforderten Modelle gibt es längst.
      Richtig ist, dass sich manche Softwareprodukte nur schwer als Freie Software vermarkten lassen – und deswegen dann nicht (ganz) frei sind, oder in anderen Lizenzen zusätzlich angeboten werden. Das ist aber kein grundsätzliches Problem von Freier Software oder frei zugänglichen Informationen.
      Viele Grüße!

  2. Jonathan B. says:

    Lieber Ralf Peter, vielen Dank für diesen interesanten Beitrag!
    Wenn ich mich nicht irre, heißt es jedoch „Kommunitarismus“ und nicht „Kommunalismus“ bei Merton. 😉
    Für den anthropologischen Aspekt finde ich im Kontext von Freier Software auch noch die Modelle homo faber (im Sinne von Arendt) und homo ludens gegenüber dem klassischen homo oeconomicus interessant.
    Mich hat zusätzlich das Modell des animal symbolicum und des homo medialis im Kontext von Cassirer bei der ethischen Bewertung von Freier Software und Co weiter gebracht.

    Besten Gruß und viel Erfolg!
    Jonathan

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