Wehrmachtssoldaten sind keine Helden!

"Kiregerdenkmahl" in Haidmühle

„Kriegerdenkmal“ in Haidmühle

Familienurlaub in den Winterferien im Bayerischen Wald, wir besteigen den Dreisessel im Schnee, das Gasthaus auf dem Gipfel ist geschlossen, wir kehren im benachbarten Ort Haidmühle ein. Während die Familie in einem Café sitzt, gehe ich zur Touristeninformation im Rathaus, um mich nach Sehenswertem in der Umgebung zu erkundigen. Auf dem Weg dahin sehe ich ein Denkmal mit der Inschrift:

„Den Helden zur Ehr

die dankbare Pfarrgemeinde Haidmühle

1914 – 1918
1939 – 1945“

Darunter folgt eine Liste von Namen gefallener, vermisster, oder im Lazarett oder Kriegsgefangenenlager verstorbener Soldaten des Zweiten Weltkrieges aus dem Ort.

Wehrmachtsoldaten als Helden zu bezeichnen und ihnen dankbar zu sein, bedeutet (anders kann ich es nicht verstehen) den Angriffskrieg der deutschen Wehrmacht unter Hitler gutzuheißen und zu billigen. Im Rathaus erhalte ich freundlicherweise eine Karte und eine Wegbeschreibung zur Grenze. Als ich wegen des Denkmals und der Inschrift nachfrage, antwortet eine jüngere Frau. Bisher habe es noch keine Anfragen gegeben, sagt sie und holt einen älteren Kollegen. Er sagt mir, früher habe man die Dinge eben anders gesehen, man hätte ja auch Heldengedenktag gesagt. Außerdem sei es ein Denkmal, man könne die Inschrift nicht verändern. Ich entgegne, der Tag heiße heute Volkstrauertag, außerdem könne man eine Erklärtafel anbringen, die den historischen Kontext herstellt und Geschichte erläutert. Auf Nachfrage erhalte ich die Postanschrift des örtlichen Krieger- und Soldatenvereins, der für das Denkmal zuständig sei.

Einsegnung des „Kriegerdenkmals“ durch den Pfarrer

Auf dem Rückweg zum Café sehe ich etwas abseits vom Denkmal einen Schaukasten, mit deutscher und tschechischer Fahne und den zweisprachigen Überschriften „Chronik“ und „Spender“. Obwohl der kleine Zuweg nicht geräumt ist, gehe ich durch den Schnee zum Schaukasten. Er erklärt die Geschichte des Denkmals, das ursprünglich nur auf die Gefallenen des Ersten Weltkrieges bezogen war. In den „schweren Jahren der Inflation“ habe der „Krieger- und Militärverein“ das „Kriegerdenkmal“ errichtet, das 1923 vom (katholischen) Pfarrer eingeweiht wurde. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit, in der die Namen der gestorbenen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht worden sein müssen, übergeht der Schaukasten, berichtet allerdings von der Einsegnung des restaurierten Denkmals 2004. Dann folgen die Namen von Spendern.

Also: noch 2004 segnet ein Pfarrer ein „Kriegerdenkmal“ mit einer Inschrift ein, die namens der Pfarrgemeinde „dankbar“ der Soldaten eines Angriffskrieges als „Helden“ gedenkt. Bis 2018 hat es im Rathaus noch keine Nachfragen dazu gegeben. Wie geht man in Haidmühle mit Geschichte um? Ich bin verstört, dass offensichtlich niemand sich an solcher Inschrift stört.

Grenzort mit Geschichte

Schaukasten beim "Kriegerdenkmal"

Schaukasten beim „Kriegerdenkmal“

Unweit des „Kriegerdenkmals“ findet sich das Gebäude der ehemaligen K.u.K. österreichischen Zoll- und Güterabfertigung, Haidmühle lag an der deutsch-österreichischen bzw. bayerisch-böhmischen Grenze, heute verläuft die deutsch-tschechische Grenze hier. Während des kalten Krieges wird die ehemalige Bahnstrecke Passau–Prachatice / Prachatitz demontiert, der tschechische – ehemals hauptsächlich von Sudetendeutschen besiedelte – Grenzort Nové Údolí / Neuthal wird aufgegeben, damit auf tschechischer Seite ein unbesiedelter Sperrstreifen die Grenze besser kontrollierbar macht. Heute ist die Grenze wieder für Fußgänger und Radfahrer geöffnet, eine nur 105 Meter lange Museumsbahn verkehrt über die tschechisch-deutsche Grenze. Nun, da die Grenzen innerhalb Europas offen sind, könnte man sich über die europäische Einigung freuen und Lehren aus der Geschichte ziehen. Aber: Nach dem Ende der Teilung Europas wird das „Kriegerdenkmal“ unverändert restauriert, die Inschrift bleibt dieselbe – nur der Schaukasten, der die Restaurierung beschreibt und den Spendern dankt, wird zweisprachig. Nun können auch die tschechischen Nachbarn in ihrer eigenen Sprache lesen, wie man in Deutschland Wehrmachtssoldaten dankbar ehrt. Ist das Europa im 21. Jahrhundert?

Wandel der Erinnerungskultur

Natürlich hat das Umdenken nach dem Zweiten Weltkrieg Zeit gebraucht, eigentlich viel zu lange. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der 1980er Jahre als Jugendfeuerwehrmann am Volkstrauertrag mit einer Fackel am Ehrenmal gestanden habe. Zumindest die Inschrift richtete die Erinnerung auf die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ – gleichzeitig tauschten wir für die Ehrenwache den orangenen Helm der Jugendfeuerwehr gegen den Helm der erwachsenen Feuerwehrleute, mussten aber das Nackenleder herausnehmen, damit die Helme militärischer aussähen. Als Jugendlicher spürte ich, dass da etwas nicht richtig war.

Die Kirchen in Deutschland leiteten eine andere Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen ein, so 1965 die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer so genannten Ostdenkschrift.  Katholischerseits gab es ebenfalls 1965 den Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder unter dem Titel „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ und deren Antwort. Wehrmachtssoldaten haben Leid über ihre Nachbarvölker gebracht und sind keine Helden. Ist dies dem katholischen Pfarrer nicht bekannt, der 2004 ein „Kriegerdenkmal“ einsegnet, das nun auch die Wehrmachtssoldaten seitens der Pfarrgemeinde als Helden ehrt?

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in seiner Rede am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes diesen als Tag der Befreiung bezeichnet und damit die Richtung für die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik gewiesen.

Die vom Hamburger Institut für Sozialforschung erstellte Wehrmachtsausstellung unter dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, die von 1995 bis 1999 in verschiedenen Städte gezeigt wurde, entfachte bundesweit eine kontroverse Diskussion. Von 2001 bis 2004 wurde eine zweite Ausstellung ausgearbeitet mit dem Titel „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“. Diese zweite Ausstellung nahm die Kritik an der ersten Ausstellung auf, bekräftigte aber die Grundaussage von der Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg des NS-Regimes gegen die Sowjetunion und am Holocaust.

Spätesten bei der Restaurierung des Ehrenmals 2004 hätte man die Inschrift nicht unkommentiert so belassen dürfen, oder blendete man die damalige öffentliche Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht aus? Oder wollte man sich bewusst gegen die Erkenntnis stellen, dass die Wehrmacht einen verbrecherischen Angriffskrieg begangen hat?

Natürlich stellt sich die Frage, wie gedenkt man der Kriegstoten eines Ortes? Statt Heldenverehrung besser die Klage über den sinnlosen Tod dieser Männer! Auch wenn sie glaubten, ihre Heimat zu verteidigen oder ihre patriotische Pflicht zu erfüllen, wirkten sie an einem Angriffskrieg mit  – und bezahlten mit ihrem Leben dafür. Trauer ja, Heldenverehrung nein – und die Lehre, für die Würde eines jeden Menschen und für ein vereintes und freies Europa einzutreten.

Tabubrüche der AfD und deren Versuche, NS-Verbrechen zu relativieren oder bagatellisieren haben in jüngster Zeit Gott sei Dank vielerorts zu Protesten geführt. Demokratinnen und Demokraten verschiedener politischer Überzeugungen beziehen Position. In Bezug auf die Bundeswehr stellt die Verteidigungsministerin klar, nur eine „Beteiligung am militärischem Widerstand gegen das NS-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr“ seien Gründe für die Verehrung von Wehrmachtsoldaten – ist dies alles in Haidmühle unbekannt? Warum bleibt das „Kriegerdenkmal“ ohne kommentierenden Zusatz und verehrt Wehrmachtssoldaten weiterhin als Helden?

Ich habe die Menschen in Haidmühle während unseres kurzen Aufenthaltes  als sehr freundlich erlebt, bin aber erschrocken, dass anscheinend niemand bisher die Inschrift dieses „Kriegerdenkmals“ in Frage gestellt hat.

Ich werde bei der Gemeinde Haidmühle, dem Krieger- und Soldatenverein, der Pfarrgemeinde und dem Bistum nachfragen, wie sie die Inschrift des „Kriegerdenkmals“ verstehen und vorschlagen, dass eine Kommentierung stattfindet.

Ich auf die Antworten gespannt.


Nachtrag (22.1.2018) Die Antworten sind eingegangen und hier veröffentlicht.

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6 Responses to Wehrmachtssoldaten sind keine Helden!

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  3. Georg says:

    Da waren die Soldaten vermutlich wieder mal Opfer der Umstände und damit Helden.
    Mein Urgroßvater war Nazi und ist im Krieg gefallen. Ich möchte nicht, daß auf so einer Stele sein Namen steht.

  4. Heute werden die „Mittenwalder Gebirgsjäger“ wieder innerlich Salut schießen für Viktor Orban, auf Besuch beim Horschterl. Warum auch nicht. Da war der gauck (Kleinschreibung aus Respekt) fünffach, in Moskau nie.

  5. Markus Eisele says:

    Lieber Ralf Peter, ergänzend: 1. Wichtig ist mE auch, wie am Volkstrauertag gedacht wird. Hier erlebe ich bei uns auf allen Seiten ein sehr wachsam Bewusstsein für all das, was du ansprichst. 2. Die Bezeichnung als Helden (die es fraglos auch gab, aber eben ganz anders als nach dem Verständnis der Wehrmacht) legt Menschen und ihre Familien auf eine stereotype Erinnerung fest, die Trauer verhindert. Liebe Grüße Markus Eisele

  6. Wessel says:

    Hallo Ralf Peter,
    ein großes Fass – aber dafür musst du aber gar nicht so weit reisen (aber das sagst du ja selber von den alten Feuerwehrzeiten). Gerade eben hat der Kollege Overhoff eine Büchlein über die Helden-Gedenktafel in einem Velberter Gymnasium veröffentlicht. Auch dies ist ein Beitrag zur Korrektur unserer Erinnerungskultur.
    F. Wessel

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