„Die Wahrheit macht euch frei!“

Die Diskussion zu meinem Blogpost über das Kriegerdenkmal in Haidmühle und ein Kommentar zum Update meines Blogpost  erinnerten ich mich an eine Ansprache, die ich vor etwas über zwanzig Jahren am Volkstrauertag 1997 als junger Pastor selber hielt.

Es geht bei der Diskussion über Wehrmachtssoldaten eben nicht nur um Fakten, sondern auch um Gefühle und Familiengeschichten. In der Ansprache erwähne ich auch meinen Großvater.

Ich erinnere mich noch. Ein Zuhörer fragt mich nach der Ansprache, woher mein Großvater komme. Ich antwortet: „Polen.“ Er korrigiert mich: „Sie meinen die deutschen Ostgebiete, die nun unter polnischer Verwaltung sind.“ Dabei stammte mein Großvater aus dem so genannten Kongresspolen, aus dem nach dem ersten Weltkrieg die Republik Polen entstand. Nach dem deutschen Angriff auf Polen wurde er als „Volksdeutscher“ in die Wehrmacht eingezogen. Ich merkte schon bei der Ansprache, wie viele Zuhörer misstrauisch meine Rede verfolgten.

Auch wenn ich heute einiges anders sagen würde und viele Bezüge zu Ereignissen von vor zwanzig Jahren enthalten sind, ist die Ansprache doch einen Versuch, wie wir heute der Opfer gedenken können.

Ansprache Volkstrauertag 1997 über Joh. 8, 30-35

  • Volkstrauertag 1997 – 52 Jahre ist es her, seit der 2. Welt­krieg zu Ende ist. Volkstrauertag – das ist für die meisten Menschen der Gedenktag an die Menschen, die während des 2.Weltkrieges umgekommen sind. Trauer um die Opfer, die Gewaltherrschaft und Krieg mit ihrem Leben bezahlen mußten. Krieg und Diktatur sind für uns Deutsche in die Ferne gerückt, aber: mit dem Zerfall des Ostblocks gab es zum erstenmal wieder Krieg auf europäischen Boden. Im ehemaligen Jugoslawien begann ein blinder Nationalismus zu wüten, der die Schrecken des Zweiten Welt­krieges und der Diktatur wieder lebendig werden läßt. Erinnerung an die Toten bedeutet Verantwortung für die Gegenwart. Deshalb ist es gut, daß wir den Volkstrauertag 1997 begehen.

  • 2. Weltkrieg und NS-Diktatur liegen schon fast zwei Generationen zurück, dennoch werden Gefühle wach, wenn wir auf dieses Thema zu sprechen kommen. Ein sachliches Gespräch wird da oft zu einer aufgeladenen Diskussion. Gefühle und Emotionen beeinflussen uns mehr, als wir oft glauben. Gefühle leiten uns oft schneller zum Handeln, als wir wahrhaben wollen. Gefühle sind mächtig.

  • Zwei Beispiele aus amerikanischen Zeitungsberichten: Eine Familie mit einem behinderten Kind verreist mit der Bahn. Auf einer Brücke entgleist der Zug und stürzt in den Fluß. Aus dem langsam kenternden Eisenbahnwaggon reichen die Eltern noch den Rollstuhl mit ihrer Tochter den Helfern heraus, während sie selbst dies mit dem Leben bezahlen. Zweites Beispiel: Eltern kommen nach Hause spät abends nach Hause, ihre Tochter hatte ihnen gesagt, sie würde bei einer Freundin übernachten. Beim Betreten des vermeintlich leeren Hauses hören die Eltern Geräusche aus dem Kinder­zimmer. Der Vater holt ein Gewehr und geht nach­schauen. Im Kinderzimmer sieht er einen Schatten und schießt. Es war die Tochter, die sich im Kleiderschrank versteckt hatte, um den Eltern aus Spaß einen Schrecken einzujagen. Das Den­ken setzt erst nach den Gefühlen ein. Beide Eltern wollten Gutes tun, der eine Vater aber rettete seiner Tochter das Leben, der andere nahm ihr es. Gefühle sind mächtig, wir Menschen können Gutes wollen und Schlechtes tun.

  • Gefühle sind mächtig, das merkt man immer wieder, wenn wir über die Vergangenheit unseres Landes reden. Ein sach­liches Aufarbeiten ist da oft unmöglich. Das wurde ein­mal mehr deutlich bei der Münchener Ausstellung „Ver­nich­tungs­krieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944“: In der Diskussion um diese Ausstellung wurde jedes sachliche Gespräch fast unmöglich. Die Tatsachen wurden eigentlich nicht diskutiert, sondern nur die Form der Darstellung. Ich spreche hier als jemand zu Ihnen, für den der Krieg zwei Generationen zurückliegt. Ich habe eine Vermutung: Viele Menschen wurden für den Krieg mißbraucht. Gutgemeinte Gefühle wurden für einen Angriffs- und Vernichtungskrieg benutzt. Dies tut weh, dies schmerzt, dies verstellt den Blick für die Opfer, für die unbestreitbare Tatsache, daß wir Deutschen die Welt mit Krieg überzogen haben und daß in Deutschland und durch deutsche Hand Millionen Menschen ermordet wurden, nur weil sie Juden oder Zigeuner, weil sie Kommunisten oder Homosexuelle waren.

  • Ich erinnere mich noch gut an meinen Großvater. Er sprach nur wenig, und über den Krieg schon gar nicht. Was er an der Ostfront erlebte, weiß ich nicht. Der Krieg hatte ihn stumm gemacht. Gerne hätte ich mehr von ihm gewußt, aber er behielt seine Geschichte für sich.

  • Lange habe ich nach einem passenden Bibeltext für den heutigen Volkstrauertag gesucht, für mich spricht folgendes Wort aus dem Johannes-Evangelium in unsere Situation:

8,31 Da sprach nun Jesus zu den Menschen [Juden], die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger
8,32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
8,33 Da antworteten sie ihm: Wir [sind Abrahams Kinder und] sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?
8,34 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
8,35 Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig.
8,36 Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

  • „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – das sagt Jesus zu Menschen, die stolz sind auf ihre Herkunft. Wir sind doch frei, denken sie. Wir haben unser Leben redlich gelebt. Wir sind frei, wir müssen nicht noch erst befreit werden. Während sie so ihre Freiheit betonen, merken sie gar nicht, wie gefangen sie in sich selbst sind.

  • Mein Großvater war gefangen vom Krieg. Hätte er seine Erlebnisse nur aussprechen können, wäre ein Ausweg aus der Gefangenschaft der Erinnerung, aus der Gefangenschaft der Gefühle möglich gewesen. Nur wer die Wahrheit ausspricht, kann einen Neuanfang wagen. Verdrängen und Vergessen hilft nicht, nur die Wahrheit kann uns frei machen, auch wenn sie schwer ist.

  • Wahrheit heißt auch, nichts zu vereinfachen. Es gibt nicht nur schwarz oder nur weiß, nicht nur Täter oder nur Opfer. Menschen können zugleich Opfer und Täter sein. Von außen ein Urteil zu fällen ist oft nicht einfach. Es gibt auch Menschen, die mißbraucht wurden oder gezwungen wurden, mitzumachen. Wo z.B. steht der Soldat, der zum ungerechten Krieg gezwungen wurde? Hier gibt es keine einfachen Antworten.

  • In Südafrika wagt man den Versuch, die Verbrechen der Apartheid mit der Wahrheits- und Versöhnungskommission aufzuarbeiten. Nur wer die Wahrheit ausspricht, kann Versöhnung wagen. Dies gilt gerade für uns Christen: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ In Jesus weist uns Gott auf die Vergebung hin, die wir alle täglich brauchen. So zur Versöhnung eingeladen, können wir uns auf die Suche nach der Wahrheit machen.

  • Die Wahrheit auszusprechen, macht uns frei, verdrängen hilft nicht. Auch wenn es so einfach wäre, nach mehr als fünfzig Jahren einfach einen Schlußstrich zu ziehen. Die Wahrheit ist, vor zwei Wochen wies das Bonner Landgericht die Forderungen von Zwangsarbeiterinnen in KZs ab, die endlich den ihnen zustehenden Lohn haben wollten. Der Richter bedauerte, aber die Gesetze ließen keine andere Entscheidung zu. Längst nicht alle Opfer erhalten Entschädigung. Dies ist Wahrheit.

  • Wenn wir an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft denken, dürfen wir unsere Augen auch nicht vor der Gegenwart verschließen. Menschen, die vor einem Völkermord auf dem Balkan Zuflucht bei uns suchten und fanden, werden jetzt in ihre Heimat abgeschoben. Durch den Krieg sind viele von ihnen krank an Leib und Seele, ihre Häuser sind zerstört und der Winter in Bosnien ist kälter als bei uns. Sollen diese Opfer des Krieges ein zweites Mal Opfer werden? Wo bleibt da unsere Verantwortung?

  • Heute gedenken wir an die Opfer von Krieg und Gewalt, an die Menschen, die Familie und Heimat verloren. Wir denken an die Überlebenden von damals und an die Flüchtlinge, die heute unter uns leben. „Versöhnung über den Gräbern“ ist das Motto der Kriegsgräberfürsorge. Die Wahrheit wird euch frei machen, heißt es in der Bibel. Wahrheit ist die Voraussetzung für Versöhnung. Wenn wir mit der Vergangenheit ehrlich umgehen, nehmen wir unsere Verantwortung für die Zukunft wahr. Dazu ist es nötig, die Wahrheit auszusprechen. Innerhalb der Familie die Last der Erinnerung auszusprechen, kann ein Schritt auf die Zukunft hin sein. Es ist noch nicht zu spät, das Gefängnis de Sprachlosigkeit zu über­winden.

  • „Die Wahrheit wird euch frei machen,“ Verdrängen dagegen führt in ein inneres Gefängnis. Deshalb erinnern wir uns heute der Vergangenheit, damit das Schreckliche der Vergangenheit sich nicht wiederholt., damit wir frei werden für die Zukunft, die Gott uns schenkt.

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3 Responses to „Die Wahrheit macht euch frei!“

  1. Lieber Ralf Peter, es ist alles richtig, was Sie damals vor 20 Jahren gesagt haben. Und ich hätte es genaus so sagen können. Warum dann aber mein Unbehagen?
    Vielleicht, weil ich heute glaube, dass die Wahrheit nichts Statisches ist, sondern ein Beziehungsgeschehen. Und deshalb die Fragen, auf die ich keine Antwort habe:
    – Hätte es Ihren Großvater wirklich frei(er) gemacht, wenn er seine Erlebnisse ausgesprochen hätte?
    – Hat es Menschen frei gemacht, dass Sie die Wahrheit über die Wehrmacht ausgesprochen haben?
    – Hatten wir tatsächlich die Verantwortung für die Flüchtlinge aus Bosnien? Ich zumindest habe keinen aufgenommen, schon gar nicht in mein Haus.
    – Desmond Tutu stand mit seiner Person für die „Kommission für Wahrheit und Versöhnung“ in Südafrika. Wofür stehen wir als Person ein? Ist es nicht so, dass wir gar nicht uns meinen, wenn wir von der Wahrheit über die Wehrmacht oder der Verantwortung für die Flüchtlinge sprechen, sondern andere?
    Die Wahrheit wird euch frei machen – dann muss auch der Umkehrschluss stimmen: Nur wenn es frei macht, ist es Wahrheit. Oder: Wenn es nicht frei macht, ist es nicht die Wahrheit. Oder?
    Und ausdrücklich: Die Fragen sind nicht rhetorisch gemeint. Vielleicht ist Wahrheit auch gar nicht so einfach zu greifen…
    Mit kollegialem Gruß
    Erik

    • Ralpe says:

      Lieber Kollege,

      danke für die Rückmeldung. Sie bringen ein Gefühl auf den Punkt, dass ich auch beim Lesen nach mehr als zwanzig Jahren hatte. Wie Sie es beschreiben, sachlich kann ich heute die Punkte noch nachvollziehen, aber die Beziehungsebene würde ich heute anders gestalten. Vielleicht ein Zeichen, dass man mit der Zeit auch zu neuen Einsichten gelangt.

      • Es freut mich, dass wir es ähnlich sehen. Für mich bedeutet es gleichzeitig einen Bruch mit dem, was ich einmal gelernt habe: Dass nämlich die Aufgabe der Predigt sei, eine Wahrheit, die in einem Bibeltext liege, in die heutige Zeit zu übersetzen. Aber z.B. Paulus hat keine ewigen Wahrheiten verkündet, sondern seine persönliche Befreiungserfahrung reflektiert und versucht, in die jeweilige – korinthische oder römische oder… – Situation zu übersetzen. Erst wenn diese Botschaft ankommt und Wirkung entfaltet, wird sie „wahr“. Und so ist die „Wahrheit“ in Ihrer Gemeinde eine andere als in meiner, 1997 eine andere als 2018 – und immer wieder neu zu suchen und immer wieder ein Risiko.
        Martin Buber unterscheidet eine Du-Welt (Beziehung, subjektiv) von einer Es-Welt (Erfahrung, objektiv). Eine philosophische Wahrheit verortet sich in der Es-Welt. Eine religiöse, ist meine heutige Überzeugung, in der Du-Welt. Im Studium allerdings habe ich es anders gelernt.

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