Wieviel darf ein Taufkontakt kosten? Wollen wir Chatbots in der Seelsorge?

Folie25-2Letzte Woche fand die European Christian Internet Conference statt, ich schätze diese Konferenz auch deshalb sehr, da sich hier Trends der kirchlichen Internetarbeit zeigen. Besonders interessant ist für mich immer wieder, wie sich die Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien aufstellen.

In der Woche davor durfte ich in der Kirchenleitung zu Digitalisierung in Bezug auf meinen Arbeitsbereich präsentieren. Themen wie beispielsweise OER, #deletefacebook, veränderte Nutzungsgewohnheiten beim Medienkonsum (YouTube, Netflix und Spotify versus TV und Radio) und die Herausforderungen für unsere eigene Medienarbeit, oder die fehlende Präsenz in der Netz-Community (beispielsweise auf der re:publica) konnte ich ansprechen, aber fast noch wichtiger waren mir Fragen, bei denen ich mich rückversichern möchte.

Wollen wir den Einsatz von Chatbots?

<span „>Chatbots sind im Online-Marketing ein heißes Thema. Bots werden von Unternehmen eingesetzt, weil sie billiger sind als Menschen und aufgrund von KI (Künstlicher Intelligenz) Antworten lernen können, die menschliche Konversationen erlauben. Im Kundendialog sind sie akzeptiert, wenn sie der Kundin oder dem Kunden mit der gewünschten Antwort weiterhelfen. „Sie verweilen bereits 30 Sekunden auf trauernetz.de. Kann ich Ihnen helfen? Möchten Sie eine Seelsorgerin sprechen oder kann ich Ihnen bei der Informationssuche behilflich sein?“ Was spricht gegen, was für solch eine Begrüßung? Was, wenn der Visitor auf der Website nicht eine Terminvereinbarung mit der Seelsorgerin ausmacht, sondern bereits mit dem Bot ein Seelsorgegespräch beginnt? Hinter der Frage des Einsatzes von Bots steckt eigentlich die Frage: Was ist menschliche Begegnung wert? Was macht sie besonders, was soll ihr vorbehalten bleiben? (Während Onliner über den Einsatz von Bots nachdenken, geht manchen Seelsorgerinnen und Seelsorgern bereits der Einsatz von Webmeetings in der Seelsorge zu weit.) Wer keine Bots einsetzen möchte, muss andererseits sagen, welche Ressourcen er für Online-Seelsorge aufwenden möchte, bei dem sich zwei Menschen in einem seelsorglichen Gespräch begegnen. Also statt der Frage Wollen wir den Einsatz von Chatbots? brauchen wir auch eine Antwort auf die Frage: Was ist ein menschlicher Seelsorge-Kontakt wert?

Facebook-Marketing für Taufe?

Bei Seelsorge im Netz ist die Nachfrage weit größer als das Angebot, bei Verkündigung ist es genau andersherum. Wenn man nicht nur die erreichen will, die bereits sowieso schon die christliche Botschaft kennen, stellt sich die Frage, wie man sich gezielt an kirchlich Distanzierte wendet. Über Social Media Marketing (insbesondere Facebook-Marketing) kann man sehr genau die Zielgruppe definieren und verschiedene Interaktionsformen initiieren. In einem Versuch haben wir gezielt Eltern auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland angesprochen, die ein Kind im Alter von bis zu 24 Monaten haben, religiös interessiert und nicht jüdischen oder muslimischen Glaubens sind, um mit ihnen über Taufe ins Gespräch zu kommen. Nach mehreren Versuchen hatten wir die Bildauswahl und die Interaktionsformen so gestaltet, dass wir miteinander über Taufe im Austausch waren und – in einem Fall – den Kontakt zum Ortspfarrer für ein Taufgespräch weitervermittelten. Dass die Anbahnung von Taufgesprächen über Facebook möglich ist, konnten wir so zeigen, die Frage aber lautet: Wieviel ist ein solcher Taufkontakt wert? Darf / soll man Kirchensteuermittel für Facebook-Marketing einsetzen? Wollen wir die Daten nutzen, die User (mehr oder weniger freiwillig) bei Facebook hinterlassen? Oder verzichten wir auf die Nutzung bei Facebook gesammelter personenbezogener Daten, weil wir Facebooks Geschäftsmodell für unethisch halten? Kurzum: Welche Daten darf man nutzen? Und für welchen Preis?

Theologie versus Pragmatismus

In Deutschland stellen wir (noch) solche theologischen Fragen, allgemein lässt sich in Europa – so Tim Hutchings auf der European Christian Internet Conference – beobachten, dass mittlerweile Kirchen einfach digitale Infrastrukturen nutzen, ohne diese theologisch zu reflektieren bzw. als theologische Rechtfertigung das Argument nutzen: „Wir müssen da sein, wo die Menschen sind.“

So werden Chatbots bereits in Finnland von der evangelisch-lutherischen Kirche genutzt, die Frage lautet nicht ob, sondern wie sie zum Einsatz kommen. Der Gewinner des Digital Lab der Kirche von England war ein Churchbot.

Während wir in Deutschland über Facebook-Marketing nachdenken, bezahlt die Kirche in Finnland Influencer, damit sie christliche Inhalte in Social Media vertreten. Productplacement der christlichen Botschaft? Solange das transparent geschieht, kein Problem antworten die Kolleginnen aus Finnland auf Nachfrage. Sie bezahlen auch, damit ihre eigenen Bloggern auf angesagten Plattformen zu Themen der Lebensgestaltung präsent sind. Der Kollege aus Norwegen fragt etwas verwundert nach und findet, dass man besser hätte verhandeln sollen, so dass man die Präsenz kostenlos für den Content hätte bekommen sollen.

Alles ist eine Frage des Preises, wir sind auf dem Marktplatz, auf dem Bots und Influcencer um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Wir müssen die Diskussion führen, was wir wollen – und zu welchem Preis.

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