Umgang mit Terror: Gebet und Champagner

20181024_120426.jpgDiese Woche besuchte ich eine Online-Konferenz in New York. Sie tagte im selben Gebäude-Komplex, in dem auch das New Yorker Büro von CNN ist, das evakuiert wurde.

Mitten im Vortrag wird der Redner gebeten, die Bühne zu verlassen. Direkt danach eine Ansage, das Konferenzzentrum wird evakuiert. Nicht mehr. Sofort stehen an den Türen die Mitarbeitenden und weisen zu den Notausgängen, die hinter dem Bühnenbereich liegen.

(Im Nachgang wird mir bewusst, dass die Durchsage erst kam, als hinter der Bühne die Türen zu den Notausgängen bereits geöffnet waren und die Mitarbeitenden platziert waren, um die Konferenzteilnehmerinnen und –teilnehmer sicher zum Ausgang zu leiten.)

Es geht geordnet zu. Ruhig. Keine Panik. Ich schicke schnell noch eine Sprachnachricht in die Familiengruppe. Was soll ich sagen? Das Kino beginnt im Kopf. Bei einem Feueralarm hätte man es vermutlich in der Ansage erwähnt. Also ein Anschlag? In New-York kommt mir Nine-Eleven in den Sinn. Ist der Satz, den ich schnell ins Handy gesprochen habe, vielleicht das Letzte, was meine Familie von mir hört. Ich will nicht soweit denken, doch die Gedanken sind da. Die Ungewissheit lässt vieles möglich erscheinen.

Zügig und schweigsam gehen alle die Treppe im Inneren des Hochhauses runter. Als jemand vor mir stolpert, weil er noch schnell auf dem Handy etwas tippte, reicht ihm ein anderer die Hand und fängt ihn auf. Ich erlebe so etwas wie Solidarität untereinander, mit wildfremden Menschen, niemand drängelt sich vor, keine schubst.

Endlich draußen angekommen. Ich denke nur, möglichst weit weg von Columbus Circle und gehe zum benachbarten Central Park. Ich versuche, zu Hause anrufen, doch das Telefonnetz funktioniert nicht. Die Nachricht aus dem Gebäude ging noch über das Konferenz-WLAN raus. Ich probiere es weiter, irgendwann komme ich durch und sage, dass es mir gut geht. In der Mitte des Central Park (man sollte nicht denken, wie groß er ist) scheint niemand etwas von der Evakuierung mitbekommen zu haben. Ich irre umher, suche auf Twitter nach Nachrichten vom New York Police Department. Abwarten bis sich die Situation klärt, ist die einzige Nachricht.

 

 

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Ich wandere durch den Central Park und warte, was passiert. Ein Pavillon, niemand sitzt dort, er wirkt fast wie eine Kapelle. Ich setze mich, meine Gedanken werden zu
einem Gebet. Dankbar, dass nichts passiert ist – soweit man es bis jetzt weiß. Dankbar für das Leben, meine Familie. Auch dankbar, dass wenn etwas passiert wäre, etwas – jemand – da ist, der größer ist als wir. Gott ist unser Trost im Leben und im Sterben – so heißt es am Anfang des Heidelberger Katechismus. Es ist kein Wissen, keine Überzeugung, aber eine Hoffnung. Ich bete nochmals: Gott sei Dank.

 

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Dann mache ich mich auf zurück zum Columbus Circle. Auf dem Weg treffe ich andere Konferenzteilnehmer und –teilnehmerinnen. Man erkennt sich an den Badges. Eine Mitarbeiterin des Veranstalters ist in der Gruppe, sie nimmt mich mit. Wir gehen in ein nahegelegenes Hotel. CNN läuft. Wir folgen den Nachrichten. Die Mitarbeiterin bestellt als erstes eine Flasche Champagner. Wir stoßen an, unterhalten uns. Die New Yorker Art, mit Terror und Terrordrohungen umzugehen: das Leben feiern und sich nicht kleinkriegen lassen. Gespräche mit fremden Menschen, aber so, als ob man sich gut kennte. Das gemeinsame Erlebnis stellt Nähe her.

Dann die Nachricht: Das Gebäude ist freigegeben, die Vorträge gehen weiter. Rückkehr in die Normalität. Am Abend Party – vielleicht das Tanzen etwas intensiver, der Stress und die Anspannung müssen aus dem Körper raus.

Am nächsten Morgen setzt bei mir das Nachdenken ein. Was wäre gewesen wenn? Ich fühle mich ausgepowert. Ich komme ins Grübeln. In den Nachrichten höre ich, wie Experten spekulieren, warum die Briefbombe nicht explodiert sei, Fehlkonstruktion oder war es Absicht, um nur Angst zu verbreiten, ohne jemand zu verletzen. Egal, was Absicht oder Motive sind – Schrecken zu verbreiten, ist gelungen. Aber: es gab nicht nur Angst und Schrecken, sondern auch Solidarität und Trotz. Das bewundere ich an den Menschen hier. Ich denke auch an die Überlebenden von Terroranschlägen, wie sie sich danach fühlen müssen: verwundbar und unsicher. Vermutlich braucht es Zeit, sich wieder sicher zu fühlen, wenn es je wieder geht. Zwei Tage später merke ich, wie ich nun darüber schreiben kann und will. Alles einmal aussprechen, damit es raus ist. Denn Terror gewinnt, wenn wir ängstlich werden.

In der U-Bahn geht ein Ziehharmonika-Spieler von Wagen zu Wagen. Ich lege Geld in sein Körbchen. Er spielt Gracias a la vida. Ich höre das Lied und sage für mich: Gott sei Dank!

 

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