Digitale Gottesdienste – wen erreichen sie?

Gottesdienst aus einem Kinderzimmer
Gottesdienst aus einem Kinderzimmer

Letzte Woche nahm ich an der Zoom-Konferenz der Gottesdienstbeauftragten meiner Landeskirche teil. Spannend, was die Kolleginnen und Kollegen in den Kirchenkreisen machen. Was mir allerdings nachgeht: wie unterschiedlich die Einschätzungen der Kolleginnen und Kollegen sind, was Online-Gottesdienste angeht. Für einige war entscheidend, dass der digitale Gottesdienst live ist und Interaktionsmöglichkeiten bietet, andere halten dagegen Video-Clips als Andachten auf Social Media für die passende Form.

Digitale Gottesdienste: ein Notlösung

In den letzten Woche habe ich sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Online-Gottesdienste gehört. In einem Webinar berichtete ein orthodoxer Kollege, dass sich sein Bischof dafür eingesetzt habe, in jeder Kirche Webcams zum Streamen des Gottesdienstes anzubringen. Der Bischof sagte aber gleichzeitig, er werde nach Corona sofort jede Kamera entfernen lassen. Digitale Gottesdienste: eine Notlösung, solange in der Kirche keine Gottesdienste mit Gemeinde gefeiert werden können.

Kirche von zu Hause

Eine Kollegin aus Skandinavien berichtete im selben Webinar: Durch digitale Gottesdienste sei die Kirche bei ihren Gemeindegliedern endlich im Wohnzimmer angekommen, wenn man von daheim am Gottesdienst teilnehmen kann. Digitale Gottesdienste: Kirche ist dort angekommen, wo sie hingehört, mitten im Zuhause ihrer Gemeindeglieder.

Im Online-Gottesdienst trägt niemand Tracht

Eine Bemerkung, die am Rande eines anderen Webinars fiel, das ich mit einer Pfarrkonferenz der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien hatte: “In Online-Gottesdienstes trägt niemand Tracht.” Digitale Gottesdienste: Traditionsabbruch, sie folgen nicht den kulturellen Gepflogenheiten, die sich für Gemeindegottesdienste entwickelt haben und Identität stiften. Eine andere Wahrnehmung aus Siebenbürgen: Die Webstatistik weist bei Online-Gottesdiensten mehr Zugriffe aus Deutschland als aus Rumänien zu. Digitale Gottesdienste: eine Gemeinde, unabhängig vom Wohnort, sondern der gemeinsame Bezug zur Heimat Siebenbürgen ist entscheidend.

Diese sehr unterschiedlichen Einschätzungen sind aus der Sicht von Anbieterinnen und Anbietern digitaler Gottesdienste. Auch die midi– bzw. CONTOC-Studie blicken aus Anbietersicht auf digitale kirchliche Angebote aber wie nehmen Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer digitale Verkündigungsformate wahr? Zu Beginn der Corona-Pandemie kam es darauf an, schnell digitale Gottesdienstangebote machen zu können. Live-Streams waren für einige Gemeinden zu schwierig umzusetzen, aber Gemeinden sind digital gewachsen. Nicht mehr: Was kann man machen?, sondern: Was brauchen die Gemeindeglieder? – darum geht es nun. Wen erreichen digitale Gottesdienste, wenn es auch wieder Präsenzgottesdienste gibt.

„Rezipiententypologie evangelischer Online-Gottesdienstbesucher*innen während und nach der Corona-Krise“

Damit Gemeinden nicht mehr auf Einschätzungen der Anbieterinnen und Anbieter digitaler Gottesdienste angewiesen sind, haben wir die Studie „Rezipiententypologie evangelischer Online-Gottesdienstbesucher*innen während und nach der Corona-Krise“ aufgesetzt. Grundlage ist ein Umfrage, die erhebt, wie Menschen digitale Gottesdienste erleben und was sie sich von ihnen wünschen. Die Studie wird dann auch zeigen, welche Zielgruppen sich mit bestimmten Online-Formaten erreichen lassen. Dann können Gemeinden user-zentriert entscheiden, welche digitalen Verkündigungsformate für sie sinnvoll sind.

Die Umfrage ist unter dem Link www.ekir.de/gottesdienstumfrage erreichbar und bis 20. Juli geöffnet.

Zur Umfrage heißt es auf der Homepage der rheinischen Landeskirche:

Als wegen der Corona-Pandemie Kirchengebäude geschlossen wurden, wechselten viele Gemeinden zu Video-Streaming, Videoaufzeichnungen, Videokonferenzen und boten Gottesdienste auf YouTube, Zoom, Facebook oder Instagram an. Dies geschah ohne große Vorbereitungszeit; der Einstieg in digitale Gottesdienste musste schnell gehen.

Was ist bei digitalen Gottesdiensten für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wichtig? Die Möglichkeit, sich online an der Fürbitte zu beteiligen und während des Gottesdienstes Kommentare zu posten? Muss der Gottesdienst live sein oder ist ein vorproduziertes und daher gut geschnittenes Gottesdienstvideo besser? Soll es die Kirche aus dem Ort oder der Region sein oder suchen sich Gemeindeglieder Pfarrerinnen und Pfarrer aus, denen sie über die sozialen Medien folgen? Wie wichtig ist es, dass Online-Gottesdienste aus einer Kirche kommen – oder schalten sich womöglich besser Gemeindeglieder von zu Hause in einer Videokonferenz zusammen?

Wen erreichen digitale Gottesdienste?


Welche Formen von digitalen Gottesdiensten haben sich bewährt? Welche Zielgruppen werden über digitale Gottesdienstformate erreicht? Auf diese Fragen gibt es bislang keine verlässlichen Antworten. Die Studie „Rezipiententypologie evangelischer Online-Gottesdienstbesucher*innen während und nach der Corona-Krise“ soll Gemeinden helfen, begründete Entscheidungen zu treffen, mit welchen Online-Gottesdienst-Formen und -Formaten sie künftig spezifische Zielgruppen erreichen.

Dafür ist Ihre Mithilfe wichtig. Grundlage für die Studie ist eine Umfrage, die bis zum 20. Juli geschaltet ist. Die Befragung umfasst vier Themenbereiche, die Teilnahme dauert etwa 10 bis 15 Minuten. Sie wendet sich an Menschen, die digitale Gottesdienste besucht haben, aber auch an solche, die dieses Angebot bisher nicht wahrgenommen haben.

Grundlage sind die Erfahrungen im digitalen Gottesdienst


In der Corona-Krise haben sich viele Formen von digitalen Gottesdiensten entwickelt, aber es gibt noch keine Untersuchung, welche Formen sinnvoll fortgeführt werden sollten. Bisher gibt es nur absenderorientierte Studien zu digitalen Gottesdiensten und digitalen Angeboten von Gemeinden (midi– bzw. CONTOC-Studie). Ziel der neuen Studie ist es, belastbare Aussagen zu erhalten, wie Teilnehmende digitale Gottesdienste wahrnehmen und erleben. Wie wichtig sind ihnen Interaktion und Partizipation (z. B. über Chat während des Gottesdienststreams)? Welche liturgischen Elemente und welches Setting sind bei digitalen Gottesdiensten wichtig? Wie entscheidend ist der lokale Bezug des Gottesdienstes? Wo, wie und von wem werden digitale Gottesdienste angenommen?

Grundlage der Studie „Rezipiententypologie evangelischer Online-Gottesdienstbesucher*innen während und nach der Corona-Krise“ ist eine Befragung, die bereits in den Landeskirchen Baden und Württemberg durchgeführt wurde, die aber noch nicht wissenschaftlich ausgewertet wurde. Diese Umfrage wurde nun durch den Medienwissenschaftler Prof. Holger Sievert ergänzt, so dass z. B. auch Korrelationen mit der ARD/ZDF-Online-Studie möglich sind. Holger Sievert ist rheinischer Presbyter und Professor an der Macromedia-Hochschule in Köln; er hat in seiner Gemeinde selbst digitale Gottesdienste eingeführt. Professor Sievert wird die wissenschaftliche Auswertung der Umfrage und die Erstellung der Studie übernehmen.

Neben den Landeskirchen Baden und Württemberg, die die Umfrage technisch realisieren, sind die Evangelische Kirche im Rheinland (Arbeitsbereich Kommunikation und Fachbereich Gottesdienst im Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung) und die Landeskirchen Hessen-Nassau und Hannover Kooperationspartner. Die Fertigstellung der Studie geschieht gegen Ende der NRW-Sommerferien.

Die Umfrage ist unter dem Link www.ekir.de/gottesdienstumfrage erreichbar. Der Link kann auch in Gottesdienststreams eingebettet werden, so dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Anschluss an den Gottesdienst ihre Erfahrungen in der Umfrage teilen können.

Eine Antwort auf „Digitale Gottesdienste – wen erreichen sie?“

  1. Digitale Gottesdienste erreichen mich dann, wenn ich den/die Predigerin als für mich relevant empfinde. Das unterscheidet deutlich vom Prinzip der parochialen Predigt.

    Wenn ich dort die Prediger nicht als relevant, aber überpräsent empfinde, entferne ich mich. Das ist bewusster als in der parochialen Predigt.

    Und durchaus als ein Pladoyer für gute Predigten zu verstehen. Was davon gut ist, mag nach Menschen sehr unterschiedlich sein.

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