Zeugen sein in einer von KI geprägten Welt: Die Kirche als vertrauenswürdige Quelle und menschliche Stimme

Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt; KI verändert unsere Gesellschaft. Sie verändert auch die Art und Weise, wie wir arbeiten. Sie verändert die Bildung, die Wirtschaft und die Medizin. KI verändert den Arbeitsmarkt, und dieser Wandel vollzieht sich rasant. Nicht nur einzelne Berufe verändern sich, sondern auch die Art und Weise, wie Organisationen und Institutionen arbeiten. Und natürlich verändert KI auch die Kirche, denn die Kirche ist Teil dieser Gesellschaft.

Diese Entwicklungen sind hochdynamisch. Für die Forschung ist es schwierig, mit ihnen Schritt zu halten. KI und die ihr zugrunde liegenden Large Language Models (LLMs) werden von US-amerikanischen Unternehmen mit globaler Reichweite dominiert. Auch China hat sich zu einem globalen Akteur entwickelt und weitet seinen Einfluss auf andere Teile der Welt aus. Daher ist es sehr schwierig, aus einer wirklich globalen Perspektive über KI zu schreiben und sie zu bewerten. Dieser Artikel nimmt deshalb eine europäische Perspektive ein und greift auf die Erfahrungen des Autors zurück.

Über diese gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen hinaus stellt KI auch die Grenzen dessen infrage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Der Transhumanismus stellt die christliche Theologie vor tiefgreifende Herausforderungen. Selbst wenn die Theologie an ihren traditionellen Lehren festhält, werden viele vertraute Begriffe mit neuen Bedeutungen gefüllt. Können Bots beten?1 Wo steht KI zwischen Menschheit und Schöpfer? Auch die Vorstellung von Allwissenheit wird im Blick auf KI neu herausgefordert, denn KI scheint auf Fragen nahezu unbegrenzt Antworten geben zu können. Wenn KI-Systeme den Turing-Test bestehen, überschreiten sie bestimmte Grenzen, die bislang als menschlich galten. Sollten sie weiterhin Fähigkeiten erwerben, die traditionell mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht wurden – etwa ein scheinbar grenzenloses Wissen –, könnten sie zunehmend als gottähnlich wahrgenommen werden. Damit droht die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Schöpfer unschärfer zu werden.

Wenn die Kirche in einer von KI geprägten Gesellschaft relevant bleiben und Menschen verständlich ansprechen will, muss sie sich deshalb auch theologisch mit KI auseinandersetzen und Antworten auf die Fragen entwickeln, die KI aufwirft. Wenn wir das Evangelium verkündigen wollen, müssen wir ausdrücken können, was das Evangelium in Begriffen bedeutet, die für das digitale Zeitalter relevant sind. Die Kirche muss die Sprache der digitalen Kultur beherrschen lernen und ihre Begriffe als Anknüpfungspunkte für christliche Apologetik nutzen.

Die umfassenden Auswirkungen von KI auf die christliche Apologetik zu diskutieren, würde eine eigene Untersuchung erfordern. Künstliche Intelligenz wirft Fragen nach dem Menschsein, nach Wissen, Bewusstsein und Wahrheit auf. Es genügt nicht, traditionelle christliche Lehren lediglich zu wiederholen. Vielmehr müssen sie angesichts neuer technologischer Realitäten neu bestimmt oder interpretiert werden. Solche theologischen Reflexionen gehen über den Rahmen dieses Beitrags hinaus. Stattdessen möchte ich mich auf zwei andere Aspekte konzentrieren:

  1. Wie können Kirche und christliche Botschaft in einem zunehmend durch KI vermittelten Umfeld digital sichtbar bleiben?
  2. Wie kann die Kirche KI so einsetzen, dass sie eine glaubwürdige und authentische Zeugin des Evangeliums bleibt?

Digitale Präsenz

Künstliche Intelligenz verändert grundlegend, was digitale Präsenz bedeutet. KI-gestützte Chatbots verändern die Art und Weise, wie Websites genutzt werden. Websites dienen zunehmend vor allem als Quellen, auf die KI-Systeme zurückgreifen, während die Nutzerinnen und Nutzer ihre Antworten direkt im Chatbot erhalten, anstatt die ursprüngliche Website zu besuchen. Suchmaschinen haben einen mächtigen Konkurrenten bekommen, da immer mehr Menschen KI-Assistenten anstelle klassischer Websuchen nutzen.2 Gleichzeitig integrieren Suchmaschinen selbst KI-generierte Zusammenfassungen und direkte Antworten in ihre Suchergebnisse. Die Suche im Internet befindet sich damit in einem grundlegenden Wandel.

Noch grundsätzlicher verändert KI, was es bedeutet, im Web präsent zu sein. Der Datenverkehr auf Websites geht zurück, weil Nutzerinnen und Nutzer Antworten zunehmend direkt von KI-Systemen erhalten, anstatt Websites selbst aufzurufen. Suchmaschinen, die lange Zeit die wichtigsten Gatekeeper des Internets waren, verlieren an Bedeutung, während KI-Assistenten zu einem gängigen Instrument der Informationsbeschaffung werden. Websites sind damit immer weniger der Ort, an dem Informationen konsumiert werden. Stattdessen werden sie zunehmend zu Datenquellen, aus denen KI-Systeme Informationen abrufen, strukturieren und zu eigenen Antworten zusammenführen. Wenn sich KI zu einer vertrauten persönlichen Begleiterin entwickelt, wird sich auch die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und in sozialen Medien interagieren, erheblich verändern. KI verändert die Regeln digitaler Kommunikation grundlegend – und dieser Wandel wird bleiben.

Kirchen sind digital geworden. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Kirchen digital präsent sein sollten, sondern welche Art von digitaler Präsenz sie in einem durch KI vermittelten Informationsökosystem benötigen.

Diese Entwicklung zwingt Kirchen dazu, neu darüber nachzudenken, was digitale Präsenz bedeutet. Es reicht nicht mehr aus, lediglich eine Website zu betreiben, die für menschliche Besucherinnen und Besucher attraktiv ist. Informationen müssen auch so aufbereitet werden, dass KI-Systeme sie finden, interpretieren und weiterverwenden können. Relevante Informationen über Kirchen, Gottesdienste, Arbeitsbereiche, Veranstaltungen und christliche Angebote sollten deshalb nicht nur für Menschen veröffentlicht werden, sondern auch in Formen, die Maschinen verarbeiten können.

Dazu müssen Kirchen ihre Informationen in strukturierten, maschinenlesbaren Formaten auf Grundlage semantischer Webstandards wie Schema.org veröffentlichen. Strukturierte Daten werden zu einer Grundlage digitaler Sichtbarkeit. Relevante Informationen müssen verwaltet, standardisiert, angereichert und miteinander verknüpft werden.3 Eine solche gemeinsame Datengrundlage ermöglicht es KI-Systemen, Zusammenhänge zwischen Kirchen, Gemeinden, Gottesdiensten, Arbeitsbereichen, Veranstaltungen und anderen relevanten Informationen zu erkennen.

Ein typisches Beispiel verdeutlicht, warum dies wichtig ist. Jemand könnte einen KI-Chatbot fragen: „Ich möchte an Heiligabend zwischen 15 und 17 Uhr einen Gottesdienst mit Krippenspiel in meiner Stadt besuchen.“ Ein KI-System kann eine solche Frage nur dann zuverlässig beantworten, wenn Kirchen Informationen über Gottesdienste, Orte, Zeiten, Barrierefreiheit und weitere relevante Angaben strukturiert und maschinenlesbar zur Verfügung gestellt haben. Fehlen solche Daten, werden Kirchen in einer durch KI vermittelten Suche weitgehend unsichtbar.

Im digitalen Marketing versuchen erfolgreiche Marken, selbst zur wichtigsten – oder sogar einzigen – autoritativen Informationsquelle über sich zu werden. Sie wollen für Fragen zu ihrer Marke, ihren Produkten, Dienstleistungen und ihrer Identität die maßgebliche „Source of Truth“ sein.

Um dies zu erreichen, investieren Unternehmen erhebliche Ressourcen in die Strukturierung und Veröffentlichung ihrer Daten, damit Suchmaschinen und KI-Systeme sie möglichst einfach interpretieren können. Sie beschäftigen Fachleute für digitales Marketing und Suchmaschinenoptimierung, vergleichen sich mit Wettbewerbern und versuchen, zu vertrauenswürdigen Quellen zu werden, auf die Suchmaschinen und KI-Assistenten verweisen. Ihr Ziel ist es, Informationen konsistent, umfassend und maschinenlesbar bereitzustellen und als autoritative Quelle anerkannt zu werden.

Was bedeutet das für Kirchen und christliche Gemeinschaften? Auch Kirchen sollten danach streben, vertrauenswürdige und autoritative Quellen für Informationen über den christlichen Glauben, ihre Arbeit und das Evangelium zu sein.

Im Zeitalter des Buchdrucks waren Kirchen auf Spezialistinnen und Spezialisten angewiesen. Druckereien und Verlage machten die christliche Botschaft weithin zugänglich, indem sie Bibeln, Katechismen, Gesangbücher, Predigten und theologische Literatur produzierten, sodass das Evangelium gelesen und verbreitet werden konnte. Heute übernehmen Fachleute für digitale Kommunikation, digitales Marketing, Informationsarchitektur und KI-Technologien eine vergleichbare Funktion. Ihre Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass Suchmaschinen und KI-Systeme mit korrekten, strukturierten und vertrauenswürdigen Informationen versorgt werden und Kirchen so zu autoritativen Quellen innerhalb des digitalen Ökosystems werden.

Auch in früheren Jahrhunderten besaß nicht jede Ortsgemeinde eine eigene Druckerpresse. Stattdessen produzierten Kirchen, Missionswerke und Verlage Materialien, die von den Gemeinden vor Ort verbreitet werden konnten. Ebenso brauchen Kirchen, kirchliche Zusammenschlüsse und Missionsorganisationen heute Fachleute für digitale Kommunikation, deren Expertise die Gemeinden vor Ort unterstützt. Sie können technische Infrastruktur, gemeinsame Standards, Schulungen und gemeinsam nutzbare Ressourcen bereitstellen, damit auch kleine Gemeinden eine sinnvolle digitale Präsenz aufbauen können.

Eine zweite Konsequenz ist ebenso wichtig: Die relevanten Daten müssen offen zugänglich sein. Informationen, die hinter Bezahlschranken oder technischen Barrieren verborgen sind, können nur von einem begrenzten Kreis genutzt werden. Das Evangelium sollte jedoch frei zugänglich bleiben – nicht nur für Menschen, die unmittelbar danach suchen, sondern auch für Suchmaschinen und KI-Systeme, die den Zugang zu Informationen zunehmend vermitteln.4

Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die Bibel selbst, sondern ebenso für theologische Ressourcen wie Kirchenlieder, Predigten, liturgische Texte, Glaubenszeugnisse, Bildungsmaterialien und andere Ausdrucksformen kirchlichen Lebens und kirchlichen Zeugnisses. Wo immer möglich, sollten solche Ressourcen als Open Educational Resources (OER) veröffentlicht werden, sodass sie frei geteilt, weiterverwendet, übersetzt und angepasst werden können. Offene Lizenzen erweitern nicht nur den Zugang für Menschen, sondern erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, dass christliche Ressourcen Teil jener Wissensbasis werden, aus der KI-Systeme ihre Antworten generieren.

In einer zunehmend von KI-generierten Inhalten geprägten Welt gewinnt Vertrauenswürdigkeit zusätzlich an Bedeutung. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hängt nicht nur von der Wahrheit ihrer Botschaft ab, sondern auch davon, ob diese Botschaft zugänglich ist und von KI-Systemen als zitierfähige Quelle erkannt wird.

Je mehr authentische, korrekte und gut strukturierte Daten offen zur Verfügung stehen, desto geringer ist das Risiko von Halluzinationen durch KI und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass KI-Systeme zuverlässige Antworten generieren.

Gleichzeitig weisen viele Large Language Models Verzerrungen in der Darstellung von Religion und Christentum auf. Diese können aus den Trainingsdaten, der Auswahl der Quellen oder aus Entscheidungen bei der Entwicklung der Systeme entstehen. Kirchen haben auf diese Prozesse nur begrenzten Einfluss. Ihre wirksamste Antwort besteht deshalb nicht allein darin, solche Verzerrungen zu kritisieren – ganz zu schweigen von der weiterführenden Frage, wer KI-Systeme kontrolliert und ihre Parameter festlegt –, sondern darin, authentische, korrekte und zitierfähige christliche Ressourcen so breit wie möglich zugänglich zu machen.

Eine umfassendere Diskussion darüber, wer KI-Systeme kontrolliert und ihre Parameter bestimmt, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Indem Kirchen qualitativ hochwertige, offen zugängliche und maschinenlesbare Informationen veröffentlichen, können sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass KI-Systeme auf zuverlässige christliche Quellen zurückgreifen. Damit können sie dazu beitragen, dass der christliche Glaube auch in einem durch KI vermittelten Zugang zu Wissen angemessen und authentisch dargestellt wird.

Zeuginnen und Zeugen sein in einer von KI geprägten Welt

In der Theologie gibt es eine breite Diskussion darüber, was Mission ist und wie der Missionsbegriff zu verstehen ist. Diese Diskussion kann im Rahmen dieses Beitrags nicht geführt werden. Im Folgenden steht deshalb ein Verständnis von Mission im Mittelpunkt, nach dem Mission grundlegend bedeutet, Zeugnis vom Evangelium zu geben.

Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums zu sein, beinhaltet zwei sich ergänzende Verpflichtungen. Erstens muss die Treue zum Inhalt des Evangeliums im Zentrum stehen. Zweitens müssen die eingesetzten Methoden mit der verkündigten Botschaft übereinstimmen. Die Mittel der Kommunikation dürfen den Werten, die das Evangelium verkörpert, nicht widersprechen. Marshall McLuhans Beobachtung, dass „das Medium die Botschaft ist“, gilt auch hier.

Wie Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas5 betont, muss künstliche Intelligenz stets in der Würde des Menschen verankert bleiben. Diese Perspektive gründet zwar in der katholischen Soziallehre, doch Stellungnahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Diese gemeinsamen Anliegen haben auch Konsequenzen für den Einsatz von KI in Kirchen. Wer Technologien nutzt, die christlichen Werten widersprechen, untergräbt die Glaubwürdigkeit christlichen Zeugnisses.

KI-Governance, KI-Ethik und der verantwortungsvolle Einsatz von KI sind weite Themenfelder. Dennoch sollte sich der kirchliche Einsatz von KI an dem Grundsatz orientieren, dass das Evangelium nicht mithilfe von Technologien verkündigt werden kann, die die Menschenwürde oder das Gemeinwohl untergraben.

KI-Produkte haben ihren Preis. Viele von ihnen beruhen auf ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Dazu gehören schlecht bezahlte Clickworkerinnen und Clickworker – häufig in afrikanischen Ländern –, die unverzichtbare Aufgaben wie die Annotation von Daten übernehmen. So beschäftigte OpenAI beispielsweise über externe Dienstleister Clickworkerinnen und Clickworker, viele davon in Kenia, die sexuell explizite und andere schädliche Inhalte für die Inhaltsmoderation prüfen und annotieren mussten. Sie wurden schlecht bezahlt und waren dabei verstörenden Inhalten ausgesetzt.6

Auch die ökologischen Kosten von KI sind erheblich, insbesondere aufgrund des enormen Energie- und Wasserverbrauchs. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur, auf der KI beruht, weltweit ungleich verteilt ist. Rechenzentren konzentrieren sich vor allem in westlichen Ländern und in China, während viele Staaten des Globalen Südens eher Konsumenten als Produzenten von KI-Technologien bleiben.

Minderheitensprachen sind in Trainingsdaten deutlich unterrepräsentiert, und KI-Systeme spiegeln überwiegend nordamerikanische und europäische kulturelle Annahmen und Wertvorstellungen wider. Auch Privatsphäre und Datenschutz sind wichtige Fragen, die häufig nicht ausreichend berücksichtigt werden. Eine unkritische Übernahme von KI-Technologien kann daher unbeabsichtigt Muster eines digitalen Kolonialismus verstärken, bestehende globale Ungleichheiten vertiefen, Daten von Nutzerinnen und Nutzern ohne deren informierte Zustimmung für Trainingszwecke verwenden oder ihre Privatsphäre verletzen.

Gleichzeitig bietet KI enorme Chancen. Zu verantwortungsvoller Haushalterschaft gehört es, Ressourcen klug und wirtschaftlich einzusetzen. Kirchen sollten KI jedoch nicht allein anhand ihrer finanziellen Kosten beurteilen. Sie müssen ebenso die ethischen, sozialen und ökologischen Kosten berücksichtigen und Technologien wählen, die mit ihrer Mission und ihren Werten vereinbar sind.

Der Global Digital Compact betont eine an Menschenrechten orientierte KI-Governance, inklusive digitale Ökosysteme, den Schutz unabhängiger Medien und der Zivilgesellschaft sowie die Wahrung von Meinungsfreiheit und Privatsphäre.7 Diese Grundsätze sind auch für Kirchen relevant. KI-Technologien und ihre Anbieter sollten nicht allein deshalb ausgewählt werden, weil sie günstig oder bequem sind, sondern danach, ob sie Menschenrechte, Datenschutz, Privatsphäre und Inklusion achten.8

Der Einsatz von KI wirft daher immer ethische Fragen auf, die sorgfältige Abwägung erfordern. Für Kirchen und Missionsorganisationen ist es deshalb sinnvoll, ihren Mitarbeitenden KI-Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, die so weit wie möglich ethischen Grundsätzen entsprechen und dem Datenschutz hohe Priorität einräumen. Geeignete Werkzeuge institutionell bereitzustellen, verringert zugleich das Risiko einer „Shadow AI“ – also der nicht autorisierten Nutzung nicht freigegebener KI-Anwendungen durch Mitarbeitende, weil geeignete Alternativen fehlen. Schulungen und Richtlinien können zusätzlich dazu beitragen, KI verantwortungsvoll einzusetzen.

Wenn Kirchen und Missionsorganisationen selbst KI-Werkzeuge wie Chatbots anbieten, sollten auch diese christliche Werte widerspiegeln. Ihr Einsatz sollte transparent sein, Verzerrungen sollten so weit wie möglich reduziert und die Daten der Nutzerinnen und Nutzer geschützt werden. Die Systeme sollten in Ländern und technischen Umgebungen betrieben werden, die Datensouveränität gewährleisten. Nutzerdaten sollten unter der Kontrolle der Kirche bleiben und nicht unter der Kontrolle großer Technologiekonzerne. Vor allem muss jederzeit klar sein, dass Chatbots Maschinen und keine Menschen sind. Eine Anthropomorphisierung sollte vermieden werden.

Es gibt viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für KI. Dazu gehören Chatbots, die Informationen über den christlichen Glauben bereitstellen können. Bei der Verkündigung des Evangeliums und in der Seelsorge ist es jedoch entscheidend, dass Menschen im Mittelpunkt bleiben. KI-Systeme können zwar in der ersten Person („ich“) sprechen, doch darf diese Sprache nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nutzerinnen und Nutzer mit einer Maschine kommunizieren.

Deshalb sollten für den Einsatz solcher Systeme klare Grenzen festgelegt werden. Sie sollten in erster Linie auf dem Wissen basieren, das ihnen bewusst zur Verfügung gestellt wurde, anstatt Antworten aus uneingeschränkten allgemeinen Wissensquellen zu generieren. So lässt sich das Risiko halluzinierter Antworten reduzieren. Wenn Nutzerinnen und Nutzer einen Chatbot bitten zu beten oder wenn seelsorgliche Begleitung erforderlich ist, sollte das System an menschliche Ansprechpersonen verweisen, anstatt selbst diese Rolle zu übernehmen.

Authentizität bleibt daher unverzichtbar. Die Kirche legt nicht nur durch das, was sie verkündigt, Zeugnis ab, sondern auch durch die Integrität, mit der sie kommuniziert. KI sollte dieses Zeugnis unterstützen und nicht ersetzen. Vertrauen, Transparenz und Authentizität sind deshalb von entscheidender Bedeutung.

KI kann kirchliche Mitarbeitende bei ihrer Arbeit unterstützen, beispielsweise bei der Textbearbeitung, Bilderstellung oder Videoproduktion. Dabei ist es jedoch wichtig, Transparenz und Authentizität zu bewahren. Das wirft eine wichtige Frage auf: Was wird eigentlich dadurch gewonnen, dass Bilder realer Menschen durch KI-generierte Bilder ersetzt werden?

Wo immer möglich, sollten authentische Bilder realer Menschen in ihrem eigenen Umfeld gegenüber KI-generierten Darstellungen bevorzugt werden, die möglicherweise unrealistisch perfekt erscheinen. Das Evangelium wird durch Menschen vermittelt, die mit all ihren Stärken und Schwächen Zeuginnen und Zeugen sind. Sie sind Menschen, keine Avatare. Ihr Zeugnis ist glaubwürdig, weil es authentisch ist. Bilder, die zu perfekt erscheinen, werden häufig unmittelbar als künstlich erkannt. In der kommerziellen Werbung mögen solche Bilder ihren Platz haben. Für die Verkündigung des Evangeliums sind sie weniger geeignet.

Dasselbe Prinzip gilt für die Verkündigung selbst. Es ist wichtig, dass Menschen sprechen. KI kann theologisch korrekte Texte produzieren, auch wenn ihnen häufig eine persönliche Stimme fehlt – selbst wenn sich die Technologie kontinuierlich weiterentwickelt. Es gibt bereits Kirchen, die KI-gestützte Werkzeuge zur Predigterstellung einsetzen.9 Pfarrerinnen und Pfarrer geben einen Prompt ein, und die KI generiert eine theologisch korrekte Predigt. Bei KI-generierten Predigten fällt jedoch etwas auf: In ihnen fehlt das persönliche „Ich“.

Was geschieht mit dem „Ich“ der Pfarrerin, des Pfarrers oder der predigenden Person, wenn KI eingesetzt wird? Spielt eine persönliche Geschichte oder eine gemeinsam mit der Gemeinde gemachte Erfahrung eine Rolle? Kann KI-generierter Inhalt in einem authentischen Sinn wirklich zum eigenen Inhalt werden?

Christliche Verkündigung besteht nicht lediglich in der Vermittlung theologisch korrekter Inhalte. Sie ist das persönliche Zeugnis eines Menschen, dessen Leben durch das Evangelium geprägt wurde. Eine KI-generierte Predigt kann nicht auf die eigenen Erfahrungen einer predigenden Person mit ihrer Gemeinde zurückgreifen. Sie kann keine Geschichten aus deren eigenem Leben erzählen und nicht davon Zeugnis geben, wie Gott im persönlichen Glaubensweg dieses Menschen gewirkt hat.

Die Stimme der Kirche muss deshalb zutiefst menschlich bleiben. Der christliche Glaube wurde immer durch menschliche Zeuginnen und Zeugen weitergegeben, deren Leben die Botschaft verkörpert, die sie verkündigen. KI kann zu einem mächtigen Instrument im Dienst der Mission werden. Sie kann aber niemals die persönlichen Zeuginnen und Zeugen, Beziehungen, Mitgefühl und leibhaftige Präsenz ersetzen, durch die das Evangelium letztlich vermittelt wird.

Die Zukunft christlicher Mission wird deshalb nicht davon abhängen, menschliche Zeuginnen und Zeugen durch intelligente Maschinen zu ersetzen. Entscheidend wird vielmehr sein, Menschen zu befähigen und darin zu unterstützen, in einer digitalen Welt treu, weise und mitfühlend Zeuginnen und Zeugen zu sein – und KI dort einzusetzen, wo sie der Mission der Kirche dient.

Anmerkungen

  1. Reimann, Ralf Peter: „Praying with Avatars“. In: Lukas Brand, Martin Kutz und Dominik Winter (Hg.): Instrumente Gottes. Verlag Karl Alber, 2025. https://doi.org/10.5771/9783495993835-101.
  2. Silverstein, Jenifer; Kip Martin; Alan Antin et al.: Predicts 2024: How GenAI Will Reshape Tech Marketing. Nr. G00800771. Gartner, Inc., 2023. Gartner.
  3. Ein Pilotprojekt der Evangelischen Kirche stellt entsprechende Informationen für KI-Plattformen zur Verfügung; siehe das Projekt „Kirche.info – KI verändert die Suche“: Projektbeschreibung.
  4. Reimann, R. P.: „The Gospel for Free—Reflections on Open Content“. In: B. Hudd und R. P. Reimann (Hg.): European Churches on the Internet: Challenges, Experiences and Visions: A Selection of Papers from the European Christian Internet Conferences, 1996–2005 and the Vatican Documents, The Church and Internet and Ethics in Internet. 2., überarb. und aktualisierte Aufl. Verlag IKS Garamond, 2006, S. 145–153.
  5. Leo XIV.: Magnifica Humanitas: On Safeguarding the Human Person in the Time of Artificial Intelligence. Vatikanstadt: Libreria Editrice Vaticana, 2026. Volltext.
  6. Billy Perrigo: „Exclusive: OpenAI Used Kenyan Workers on Less Than $2 Per Hour to Make ChatGPT Less Toxic“. TIME, 18. Januar 2023. Artikel bei TIME.
  7. Kumar, Dev; Gitiara Nasreen; Vincent Rajkumar et al.: „Recommendations on the Implementation of the Global Digital Compact“. Media Development 71, Nr. 2 (2025), S. 6–13. PDF.
  8. Oosterlinck, Anna: „Independent Media, the WSIS+20 Review Process, and Public Digital Infrastructure“. Media Development 71, Nr. 4 (2025), S. 5–8. PDF.
  9. Vgl. den Prædikenhjælper („Sermon Helper“), eine KI-gestützte Plattform, die von der dänischen Pfarrvereinigung für die dänische lutherische Kirche entwickelt wurde. Siehe Ralf Peter Reimann: „Preaching in the Age of AI: A Conversation about the Danish Sermon Helper. Interview with Simon Nøddebo Balle“. TheoNet θ, 18. Juni 2026. Artikel auf TheoNet.

Englische Originalfassung

Reimann, R. P. (2026): „Bearing Witness in the Age of AI: The Church as a Trusted Source and Human Voice“. INSiGHT, 3/2026, Artificial Intelligence and the Church: Reimagining Mission in a Digital Age, S. 34–39. Zur Originalveröffentlichung.

Transparenzhinweis: Bei der sprachlichen Überarbeitung des englischen Originaltextes sowie bei der Übersetzung und sprachlichen Anpassung dieser deutschen Fassung wurde KI unterstützend eingesetzt.

Autor:in


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..