Software-Theologie: Wie wähle ich ein Redaktionssystem aus?

Die Confessio Augustana gibt Freiheiten, wie sich Kirche im Web am besten organisiert. Menschliche „Vernunft und Zweckmäßigkeit“ sind dabei entscheidend, so die Studie „Kirche und Vernetzte Gesellschaft“ aus der bayerischen Landeskirche. Die Barmer Theologische Erklärung betont, dass die Ordnung der Kirche auch ihrer Botschaft entsprechen müsse. Wie stellt sich Kirche im Netz dar und welche Infrastruktur ist angemessen? Gibt es einen theologischen Rahmen, der auch bei einer praktischen Frage wie bei der Auswahl eines Online-Redaktionssystems eine Referenz bieten kann?

Verstehen wir das Evangelium als Open Content – also ein Inhalt, der zur Verbreitung freigegeben ist – gibt es eine gewisse Nähe zu Open Source Software, daraus lässt sich aber meines Ermessens keine eindeutige Präferenz begründen.

Kommerzielle Software oder Open Source Software – beide müssen sich an ihren Leistungen messen lassen. In Analogie zur Aussage von Gerhard Schröder, dass es keine linke, sondern nur  gute oder schleche Wirtschaftspolitik gebe, könnte man auch sagen, es gibt keine kirchliche Software, sondern nur gute oder schlechte Software. Was gute Software ist, dafür gibt es in der Informatik einschlägige Kriterien.

Ein wichtiges Kriterium ist, die Software muss ihren Zweck erfüllen. Mir stellt sich sich die Frage, wissen wir,  was wir an Software für die Kirche wollen und brauchen? Wie interaktiv sollen unsere Websites sein? Kann ich mir  eventuell aus Mash-ups sogar ganze Websites bauen? Sollen unsere Videos auf YouTube stehen, oder besser doch nur auf unseren eigenen Seiten? Oder fahren wir eine Doppelstrategie: sowohl  YouTube als auch eigene Systeme. Dies sind technische Fragen, aber auch theologische Fragen, wie ich das Verhältnis von Kirche und Welt definiere.

Ist Kirche ein Netzwerk, dann kann ich dezentral planen und Angebote vernetzen und auf eine heterogene Infrastruktur setzen. Oder ist Kirche ein Organismus, der verschiedene Glieder hat, dann habe ich besser eine einheitliche Infrastruktur mit verschiedenen Ausprägungen. Die Webstrategie und die benötigte Softwarearchitektur  für eine bischöflich verfasste und für eine kongregationalistisch verfasste Kirche werden sich unterscheiden, wenn die Organisation der Kirche sich auch im Web niederschlagen soll.

In der rheinischen Kirche evaluieren wir unser Content Management System (CMS). Wenn wir keinen Sonderweg gehen wollen, stehen sich drei Systeme in der kirchlichen Landschaft gegenüber: Open Text, Typo3 oder Drupal.

Für mich ist dies aber nicht nur eine  technische Frage, sondern auch geht auch um Ekklesiologie: Welche Infrastruktur und welches CMS passt zur Struktur und Verfasstheit unserer Kirche? Ich bin gespannt, welche Antworten wir finden.

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9 Responses to Software-Theologie: Wie wähle ich ein Redaktionssystem aus?

  1. Pingback: Fair-gehandelte Bananen und Freie Software: Ein Imperativ für Christen « TheoNet.de

  2. Andre Krug sagt:

    Dann gibt es doch nur ein CMS was man auswählen kann und zwar TYPO3, dies ist von Kasper Skårhøj auch mit dem Hintergrund des Glaubens unter der GPL veröffentlicht worden. Dies stellt er Beispielsweise auch in einem Interview auf Bibel TV dar.

    Aus technischer Sicht würde ich hier allerdings einen POC und oder eine Nutzwertanalyse bevorzugen und die genannten Systeme gegenüberstellen. Hierbei sollten die verschiedenen Themen wie bspw. Schulungsaufwand, Support, Betriebskosten uvm. (je nach Anforderung) betrachtet werden.

  3. AlexanderW sagt:

    Gerade weil das Web Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht, würde ich eigentlich eine andere Gruppe von Fragen voranstellen: Was suchen „meine“ Nutzer im Netz? Was kann ich Ihnen Gutes tun? Was für Websites (oder allgemeiner: „Online-Produkte“) wollen bzw. brauchen die Nutzer? Anschließend ist man zwar noch meilenweit von einem technischen Feinkonzept entfernt, aber es lassen sich aus den Antworten der Nutzer erste technische Anforderungen formulieren.
    Vielleicht muss deshalb ein CMS vorrangig Nutzerwünsche erfüllen und erst in zweiter Linie die Anforderungen der einsetzenden Einrichtung oder Institution.

  4. Ralpe sagt:

    Habe http://kirche20.at/blog/gilt-der-moralische-imperativ-von-fairem-kaffee-auch-bei-der-software-ber-linux-der-kirche gerne gelesen, persönlich nutze ich auch Linus, Zuhause haben wir für die Familie ein Ubuntu-Netzwerk. Allerdings sehe ich theologisch keine so eindeutige Präferenz für Open Source, in der biblischen Tradition gibt es auch die Ansicht, dass jede Arbeit ihren gerechten Lohn wert ist, d.h. Software darf auch Linzenzgebühren kosten. Was auf keinen Fall geht: Raubkopieren in der Kirche.

    • Uli Berens sagt:

      Du hast Recht, es gibt keine eindeutige Präferenz für Freie Software. Der Aspekt mit dem gerechten Lohn und den Lizenzgebühren lässt schon mehr Widerspruch zu. Unsortiert einige Gedanken dazu:
      * Programmierung zunehmend in Billiglohnländern mit aller entsprechenden Problematik (hier eben oft: kein gerechter Lohn)
      * Rechtsbrüche durch Absprachen oder Kartellbildung
      * Durchsetzen von Marktmacht mit rechtwidrigen Mitteln
      * Ausspionieren von Nutzerverhalten
      * „Verdongelung“ der Software, Nutzungseinschränkungen, Verbot von Anpassungen usw.
      * Rigoroser Patentgebrauch – selbst auf „Selbstverständlichkeiten“
      * Koppelung von Innovation an den Nutzergeldbeutel (was tun arme Länder, arme Nuitzer? Sind die dann von den neuesten Features ausgesperrt und abgehängt?)

      Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Klar auch, dass nicht *jeder* Hersteller davon betroffen ist. Aber wenn ich die ideellen Grundsätze betrachte, die hinter beiden Modellen stehen, ist für mich als Christ ganz klar, welche Art von Software ich präferiere.

      Aber das ist – wie so vieles – eine Entscheidung, die ich persönlich treffen muss.

      Mir müssen die Vorteile einleuchten und auch „etwas“ wert sein, z.B. Umlernen und auf evtl. lang Gewohntes verzichten – dafür etwas Neues gewinnen, z.B. Herstellerunabhängigkeit oder die Freiheit, ein CMS selbst zu erweitern oder an meine Bedürfnisse anzupassen.

      Gute Arbeit für gutes Geld? Ja, ich bin bereit für guten Support zu zahlen! Aber nicht dafür, dass jemand ein Patent auf Dinge wie den „Schließen“-Knopf an meinem Desktop-Fenster besitzt und meint, mir dafür Geld aus der Tasche ziehen zu müssen.

      • Ralpe sagt:

        Als Theologe fällt mir dazu ein: abusus non tollit usum, d.h. den Missbrauch, den Du (zu Recht!) bei Nicht-freier Software aufgezählt hast, ist kein Argument gegen kommerzielle Software an sich, sofern diese sich an ethischen Maßstäben orientiert.

        Genauso wie Tariftreue der Auftragnehmer eine Maßgabe bei der Vergabe öffentlicher (oder auch kirchlicher) Aufträge sein kann, ließen sich auch für den Einsatz von Software ähnliche Kriterien aufstellen.

        Gerne würde ich das weiterdiskutieren. Darf ich Dich zu einem Gast-Beitrag in diesem Blog einladen? Ich fände es spannend, etwas ausführlicher Deine Argumente zu diskutieren als es in diesem Kommentar-Thread möglich ist. Meldest Du Dich, wenn Du Interesse hast?

  5. Uli Berens sagt:

    Hach, das ist natürlich ein interessantes Thema. 🙂 Spannender Gedanke für mich als Katholik, dass sich das CMS einer synodal verfassten von einer pyramidal verfassten Kirche wie der katholischen eigentlich unterscheiden könnte. In meinem Bistum wird ezPublish für den Webauftritt verwendet, Freie Software zum Glück. Aber es gibt eine Angst vor Interaktion, selbst kritische Facebook-Kommentare verschwinden sofort, vorsichtshalber ist darum eine Kommentarfunktion auf der Webseite erst gar nicht vorgesehen.

    Ich sehe das Problem, dass über Webtechniken in der Regel Leute entscheiden, die keine Ahnung haben, ja oft regelrecht netzskeptisch wenn nicht sogar netzfremd sind. Für diese Leute ist das Netz Feindesland, in dem vermutete Gefahren lauern. Dieses Fremde muss ich mir also vom Leib halten. Logisch, dass da keine Begegnung möglich werden kann.

    Solange Angst der Ratgeber ist, ist aber die zugrundeliegende Ekklesiologie nicht im Spiel, ja wird das Web noch nicht einmal als Ort theologischer Reflexion wahrgenommen.

    Für Jesus war Kommunikation auf Augenhöhe Ausdruck der Menschenfreundlichkeit Gottes, bzw. ist Jesus selbst die menschgewordene Augenhöhe Gottes mit uns.

    Das Web ist ebenfalls Kommunikation auf Augenhöhe, bietet also beste Kompatibilität mit dem Christlichen. Diesen Gedanken in unseren Kirchen durch zu buchstabieren und bekannt zu machen, ist die halbe Miete. Wenn die Kirchen diesem Ansatz nachgehen, wird dies die zugrundeliegende Ekklesiologie mitformen.

  6. andreame sagt:

    Uli Berens begründet hier eine eindeutige Präferenz für freie Software: http://kirche20.at/blog/gilt-der-moralische-imperativ-von-fairem-kaffee-auch-bei-der-software-ber-linux-der-kirche – Mir erscheint das schon sehr schlüssig, das so zu sagen und ethische Kriterien da als besonders relevant zu denken.
    Sonst fällt mir, zu später Stunde, noch RSS ein. Das ist doch die Technologie, um die Verbundenheit untereinander zu organisieren, das halte ich für spannend das mitzudenken, wenn es um Ekklesiologie und Software geht. Aber genau muss ich da noch mal drüber schlafen, die Überlegungen finde ich jedenfalls sehr anregend.

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