Fair-gehandelte Bananen und Freie Software: Ein Imperativ für Christen

Bananen

Bananen (Photo credit: justusbluemer)

Eine Banane ist eine Banane: Wir wissen als Christen mit ethisch geschärftem Blick, dass diese Aussage so nicht unbedingt wahr, sondern eigentlich problematisch ist. Denn es gibt solche Bananen, die für multinationale Konzerne produziert werden, deren Arbeiter unter ruinösen Arbeitsbedingungen und schlechten Löhnen leiden, deren Anbau begleitet ist von Landraub, Zwangsrodung, massivem Pestizideinsatz und Verödung durch Grundwasserabsenkung. Das sind die „schlechten“ Bananen.
Dann gibt es jene Bananen, von deren Anbau die Arbeiter in den Plantagen durch gerechte Löhne, faire Arbeitszeiten und nachhaltige Entwicklung profitieren, bei deren Anbau auch ökologische, gesundheitliche und soziologische Aspekte berücksichtigt werden. Das sind die „guten“, die „fairen“ Bananen. Als Christen wissen wir, welche Bananen wir eigentlich kaufen müssen, denn uns als Christen ist die Solidarität mit den Armen und die Liebe zur Schöpfung quasi ins Stammbuch geschrieben.

Die Banane ist nur ein Beispiel: von vielen Produkten, etwa Kaffee oder Kakao, Zucker und Lachs, aber auch von Rohstoffen wie Diamanten oder „seltenen Erden“ wollen wir wissen, ob sie „fair“ produziert, an- oder abgebaut werden. Auch hier schlägt unser Gewissen, denn uns leitet unser Blick auf die Welt als Christen.

Weniger geschärft ist hingegen unser Blick, wenn es darum geht, welche Software wir in den Kirchen und als Christen verwenden. Gelten hier für uns Christen plötzlich andere ethische Kriterien als bei Bananen oder Kaffee? Oder ist einfach unser Blick noch etwas getrübt?

Tux, the Linux penguin

Image via Wikipedia

Freie Software wie Linux, Firefox oder 1000 andere Freie Projekte, ist „faire“ Software im oben genannten Sinn und verträgt sich ideell bestens mit dem Evangelium. Warum? Jesus, das Evangelium, die Bibel haben sich selbstverständlich weder zu Bananen noch zu Software geäußert. Dennoch stecken sie das ethische Terrain ab, in dem wir zu den jeweils implizierten ethischen Fragen Stellung beziehen.

Freie Software ist solidarisch, macht unabhängig, bringt Menschen zusammen und dazu, miteinander etwas zu teilen – unentgeltlich. Sie ist im Kern sozial und steht für Kommunikation, Teilhabe, Austausch, Hilfe. Systeme wie Linux helfen ärmeren Ländern, auch mit weniger aktueller technischer Ausrüstung und Hardware Anschluss an das Zeitalter der Informationsgesellschaft zu erhalten. Freie Software ist also auch deshalb fair, weil sie bei der fairen Verteilung von Wissen hilft. Freie Software-Projekte wie Linux und andere helfen dabei, den „digital divide“, den von der UNO beklagten ” digitale Kluft“, zwischen Arm und Reich zu überwinden. Der Einsatz für eine gerechte und inklusive (nicht exklusive!) Weltinformationsgesellschaft sollte gerade den Kirchen selbstverständlich sein.

In der Tat ist es das Entwicklungsmodell, das so anders ist und Freie Software auszeichnet. Denn Freie Software heißt: Tausende von Menschen arbeiten über die Grenzen von Alter, Geschlecht, Nationalität, oder Hautfarbe hinweg gemeinsam an Projekten, die allen wieder zugute kommen – und zwar unentgeltlich. Über das Internet werden die Ergebnisse ausgetauscht, werden Probleme diskutiert und werden Hilfen gegeben. Jede/r kann als einfacher Anwender/in direkt mit den Entwicklern eines Programms in Verbindung treten und Vorschläge für die weitere Entwicklung machen, seine Hilfe anbieten oder sich einfach selbst helfen lassen.

Freie Software, zumal die, die das Internet und das Web 2.0 antreibt, ist somit immer auch schon von ihrem Entwicklungsansatz her „soziale Software“: sie bringt Menschen für Menschen zusammen. Ich denke, diese Ideen und dieses solidarische Handeln ist etwas für uns Christen. Wenn eine Idee so gut mit der Bibel und christlichen Grundüberzeugungen harmoniert, dann hat sie doch unsere Unterstützung verdient, oder?

Ein anderer Aspekt: Im kirchlichen Bereich gibt es seit jeher eine schöne, von vielen kirchlichen Mitarbeitern selbstverständlich praktizierte Tradition: Wer gute Ideen hat und ein schönes Konzept z.B. für eine Veranstaltung entworfen hat, benutzt es selbst gerne, aber gibt es ebenso gerne weiter, weil so auch Kollegen etwas davon haben. Und wenn die Anderen es für ihren Bedarf verändern, verbessern oder erweitern, dann ist das gut und in Ordnung. Vielleicht bekommt der Ideengeber die Ergebnisse der anderen dann wieder zurück und es entsteht so eine Kultur des Gebens und Nehmens.

Im Grunde genommen funktioniert ja die Idee Freier Software genauso. Jemand schreibt ein schönes Programm und stellt es allen anderen zur Verfügung. Und weil er den Quelltext mitliefert, können diejenigen, die etwas vom Programmieren verstehen, sein Programm verbessern und erweitern und es wieder allen anderen zur Verfügung stellen. Damit wird das Programm zu einer Art Gemeinbesitz. Und es wird frei. Nicht so sehr frei im Sinne von „das kostet nichts“, sondern vor allem frei im Sinne von „niemand kann die Weiterentwicklung und Nutzung einschränken“ – z.B. durch neue, rigide Lizenzmodelle.

Der Betreiber dieses Blogs, Ralf Peter Reimann, hat in einem vorigen Artikel geschrieben:

Verstehen wir das Evangelium als Open Content also ein Inhalt, der zur Verbreitung freigegeben ist gibt es eine gewisse Nähe zu Open Source Software, daraus lässt sich aber meines Ermessens keine eindeutige Präferenz begründen.

Nun, diese Nähe, die Ralf Peter Reimann anspricht, existiert zweifellos, und wenn ich mir durchlese, was die ersten Christen so einzigartig machte, dann sehe ich eine Handlungsempfehlung, eine Präferenz durchaus: sie „bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“, wie die Apostelgeschichte (2,44) berichtet. Letzteres Zitat kann ja quasi als Kurzformel für die Freie-Software-Bewegung durchgehen: eine Gemeinschaft bilden und einfach teilen (in diesem Fall eben Software).

Richard Stallmann, Gründer der Free Software Foundation und Chef des GNU-Projects, war die Nähe von christlichen Gedanken zu den Prinzipien Freier Software schon früh bewusst: „Ich habe immer geglaubt, dass Freie Software einen moralischen Imperativ für christliche Kommuniktoren darstellt. Christen und Menschen anderen Glaubens können die Kontrolle menschlichen Wissens oder die Entwicklungsbeschränkungen nicht billigen, die proprietäre Software verursacht.“

Das führt mich direkt zu einem letzten Aspekt, den ich noch kurz erwähnen muss.
Die Software auf unseren Rechnern ist weltweit geprägt durch Monopole, die oft mit unsauberen und z.T. mit kriminellen Mitteln durchgedrückt und behauptet werden – das betrifft auch uns, die wir damit ja in den Kirchen auch arbeiten (müssen).
Ein Beispiel: Die Firma, deren Betriebssystem weltweit auf den meisten PC installiert ist, ist sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im EU-Raum zu milliardenschweren Strafen rechtskräftig verurteilt worden. Die EU- Kommission liefert sich seit Jahren einen erbitterten Streit mit dem Softwarehersteller. Im Kern steht die Frage, wie das Betriebssystem Windows für Rechner mit Anwendungen anderer Hersteller überhaupt dialogfähig und kompatibel gemacht werden kann. Microsoft soll dazu ausreichend Informationen zur Verfügung stellen und Schnittstellen offen legen – und verweigert dies hartnäckig. Die EU verhängte darum mehrfach Rekordbußgelder gegen Microsoft.

Ein anderes Beispiel: Die Firma Apple verkauft weltweit die vom Markenimage her begehrteste und hochpreisigste Hardware im Bereich Unterhaltungselektronik (iPod), Telekommunikation (iPhone) und Computern (iMac). Die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken, die diese hippen Geräten herstellen, waren (und sind z.T. immer noch) derart von psychischer Unterdrückung und ausbeuterischem Umgang mit den dort Beschäftigten geprägt, dass auffallend viele Mitarbeiter schwer erkranken und viele als Ausweg nur den Selbstmord sehen. Die hohe Selbstmordrate in den Apple-Fabriken sorgte weltweit für ein großes Medienecho.

Nun kann ich von diesen Fakten her vielleicht nicht darauf schließen, dass generell proprietäre Software „schlecht“ oder moralisch „zweifelhaft“ ist. Aber festzuhalten bleibt dennoch: das Entwicklungsmodell proprietärer, eben „unfreier“ Soft- und Hardware geschieht stets nach den Regeln des Kapitals und des Marktes und kann einhergehen mit Missbrauch von Macht und mit Ausbeutung.

Das ist das genaue Gegenteil des Entwicklungsmodells Freier Software.

Warum also wird in der Entscheidung für die eine oder andere Hard- oder Software-Lösung nicht auch mit einbezogen, wie die Hersteller z.B. mit ihren Angestellten oder mit dem geltenden Recht umgehen? Was hindert die Kirchen daran, gerade hier der jesuanischen Aufforderung zu folgen: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ – und im Bereich IT vorbestraften Firmen endgültig den Rücken zu kehren?

Unsere IT in den Kirchen hat Dienst-Charakter (letztlich an der Sache Jesu) und steht darum nicht im moralisch-ethisch luftleeren Raum. Die Kirche kann nicht „fairen Handel“ propagieren, ihre eigene IT aber davon ausnehmen.

Die Verwendung Freier Software könnte dieses Dilemma lösen und Zeichen setzen.

Wie bei den Bananen eben.

Ulrich Berens

Ulrich Berens ist  Pastoralreferent im Bistum Augsburg und arbeitet als Ehe- und Familienseelsorger. Er ist Mitglied in folgenden Organisationen und Vereinen, die sich für Freie Software einsetzen:

Freies Office Deutschland e.V: www.frodev.org

Free Software Foundation Europe e.V.: www.fsfe.org

Offene Bibel e.V. : offene-bibel.de

Linux User im Bereich der Kirchen e.V.: luki.org

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18 Responses to Fair-gehandelte Bananen und Freie Software: Ein Imperativ für Christen

  1. Pingback: Kölner Tagung Offene Daten, freie Lizenzen Aspekte digitaler Nachhaltigkeit – LUKi e.V.

  2. Pingback: Open Source, Open Content, Open Educational Resources – was bewegt die Kirche? | Θ TheoNet.de

  3. Bernd says:

    Ich schaffe es gerade nicht, alle Kommentare zu lesen.

    Ein Punkt ist mir aber wichtig: Der Widerspruch nämlich gegen die Begründung von Open Source durch Apg 2,44.
    Apg 2,44 ist ein Idealbild, das nach dem Zeugnis des NT insgesamt in keiner Weise verallgemeinert werden kann.
    An dieser Stelle einmal ganz ausdrücklich: Die schöne heile Urgemeinde, in der alles toll und schön und perfekt war, hat es nie gegeben. Die Urgemeinde war von denselben Chaoten geprägt wie es heutige Gemeinden sind. Schon die Zebedäusjünger wollten ganz oben zu Tisch sitzen, Petrus hatte nicht den Mumm, in bedrohter Situation zu seinem Chef zu stehen (der allerdings auch gesagt hatte: Seid schlau wie die Schlagen), Judas hat ihn gleich verraten, und allen gemeinsam fehlte das Vertrauen im Sturm auf dem Chef, obwohl dieser doch gelassen im Boot pennte, als wenn es sich um eine Sonnenfahrt handelt.
    Paulus muss Petrus den Kopf waschen, in Korinth isst man sich gegenseitig das Abendmahl weg, das Apostelkonzil geht ohne echte Gemeinschaft auseinander. Muss ich noch mehr auf zählen?

    Als Protetanten verstehen wir uns als von Gott geliebte und gerechtfertigte Sünder.

    Das heißt doch auch auf die Software bezogen: Software ohne Probleme wird es nicht geben.

    Es ist doch letztlich wie in der Kirche auch: Wir leben gemeinsam in Hauptamt und Ehrenamt.
    Die einen machen für reine Aufwandsentschädigung freiwillig, wofür andere A13 oder A14 bekommen (wenn ich mal vom Predigtdienst ausgehe).

    Da hat beides sein Recht. Wer ehrenamtlich mitarbeiten kann, weil er seine Kohle woanders verdient, der ist willkommen im Club und ich kann gerne seine Arbeit im Dienste der Allgemeinheit nutzen.
    Aber manche leben davon und müssen davon leben, und dann ist Kaufsoftware nicht von vorneherein schlechter.

    Nebenbei: Bei der Einführung der Neuen Kaufmännischen Finanzbuchhaltung hat die Rheinische Kirche Millionen dadurch in den Sand gesetzt (sagt mein Finanzkirchmeister und Unternehmensberater), dass sie eine eher kleine Softwareschmiede beauftragte, die so einen Job in dem Umfang noch nie gemacht hat. Besser und insgesamt wesentlich preiswerter wäre es gewesen, eine der bekannten großen Deutschen Softwareschmieden mit dem Job zu beauftragen, die sowohl vom Prozessmanagement solche Implementierungen in vergleichbarer Größenordnung schon mehrfach bewährt umgesetzt haben und auf bewährte Programmmodule zurück greifen können, die nur noch modifiziert werden müssen.

    Wer hätte solch ein Projekt als Open Source stemmen können? Ich glaube: Niemand.

    Also: Jedes kirchliche Softwareprojekt, auch solche zur Kommunikation im Internet, funktioniert nur mit den Menschen, die zu Verfügung stehen: Von Gott geliebte Sünder mit ihren guten und weniger guten Seiten und mit der Erkenntnis, dass sie oft dann, wenn sie es besonders gut meinen, entdecken müssen, dass sie gerade den Fehler ihres Lebens begangen haben.

    Noch ein Nachgedanke:
    Eine Software, die eine möglichst offenen Kommunikation befördert, steht immer in der Gefahr, die Geister nicht mehr los zu werden, die sie einmal rief: Siehe die vielen Hasskommentare in diversen Tageszeitung, jenen problematischen Aufruf zur Selbstjustiz anfangs des Jahres und auf der anderen Seite den Hang zur Politischen Correctness auf seiten derer, die irgendwie an die Meinungsmacherschaft gekommen sind und ungewöhnliche Meinungen vorschnell abbügeln können und dazu breite Mehrheiten finden, die ihnen schnell zustimmen.

    Mit Ditrich Bonhoeffer gesagt: Wir leben auch im Internet in einer Welt, aus der sich Gott entzogen hat und in der er uns die Verantwortung überlassen hat. Und dieser Verantwortung können wir nur gerecht werden im Vertrauen darauf, dass Gott uns dabei nie im Stich lässt.

    (Und damit möchte ich die Diskussion wieder denen überlassen, die von der konkreten Software im Web 2.0 / 3.0 was weiß ich Punkt Null viel mehr Ahnung haben als ich. 🙂 )

    • Hallo Bernd,

      dafür, dass du keine Zeit hast, die Kommentare zu lesen, hast du aber sehr viel geschrieben.
      Nur so viel: Bei dem Begriff „OpenSource“ scheint ein Missverständnis vorzuliegen. OpenSource bedeutet mitnichten kostenlos oder ehrenamtlich! Das kann so sein, aber auch absolut professionelle und teure Software kann OpenSource-Software sein.
      Und klar: Vor- und Nachteile hat alles und nichts ist perfekt.

      Zum NKF: Da kursieren so allerlei Geschichten in den Gemeinden. Vor allem von Leuten, die entweder von Software oder von Buchhaltung oder von Kirche oder von allen dreien keine Ahnung haben. Ich wäre da gespannt auf einen O-Ton von den Produzenten oder von jemandem, der tatsächlich in allen drei Bereichen kompetent ist (das dürften nur äußerst wenige Personen sein).

      Viele Grüße,
      Johannes

  4. Gerade entdeckt und hier noch einmal beispielhaft angeführt: http://www.gnusolidario.org/who-we-are

  5. Bundesbedenkenträger says:

    Kommerzielle Anbieter sind in der Regel kaufbar 😉 Frage ist der Preis.

  6. Wär spannend, wenn sich damit auch die Synoden/Kirchenleitungen beschäftigen würden. Dann könnte man z.B. erfragen, ob millionenschwere Produkte (wie z.B. das NKF der EKiR – http://www.ekir.de/nkf), deren Software im deutschen Raum offenbar schon mehrfach eingesetzt wird (http://www.mach.de/kirchen-und-wohlfahrtsverbaende.html), nicht auch für Kirchen in Entwicklungs- und Schwellenländern zur Verfügung stehen könnte. Bei einer OpenSource-Lizenz könnte diese die Software mit geringen Mitteln an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Das wäre zumindest für zukünftige Projekte eine Vision. Bei dem angeführten Beispiel dürfte der Hersteller etwas dagegen haben. 😉

    • Das ist in der Tat ein spannender Gedanke.
      Synoden beschäftigen sich mit Open-Source-Fragen.
      Und das in Zeiten, wo das „Spardiktat“ alle Diskussionen beherrscht. Hätte was – würde auch die ganze Sparerei noch mal theologisch helfen in den Blick zunehmen. 🙂

  7. Ich sehe, wir liegen tatsächlich nicht weit auseinander. Was du beschreibst, erinnert mich ein bisschen an den Beamtenstatus einen Pfarrers: Er erhält eine Besoldung, damit er seine Arbeitszeit der Gemeinde zur Verfügung stellt. Die Besoldung ist ja von der Grundidee her kein Honorar, sondern soll nur die wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern.

    Ein ähnliches Konzept könnte es für die Softwareentwicklung geben: Der Entwickler erhält eine „Besoldung“, die ihm ein gutes wirtschaftliches und soziales Auskommen sichert und er stellt dafür sein Produkt der Gemeinschaft zur Verfügung. Damit stünde das Einkommen nicht mehr in Zusammenhang mit verkauften Software-Lizenzen und das Produkt steht auch für diejenigen zur Verfügung, die sich eine Lizenz (d.h. die Arbeit, die in der Software steckt) nicht leisten können.

    Dahinter steht dann letztendlich ein Solidaritätsprinzip, bei dem die, die es sich leisten können für die mit bezahlen, die es nicht können. Das klingt gut, finde ich. 🙂

  8. infoleck says:

    Hallo Johannes, danke für Deine Antwort -ist eine spannende Diskussion, wobei ich merke, wir liegen nicht weit auseinander.
    Du schreibst:
    „…weil die Banane auf Grund ihrer *Herstellung*, nicht jedoch auf Grund ihrer Qualität ethisch beurteilt wird. OpenSource-Software jedoch wird von dir auf Grund ihrer *Qualität*, nicht jedoch auf auf Grund der Herstellung beurteilt.“
    In dem Punkt sehe ich ein Missverständnis, denn Freie Software beurteile ich eben genau auf Grund der „anderen“ Herstellung!
    Das Firmen oder auch Foundations mit Freier Software Geld verdienen, finde ich ok, immerhin bleibt die Software selbst ja dennoch frei. Auch denke ich nicht, dass es Freie Software diskreditieren muss, wenn Firmen mit anderen Geschäftsfeldern Geld machen.

    Für mich hat Freie Software sehr viel mit einer Kultur der Teilhabe zu tun, Teilhabe an Wissen, an Information, an Kommunikation. Sie hilft die Grundbedurfnisse des Menschen im Informationszeitalter zu sichern, ohne dafür zu kassieren oder diese Grundbedürfnisse mit Patenten zu verdongeln. Genau das erleben wir aber mit anderen Grundbedürfnissen: Saatgut wird patentiert, Getreide wird zum Spekulationsobjekt, usw.

    Diese Dinge will ich nicht.
    Da wünsche ich mir, dass die Kultur der unentgeltlichen Teilhabe sich auch auf andere Bereiche des Lebens erstreckt, die noch von Kommerz und Profitdenken bestimmt sind. Dieser Wunsch ist für mich nicht ideologisch, sondern einfach menschlich 🙂

  9. Hallo Ulrich, danke für deine Antwort! Das Bild mit der Banane habe ich schon verstanden und so, wie du es in der Antwort schreibst, kann ich es auch gut nachvollziehen! Ich finde es aber in deinem Blogbeitrag, wie gesagt, nicht ganz passend, weil die Banane auf Grund ihrer *Herstellung*, nicht jedoch auf Grund ihrer Qualität ethisch beurteilt wird. OpenSource-Software jedoch wird von dir auf Grund ihrer *Qualität*, nicht jedoch auf auf Grund der Herstellung beurteilt.

    Dass meine Punkte 1 und 3 daneben liegen, ist mir klar. Ich habe das so gefragt, weil du in deinem Beitrag schreibst: „Aber festzuhalten bleibt dennoch: das Entwicklungsmodell proprietärer, eben ‚unfreier‘ Soft- und Hardware geschieht stets nach den Regeln des Kapitals und des Marktes und kann einhergehen mit Missbrauch von Macht und mit Ausbeutung.
    Das ist das genaue Gegenteil des Entwicklungsmodells Freier Software.“ – Meine Frage wäre – gibt es dann überhaupt Freie Software? Deine „Tatsache“ von einem anderen Produktionsmodell muss ich da doch stark hinterfragen. Als Beispiel: Die Mozilla Foundation hatte 2010 Einnahmen in Höhe von 123 Millionen USD [1], davon jedoch 84% aus Werbeeinnahmen durch Google [2]. Google selbst ist einer der aktivsten Förderer von OpenSource-Software. Dass Google Gewinne durch den Verkauf von Werbung/Nutzerdaten und nicht durch den Verkauf von Software erzielt, halte ich für keinen ethisches Unterscheidungsmerkmal.

    Es scheint mir eher so, als sei OpenSource-Software genauso den Regeln des Marktes unterworfen, wie jede andere Software auch. Dass sie allein durch ihre Qualität eine neue Dimension menschlichen Zusammenlebens eröffne, wirkt dagegen tatsächlich wie der fromme Wunsch einer kommunistischen Utopie.

    Damit geht es letztendlich um Wirtschaftspolitik und darum, wie sich diese christlich begründen lässt. Die einfache Gleichsetzung von Marxismus und christlicher Ethik finde ich allerdings unbefriedigend und bringt uns dann auch weit vom Software-Thema weg. Dagegen finde ich für den kirchlichen Kontext für die ethische Bewertung von Software beide Aspekte des Produktes spannend und wichtig: 1. Die Herstellung: Wer kann davon wie gut leben? 2. Die Qualität: Wer kann wie sehr von dem Produkt profitieren, bzw. wer wird durch das Lizenzmodell der Software faktisch unterdrückt und ausgegrenzt. An welchen Stellen unterstützt die Software die (je nach Konfession) gewünschten christlichen, ethischen Imperative – und wie gut?

    In diesem Sinne stimme ich dir also vollkommen zu, dass Software ethisch bewertet werden muss. Die ideologische Vorfestlegung auf OpenSource-Software finde ich allerdings noch nicht zwingend notwendig. 😉

    [1]: http://www.pro-linux.de/news/1/17595/mozilla-foundation-veroeffentlicht-jahresbericht-2010.html
    [2]: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,801729,00.html

  10. infoleck says:

    Hallo Johannes, Du hast Recht: eine Banane ist keine Software.
    Dass ich dieses *Bild* verwendet habe, sollte die Selbstverständlichkeit verdeutlichen, mit der in Kirchenkreisen ethische Aspekte beim Bananenkauf eine Rolle spielen – bei der Auswahl der Software aber (noch) nicht.

    Deine Punkte 1. bis 3. greifen leider daneben, denn OpenSource-Entwickler sind zu einem Großteil Angestellte großer IT-Firmen (die von FreierSoftware oft selbst profitieren): IBM, Intel, Sun, Oracle, … ja sogar Microsoft. D.h. die Programmierer haben sehr wohl ein Auskommen, wie auch die übrigen, die zu Freier Software in ihrer Freizeit beitragen. Manche Firmen machen übrigens genau das, was Du in 2. anmahnst: sie bezahlen ihre Leute für Ihr Beisteuern zu Freier Software.

    Du schreibst: „Dass eine Software aber vermeintlich (!) außerhalb der Regeln des Marktes produziert wird (was m.E. nicht stimmt), ergibt nicht automatisch eine positive moralische Wertung.“
    Stimmt: ‚automatisch‘ wohl nicht – das muss jeder mit seinen eigenen ethischen Maßstäben für sich entscheiden.

    Ansonsten ist es Tatsache, dass Freie Software sehr wohl eine anderes Produktionsmodell verfolgt und nicht nach den Gesetzen des Marktes produziert wird. Wenn Du zum Stichwort „Produktionsmodell Freier Software“ googelst, findest Du diesbezüglich eine Menge Lesestoff. Es gibt Magister- und Doktorarbeiten, Philosophen und Wirtschaftstheoretiker, die sich genau damit beschäftigen. Stellvertretend für alle sei die Oekonux-Initiative genannt, die sich wie die Vorgenannten mit der Frage beschäftigt, „ob die Prinzipien der Entwicklung Freier Software eine neue Ökonomie begründen können, die als Grundlage für eine neue Gesellschaft dienen könnte.“ (www.oekonux.de)

    Genau diese gesellschaftliche Relevanz verleitete Steve Ballmer dazu, Linux als „Krebsgeschwür“ oder Linux-Entwickler als „Kommunisten“ zu bezeichnen… 😉

  11. Klasse, freut mich, dass es hier eine Diskussion über christliche Ethik und freie Software gibt!

    Mir wollen manche Dinge bei dem Vergleich aber nicht so recht einleuchten. Man müsste freie Software wirklich mit den Bananen vergleichen und die Plantagen-Arbeitern mit den Programmierern. Dann würde das Ergebnis, provokativ gesagt, nämlich so aussehen:

    Bei Bananen:
    1. Es gibt hierzulande praktisch keine kostenlosen Bananen.
    2. Alle Bananenen sind „frei“ – jeder könnte sie theoretisch, ohne Lizenzgebühren zu zahlen, bei sich im Garten anpflanzen (wenn man von speziellen Sorten/Züchtungen einmal absieht).

    Bei den Programmierern ergeben sich umgekehrt folgende Fragen:
    1. Wer sagt, dass OpenSource-Programmierer unter besseren Bedingungen arbeiten als die von proprietärer Software? Wenn Menschen sich verpflichtet fühlen, „umsonst“ zu arbeiten, wird ihr Einkommen darunter leiden. Ein Arbeiter aber ist seines Lohnes wert.
    2. Müsste sich nicht umgekehrt aus der Nutzung von kostenlosen Produkten eine moralische Verpflichtung ergeben, die Programmierer von OpenSource-Software zu bezahlen? Dann wäre das Argument des Kostenvorteils dahin.
    3. Zerstören OpenSource-Programmierer nicht die Löhne von Programmierern proprietärer Software, wenn sie für „lau“ arbeiten? Dann wäre OpenSource-Software sogar wie „böse Bananen“.

    Keine Frage, es bleibt der Vorteil der „freien Verfügbarkeit“ und Teilbarkeit von OpenSource-Software. Dass eine Software aber vermeintlich (!) außerhalb der Regeln des Marktes produziert wird (was m.E. nicht stimmt), ergibt nicht automatisch eine positive moralische Wertung.

    Meine Meinung: Kirche sollte aus den im Beitrag genannten Gründen auf freie Software setzen, aber sie müsste in gleichem Maße wie bei proprietärer Software für die Entwicklungskosten aufkommen, um a) Ausbeutung und b) Lohndumping angemessen zu begegnen.

  12. Bundesbedenkenträger says:

    Toller Artikel. Gut fand ich auch, daß Du klarstellst, daß die Kirche zwar freie Software unterstützen sollte, daß aber nicht alle proprietäre Software „des Teufels“ ist. So besteht wenigstens nicht die Gefahr, daß in hundert Jahren Windowsnutzern die kirchliche Hochzeit verweigert wird…
    Das Problem liegt IMHO in den Menschen. Wo sich Machtstrukturen bilden, wie in Unternehmen, geschieht Mißbrauch. Da in einem freien Softwareprojekt immer auch eine Spaltung möglich ist bei Differenzen (es gibt unzählige Beispiele).
    Wenn sich Apple anständig verhielte, könne man ihre Produkte auch mit besserem Gewissen kaufen. Gerade bei Apple besteht ja auch das Problem, daß es sich vor allem um Hardware und nicht um Software handelt. Wie aber sollte man da Freiheit reinbringen?
    In freier Zusammenarbeit den OpenPod entwickeln, den dann jeder Elektrohersteller selbst produzieren kann, und dann ein Label für für gehandelte Hardware einführen?
    Vielleicht könnte man dadurch höhere Löhne zahlen. Aber so lange es die freien OpenPod oder OpenTable Schaltpläne nicht gibt, dürft es schwierig werden. Der Vorteil von Software ist halt, daß sie immateriell ist…

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