Antworten auf die Relevanzkrise: Renaissance amerikanischer Mainline-Kirchen?

Über Pfingsten habe ich für evangelisch.de den Artikel „Weichspülen ist keine Antwort auf die Relevanzkrise“ geschrieben, den ich weiter unten auch hier im Blog wiedergebe. Ein Blick in die USA kann nur subjektiv sein und auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit beanspruchen. Es sind immer nur Einzelaufnahmen, Puzzlestücke, die mehr oder weniger zusammenfassen. Rachel Held Evans Meinungsartikel („opinion“) in der Washington Post „Want millennials back in the pews?“ greift Aspekte aus Ihrem Buch „Searching for Sunday: Loving, Leaving, and Finding the Church“ auf.

Like millions of her millennial peers, Rachel Held Evans didn’t want to go to church anymore. The hypocrisy, the politics, the gargantuan building budgets, the scandals–church culture seemed so far removed from Jesus. Yet, despite her cynicism and misgivings, something kept drawing her back to Church. And so she set out on a journey to understand Church and to find her place in it.

Frustriert von evangelikalen Gemeinden findet sie schlussendlich Jesus in der anglikanischen Kirche (episcopal church), deren Sakramentsverständis sie positiv aufgreift, so könnte man verkürzt Evans‘ geistliche Reise zusammenfassen.

Evangelikale Gemeinden bieten Gemeinschaft. Das Zusammengehörigkeitsgefühl hat jedoch einen Preis, es gibt Grenzen dieser Gemeinschaft, die drinnen und draußen trennen. Diese Grenzen sind zu akzeptieren.

Die Auseinandersetzung um die gleichgeschlechtliche Ehe ist eine solche Grenze, die evangelikale von progressiven Gemeinden trennt.

Während evangelikale Führer sich gegen gleichgeschlechtliche Ehen engagieren – dies hat zu zahlreichen Religious Freedom Restoration Acts in den einzelnen Bundesstaaten geführt-, sind rund drei Zehntel der evangelikalen Christinnen und Christen trotzdem laut Umfragen für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen (marriage equality).

Wenn sich ein größerer Teil der Gemeindebasis anders positioniert als Gemeindeleitungen, führt dies zu Ausgrenzungen und Denkverboten. Oder man sagt in der Gemeindeöffentlichkeit etwas anderes, als man persönlich für richtig hält – das ist scheinheilig. Offene Diskussionen sind nicht unerwünscht, wenn ein Thema, nämlich die Ablehnung der gleichgeschlichtlichen Ehe, die eigene Identität der Gemeinde bestimmt. Diese Enge und Scheinheiligkeit kritisiert Evans in ihrem Artikel.

Aber auch hier gibt es etwas Bewegung, noch sind es Einzelfälle, wenn sich eine evangelikale Gemeinde wie Gracepoint Nashville für LGBT-Christinnen und Christen öffnet. In Umbruchsituationen versuchen dann die Gegner einer Öffnung, um so mehr an ihrer traditionellen Haltung festzuhalten und bewegen sich nicht.

Für evangelikale LGBT-Christinnen und -Christen und Gemeindeglieder aus der evangelikalen Tradition, die sich für die Anliegen ihrer LGBT-Geschwister einsetzen, bleibt dann in der Regel nur die Suche nach einer neuen geistlichen Heimat. Wohin gehen?

Neben der Offenheit haben die Anglikaner ein Sakramentsverständnis zu bieten, das durchaus für Evangelikale ansprechend sein kann, die in der Regel Sakramente und die Liturgie eher stiefmütterlich behandeln. Kommt es nun zu einer Renaissance von Mainline-Kirchen mit ihrer Liturgie und ihrem Einsatz für soziale Gerechtigkeit? Es sind keine großen Zahlen, aber es gibt immer wieder Menschen, die aus einer evangelikalen Tradition kommen und dann die Sakramente und soziales Engagement aus dem Glauben heraus entdecken, so zum Beispiel auch Sara Miles, die ihre Erfahrung im Buch „Take This Bread: A Radical Conversion“ beschrieben hat. Miles spricht von Bekehrung (conversion) – eigentlich einem evangelikalem Terminus -, deutet ihn aber im Sinne einer radikalen Nachfolge. Ähnlich auch Evans, die zu Christusnachfolge aufruft und sich einen authentischen Glauben wünscht.

Die Zahlen belegen einerseits, dass nun auch evangelikale Gemeinden schrumpfen und nicht nur Mailline-Kirchen, gleichzeitig wachsen in der LGBT-Community die Gruppe, die sich als christlich definiert. Mainline-Kirchen haben zumindest das Potenzial, auch den Christinnen und Christen ein Zuhause zu bieten, die sich in ihren ursprünglichen Gemeinden ausgegrenzt fühlen.

 


 

Weichspülen ist keine Antwort auf die Relevanzkrise

Ein Blogeintrag aus den USA sorgt für Diskussionen: Megachurches versuchen, junge Christen mit iPads und Gewinnspielen anzulocken. Eine junge Bloggerin lehnt sich dagegen auf – und sieht ihren Glauben in den Mainstream-Kirchen besser verankert als bei den Evangelikalen. Ist ihre Kritik auch auf den deutschen Protestantismus anwendbar? Eine Beobachtung zu transatlantischen Unterschieden. „Wollt Ihr die Generation Y zurück auf die Kirchenbänke holen, dann hört auf, Kirche auf cool zu trimmen!“, betitelt Rachel Held Evans ihren Meinungsartikel in der Washington Post „Want millennials back in the pews?“. Sie wendet sich gegen Gemeinden, die eine auf die Generation Y gerichtete Show abziehen und Entertainment anbieten, aber statt Sakramenten und sozialen Engagements auf orchestrierte Emotionensausbrüche setzen, Denkverbote haben und LGBT-Christen und -Christinnen ausgrenzen. Lässt sich diese Kritik im weitesten Sinne auch auf Deutschland übertragen? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst einmal einen Blick auf die Besonderheiten beider Länder und ihrer Kirchen werfen. Für den deutschen Protestantismus ist die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Wasserstandsmelder, wie sich die Kirchenmitgliedschaft entwickelt. Für die USA ist der RLS Survey des Pew Reserch Center ein guter Indikator, wie sich die religiöse Lage in Amerika verändert. freiwilliges soziales jahr ekirDie religiöse Landkarte in Deutschland und den USA ist zwar nicht vergleichbar, aber die Schlussfolgerungen sind doch ähnlich: Der christliche Bevölkerungsanteil in den USA sinkt, während die Anzahl amerikanischer Erwachsener, die sich mit keiner Religionsgemeinschaft identifizieren, wächst, das ist die kurze Zusammenfassung der neuen Studie des Pew Research Center vom Mai 2015. In der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD heißt es in der Einleitung: „Während die Gruppe mittlerer kirchlicher Verbundenheit eher abnimmt, wachsen die Gruppe der engagierten Hochverbundenen in bescheidenem Maße und deutlicher die Gruppe der religiös Indifferenten.“ Mit anderen Worten: Sowohl die USA als auch Deutschland werden säkularer. Das allein hilft uns aber noch nicht, Rachel Held Evans‘ Ärger zu verstehen. Sie beschreibt in ihrer Kritik ihre eigene Glaubensreise, ihre Frustration mit evangelikalen Kirchen und wie sie den Weg in die anglikanische Kirche mit ihrer Sakramentenlehre gepaart mit sozialem Engagement findet. Hier erlebt sie einen authentischen Glauben, der Substanz hat, offen für Zweifel ist, Menschen nicht ausgrenzt und sich auch in sozialem Handeln ausdrückt. Sie singt das hohe Lied auf die Mainline-Kirchen: „Ich knie neben einer grauhaarigen Dame und einem schwulen Pärchen, bekenne meine Sünden, bete das Vater unser, niemand versucht, mir etwas zu verkaufen, niemand versucht, aus dem Evangelium eine hippe oder coole Botschaft zu machen, gemeinsam versammeln wir uns, um das Geheimnis des Glaubens zu verkünden, dass Christus gestorben ist, dass Christus auferstanden ist, dass Christus wiederkommen wird, was ich trotz all meiner Zweifel und meines Zynismus an den meisten Tagen glaube.“ Gleichzeitig rechnet sie mit den evangelikalen Mega-Churches und Gemeinden ab. Gerade aus deutscher Perspektive scheint die Kritik an den Mega-Churches vollkommen berechtigt. Gemeinden, die iPads und sogar Autos verschenkten, um neue Mitglieder zu gewinnen und bestehende zu halten, sind auf dieser Seite des Atlantiks nur schwer vorstellbar. Kirche ist – so die Kritik – in dieser Form zu purem Marketing verkommen. Folgt man einem Link in Evans Artikel in der Washington Post, findet man sich auf einer Website wieder, in der das Farbdesign bei Kirchentüren und Gemeindebänken so ausgewählt werden kann, dass es den Geschmack der Generation Y am besten trifft. Also: Bei den Mega-Churches perfektes Marketing und Kundenorientierung auf der einen Seite, andererseits theologische Enge und Ausgrenzung Andersdenkender. Hippe und coole Verpackung, aber eine Botschaft, die keine Anfragen zulässt. So beschreibt Evans ihre Herkunft, ohne zwischen Mega-Churches und Evangelikalismus zu differenzieren.

Traditionelle Mainline-Kirchen schrumpfen am schnellsten, aber nicht allein

Gibt es in den USA von diesem Einzelfall abgesehen eine generelle Renaissance der historischen, liberalen Denominationen gegenüber evangelikalen Gemeinden? Dazu ein Blick auf die PEW-Zahlen: 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung gehören einer christlichen Kirche an. Ein Viertel geht in evangelikale Gemeinden, rund 15 Prozent gehen in Mainline-Kirchen, sieben Prozent in die traditionellen afro-amerikanischen Gemeinden und ein Fünftel ist katholisch. Bei der vorherigen Untersuchung von 2008 gehörten noch 78% der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. Evangelikale Protestanten haben zwischen den Befragungen ein Prozent, die Mainline-Kirchen und Katholiken jeweils rund drei Prozent verloren, während der Bevölkerungsanteil ohne religiöse Bindung um sieben Prozent gewachsen ist. Die traditionellen Kirchen schrumpfen also in den USA am schnellsten. Neu ist aber, dass auch evangelikale Kirchen Mitglieder verlieren. Rachel Held Evans zeigt mit ihren Gedanken, dass frustrierte Evangelikale aus der Generation Y eine neue Heimat in einer traditionellen Mainline-Kirchen finden können – ob dies aber ein Trend wird, bleibt abzuwarten. In Evans‘ persönlichen Blog geht sie auch auf Rückmeldungen und Kritik ein, die sie auf ihren Artikel erhalten hat. Sie schreibt, sie beanspruche keine Allgemeingültigkeit, wenn sie über die Generation Y oder ihre eigene Denomination spricht, und räumt ein, dass frustrierte Evangelikale ebenso schnell an den traditionellen liberalen Denominationen verzweifeln könnten, wenn diese sich nicht auf ihre ursprünglichen Werte rückbesinnen, sondern selbst versuchen, Eventkirchen zu werden. Aber sie sieht keinen anderen Ort als diese Mainline-Kirchen, wohin Evangelikale gehen könnten, die offen sind für LGBT-Anliegen, Klimawandel, Evolutionslehre und Frauen-Ordination akzeptieren und traditionelle Gottesdienstformen suchen. Deshalb ärgert sich Evans im gleichen Blogeintrag über Gemeindeleiter aus Mainline-Kirchen, die versuchen, den Glauben weichzuspülen, um bei Generation Y gut anzukommen und aus Angst, für evangelikal gehalten zu werden, sogar religiöse Sprache vermeiden und keine Predigten mit radikalen Folgerungen für die persönliche Lebensführung halten. Ihre Kritik, dass evangelikale Mega-Churches mehr auf Show setzen würden und dadurch die Botschaft des Evangeliums nicht wirklich ernst nähmen, überträgt Evans auch auf diese liberalen Kirchen, wenn sie ebenfalls das Zentrum der Verkündigung vergessen und Glaube auf eine Form des Gutmenschentums reduzieren. Gegenüber einer liberalen Verkündigung, die nur Gemeinplätze über Toleranz, Nächtenliebe und Umweltschutz enthält, betont Evans, dass man nur Jesus folgen kann, wenn man auch für soziale Gerechtigkeit eintritt – aber ebenso etwas fehlt, wenn man für soziale Gerechtigkeit eintritt und nicht über Jesus predigt.

Auf Deutschland nur eingeschränkt übertragbar

Der Glaube, den sie fordert, ist radikal, stellt einen selbst in Frage, lässt Raum für Zweifel, grenzt Minderheiten nicht aus und besinnt sich auf das Zentrum des Glaubens, was zu sozialem Handeln führt. Diesem Glauben bieten die Mainline-Kirchen in den USA am ehesten eine Heimat, meint Evans. Auf Deutschland lassen sich diese Erfahrungen aber nicht eins zu eins übertragen. Wir haben keine Mega-Churches. Während es in den USA für jedes Bekenntnis progressiv-liberale und konservativ-evangelikale Kirchen gibt, oft noch in mehreren Abstufungen, haben wir in Deutschland Landeskirchen, die verschiedene Traditionen und Strömungen vereinen. Was aber auch für Deutschland gilt: Wer Kirche nur möglichst „cool“ verpackt, ohne von Gott zu reden und Glauben erlebbar zu machen, der wird es niemandem recht machen. Laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist die größte Gruppe der Kirchenmitglieder die der Indifferenten. Die werden aber nur erreicht, wenn Kirche Profil zeigt und klar ihre Botschaft bezeugt und danach handelt. Weichspülen hilft nicht dabei, aus der Relevanzkrise zu kommen – weder für die Generation Y noch für andere Milieus.

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