Online-Kirche neu denken

Manchmal mag es auch an den Begrifflichkeiten liegen, wenn man sieht, wie lange gerungen wurde, ob man von Online-Gemeinde sprechen darf oder doch nur von Online-Community. Auch wenn nun endlich die Terminologie theologisch und kirchenamtlich geklärt ist, entsteht dadurch keine Online-Gemeinde von selbst.
Die Erfahrungen beim Aufbau der amerikanischen Online-Gemeinde UCC Extravagance, von denen Lawrence T. Richardson, Digital Minister der United Church of Christ, auf der Loccumer Tagung „Mache den Raum deines Zeltes weit. Formen der Glaubenskommunikation im Social Web“ berichtete, lassen mich nun in eine andere Richtung denken.


Es geht nicht darum, Menschen eine fertige, rechtlich abgesicherte Gemeinde im Internet mit öffentlich-rechtlicher Kirchenmitgliedschaft anzubieten, sondern darum, Menschen die Erfahrung von Kirche zu ermöglichen. Wer sich die Website der UCC Extravagance ansieht, merkt, hier werden verschiedene Treffpunkte auf verschiedenen Kanälen angeboten. Technisch, aber auch vom Angebot her, gibt es kein Single-Sign-on, ich gehe dahin, wo ich etwas für mich bekomme oder wo ich gebraucht werde. Die Mitgliedschaft versteht sich als „Covenant“, ich verspreche und verpflichte mich, mitzumachen und mich einzubringen. That’s it und für die Menschen ist das Kirche. Punkt. Und nun ein Nebensatz: wer die UCC kennt, würde statt des Punktes ein Komma setzen, denn Gott spricht zu uns und die Geschichte endet nicht hier, sondern nimmt von hier ihren Fortgang: „Never place a period where God has placed a comma.“
Bei der Entstehung der UCC-Online-Gemeinde durfte ich dabei sein, man sprach von einer „geographical dispersed intentional community“ – d.h. man wollte Kirche für Menschen anbieten, die aus den verschiedensten Gründen keinen Zugang zu einer für sie passenden Gemeinde vor Ort hatten. Im weiteren Gespräch fielen dann auch Begriffe wie Kirche oder Gemeinde, aber die Begrifflichkeit war nicht entscheidend, sondern, dass etwas passiert.

Fragen des kirchenrechtlichen Status der Mitgliedschaft sind auch heute noch offen, aber hier ist die amerikanische Vorgehensweise pragmatischer. Es geht darum, etwas zu tun, und sich nicht zu sehr um sich selbst zu kreisen.

Auch im deutschsprachigen Kontext gibt es verschiedene Angebote, gestern beispielsweise feierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung eine Twomplet, ein Nachtgebet auf Twitter. Sie waren dabei mit anderen Twitteren, die der Twomplet online folgten, in einer Gebetsgemeinschaft verbunden. Das ist Kirche – sogar ökumenisch. Es lassen sich noch weitere Angebote finden, die sich vernetzen. Dann sind wir Kirche. Komma, nicht Punkt.

***

Nachtrag: Lawrence T. Richardsons Blogpost über seinen Besuch in Deutschland ist nun online.

 

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