Keine Angst vor Online-Gottesdiensten

fireshotcapture106-twompletSpiritualität im Internet – ist das heute noch ein Thema, mit dem sich eine Synode eigens beschäftigen muss?  Oder ist es einfach Realität für Menschen, die online leben und deren geistliches Leben sich auch im Netz vollzieht?

Vermutlich beides:  Daher hielt ich gerne auf der lippischen Landessynode heute einen Workshop über Spiritualität im Netz nach dem Hauptvortrag „Kommunikation der biblischen Botschaft in der digitalen Gesellschaft„.

Weil Synoden die Kirche leiten, müssen sie sich mit diesem Thema beschäftigen, denn Online-Spiritualität ist noch ein Randthema in unserer Kirche – während für die, die Online-Angebote nutzen, Spiritualität im Internet eine wichtige Möglichkeit ist, ihren Glauben zu leben.

Erfahrungen wahrnehmen

Die Synodenberatung zum Thema der Kommunikation der biblischen Botschaft in der digitalen Gesellschaft war so angelegt, dass für die Synodalen der Hauptvortrag den Einstieg bot mit anschließender Diskussion im Plenum, danach gab es zur Vertiefung vier Workshops („Themeninseln“) zu verschiedenen Aspekten der Digitalisierung für das kirchliche und gemeindliche Leben. Beschlüsse hat die lippische Synode nicht gefasst, sondern es ging um eine Annäherung ans Thema.

In meinem Workshop gab es natürlich auch die obligatorische Frage nach dem Online-Abendmahl, gewinnbringend empfand ich die Atmosphäre und die Bereitschaft, Erfahrungen von Online-Spiritualität wahrzunehmen.

Ich erinnere mich an unzählige Diskussionen in anderern Kontexten, ob Online-Begegnungen überhaupt „echte“ Begegnungen zwischen Menschen sein können oder nicht a priori defizitär seien und wahre Begegnung sich nur face-to-face ereignen würde. Ich kann allerdings die Dichotomie zwischen Online-Welt und Offline-Welt nicht mehr nachvollziehen. Ist es authentischer, über drei Stockwerke durch das Treppenhaus zu rufen als das Haustelefon zu bemühen oder über WhatsApp eine Nachricht drei Etagen tiefer zu senden?

Statt dogmatisch zu argumentieren, was wir uns theologisch vorstellen können, wie religiöse Online-Kommunikation ablaufen kann, geht es zunächst darum, wahrzunehmen, wie Menschen im Internet ihre Spiritualität leben.  Daher gefiel mir die lippische Synodenplanung, die genau diesen Weg beschritt.

Ich konnte daher zunächst meine Beobachtungen teilen, ohne dass diese bereits gewertet wurden.

Ob Snapchat und WhatsApp oder doch Facebook und Email, das richtet sich – so meine Privatempirie bei meinen Kindern zu Hause – danach, worüber und mit wem man sich austauschen will. Es haben sich eigenständige Kommunikationsregeln fürs Internet herausgebildet, die sich beständig weiterentwickeln.

Auch heute noch steht es jedem frei, am Pfarrhaus zu klingeln und mit der Pfarrerin oder dem Pastor ein Gespräch über religiöse Themen zu suchen, aber wir müssen auch den niederschwelligen Kontakt über das Internet ermöglichen für all die, die nicht mehr am Pfarrhaus anklopfen. Sonst koppeln wir bestimmte Alterskohorten oder Milieus von niederschwelliger religiöser Kommunikation ab.

Chatandacht am Ewigkeitssonntag

Am Ewigkeitssonntag hatten wir bereits zum achten Mal eine Chatandacht auf Trauernetz.de, in der die Namen von Verstorbenen verlesen wurden, die in der Woche davor in ein Webformular eingetragen werden konnten.

Ein Online-Gottesdienst neben mehreren Tausend Gottesdiensten in den Ortsgemeinden. Bei solchen Zahlen geht es nicht darum, spirituelle Erfahrung  gezielt ins Internet zu verlagern, sondern den Menschen Angebote zu machen, die aus den unterschiedlichen Gründen nicht in den Ortsgemeinden das finden, was sie brauchen (zum Beispiel weil am Ewigkeitssonntag nur die Namen der im letzten Jahr Verstorbenen verlesen werden und nicht deren Namen, die schon vor längerer Zeit gestorben sind).

Entscheidend ist, dass Menschen Gott begegnen, aber nicht, auf welchem Kanal sie ihre Gotteserfahrung machen.

Die Rückmeldungen aus dem Chat zeigen: es war wichtig für die  an der Andacht Teilnehmenden,  in dieser Gemeinschaft  an Verstorbene zu gedenken und deren Namen im Gebet vor Gott zu bringen.

Zum Abschluss der Andacht beteten wir gemeinsam das Vaterunser, dass jeder zeilenweise tippte. Bei der Bitte, dass Gottes Wille geschehen möge, fügte jemand ein:

„Dein Wille geschehe wenn ich es auch jetzt nicht verstehe. Amen“

Danach verabschieden sich die Chatteilnehmerinnen und -teilnehmer:

„Danke für diese Gemeinschaft. Guten Nacht.“

„Schön, dass es das jedes Jahr gibt. Danke.“

„Ich hoffe auf ein Wiedersehen. Bin nächtes Jahr wieder dabei. Amen“

Für die, die dabei waren, war die Chat-Andacht am Ewigkeitssonntag, ein Gottesdienst, in dem sie Gemeinschaft erfahren haben und ihre Trauer vor Gott ausprechen konnten.

Menschen suchen online geistliche Angebote, die sie in Ortgemeinden nicht haben

Das Selbstverständnis als Volkskirche heißt, für alle da zu sein, auch wenn in der Praxis die Ortsgemeinden sich in  Kerngemeinden auf bestimmte Milieus und Alterskohorten reduzieren.  Warum nicht gezielt Online-Angebote für Menschen machen, die sie vor Ort nicht erhalten?

Wenn es  mehr Online-Gottesdienste gäbe, würden unsere Ortsgemeinden nicht leerer. Internet-Gottesdienste leben davon, dass Interaktion innerhalb der Gottesdienstgemeinde möglich ist, das begrenzt automatisch die Zahl der Teilnehmenden. Online-Gottesdienste werden kein Massenphänomen.

Wäre der persönliche Austausch nicht wichtig, würden Rundfunkgottesdienste ausreichen. Dass es jeden Sonntag im Radio und im Fernsehen Gottesdienst gibt, hat aber auch nicht die Kirchen leerer gemacht.

Im Gegenteil, eine Erfahrung aus der amerikanischen United Church of Christ: mit der Online-Gemeinde erreichten sie gerade die Menschen, die auch schon in ihren Ortsgemeinden aktiv waren. Online-Gottesdienste können unter Umständen sogar Ortsgemeinden stärken.

Neben Gottesdiensten gibt es natürlich auch Alltagsfrömmigkeit im Netz. Wenn der Glaube zum Leben gehört und Online-Dienste zum normalen Tagesablauf gehören, dann ist Spiritualität im Netz hoffentlich bald etwas ganz Alltägliches.


Links mit weiteren Beispielen:

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