Grammatik des Online-Gottesdienstes

mammothhq_com_boards_154678-fachtag-religiose-kommunikatEingeladen zu einem Vortrag „Andacht & Gottesdienst online – theologisch“ gehe ich auf einer Zeitschiene die Veröffentlichungen und Argumentationsmuster der letzten Jahre durch.

Mit fällt auf, das Thema Gottesdienst ist – zumindest in dieser Diskussion – eng mit dem Thema Gemeinde verknüpft. Im Gottesdienst versammelt sich die Gemeinde, das Idealbild ist der sonntägliche Gottesdienst der Ortgemeinde, in welchem sich die Gemeindeglieder unter Wort und Sakrament versammeln. Und das ist online anders.

Die Augsburgische Konfession als Angelpunkt der Diskussion

Und schon sind wir bei CA VII, weil es online keine Sakramentsverwaltung gibt, kann es online keine Gemeinde geben, ergo auch keinen Gottesdienst, zumindest sind Online-Gottesdienste gegenüber Gottesdiensten einer vor Ort versammelten Gemeinde defizitär. So war lange Zeit das theologische Argumentationsmuster.

Heute kaum nachvollziehbar, auf der einen Seite Urängste, wenn wir etwas im Internet machen, bleiben die Leute in den Ortsgemeinden weg, auf der anderen Seite die Utopie, über Neuerungen im Internet die Zukunft der verstaubten Kirche zu retten. Beides war unbegründet.

Während auf Konferenzen kirchliche Internetpioniere von Online-Gemeinden Angang der Nuller-Jahre träumten, wurde in Kirchenämtern das Wort „online“ nie im Zusammenhang mit Gemeinde verwendet, in einem EKD-Pilotprojekt 2006 stand in der Projektbeschreibung: „Internet als Gemeinschaft stiftendes Medium“, also online gibt es nur „Communities“, mehr nicht.

In den Sitzungen der Steuerungsgruppe des Pilotprojekts lag ein Fokus auf der Gestaltung von Online-Gottesdiensten. Auch hier die Diskussion implizit wieder, was ist eine Gemeinde. Der Diskussionsertrag: In einer Ortsgemeinde ist die tatsächlich am Sonntag versammelte Gemeinde nur ein kleiner Ausschnitt der tatsächlichen Ortsgemeinde bzw. andersherum: Gemeinde ereignet sich auch jenseits des sonntäglichen Gottesdienstes. So wie diese außerhalb des Gottesdienstes versammelte Gemeinde nicht defizitär ist und wie Real-Life-Gottesdienste, in den denen keine Sakramente dargereicht werden, auch nicht defizitär sind, sind Gottesdienste einer online versammelten Gemeinschaft von Internetusern es auch nicht. Ähnlich dann auch die Diskussion in einer Arbeitsgruppe auf der EKD-Synode 2014 zum Thema Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft.

Unausgesprochen immer: Online ist virtuell, also nicht so echt wie eine face-to-face-Begegnung im Real Life. Auch hier gibt es Veränderung (auch wenn das Denkmuster noch immer mal wieder auftaucht): Social Media wird als persönliche Kommunikation erlebt, ist nicht per se defizitär.

Mediengemeinde

Historisch interessant: in einem offiziellen Text wird der Begriff „Mediengemeinde“ im Impulspapier „Kirche der Freiheit“ erstmalig verwendet, hier aber in Nähe zu Rundfunkgemeinde. Nota bene: Der Begriff „Radiogemeinde“ oder „Fernsehgemeinde“, gerade in der Anrede der Rundfunkteilnehmerinnen und –teilnehmer bei TV- und Radiogottesdiensten hat sich vermutlich einfacher durchgesetzt, da Rundfunk als Massenmedium keine Konkurrenz zum Parochialsystem darstellte. Während online natürlich sich Gemeinde außerhalb der Sendezeiten versammelt und beispielsweise auch die Möglichkeit der Seelsorge besteht oder sich der pastor loci jenseits der Ortsgemeinde Menschen um sich versammeln kann.

Was lässt sich theologisch zu Online-Gemeinde respektive -Gottesdiensten sagen? Dass Ob braucht nicht mehr diskutiert zu werden, der Prozess der kirchenamtlichen Approbation ist durch Synodalbeschluss erledigt, das Wie bleibt spannend, hier gibt es Nachholbedarf; damit Online-Gottesdienste keine schlechte Kopie werden, sondern das Potenzial der Online-Kommunikation ausschöpfen. Als Linktipp die Nachlese zum Twittergottesdienst auf dem Barcamp Kirche Online im September 2015.

Online-Abendmahl

Offen in der Diskussion: Die Frage des Online-Abendmahls. Die Möglichkeit von Online-Sakramenten hatte ich in einem gemeinsamen Aufsatz mit Tom Brok 2007 gestellt, damals war die Zeit wahrscheinlich noch nicht reif für eine Diskussion.

Gehen wir systematisch-theologisch vor, was die Bekenntnisschriften erlauben, oder gehen wir offen und unvoreingenommen an die Frage und sind bereit, Grenzen zu überschreiten?

In Deutschland schlagen wir intuitiv die Augsburger Konfession auf, in einem Kick-off-Meeting zur Etablierung einer Online-Gemeinde im Kirchenamt der United Church of Christ (die sich in weiten Teilen als non-creedal church versteht), ein Blick in die Apostelgeschichte und mit dem Hinweis auf die Frage des Kämmerers aus dem Morgenland „Was hindert‘s, dass ich mich taufen lasse?“ wurde die Frage erledigt, mit Rekurs auf die acta apostolorum wurde diese Frage dann ad acta gelegt – und heute feiert die UCC Extravagance im Format „dinner church“ Abendmahl und ist vermutlich näher an neutestamentlichen Herrenmahlsfeiern als ein klassischer Abendmahlsgottesdienst mit Einzelkelchen.

Präskriptiv oder deskriptiv

In den Sprachwissenschaften gibt es zwei grundsätzliche Arten, eine Grammatik zu erstellen. Man kann präskriptiv vorgehen und vorgeben, wie Sprache zu gebrauchen ist oder man kann den Sprachgebrauch beschreiben, also deskriptiv die Grammatik anlegen. Die Academie Francaise legt fest, welcher Sprachgebrauch im Französischen richtig ist, während der Duden den Sprachgebauch des Deutschen beschreibt, also dem Volk aufs Maul schaut in lutherischer Terminologie.

Wer mit Menschen bei Online-Andachten spricht, für den wird klar, sie feiern Gottesdienst. Rückmeldungen aus einer Chatandacht bzw. einem Twittergottesdienst:

Chatzeile in der Andacht am Ewigkeitsonntag: „Du bist nun bei Gott, mein Kind“

Fürbittentweet aus einem Twittergottesdienst am Muttertag: „Wir bitten für alle, die Muttertag zum ersten Mal ohne ihre Mutter feiern“

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, mehr zu beschreiben, wie Menschen Online-Gottesdienste (und auch ein Online-Abendmahl) erleben und auch auszuprobieren, welche Formen uns weiterbringen, anstatt mit Verweis auf Bekenntnisschriften tastende Schritte in diese Richtung zu verbieten und vorab vorzuschreiben, was geht und was nicht.

Für mich kann protestantische Theologie nicht präskriptiv sein, sondern muss deskriptiv die Erfahrungen der Gemeinde nachvollziehen.

So hoffe ich, dass uns CA VII nicht einengt bei Online-Gottesdiensten, sondern einen Rahmen zur Verfügung stellt, um das zu beschreiben, wie Gemeinde sich online ereignet, oder: die Grammatik für Online-Gottesdienste muss deskriptiv ein, nicht präskriptiv.

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7 Responses to Grammatik des Online-Gottesdienstes

  1. frapet says:

    Noch ein aktueller Kommentar zum Thema: http://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/pfarrer-kritisieren-virtuelles-abendmahl-95482/ Das geplante Online-Abendmahl schlägt erwartungsgemäß Wellen.

  2. h.paul says:

    Was mir an dem Vorschlag der UCC so gut gefiel, war die Idee, das Abendmahl zuhause nicht alleine zu nehmen, sondern dort einen kleinen oder größeren Kreis von Menschen einzuladen und auf diese Weise erst Abendmahl und dann eine gemeinsame Mahlzeit zu feiern.

    Das mag zwar insgesamt mehr auf die USA mit den größeren Entfernungen passen, aber ich könnte mir das auch bei uns gerade da gut vorstellen, wo sich aus welchen Gründen auch immer persönliche Bindungen an ein (ggf. eben auch online-)Angebot entwickeln.

  3. Ralpe says:

    https://www.evangelisch.de/inhalte/132717/13-03-2016/kirche-duldet-abendmahl-tv-gottesdienst

    Als Nachtrag zur Diskussion: Abendmahl im TV für die Zuschauerinnen und Zuschauer – diese werden dann zu Mitfeiernden.

  4. frapet says:

    Die Confessio Augustana stammt nun einmal aus einer Zeit, in der eine virtuelle Kommunikation schlicht unvorstellbar war. Insofern taugt sie nur bedingt zur Beurteilung zeitgenössischer kirchlicher Phänomene.

    Eine „reine“ Predigt (Kommunikation) des Evangeliums ist dabei ja durchaus auch über elektronische Kanäle möglich, so dass CA VII gegen Online-Gottesdienste nur schwerlich in Feld geführt werden kann. Etwas anders verhält es sich mit den Sakramenten, für deren Feier und Vollzug mir eine körperliche Präsenz und Berührung aus rein anthropologischen Gründen unverzichtbar erscheint. Wie soll man einer Taufkandidatin über das Netz Wasser über den Kopf gießen oder ihr gar die Erfahrung des Untergetauchtwerdens zuteil werden lassen?

    Das Abendmahl könnte man zwar theoretisch so feiern, dass alle Teilnehmenden gleichzeitig einen Bissen Brot und einen Schluck Wein vor dem eigenen PC konsumieren. Und theologisch gäbe es auch keinen Grund, die „reale“ Gegenwart Christi in diesen versprengten Abendmahlsgaben zu bestreiten. Bei einem solchen Versuch im Rahmen eines Workshops an der KiHo Wuppertal/Bethel im vergangenen Jahr machten allerdings erstaunlich viele Teilnehmende ihre Kritik daran fest, dass ihnen die Gaben nicht gereicht worden seien, sondern sie sich selbst hatten nehmen müssen. Zudem fehlt die (die bei protestantischen Abendmahlsfeiern zugegebenermaßen oft vernachlässigte) Symbolik des Brechens eines einzigen Brotes und des Trinkens aus ein und demselben Kelch (vgl. 1 Kor 10,16: „Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“). Von daher würde ich eine Abendmahlsteilnahme auf Distanz zwar nicht unterbinden (etwa bei per TV oder WWW partizipierenden Kranken und Alten, die ihre Zugehörigkeit zur Abendmahlsgemeinschaft einer realen Gemeinde zumindest rudimentär spüren/verkosten wollen), sie aber nicht offensiv als gleichwertig bewerben.

  5. h.paul says:

    Ich konnte mir ja erst einmal Abendmahl online nicht wirklich vorstellen, aber ich habe mir dann deinen Video-Link zur UCC angeschaut und das Konzept fand ich dann schon spannend, zumal es ja online-Elemente mit physischer Gemeinschaft vor Ort vereint.

  6. Fabian says:

    “Das Wie bleibt spannend, hier gibt es Nachholbedarf; damit Online-Gottesdienste keine schlechte Kopie werden, sondern das Potenzial der Online-Kommunikation ausschöpfen.”

    Ich habe in letzter Zeit genau darüber nachgedacht – und frage mich, inwieweit man der Asychronität der heutigen Online-Kommunikation bzw. Computervermittelten Kommunikation gerecht werden müsste. Schließlich findet Kommunikation kaum noch “synchron” statt in dem Sinne, das Gesprächspartner immer gleichzeitig online sein müsssen. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass dieser Gedanke eine wesentliche Rolle spielen sollte.

  7. kulervo says:

    Bei Grammatik dachte ich sofort an Gebärdensprache. Gehörlose haben tatsächlich nicht nur Gestik und Mimik, sondern auch eine eigene Grammatik. Das ist konsequent, denn ihr Zugang zur Welt ist per Erfahrung ein anderer als der normierte.
    Aus dieser Perspektive erscheint dann auch der Blick auf die im Internet geübte Religiosität neu:
    Wer das Internet nutzt, nutzt es selbstverständlich wie es beliebt. Wer betet, betet. Wer sich informiert, informiert sich. Innerhalb der schweigenden Mehrheit der Gottesdienstfernen einer Gemeinde, kann man gut informierte und sozial kompetente Menschen vermuten. Da dürfte sich mit der Zeit eine eigene Sprache entwickeln und neue Formen der Kommunikation, die es überflüssig machen, über eine Transformierung des Abendmahls in virtuelle Welten nachzudenken.
    Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind … .

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