Freie Software? – Auch eine Frage des Menschenbildes

Diagram of the four freedoms of Free Software: Use, Study, Share, and Improve.
Robert Merton: Science, Technology and Society in Seventeenth Century England
Robert Merton: Science, Technology and Society in Seventeenth Century England

Wie ich zu freier Software stehe, hängt auch vom Menschenbild ab, das ich habe. Der Umgang mit Freier Software ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch eine weltanschauliche. In der christlichen Tradition gibt es viele Anknüpfungspunkte, aber im Engagement für Freie Software ist ein Zusammenschluss vieler Akteure auch unterschiedlicher Weltanschauungen notwendig. Im Blick auf die christliche Tradition fand ich es sehr spannend zu lesen, wie der amerikanische Soziologe Robert Merton (links ist seine Dissertation abgebildet) beschreibt, wie die Gemeinwohlorientierung im Puritanismus (und in Deutschland im Pietismus) zu einer gesellschaftlichen Haltung führte, in der man Wissen freizügig teilte. Eine solche Haltung wiederzuentdecken, ist für die Informationsgesellschaft wichtig, damit nicht einige wenige amerikanische Internetkonzerne exklusiven Zugriff auf die Ressourcen der Informationsgesellschaft haben, sondern diese der Allgemeinheit zugänglich sind. Dazu tragen Freie Software, Open Access, Open Educational Resources und Open Data bei.
In meinem Vortrag auf der QtCon will ich darlegen, dass die Entscheidung, sich für Freie Software zu engagieren, aus einem Menschenbild folgt, das das Teilen (Sharing) in den Mittelpunkt stellt.
Anbei eine erste Version meines Vortrages – der auf der QtCon natürlich auf Englisch gehalten wird. Kommentare, Feedback und Kritik gerne. An dieser Stelle der Hinweis, dass der Vortrag noch work in progress ist. Meine Thesen verkürzen einige Sachverhalte, ich werde sie an anderer Stelle gerne ausführlicher begründen.


Bevor ich anfange, ein kurzer Hinweis zu meiner Person. Ich habe Informatik und Theologie studiert, gehe daher das Thema Freie Software aus zwei Perspektiven an.
Wenn man in einer Organisation – das gilt auch für die Kirche – versucht, Freie Software einzuführen, konzentriert man sich schnell auf die Argumente, dass Freie Software besser, sicherer oder wirtschaftlicher sei.
Das mag alles stimmen, wobei der Nachweis im Einzelfall immer schwierig bleibt, da sich zu einer Studie oft eine andere Studie finden lässt, die das Gegenteil belegt.
Man kann – und muss – auch diskutieren, welches Geschäftsmodell bei Freier Software zum Tragen kommt, welchen wirtschaftlichen Prozessen und Regeln die Erstellung, der Vertrieb und die Pflege Freier Software unterliegen. Ganz wichtig auch darauf zu sehen, was das für die Menschen bedeutet, die als Programmiererinnen und Programmierer von der Erstellung Freier Software leben. Lagern Unternehmen Erwerbsarbeit in fester Beschäftigung in ehrenamtliche oder schlecht bezahlte Arbeit in der Community aus, sodass die Community Erfüllungsgehilfe von Outsourcing wird?
Als Theologe habe ich gelernt, auch auf das Menschenbild zu schauen, dass hinter bestimmten gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entscheidungen oder Prozessen steht.

Es geht nicht nur um Ökonomie, sondern auch um Anthropologie

Wenn wir über Freie Software reden, haben wir implizit auch ein bestimmtes Menschenbild im Hinterkopf, denn Software, ob frei oder nicht, wird von Menschen für Menschen gemacht. Da Software kein materielles Gut ist, lässt sie sich verlustfrei beliebig oft teilen. Wem geben wir sie weiter – unter welchen Bedingungen? Wem enthalten wir sie vor? Was sagt das Weitergeben oder Nicht-Weitergeben über uns als Menschen aus?
Im Folgenden einige Impulse und Gedankenanstöße. Diese hier ausführlich zu begründen und herzuleiten, würde den Rahmen sprengen, daher bitte ich um Nachsicht, wenn meine Argumentation holzschnittartig ist.
Die Definition für Freie Software – wie die der Free Software Foundation[1] – hat daher nicht nur eine technische Dimension, sondern auch eine anthropologische, so wie die hier auf Deutsch wiedergegebene der Free Software Foundation Europe:[2]

Die vier Freiheiten Freier Software

Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck auszuführen

Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck auszuführen.
Einschränkungen der Nutzung eines Programms, etwa auf bestimmte Zeiträume, Anwendungszwecke oder geografische Gebiete, widersprechen dem Grundgedanken Freier Software.

Die Freiheit, das Programm zu untersuchen und anzupassen

Die Freiheit, die Funktionsweise eines Programms zu untersuchen, und es an seine Bedürfnisse anzupassen
Rechtliche oder praktische Einschränkungen der Einsicht in die Programmfunktion oder der Veränderbarkeit eines Programms, wie der zwingende Erwerb spezieller Lizenzen, die Unterzeichnung eines Stillschweigeabkommens oder – bei Programmiersprachen, die mehrere Formen der Repräsentation bieten – die Zurückhaltung der üblicherweise bevorzugten Bearbeitungsform („Quellcode“) machen es ebenfalls proprietär (unfrei). Ohne die Freiheit, ein Programm zu ändern, bleiben die Anwender vom Wohlwollen eines einzigen Anbieters abhängig.

Die Freiheit, den Quellcode zu untersuchen und zu verändern geht einher mit der Freiheit, dass der Mensch seine Umwelt untersucht und sich nutzbar macht.

Die Freiheit, Kopien weiterzugeben

Die Freiheit, Kopien weiterzugeben und damit seinen Mitmenschen zu helfen
Software kann praktisch ohne Kosten kopiert und weitergegeben werden. Das Verbot, ein Programm an eine Person weiterzugeben, die es braucht, macht dieses Programm unfrei. Die Weitergabe kann wahlweise auch gegen ein Entgelt erfolgen.

Die Freiheit, Kopien zu machen und dem Mitmenschen zu helfen, kann man in christlicher Terminologie mit „Dienst am Nächsten” übersetzen.

Die Freiheit, das Programm zu verbessern und Verbesserungen weiterzugeben

Die Freiheit, ein Programm zu verbessern, und die Verbesserungen an die Öffentlichkeit weiterzugeben, sodass die gesamte Gesellschaft profitiert.
Nicht jeder ist in allen Bereichen ein guter Programmierer. Manche Leute können überhaupt nicht selbst programmieren. Diese Freiheit erlaubt jenen, die nicht die Zeit oder die Fähigkeit haben, ein Problem selbst zu lösen, indirekt von der Freiheit, ein Programm zu ändern, Gebrauch zu machen. Auch das kann gegen ein Entgelt geschehen.

Diese Freiheit zielt auf das Gemeinwohl, d. h. Freie Software dient auch der Gemeinschaft und nicht nur dem Wohle Einzelner.
Ohne die Bewegung für Freie Software christlich vereinnahmen zu wollen, müssen wir diese Definition Freier Software auch als Appell an die christlichen Kirchen verstehen, dass sie sich viel stärker für Freie Software engagieren, denn Freie Software, so wie sie bei der FSFE definiert wird, hat eine große Affinität zum jüdisch-christlichen Menschenbild.

Das Eintreten für Freie Software folgt aus dem Menschenbild

Das sich hier ausdrückende Menschenbild führt zum Teilen (Sharing) und in Bezug auf das Zusammenleben steht die Orientierung am Gemeinwohl im Vordergrund.

Augustinus und die Ethik des Teilens

„Omnis enim res, quae dando non deficit, dum habetur et non datur, nondum habetur, quomodo habenda est” („Wenn eine Sache nicht gemindert wird, da man sie mit anderen teilt, ist ihr Besitz unrecht, solange man sie nur allein besitzt und nicht mit
anderen teilt.“)

so Augustinus in Bezug auf die christliche Unterweisung.[3] Dieses Zitat ist auch Motto der FSFE, denn was Augustinus hier fordert, lässt sich auch auf andere immaterielle Güter übertragen, sodass Augustinus zu einem Advokaten für Open Educational Resources (OER), Open Data und auch Freie Software wird.

Die Bergpredigt und Freie Software

In der Bergpredigt (Mt 5,41f) sagt Jesus:

„Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.”

Und ich würde am liebsten aktualisieren:

„Und wenn dich jemand bittet, ihm den Quellcode zu geben, so veröffentliche ihn.”

Theologen und Theologinnen streiten, ob die Bergpredigt eine geglaubte, aber noch nicht sichtbare Realität, eine Vision, eine Utopie oder eine Handlungsanweisung für eine gerechte Gesellschaft ist. Ich möchte diese Frage umdrehen und öffnen: Welches Menschenbild und welche Vorstellung von der Gesellschaft und von der Wirtschaft haben die, die sich für Freie Software einsetzen?
Hier könnten wir nun einen Workshop beginnen, wo jeder und jede hier seine bzw. ihre Ideale zusammenträgt. Ob wir uns dem Humanismus verpflichtet fühlen, den Werten der Aufklärung anhängen, uns auf die christlich-jüdische Tradition berufen oder eine Vision des Sozialismus vertreten, auf die Werte des Teilens (Sharing) und der Orientierung am Gemeinwohl könnten wir uns trotz unserer unterschiedlichen Weltanschauungen einigen. Die Auflistung der Weltanschauungen, die sich den Gedanken des Teilens und der Gemeinwohlorientierung zu eigen machen, ist nicht vollständig. Festzuhalten bleibt: Das Eintreten für Freie Software erfolgt auch aus weltanschaulichen Motiven und dem zugrunde liegenden Menschenbild.

Liberalismus und Kapitalismus widersprechen den Grundprinzipien Freier Software

Umgekehrt lässt sich aber auch fragen: Gibt es Menschenbilder und Wirtschaftssysteme, die den Prinzipien Freier Software widersprechen?
Hier als Beispiele: Liberalismus und Kapitalismus[4]:
Wenn der Grundsatz gilt:

 „homo homini lupus” („Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen”)[5]

Dann ist der menschliche Egoismus die treibende Kraft und das Streben nach eigenem Vorteil Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft, die sich als „bellum omnium contra omnes” („ein Kampf aller gegen alle”) verstehen lässt.
Eine Interpretation des Wirtschaftsliberalismus, die das Eigeninteresse besonders betont, lässt sich auf Adam Smiths wirtschaftstheoretische Schriften zurückführen. Sein Menschenbild war allerdings differenzierter, wie seine Überlegungen zu Mitgefühl und moralischem Handeln in der Theory of Moral Sentiments zeigen.[7] In „The Wealth of Nations” schreibt er:[6]

 „By pursuing his own interest he [=man] frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it. I have never known much good done by those who affected to trade for the public good. It is an affectation, indeed, not very common among merchants, and very few words need be employed in dissuading them from it.”

In Adam Smiths wirtschaftstheoretischen Schriften spielt das Eigeninteresse eine wichtige Rolle. Spätere Interpretationen des Wirtschaftsliberalismus haben diesen Aspekt teilweise besonders hervorgehoben und wirtschaftliches Handeln vor allem als Verfolgung individueller Vorteile verstanden. Smiths Menschenbild lässt sich jedoch nicht auf Egoismus reduzieren.
Die Metapher der „unsichtbaren Hand“ beschreibt bei Smith, wie aus eigennützigem Handeln unter bestimmten Umständen auch ein gesellschaftlicher Nutzen entstehen kann. Sie begründet jedoch keine allgemeine Garantie dafür, dass die Verfolgung individueller Interessen stets zum Gemeinwohl führt.
Die Vorstellung, dass sich der Egoismus Einzelner letztlich zum Wohl aller auswirke, kann aus theologischer Perspektive kritisch hinterfragt werden. Wird daraus eine allgemeine Rechtfertigung eigennützigen Handelns, erhält die unsichtbare Hand beinahe den Charakter einer Glaubensaussage.
Wenn Egoismus die treibende anthropologische Kraft ist und der Kapitalismus das sozio-ökonomische Modell für die Gesellschaft, dann hat das auch Auswirkungen auf den Umgang mit Informationen in der Gesellschaft. Information wird nicht frei geteilt, sondern gesammelt und gehortet und nur weitergegeben, wenn es den eigenen Interessen dient.

Von der Mayflower zur Informationsgesellschaft

Ist es ein Zufall der Geschichte, dass die weltgrößten IT- und Internetfirmen aus den USA kommen? Google, Microsoft, Apple und Facebook sind allesamt amerikanische Gründungen, die weltweit durch ihre Marktmacht das Internet dominieren. Neben diesen wirtschaftlichen Global Playern stammen auch große, am Allgemeinwohl orientierte Organisationen aus den USA: Wikipedia ist die größte Online-Enzyklopädie freien Wissens, Creative Commons ist weltweit Referenz für freie Lizenzen und für Freie Software steht die Free Software Foundation. Ist es Zufall, dass das Land des Kapitalismus gleichzeitig Idealisten hervorbringt, die sich am Gemeinwohl orientieren und weltweit Maßstäbe setzen?
Das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg sowie Idealismus und Gemeinwohlorientierung finden sich beide in den Gründungsgenen Amerikas. Bereits bei der Gründung der Plymouth-Kolonie im Jahr 1620 verbanden sich religiöse und wirtschaftliche Interessen. Unter den Passagieren der Mayflower waren englische Separatisten, die aus religiösen Motiven eine neue Gemeinschaft aufbauen wollten, aber auch Menschen mit anderen Beweggründen. Die Koloniegründung wurde zudem von englischen Investoren unterstützt, die wirtschaftliche Erwartungen mit dem Unternehmen verbanden. Wer sich die ersten 100 Jahre der Geschichte Neuenglands ansieht, findet eben diese beiden Bestrebungen, häufig auch im Widerstreit: Einerseits Menschen, die eine neue Gesellschaft aufbauen wollen, die das neue Land gemeinsam bewirtschaften wollen, und andererseits Menschen, die in die neue Welt gegangen sind, um Reichtum und Erfolg zu suchen.

Puritanismus, Wissenschaft und Robert K. Merton

Für die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften im England des 17. Jahrhunderts spielte nach Mertons Interpretation auch der Puritanismus eine wichtige Rolle. Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton, dessen Untersuchung Science, Technology and Society in Seventeenth-Century England[8] mir die Grundidee für diesen Vortrag gab, vertritt die These, dass puritanische Wertvorstellungen die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften begünstigten. Insbesondere die Wertschätzung praktischer Arbeit, die Erforschung der Natur und die Orientierung am gesellschaftlichen Nutzen hätten zur Anerkennung wissenschaftlicher Tätigkeit beigetragen. Mertons Erklärung ist eine einflussreiche wissenschaftssoziologische These, aber keine unumstrittene historische Gewissheit. Also: Puritanismus war mehr und anders, als er heute dargestellt wird, wenn man beim Begriff puritanisch an verengte Frömmelei denkt. Auch wenn der Puritanismus eine protestantische Glaubensrichtung ist, so folgte nach Merton aus dem religiösen Bekenntnis eine Hinwendung zur Natur und das Bestreben, die Gesellschaft und die Welt zu verbessern. Diese Gemeinwohlorientierung im Puritanismus ist aber nicht hauptsächlich Ausdruck des individuellen Bekenntnisses, sondern Kennzeichen einer gesamtgesellschaftlichen Haltung. Grundlage für die Entwicklung der Naturwissenschaften war neben dieser Gemeinwohlorientierung auch das freizügige Teilen von Wissen und dessen Kommunikation.

 “… free communication between the inventors, a system of cultural values which places a high estimation upon innovation and an accumulation of knowledge which is at the ready disposal of the would-be inventors” (Merton, 216)

Diese Entwicklung im England des 17. Jahrhunderts – und in seinen nordamerikanischen Kolonien – war auch möglich, weil sich zur selben Zeit die Reisemöglichkeiten verbesserten. Gelehrte konnten an Konferenzen teilnehmen und sich in Gesellschaften organisieren, wie beispielsweise der 1660 gegründeten Royal Society in London, die zu einem wichtigen Forum für den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde.

Wissenschaftlicher Kommunalismus und das Teilen von Wissen

Merton bezeichnet die gemeinschaftliche Verfügbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse als „communalism“. Gemeint ist damit, dass wissenschaftliches Wissen grundsätzlich der wissenschaftlichen Gemeinschaft zugänglich sein und durch Veröffentlichung und Austausch weiterentwickelt werden soll. Darin liegt eine wichtige Parallele zum Gedanken Freier Software, ohne dass beide Konzepte gleichgesetzt werden können.
Auch wenn für viele die USA heute das Beispiel für Kapitalismus schlechthin sind, so gibt es in der amerikanischen Tradition neben Kapitalismus und Liberalismus auch die Tradition des „communalism“ – der Gemeinwohlorientierung, denn bereits bei der Gründung der Plymouth-Kolonie trafen religiöse Überzeugungen und wirtschaftliche Interessen aufeinander. Auf dem Weg in die globale Informationsgesellschaft stellt sich daher die Frage, welche dieser Traditionen die Oberhand gewinnt, oder pointiert (auch wenn ich weiß, dass sich Suchmaschinen und Enzyklopädien eigentlich nicht vergleichen lassen): Wer wird Hort des weltweit zugänglichen Wissens: Google, eine Suchmaschine eines auf Profit ausgerichteten Unternehmens, bei dem Nutzerinnen und Nutzer mit ihren Daten dazu beitragen, die Suchmaschine zu verbessern, ohne selbst über dieses Wissen verfügen zu können oder Wikipedia, eine freie Online-Enzyklopädie, bei der jeder mitschreiben kann und alle Zugriff auf das angesammelte Wissen haben.

Wirtschaftsliberales Agieren in der Informationsgesellschaft

Auch wenn sich Google oft als Weltverbesserer geriert, „Don’t be evil” – Googles Motto – bedeutet: eigene Interessen zu verfolgen heißt gleichzeitig Gutes tun.
Nutzer zu bitten, Fotos zu taggen und auf Karten zu platzieren, Geo-Informationen bei Smartphones abzugreifen und zu verarbeiten, Suchanfragen zu korrelieren und als Basis für Vorhersagen zu nutzen, bedeutet, die Daten der Nutzerinnen und Nutzer unter Zuhilfenahme von deren Endgeräten zu sammeln und zu verarbeiten, deren Weiterverarbeitung aber gemäß dem eigenen Geschäftsmodell zu kontrollieren und zu monopolisieren. Nutzerdaten dienen so den eigenen Geschäftsinteressen, werden also nicht der Allgemeinheit zurückgegeben. Also: keine Open-Data-Lizenz für User-Daten, sondern Google-Kontrolle – und die Nutzerinnen und Nutzer von Googles Diensten helfen bei dieser Monopolisierung der Daten noch willig mit, meinen vielleicht sogar, damit auch der Allgemeinheit noch zu dienen.
Gleiches gilt für Code: Android als im Kern Freie Software nutzen und so weiterentwickeln, dass das Betriebssystem durch Google-eigene, nicht-freie Erweiterungen so eingeschränkt wird, dass volle Funktionalität als Freie Software nicht mehr gegeben ist. Also Orientierung am eigenen Profit und nicht am Gemeinwohl bei der Weiterentwicklung rund ums Betriebssystem.
Spricht man Google-Vertreter darauf an, warum durch Nutzerbeteiligung gewonnene Daten nicht unter freie Datenlizenzen gestellt werden oder Zusatzentwicklungen rund um Freie Software nicht unter freie Software-Lizenzen gestellt werden, kommt als Argument, dass Google seine Dienste (meist) kostenfrei anbiete und damit der Allgemeinheit bereits Gutes tue. In Wirklichkeit kontrolliert Google die Information, verfolgt Eigeninteresse – und auf magische Weise wie die unsichtbare Hand bei Adam Smith – wird aus diesem Eigeninteresse nun das Beste für die Allgemeinheit. Manche mögen es glauben, andere sehen darin nur eine Schutzbehauptung. Jeder muss sich selbst eine Meinung bilden.

Am Teilen entscheidet sich die Entwicklung der Informationsgesellschaft

Egoismus oder Nächstenliebe beim Einzelnen, Profitstreben oder Gemeinwohlorientierung als Grundlage der Wirtschaft, es hängt vom Menschenbild und vom Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ab, welche Vision wir von der Informationsgesellschaft haben, in der wir leben wollen und werden.
In der Entwicklung zur Informationsgesellschaft wird der Umgang mit Information zur Schlüsselfrage: Teilen wir Information, Wissen, Lehr- und Lernmittel, Code, Algorithmen, Daten frei oder kontrollieren wir sie, verbergen sie, horten sie, sammeln sie ein und geben sie nur weiter, wenn wir Gegenleistungen, Geld dafür erhalten.
Open Access, Open Educational Resources, Open Source Software (Free Software), Open Data – wie wir uns zu diesen Bewegungen verhalten, hängt auch davon ab, welches Menschenbild wir haben.
Das biblische Menschenbild und die christliche Gesellschaftslehre – so wie ich sie verstehe – führen zum Teilen, auch von Information. Ähnliches ließe sich auch für Humanismus oder Sozialismus sagen. Natürlich beinhalten diese Weltanschauungen auch Utopien, man mag durchaus argumentieren, dass der Kapitalismus ein realistischeres Menschenbild hat. Dass unfreie Software gut funktioniert, sieht man am Erfolg von Google & Co., aber neben Microsoft Windows gibt es auch Linux – und jeder hat die Wahl, nicht nur zwischen Betriebssystemen, sondern auch zwischen verschiedenen Menschenbildern und Weltanschauungen.


Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 26. August 2016 als vorläufige Fassung eines Vortrags für die QtCon veröffentlicht. Der Text wurde am 1. November 2026 redaktionell überarbeitet. Die englischsprachige Fassung des Vortrags ist unter Free Software? – It’s Anthropology, Stupid verfügbar.

Anmerkungen und Literatur

[1] ↩Stallman, Richard M.: „What is the Free Software Foundation?“, in: GNUS Bull. Volume 1/No.1 (1986), http://www.gnu.org/bulletins/bull1.txt (abgerufen am 24.08.2016).
[2] ↩Free Software Foundation Europe: „Was ist Freie Software?“, https://fsfe.org/freesoftware/ (aktuelle Informationsseite; ursprüngliche Quelle: https://fsfe.org/about/basics/freesoftware.de.html, abgerufen am 24.08.2016).
[3] ↩Augustinus, Aurelius: De doctrina Christiana, hrsg. v. CETEDOC, Turnhout: Brepols 1982 (CCSL 32).
[4] ↩In einer ausführlicheren Argumentation muss natürlich zwischen Wirtschaftsliberalismus und Kapitalismus differenziert werden.
[5] ↩Die lateinische Sentenz „homo homini lupus” stammt aus der Komödie Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.), im Originaltext des Plautus heißt es wörtlich: „lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.” („Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt.”) Bekannt wurde der Ausspruch durch den englischen Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes, der sie in der Widmung seines Werkes De Cive an William Cavendish, den Grafen von Devonshire, verwendete. Hobbes gebraucht „Homo homini lupus” als Beschreibung für das Verhältnis zwischen den einzelnen von Menschenhand geschaffenen Staaten, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus. Hobbes kann daher nicht als Beleg für den individuellen Egoismus als Triebfeder menschlichen Handelns vereinnahmt werden, das von Hobbes übernommene Zitat des Plautus für sich genommen jedoch schon.
[6] ↩ Smith, Adam: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776), Buch IV, Kapitel II (Zitat zur Verfolgung des Eigeninteresses).
[7] ↩ Smith, Adam: The Theory of Moral Sentiments (1759), insbesondere Teil I (Sympathie und moralische Urteile).
[8] ↩ Merton, Robert K.: Science, Technology and Society in Seventeenth-Century England, in: Osiris 4 (1938), S. 360–632.

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