User an die Macht!? – Ein Diskussionsbeitrag

Nachgedanken zur Tagung "User an die Macht?!"

Nachgedanken zur Tagung „User an die Macht?!“


Nach unserer Tagung  „User an die Macht!?“ wandte sich Wolf-Dieter Zimmermann an uns als Veranstalter mit diesen „Nachgedanken“, die wir im Folgenden dokumentieren und zur Diskussion stellen.

Wolf-Dieter Zimmermann

Wolf-Dieter Zimmermann

Wolf-Dieter Zimmermann hielt selbst einen Workshop auf der Tagung und engagiert sich ehrenamtlich für Freie Software. Seit zwei Jahren organisiert er den Linuxtreff in Mülheim an der Ruhr. Dort werden zeitgleich mit dem Repair Café einmal im Monat alte Laptops (inzwischen sind es 160 Rechner) mit dem Betriebssystem Linux und komplett Freier Software lauffähig gemacht bzw. erhalten.

User an die Macht!?

Gut, dass es sowohl ein Fragezeichen als auch ein Ausrufezeichen hinter dem Tagungsthema „User an die Macht!?“ gab.

Fragezeichen

Im Eingangsstatement wurde zu Recht und in der richtigen Diktion darauf hin gewiesen, wie wir durch Wirtschaft und Politik unserer Daten beraubt, sie in der Wirtschaft gezielt missbraucht und ohne unser Wissen zur Profilbildung verwendet werden. Selbst undemokratische Wahlmanipulation mit katastrophalen Folgen (Beispiele: Brexit, Trump etc.) eingeschlossen.

Und hier läge aus meiner Sicht ein genuin gesellschaftspolitischer Beitrag – selbst wenn er von den Kirchen käme, an der rechten Stelle.

Wenn das Thema „User an die Macht“ lautete, dann frage ich mich, mit welchen Antworten die Teilnehmer nach Hause gingen. Vom Juristen erfuhren sie, wie sie gesetzeskonform Daten verwalten  können, vom Informatiker erfuhren sie, welche Algorithmen Google wohl verwendet hat – weder er noch wir wissen es. In dem Zusammenhang wurde klar, wie Cambridge Analytica auf seine Manipulationsstrategien kam. Wer im kritischen Netz unterwegs ist, wusste dieses.

Hilfsfragen bestünden dann darin: Wie wertvoll sind unsere Daten, wie lassen wir damit umgehen und letztlich: Was können wir selbst tun, wo können wir aktiv gegen den Missbrauch unserer Daten arbeiten? Müssen wir gar auf datenraubende Messenger und profilbildende Suchmaschinen verzichten, gar zwingend Alternativen verwenden, die solches nicht tun?

Es ging nicht wirklich um das Tagungsthema: Es ging nicht darum, uns – die User – an die Macht (zurück) zu bringen resp. uns wieder in die Verantwortung für unsere eigenen Daten zu bringen. Da hätte eine Zielrichtung sein können, wie Datenenthaltsamkeit oder -sparsamkeit im kirchlichen Kontext aussehen könnte. Hat die Verführung durch „Soziale (?) Medien“ uns schon blind gemacht?

Das Fragezeichen bleibt: Weshalb gehen wir eigentlich so schlampig mit unseren eigenen Daten und dem gezielten Missbrauch um – die Älteren erinnern sich sicher noch an die Volkszählung von 1986,  bei der es lediglich um fünf Daten ging, und welche Empörung sich darüber breit gemacht hat.

Antworten

Dagegen beherrschten Antwortversuche wie: Wie können wir in der Kirche mit der gewohnten Datennutzung weiter fortfahren – natürlich im Rahmen geltender Regeln und Gesetze? Auf welche Fallstricke müssen wir achten, damit der Kadi uns nicht auf den Hals kommt?

Kirche muss nicht die Wirtschaft kopieren, will aber – und sei es wenigstens ein bisschen – auf der Datenwelle surfen. Ein aufklärendes, ethisch fundiertes Nachdenken wäre angebracht. Und dieses könnte zum Ziel haben, mit der Frage umzugehen, wie wir selbst den Umgang mit unseren eigenen Daten praktizieren.

In zwei Workshops fand der Beitrag, wie man Google als Suchmaschine aus dem Rechner entfernt, regelmäßig höchstes Interesse, eben genau die Frage: Was kann ich selbst tun, wo gewinne ich Souveränität zurück. Und darum geht es.

Die auf der Tagung erkennbare Begeisterung für Facebook, Twitter und Whatsapp muss jeden ans Grübeln bringen, der den Clouds und den Datenverwaltern ein gewisses – und wie die zahlreichen Geschichten zeigen  – gesundes Misstrauen entgegenbringt.

Das Argument,  die Jugendlichen, denen offensichtlich besonderes Missionsinteresse zugewendet wird, seien nur über „soziale Medien“ erreichbar, ist ein ärmliches Argument. Wie weit muss man sich dem (vermeintlichen) Zeitgeist beugen, um die „message“ an die Frau, den Mann zu bringen? Immerhin geht es doch in der „message“ auch und gerade um Befreiung, oder?

Natürlich gibt es diese freien, wohl weniger bekannt und unhandlicheren Alternativen, und natürlich würden – auch die Kirchen – gut beraten sein, eben diese Alternativen zu nutzen und aus guten Gründen verantwortlicher für die eigenen Daten zu sein und folglich für solche Alternativen auch zu werben.

Kirchliche Treffen eben nicht auf Whatsapp zu vereinbaren, sondern z.B. auf Signal. Gleiches gilt für Facebook, Twitter und Instagram. Sie zu nutzen heißt nichts anderes als nicht verantwortlich sein zu wollen für die eigenen Daten. Für mein Verständnis ist Kirche hier in der Pflicht, darüber nach zu denken, welchen (und wessen) Stecken sie da treibt.

Wir brauchen wieder mehr Datensouveränität, mehr Freiheit und sei es die eines Christenmenschen. Verantwortung ist anstrengend. Vor dieser Anstrengung sollten wir uns nicht fürchten, sie aber auch einfordern.

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5 Responses to User an die Macht!? – Ein Diskussionsbeitrag

  1. Lieber Wolf-Dieter, danke für den Beitrag!
    Da hier in den Kommentaren bereits zu recht das Problem angesprochen wurde, dass sich ein Großteil der User nunmal in (soz.) Netzen aufhält, die das Gegenteil dessen darstellen, was das Internet eigentlich mal sein sollte (ein freier und föderaler Verbund), greife ich zwei Aussagen auf:
    > Kirchliche Treffen eben nicht auf Whatsapp zu vereinbaren, sondern z.B. auf Signal.
    Mit Signal macht man nicht viel besser als mit WhatsApp, was den Anspruch an zivilgesellschaftliche kontrollierbare IT-Infrastrukturen betrifft. Die Forderung muss auch hier sein: freie Messenger-Protokolle, die förderale Strukturen ermöglichen (so wie es bei E-Mail für jede*n intuitiv ist) – zentralisierte Dienste wie Signal ändern nichts daran, wie bei WhatsApp von einer einzigen zentralen Instanz abhängig zu sein und das ist in meine Augen das Gegenteil von zivilgesellschaftlicher Autonomie.
    > Gleiches gilt für Facebook, Twitter und Instagram. Sie zu nutzen heißt nichts anderes als nicht verantwortlich sein zu wollen für die eigenen Daten. Für mein Verständnis ist Kirche hier in der Pflicht, darüber nach zu denken, welchen (und wessen) Stecken sie da treibt.
    Schön formuliert, würde ich so unterschreiben. Wie löst man nun das eingangs beschriebene Problem, dass die User aber nunmal dort sind, wo sie besser nicht sein sollten?
    Leena Simon von Digitalcourage hatte einmal auf einer Podiumsdiskussionen etwas vorgeschlagen, was das Problem löst, ohne allzu radikale Änderungen vornehmen zu müssen:
    Eine Gemeinde sollte, um bspw. auf Facebook/Twitter/etc gefunden zu werden, durchaus eine entsprechende Seite betreiben, die aber *außerhalb* von Facebook in keiner Weise beworben wird (also keinerlei “Like us on Facebook”-Buttons etc. auf der eigenen Homepage), sodass niemand, der im “freien Teil” des Internets unterwegs ist, aktiv auf sie hingeleitet wird. Parallel dazu wird eine freie Alternative betrieben (Mastodon/Diaspora/Friendica/etc), die sehrwohl aktiv auf der Webseite der Gemeinde beworben wird.
    Darüber hinaus wird die Facebook-Seite nicht in gleichartiger Form mit Content “gefüttert” wie die eigene Web-Seite/Mastodon/Diaspora/Friendica/whatever-Instanz der Gemeinde, sondern in jeder Nachricht der Inhalt max. kurz angerissen und dann per Link auf die freie Alternative verwiesen, sodass von Facebook&Co aktiv auf die freie(n) Alternative(n) immer aktiv *heraus*geleitet wird. Nur so ergäbe sich ein informationeller Mehrwert für die User, die freien Alternativen auch tatsächlich zu nutzen.
    Das bedeutet natürlich, dass die “social media”-Abteilung der Gemeinde ordentlich damit zu tun haben wird, die zu veröffentlichenden Informationen auf Facebook&Co so zu präsentieren, dass eine Präsenz entsteht, die nicht bindet, sondern weiterleitet – einfach nur parallel freie Alternativen anzubieten würde jedoch nicht dazu führen, dass User die freien Alternativen langfristig nutzen, wenn sie auf Facebook&Co weiterhin alles bekommen, was das freie Netz bietet. Die “walled gardens” müssen sozusagen unbequem werden und dies kann dadurch erreicht werden, dass sie nicht den gleichen Informationsgehalt bieten wie die freien Netze.
    Gruß
    Roland

  2. kulervo says:

    Wunderbar. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Durch die Kommentare wird noch mal deutlich, worum es geht. Wir können ethisch verantwortlich die Digitalisierung voran bringen, ohne Mission aufgeben zu müssen. Wie das gehen kann, darüber müssen wir immer wieder in einen geschwisterlichen Austausch kommen.

    Leider gibt es wenig vorzeigbare Praxisbeispiele von kirchlicher Seite, die zeigen können, wie es datenschutzkonform und freiheitlich geht. Statt dessen laufen wir der Lobby der großen Datenkraken freudestrahlend in die Arme, wenn wir deren Argumente wiederkäuen: „Es machen alle, also können wir nicht davon lassen.“ Dabei machen es ja gar nicht alle. Selbst die Jugend, die angeblich nur und nichts anderes als WhatsApp nutzt, ist viel vielfältiger unterwegs. Und programmieren können auch bereits ganz schön Viele.

    So ein BarCamp, bei dem wir Freiheit & Digitalisierung bearbeiten würde mich interessieren.

  3. Peter Hormanns says:

    Danke Wolf-Dieter!
    Ich stimme Dir zu 100% zu.
    Eine Veranstaltung “User an die Macht” müsste morgens damit beginnen, dass sich alle Teilnehmer.innen eine XMPP-Identität und einen Mastodon-Account zulegen. Dann wird Twittern verboten. Es darf getrötet werden.
    Eine Notwendigkeit für Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat kann ich nur akzeptieren, wenn überall dort auf anderen Wegen kommuniziert wird wo das möglich ist.
    Viele Grüße, Peter

  4. Michael Stehmann says:

    Hallo,

    in der Kirche hat es immer wieder Menschen gegeben, die anhand ihrer Lebensführung aufgezeigt haben, dass ein Ausstieg aus dem Getriebe der „Welt“ möglich und beglückend ist. Von den Wüstenvätern bis in die heutige Zeit.

    Insoweit gibt Wolf-Dieter ein zeitgemäßes und wichtiges Zeugnis dafür, dass Verzicht auf gemeinhin für wichtig erachtete Dinge nicht nur möglich, sondern sogar befreiend und beglückend ist.

    Aber: Kirche muss auch da sein, wo die Menschen sind: Den Facebookern ein Facebooker, den Twitterern Twitterer werden etc.

    Beides gehört zu ihrem Auftrag: die exemplarische, zeugnishafte Weltabgewandtheit und die liebevolle Weltzugewandtheit. Beides erfordert allerdings klare Haltung, festen Willen und waches Bewusstsein.

  5. Thomas says:

    Ich war nicht live dabei, zu dem „was (nicht) passiert ist“ kann ich daher nichts beitragen.

    In weiten Teilen stimme ich dem Rest des Beitrag zunächst zu: Ja, ich halte es für wichtig, dass wir uns dafür einsetzen, Konzerninteressen nicht zu befördern, datenschützende Apps zu nutzen usw. usf.

    Zwei große „Aber!“ möchte ich aber anbringen:
    1) Wer missionieren will, muss das Missionsfeld kennen: Durch die langanhaltende grundsätzliche Ablehnung von Digitalisierungsfragen wissen viele gar nicht, um was es geht. Da ist schon ein aufzeigen, was alles technisch möglich ist, enorm wichtig. Erst wenn man das Problem kennt kann man sinnvoll und authentisch nach Lösungen und Handlungsoptionen suchen.

    2) Wer missionieren will, muss dahin wo jemand zu missionieren ist: Einem Threema-Nutzer muss ich i.d.R. nicht erklären, was an WhatsApp problematisch ist (das Signal ohne Telefonnummer nicht nutzbar ist und die Daten in die USA überträgt ist sicher nur ein kleiner Treppenwitz im Beitrag ;-)).
    Mit jemandem in Kontakt zu kommen, den ich im Moment nur per Facebook erreiche, halte ich hingegen für wichtig: Entweder sind ihm die Daten egal, oder es fehlt das Bewusstsein. Dort kann ich ansetzen, aufklären, erklären, Alternativen aufzeigen.

    Insofern halt ich es immer für wichtig, die Inhalte auch abseits großer konzerngeleiteter Plattformen bereitzustellen (z.B. auf der eigenen Webseite) – und diese großen Plattformen mit denen ihn eigenen Mitteln zu nutzen, um Menschen zu erreichen und deren Bewusstsein für solche Themen zu schärfen. Ein völliger Verzicht wäre aus meiner Sicht der Idee der Vermittlung von Datenschutz, Datensouveränität und Empowerment absolut abträglich.

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