Was Kirche von einem Fußballkreisligisten lernen könnte – Plädoyer für eine digitale Kirche

Fußballstadion
Fußballstadion

Krisen enthalten Chancen. So hat die Pandemie die Digitalisierung von Kirche und Gemeinde beflügelt. Viele Angebote werden auf den Social-Media-Kanälen gestreamt. In der Regel handelt es sich dabei allerdings lediglich um eine One-Way-Kommunikation, d.h., die Rezipienten bleiben passiv. Gibt es nun Formen, die das reformatorische Modell einer Gemeinde als sich selbst organisierender mündiger Gemeinschaft ins digitale Zeitalter übersetzen können?

Manchmal sind Lösungen zu entdecken, wenn man über den Tellerrand in ganz andere Bereiche blickt. Dass digitale Kommunikation nämlich nicht nur einseitig sondern auch interaktiv und partizipativ funktionieren kann ist von einem Fußballverein in der Ruhrgebietsstadt Essen zu lernen, der erfolgreich ganz neue Wege geht.

Digitalisierung als Beteiligungschance am Beispiel eines Fußballvereins

Vor fünf Jahren stand der Essener Kreisligist TC Freisenbruch vor Herausforderungen, die sich ebenfalls in Kirche und vielen anderen Einrichtungen unserer Gesellschaft, die auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sind, zeigen.

Sportlich abgestiegen, von Sponsoren und Öffentlichkeit wenig beachtet, gab es immer weniger Ehrenamtliche, die den Club unterstützten. Der Verein stand kurz vor dem Aus und wurde nur noch durch einige wenige Verbliebene zusammengehalten. Es ging um die Existenz, eine Vision für die Zukunft musste gefunden werden. Knapp 100 Mitglieder zählte der Club damals noch, als ein Team um Peter Wingen und Gerrit Kremer mit der Idee eines neuen Konzeptes die Arbeit aufnahm. “Dein Club – du entscheidest” hieß es fortan in Freisenbruch.

Der Verein hat sich vollständig neu organisiert und demokratisiert. Herausgekommen ist eine digitale Community-Plattform, zu der sich die Fans, Unterstützer und Vereinsmitglieder anmelden, um das gesamten Vereinsleben bis hin zur kollektiven Ausübung von Leitung digital mitgestalten zu können. Selbst die Entscheidung über die Aufstellung der Mannschaft für den nächsten Spieltag trifft der Verein als Community.
Vertrauens- und Zufriedenheitsbarometer zeigen allen sofort, wo Gespräch- oder Handlungsbedarf besteht.

Ergebnis dieser Digitalisierung des Vereinslebens: Explosionsartiger Mitgliederzuwachs und ein hohes Maß der Identifikation mit dem eigenen Verein.

Was könnte das für Kirche bedeuten?

Luthers reformatorische Erkenntnis, dass Gemeinde nicht sprach- und willenlose Rezipientin am Ende eines durch steile Hierarchie gekennzeichneten Kommunikations- und Herrschaftsweges ist, sondern sprachfähig und mündig sein sollte, könnte Dank digitaler Hilfe befördert werden.

So könnte durch diese Plattform zum Beispiel aus der Einsamkeit, die Predigende oft auf dem Weg zur und auf der Kanzel erleben ein gemeinschaftlicher Weg werden, der hilft, Distanzen zwischen Kanzel und Kirchenbänken abzubauen.

In etwa so: Im Predigtforum stellt der Prediger/die Predigerin den Predigttext des kommenden Sonntags ein, und holt sich erste Ideen und Gedanken von den Gemeindegliedern ab. Lied- und Textauswahl sowie Vorschläge fürs Fürbittgebet könnten abgefragt und darüber abgestimmt werden.

Im Anschluss an den in der Kirche präsent gehaltenen und im Internet live übertragenen und gespeicherten Gottesdienst können sich Gemeindeglieder im Forum in einem Predigtnachgespräch austauschen, Fragen stellen, eigene Gedanken formulieren, Impulse formulieren und vieles mehr. Predigt/Gottesdienst würde somit eingebettet in den Fluss eines breiten Kommunikationsprozesses innerhalb der Gemeinde mit vielen Schnittstellen zu allen anderen digital abgebildeten Gemeindebereichen.

An vielen Fragen könnte Gemeinde beteiligt werden, z.B. auch an Leitungsfragen. Beim TC Freisenbruch entscheidet die Community zum Beispiel über die Höhe der Eintritts-, Bier- und Würstchenpreise, der Finanzhaushalt des Vereins ist allen zugänglich. Folge: Niemand meckert mehr, weil jeder weiß, dass ein Teil des Ertrags in die Vereinskasse fließt und nur dadurch neue Investitionen möglich werden.

Im digitalisierten Vereinsleben des TC Freisenbruch zeigt sich somit ein hohes Maß an Identifikation und Verantwortung des Kollektivs. Radikale und lautsprecherische Stimmen, die sich sonst oft vom eigenen Geltungsdrang getrieben in Ämter gedrängt haben werden relativiert und überstimmt.

Digitale Förderung und Erweiterung der presbyterial-synodalen Idee

In einer Kirchengemeinde wären Entscheidungsprozesse in ähnlicher Weise zu demokratisieren. Beispielsweise könnte das Presbyterium (in der Regel ohnehin unterbesetzt und durch geringe Wahlbeteiligung kaum legitimiert) ein Votum der Gemeinde über die gewünschte Farbe eines nötig gewordenen Neuanstrich des Gemeindehauses einholen bzw. sogar die Entscheidung darüber im Communitybereich „Digitale Gemeindeversammlung“ im Rahmen einer Entscheidungsfrist freigegeben.

Kinder und Jugendliche in ihrer digitalen Lebenswelt aufsuchen

Die Gemeindearbeit könnte darauf ausgerichtet werden, Kinder und Jugendliche (in der Regel „digital Natives“) von Anfang an in die digitale Gemeinde zu integrieren analog dem Motto des TC Freisenbruch („Dein Club – du entscheidest“): „Deine Gemeinde – Du gestaltest mit“.

Die ARD-Sportschau zitierte auf ihrem Facebook-Account am 5.11. 2020 Alexander Wehrle, den Geschäftsführer des 1.FC Köln: “Viele 15-, 16-, 17-Jährige haben gar keine Lust mehr, sich 90 Minuten Fußball anzuschauen. Die wollen lieber vier, fünf Minuten Highlights anschauen.” Gleichzeitig konsumieren viele dieser Jugendlichen ganze Nächte lang E-Sport (elektronischen Sport). Es liegt also nicht daran, dass die Jugendlichen keine lange Aufmerksamkeitsspanne mehr haben. Sie haben einfach Interessen und Bedürfnisse, die sie an anderer Stelle besser ausleben können. Und genau hier könnte Kirche den Blick hinlenken. Zahlreiche Reaktionen auf Online-Auftritte der Kirchengemeinden wie auch der letzten EKD-Mitgliederbefragung zeigen ja, dass Menschen in einem weit höheren Maße als vermutet Interesse an Kirche und ihrer Botschaft haben. Sie brauchen selbstverständlich geistlich-spirituelle Inhalte und Botschaften, möglicherweise aber genau an ihrem Ort und in anderer Form, weil sie in ihrer Arbeits- und Lebenswelt Kirche nicht mehr als die relevante Quelle zur Stillung dieser Bedürfnisse wahrnehmen.

Neue Idole

Erstaunlicherweise suchen und finden Kinder und Jugendliche neue Idole. Sie wollen anderen beim Spielen und Youtuben zusehen, um sich selbst zu verbessern und ihnen nachzueifern. Diese neuen Idole sind nur keine Fußballer mehr, sondern E-Sportler und Youtuber. Wer das begreift, könnte die Chance haben, Veränderungsprozesse in Kirche aktiv zu gestalten und nicht am Ende nur überrascht zu sein.

Als Beispiel für neue Möglichkeiten sei auf die Berliner Pfarrerin Teresa Brückner verwiesen, die im Rahmen ihres Auftrags „Digitale Kirche“ den  Youtubekanal „teresaliebt“ betreibt und Menschen offenbar Nähe und Authentizität vermittelt, die massenhaft beachtet wird.  

Es könnte und sollte darüber hinaus langfristig angelegtes Ziel gemeindepädagogischen Handelns werden, auch die im Berufsleben stehende „Mittelalten“ wie auch Senioren und Seniorinnen über Partizipation an der digitalen Gemeinde zugleich zur Teilhabe an der digitalen Welt zu motivieren und zu befähigen. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommen kann, kommt der Berg eben zum Propheten – in digitaler Form – hinein in die Wohn- und Kinderzimmer, Altenpflegeheime und in alle Winkel der Welt, wo sich Menschen Gemeinde und Kirche zugehörig fühlen oder auch nur neugierig darauf sind oder werden können.

Auf diese Weise könnte eine digitale Beteiligungskirche entstehen, die das präsente Gemeindeleben als digitale Communityplattform abbildet, ergänzt und gemeinschaftlich fördert.

Und zwar auf allen Ebenen, nicht nur an der Basis. Auch Synoden und andere Leitungsgremien und Organe bis hin zu Landeskirchen und EKD könnten sich als digitale Community-Plattform organisieren und dem gesellschaftlich bedingten Rückgang ehrenamtlichen Engagements und der Diastase zwischen Leitungsebenen und Basis wehren um Brücken zwischen beiden bauen. Partizipation am Leben von Kirche und Gemeinde könnte so niederschwellig und überschaubar, möglicherweise sogar transparent und attraktiv werden.

Nur eine Utopie? – Eine Prognose

Beim TC Freisenbruch ist das schon gelebte digitale und analoge Realität mit erstaunlichem Erfolg. Die Community, die den Verein gemeinsam leitet, besteht mittlerweile aus 530 „Vereinsmanagern“, die in mehreren Ländern über den ganzen Globus verteilt leben, aber in der Leitung ihres gemeinsamen Clubs TC Freisenbruch verbunden sind.

Eine Prognose: partizipiert zukünftige Kirche nicht am digitalen Leben ihrer Gemeindeglieder werden diese bald auch analog kaum mehr präsent sein.

Wäre Kirche aber im Heim ihrer Gemeindeglieder auf dem Bildschirm zugegen und würde Menschen in ihrer privaten Lebenswelt erreichen, dann könnte daraus eine digitale Beteiligungskirche mit noch ungeahnten Möglichkeiten entstehen.


Patrick Baur (Jg.1984) ist Gemeindeglied in Remscheid-Hasten und beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der Digitalisierung von Unternehmen und damit wie Veränderungsprozesse für Menschen und Organisationen zu echten Chancen werden.

Siegfried Landau (Jg. 1958) ist Pfarrer in Remscheid-Hasten und Synodalbeauftragter für Gottesdienst im Kirchenkreis Lennep / EKiR.

Kontaktdaten:

Patrick Baur
Doppelpass Digital UG (haftungsbeschränkt)
Grünewalder Str. 29-31
42657 Solingen
patrick@doppelpass.digital

Siegfried Landau
Büchelstr.48
42855 Remscheid
siegfried.landau@ekir.de

Wer sich das Projekt „TC Freisenbruch“ näher ansehen will:

https://www.deinclub.tc-freisenbruch.de/

https://www.tc-freisenbruch.de/

Auf Youtube gibt es mehrere TV-Berichte, z.B. Spiegel online/Kicker-TV: Community trifft Kreisliga – Das Projekt TC Freisenbruch: https://www.youtube.com/watch?v=-Li4Cl8I4uc&t=14s

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