Wehrmachtssoldaten: Heldenverehrung oder Opfergedenken?

"Kriegerdenkmal" in Haidmühle
„Kriegerdenkmal“ in Haidmühle

Wehrmachtssoldaten sind keine Helden, so der Titel meines Blogposts. Wie angekündigt, habe ich bei der Ortsgemeinde Haidmühle, dem Krieger- und Soldatenverein Haidmühle, der Pfarrgemeinde Haidmühle und dem Bistum Passau nachgefragt, wie sie die Inschrift des „Kriegerdenkmals“ verstehen und vorgeschlagen, dass eine Kommentierung und zeitgeschichtliche Einordnung der Inschrift „Den Helden zur Ehr / die dankbare Pfarrgemeinde Haidmühle / 1914 – 1918 / 1939 – 1945“ vorgenommen wird.

Der Umgang mit diesem Vorschlag zeigt, wie verschiedene Institutionen des Ortes bei einer Heldenverehrung verharren. Dass es auch anders geht, zeigen andere Beispiele am dieses Artikels, die sich um ein zeitgemäßes Opfergedenken bemühen.

Der Krieger- und Soldatenverein

An diesem Wochenende ist die letzte Antwort eingegangen. Erich Riedl, erster Vorsitzender des Krieger- und Soldatenvereins Haidmühle e.V., schrieb  mir folgenden Brief mit der Bitte um „wortwörtliche Einstellung“ im Blog, worin er mich einerseits als „‚Schlaumeier’“ bezeichnet, mir andererseits mangelnde Geschichtskenntnis vorwirft.
Den eigenwilligen Gebrauch von Ausrufezeichen, Fettdruck, Unterstreichung und Kursivsetzung habe ich bei der Wiedergabe beibehalten.

Haidmühle, 17. Januar 2018

Ihr Schreiben vom 9. 1. 2017
Sehr geehrter Herr Reimann,
9 [sic! Ziffer] Tage nach dem Jahreswechsel sollte schon bekannt sein, welches Jahr bereits angebrochen ist. Aber bei so manchen Personen nördlich des „Weißwurst-Äquators“ dauert es vielleicht etwas länger!!
Zu Ihrer Anfrage bzgl. der Inschrift in unserem Denkmal:
Unser Denkmal wurde 1923 erstellt; wer die Inschrift vor 95 Jahren in Auftrag gegeben hat [sic! kein Komma] werden weder Sie noch ich jemals in Erfahrung bringen können.
Sie werden mit mir darin übereinstimmen, daß [sic!] ein Denkmal nur dann Sinn und Wert hat, wenn er [sic!] vermittelt, wessen man gedenken soll.
Unser Denkmal ist uns Mahnung und Erinnerung zugleich, an unsere Großväter, Väter und Söhne, sowie an die schrecklichen Folgen von Kriegen.
Zu Ihrer Anspielung über die katholische Geistlichkeit:
Ihnen ist aber schon bewusst, daß [sic!] wir bereits im 21. Jahrhundert leben und die Zeit der Inquisition vorbei ist. Sollten Sie in der Schule zu diesem Thema gefehlt haben; hi hi, Google macht‘s möglich!!!!!!!!
Zum Abschluss möchte ich Ihnen sagen:
Tausende von Urlaubsgästen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten bei uns ihren Urlaub verbrachten, noch keinen hat die Inschrift gestört!
Auch nach der Grenzöffnung 1990 hat sich noch kein tschechischer Besucher über die Inschrift „verstört“ gefühlt; einige ältere CZ-Bürger sprechen noch fließend deutsch und haben mir immer wieder bestätigt, bei zufälligen Zusammentreffen beim Denkmal, dass es eine sehr schöne Erinnerungsstätte ist. Und gerade diese Besucher könnten sich verstört fühlen.
Aber wie es so im richtigen Leben ist:
Wer kein eigenes Leben hat, der findet immer einen Grund bei anderen, um sich zu profilieren.
Empfehlung:
Ich halte mich immer an die Zeilen von Goethe [sic! ohne Komma] der einmal schrieb:
Nicht das Freuen, nicht das Leiden
stellt den Wert des Lenbens [sic!] dar,
immer nur wird das entscheiden,
wie der Mensch zum Menschen war.
So, sehr geehrter Herr „Schlaumeier“ [sic! ohne Satzzeichen]
An weiteren Diskussionen jeweder Art beteilige ich mich nicht mehr.
Bitte um wortwörtliche Einstellung in Ihrem Blog!!!!
M.f.G.
[Unterschrift]
Erich Riedl, 1. KSV-Vorsitzender
PS: Sollten Sie bei der Gemeinde einen Antrag auf Änderung der Inschrift stellen; [sic! Semikolon] Das Denkmal ist Eigentum des KSV-Haidmühle und bedarf unserer Zustimmung! [sic! Satzbau]

Anbei noch ein Scan des Briefes als PDF-Datei zum Beleg – da Herr Riedl auf korrekte Formalia Wert zu legen scheint (sonst hätte er nicht einen eigenen Abschnitt darauf verwendet, dass ich zum Jahresbeginn 2018 noch die Jahreszahl 2017 verwendete), erlaube ich mir den Hinweis, dass sich die Stadt Mülheim an der Ruhr in meiner Postanschrift nur mit einem H schreibt, also: Mülheim.

Die Ortsgemeinde

Die Geschäftsleitung der Gemeinde Haidmühle bittet, das Antwortschreiben auf meine Anfrage nicht im Blog zu veröffentlichen, bietet aber ein persönliches Gespräch an. Mein Vorschlag der zeitgeschichtlichen Einordnung und Kommentierung der Inschrift wurde an das Pfarramt und den Krieger- und Soldatenverein weitergeleitet.

Die Pfarrgemeinde

Namens der Pfarrgemeinde antwortet der zuständige Ortspfarrer noch am selben Tag:

„Wenn es mir die Zeit erlaubt, werde ich auskundschaften, wie die Inschrift zeitgeschichtlich bzw. ortsgeschichtlich einzuordnen und zu verstehen ist.
Danke für Ihr „gutes Auge“!
Ihnen von Herzen alles Gute zum Neuen Jahr und dass sich unser Wunsch erfülle nach einem Frieden, den die Welt noch nicht kennt!“

Ich habe zwischenzeitlich nachgefragt, ob es weitere Erkenntnisse gibt, aber noch keine Antwort erhalten.

Das Bistum

Vom Bistum Passau erhielt ich seitens der Pressestelle eine sehr differenzierte Antwort, die ich anbei dokumentiere:

Sehr geehrter Herr Reimann,
entschuldigen Sie bitte, dass die Beantwortung Ihrer Mail jetzt ein wenig länger gedauert hat, aber das Thema ist sehr groß und umfangreich.
Hier eine Antwort unserer stellvertret. Archivdirektorin, [Name von mir entfernt], die aufgrund der Tiefe der Thematik nur eine Annäherung sein kann:
Sie haben ganz Recht, die Inschrift auf dem Kriegerdenkmal in Haidmühle ist für sich stehend nicht zu rechtfertigen. Die Wehrmacht hat im Zweiten Weltkrieg unendlich viel Leid über Europa gebracht, sie hat vielfach fundamental gegen die Menschlichkeit gehandelt. Die Aufarbeitung, die seit den 1970er Jahren in der BRD und nun seit 1989 in Deutschland dazu erfolgt ist, hat dies offengelegt, ihre Ergebnisse gehen in die historische Bildungsarbeit und in den Geschichtsunterricht in den Schulen ein. Es ist davon auszugehen, dass die Einordnung der Wehrmacht in der Gesellschaft breit verankert ist.
Sieht man sich das Kriegerdenkmal in Haidmühle gesamt an, dann verändert sich etwas der Blick. Das Denkmal für sich stammt aus der Zeit der Verarbeitung des Ersten Weltkriegs. Es atmet in sich die Denkmalkultur der Zwischenkriegszeit und offenbart, wie traumatisch für die deutsche Bevölkerung – hier am Beispiel von Haidmühle – das Erlebnis des Krieges ab 1914 und der Niederlage 1918 gewesen ist. Dazu kam, dass viele Menschen damals nicht verstanden haben, warum beispielsweise die deutschen Soldatengräber in Frankreich nur mit dunklem Stein, diejenigen der Alliierten aber mit hellem Stein gestaltet hatten werden dürfen. Die Frage der Kriegsschuld, so schwierig sie selbst für heutige differenziert arbeitende HistorikerInnen zu beantworten ist, wurde damals in Deutschland nicht diskutiert und ausgesprochen einseitig, nach heutigen Wissen falsch beantwortet. Damit wurde gleichzeitig auch jede Auseinandersetzung mit dem Krieg vermieden. Das Kriegerdenkmal mit seinem Text ist damit aus dieser Zeit heraus zu verstehen; Denkmal und Inschrift dürften – ohne dies jetzt genau zu wissen – zudem dem Denkmalschutz unterliegen.
Nach 1945 hat man die Toten des Zweiten Weltkriegs in das Denkmal mit einbezogen. Da die Auseinandersetzung in Deutschland mit dem NS-Regime zögerlich begann und erst nach 1968 stark an Fahrt gewonnen hat – dies zeigt auch der erst in die Jahre nach 1968 fallende Sprachbruch – ist eine unkritische, unreflektierte Aufnahme des Inschriftenzusatzes wohl anzunehmen. Über die Jahrzehnte hat sich der Umgang mit dem „erweiterten“ Denkmal vermutlich so verfestigt, dass auch nach der Restaurierung hierüber wohl nicht vertieft diskutiert worden ist. Sie kennen ja sicher den Beitrag von Robert Musil, in dem er darauf verweist, dass nichts so unsichtbar und wenig wahrgenommen wird, wie ein Denkmal. Haidmühle scheint mir dafür in gewisser Weise ein Beispiel zu sein.
Nichtsdestoweniger haben Sie – der Sie das Denkmal wahrgenommen haben – absolut Recht, dass wir zum einen Gott sei Dank im Bezug auf den Krieg, aber auch sonst weitgehend auf die Bezeichnungen „Held“ und „Ehre“ verzichten und beide Begriffe in keiner Weise auf die Wehrmacht 1939-1945 anzuwenden sind. Von daher bricht sich unsere jetzige Sprachhaltung am Denkmal; eigentlich sollte die Inschrift für alle Menschen verstörend wirken. Es ist sicherlich sehr gut, dass Sie die Gemeindeverwaltung auf das sich Brechende zwischen Inschrift und Realität hingewiesen haben; ich gehe nichtsdestoweniger fest davon aus, dass im kollektiven Bewusstsein der Bürger von Haidmühle die demokratisch geprägte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit NS-Regime und Wehrmacht verankert ist.
[Grüße und Kontaktdaten]

Zuständigkeiten

Laut Schreiben des Bistums ist es „sicherlich sehr gut, dass Sie die Gemeindeverwaltung auf das sich Brechende zwischen Inschrift und Realität hingewiesen haben“; die hier genannte Ortsgemeinde verweist auf die Pfarrgemeinde, deren Pfarrer Zeit zur Recherche benötigt, sowie an den Krieger- und Soldatenverein, dessen erster Vorsitzender mir schreibt: „An weiteren Diskussionen jedweder Art beteilige ich mich nicht mehr.“

Die Situation

So stellt sich die Situation mir dar – bitte aber um Korrektur, sollte ich etwas falsch wiedergeben:

  1. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Namen verstorbener Soldaten auf dem Denkmal ergänzt.
  2. Im Jahre 2004 wurde das restaurierte Denkmal mit der ursprünglichen Inschrift („Den Helden zur Ehr / die dankbare Pfarrgemeinde Haidmühle / 1914 – 1918 / 1939 – 1945“, darunter Namen im Zweiten Weltkrieg verstorbener Soldaten) vom Ortspfarrer eingesegnet. Solch eine Einsegnung muss eher als Zustimmung denn als Distanzierung von der Inschrift verstanden werden.
  3. Im Zusammenhang mit der Restaurierung wurde eine Schautafel in der Nähe des Denkmals aufgestellt, hier wird auf Deutsch und Tschechisch die Geschichte des Denkmals wiedergegeben und die Namen der Sponsoren für die Restaurierung aufgelistet. Im Text des Schaukastens wird kein Bezug zur NS-Zeit, der NS-Gewaltherrschaft oder NS-Verbrechen genommen.

Da der Schaukasten bereits in Denkmalnähe steht, könnte ohne größeren Aufwand und Kosten eine zeitgeschichtliche Einordnung des Denkmals vorgenommen werden. Man müsste nur den Text im Schaukasten ändern. Warum hat niemand im Antwortschreiben sich für eine solche Kommentierung und zeitgeschichtliche Einordnung der Inschrift ausgesprochen?

Opfergedenken oder Heldenverehrung?

Der Vorsitzende des Krieger- und Soldatenvereins schreibt:

Unser Denkmal ist uns Mahnung und Erinnerung zugleich, an unsere Großväter, Väter und Söhne, sowie an die schrecklichen Folgen von Kriegen.

Wie kann ein Denkmal Mahnung und Erinnerung an die „schrecklichen Folgen von Kriegen“ sein, wenn es Frauen und Kinder ausnimmt und Männer nur als Helden erwähnt? Gab es keine Opfer unter der Zivilbevölkerung, deren Leiden die Schrecken des Krieges auch aufzeigen? Geht es um Erinnerung an Opfer oder doch um Heldengedenken? Im Plural „Kriegen“ werden Erster und Zweiter Weltkrieg gleichgestellt, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft finden keine Erwähnung; ihrer erinnert man sich nicht.
Ich verstehe nicht, warum der erste Vorsitzende des Krieger- und Soldatenvereins an überkommener Heldenverehrung weiterhin festhalten will und jegliche Diskussion über eine mögliche Kommentierung des Denkmals im Schaukasten verweigert, die alle Opfer von Krieg und NS-Gewaltherrschaft ins Gedenken einbezöge.
Die stellvertretende Archivdirektorin des Bistums Passau schrieb:

„[I]ch gehe nichtsdestoweniger fest davon aus, dass im kollektiven Bewusstsein der Bürger von Haidmühle die demokratisch geprägte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit NS-Regime und Wehrmacht verankert ist.“

Solch eine demokratisch geprägte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit NS-Regime und Wehrmacht wünsche ich auch.


Findling zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und NS-Gewaltherrschaft in Leer (hinter Baustellenzaun)
Findling zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und NS-Gewaltherrschaft in Leer (zurzeit hinter Baustellenzaun)
Kriegerdenkmal mit Findling in Leer (Baustelle)
Kriegerdenkmal mit Findling in Leer (zurzeit Baustelle)


PS: Seit meinem Besuch in Haidmühle achte ich besonders auf „Kriegerdenkmäler“. Letzte Woche war ich in Leer, dort gibt es ein Kriegerdenkmal zum Deutsch-Französischen Krieg von 1871. Neben diesem Denkmal steht ein Findling, der an die Opfer von Nazi-Terror und Zweitem Weltkrieg erinnert. Für mich ein gelungenes Beispiel, wie man ein historisches Denkmal belassen kann, aber das Gedenken trotzdem in einen anderen Kontext stellen kann. Der Findling trägt die Inschrift:

1933 -1945
VON DEN BÜRGERN DER STADT LEER
ALLEN OPFERN ZUM GEDENKEN
SIE WURDEN ERMORDET
INFOLGE DES NAZISTISCHEN RASSENWAHNES
IN EINEM KRIEG FÜR DIE INTERESSEN ANDERER
IM WIDERSTAND FÜR EIN BESSERES DEUTSCHLAND
ALLEN LEBENDEN ZUR WARNUNG! NIE WIEDER KRIEG!
NIE WIEDER FASCHISMUS!

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