Digitaler Marktplatz ohne Kirche?

Zurzeit ist die re:publica ein Mikrokosmos im Zentrum Berlins, vom 2. bis 4.Mai treffen sich Social Media-Experten und Internet-Interessierte zu Sessions, Präsentationen und Diskussionen. Gemeinsam überlegen sie, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert, und probieren selbst neue Technologien aus. Die re:publica ist irgendwie selbst das digitale Dorf, über das hier gerade diskutiert wird. Die große Frage ist, nach welchen Regeln leben wir im digitalen Dorf zusammen.

Twitter-Revolution, Facebook-Frühling & Co: Politische Meinungsäußerung und gesellschaftliche Diskussion finden in der digitalen Welt ganz wesentlich auf privatwirtschaftlich betriebenen Plattformen statt. Wie vertragen sich die Grundrechte der Nutzer mit den wirtschaftlichen Interessen der Betreiber? Bestimmen (künftig) Allgemeine Geschäftsbedingungen, wer digital öffentlich stattfindet? Wer entscheidet, was öffentlich wird, was öffentlich bleibt? Welche Rolle spielen nationale rechtliche Rahmenbedingungen? Welche Handlungsmöglichkeiten haben die Betreiber, welche die Nutzer?

Im Mittelalter waren die Rollen für verschiedene Lebensbereiche wohl definiert, die Kirche nahm dabei auch verschiedene Funktionen des öffentlichen Lebens wahr, heute stellt sich die Frage, was dem modernen Staat vorbehalten ist und welche Funktion große transnationale Unternehmen heute haben. Im Mittelalter dominierte die Kirche den öffentlichen Diskurs, was sich nicht zuletzt in der Architektur und Stadtplanung niederschlug. In mittelalterlichen Städten liegen Kirche und Rathaus am Marktplatz sich gegenüber. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist dies nicht mehr der Fall, die Kirche hat ihre Dominanz verloren, aber auch dem Staat wird im 21. Jahrhundert eine andere Rolle zugeschrieben. Marktplätze wie Facebook, die von einzelnen Firmen dominiert werden, stellen die Frage nach deren Regulierung, denn die ökonomische Globalisierung und die Verlagerung von Prozessen in die Online-Welt haben unsere Gesellschaft verändert. Neben Technologie geht es bei diesen Fragen eben auch um Ethik für die digitale Welt.

Stehen in Dörfern und Städten noch Kirchen aus Stein, gibt es für Radio und Fernsehen noch Rundfunkräte, in denen Kirchenvertreter Mitglieder sind, so fällt das Fehlen von Kirchen im digitalen Dorf der re:publica nichtmals auf. Dies ist kein Wehklagen und kein Herbeisehnen mittelalterlicher Verhältnisse, sondern eine Feststellung.

Umgekehrt müsste man vielmehr fragen, wo haben wir als Kirche die Kompetenz und die Akzeptanz, hier in einen medienethischen Diskurs überhaupt einzutreten. Verstehen wir wirklich, wie die digitale Welt funktioniert und haben wir dies theologisch durchdacht? Nur wer eine eigene Position hat, kann diese auch einbringen. Um an einem Beispiel konkret zu werden: Was ist die evangelische Position zum Copyright?

Auf der anderen Seite wird auf der re:publica viel über Ethik geredet. Es ist bezeichnend, wenn Sascha Lobo (wenn auch nur in einem Nebensatz) vom „Menschenbild der EU“ spricht und daraus Forderungen für das digitale Dorf ableitet (wobei er gleichzeitig den Begriff des digitalen Dorfes kritisiert, der wohl eher deshalb verwendet werde, weil er eine solch schöne Alliteration sei).

Spannend die Frage, wie sich dieses „europäische“ Menschenbild zum christlichen Menschenbild verhält? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem christlichen Menschenbild für die digitale Gesellschaft?

Wie kann sich die Kirche in den Diskurs um die Zukunft der digitalen Gesellschaft einbringen? Sicherlich nicht von oben herab, sondern nur dadurch, dass sie medienethische Kompetenz zeigt und sich in Projekten engagiert. Dabei könnte man mit einer konkreten Initiative anfangen.

OER – Open Educational Resources –, die Forderung nach freien Unterrichtsmitteln, steht für Bildungsrechtigkeit. Wer engagiert sich in dieser Initiative? Google unterstützt sie. Die Kirche nimmt OER noch nicht wahr, obwohl es kirchliche Schulen gibt und Kirche mit dem Religionsunterricht sogar ein Schulfach mitverantwortet und Zugang zu Bildung eine kirchliche Forderung ist, die für Deutschland und die Entwicklungsarbeit gilt.

OER könnte ein Feld sein, indem sich die Kirche aktiv einbringen kann. Die Voraussetzungen sind gut, denn sie kann auf ethische und religionspädagogische Kompetenz zurückgreifen. Wenn sie hier Erfahrung sammelt und glaubwürdige Positionen entwickelt, lässt sich die so erworbene Kompetenz auch auf andere Bereiche der Diskussion zur digitalen Gesellschaft einbringen.
Kirche ist in den Diskussionen zu Social Media nicht mehr als Gesprächspartner auf den Podien gesetzt, sie wird nicht gefragt und von der digitalen Community nichtmals vermisst. Hat sie etwas Substanzielles zu sagen? Ich denke ja, allerdings muss sie sich selber als Gesprächspartner anbieten und ihre Positionen für die digitale Gesellschaft entwickeln. Wenn Kirche – bzw. Menschen, die sich für die Kirche in diesen Bereichen engagieren – sich auf Augenhöhe in Medieninitiativen einbringen, gewinnen sie Glaubwürdigkeit in der Community und Kompetenz. Nur so akzeptiert man sie als Gesprächspartner im digitalen Dorf – auch zu anderen medienethischen Fragen.

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5 Responses to Digitaler Marktplatz ohne Kirche?

  1. Pingback: Katholische Kirche: Wir müssen lernen, in der Netzkultur zu leben! « Θ TheoNet.de

  2. Pingback: republica: re:ligion – unser täglich #flausch gib uns heute « Joerg Lohrer

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  4. Pingback: Kirche saß lange oben auf den Podien. Jetzt stehen wir unten. Unter den Menschen. Ich finde, da gehören wir hin. | matthias jung

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