Hilfe, ich erreiche die Konfis nicht mehr per Email

Soziale Netzwerke gehören für viele Menschen zum Alltag; Jugendliche werden heutzutage mit Social Media groß. Aber es gibt auch Einsteigerinnen und Einsteiger, Menschen, die erst jetzt beginnen, selber soziale Netzwerke für sich zu entdecken und zu nutzen. Mediennutzung muss gelernt werden, solche Lernprozesse geschehen häufig unbewusst. Social Media Guidelines geben eine Hilfestellung, wie Facebook & Co verantwortungsvoll genutzt werden können. Social Media Guidelines für die Nutzung sozialer Netzwerke in der Kirche,  geben dabei auch Antwort auf konkrete Fragen aus der Gemeindepraxis – zumindest gilt dies für die neuen Social Media Guidelines der Evangelischen Kirche im Rheinland:

  • Ich erreiche die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht mehr per Email. Ich würde sie gerne an den Termin für den Vorstellungsgottesdienst über Facebook erinnern, aber ein Konfirmand darf kein Facebook-Konto haben. Was mache ich?
  • Ich möchte Privates und Dienstliches stärker voneinander trennen, soll ich mir ein zweites Konto bei Facebook zulegen?
  • Darf unser Webmaster ein Video vom Gemeindefest auf YouTube hochladen?
  • Ich möchte für meine Gemeinde eine Facebook-Fanpage erstellen und ein Twitter-Konto anlegen? Kann ich das einfach machen?
  • Mit wem befreunde ich mich online in der Gemeinde?

Ein realitätsnahes Fallbeispiel:

Ein Vater sieht die Freundesliste seiner Tochter auf Facebook durch. Er entdeckt dabei einen anonymen User, ohne Foto, ohne biografische Angaben zur Ausbildung oder zum Arbeitgeber, ohne öffentlich zugängliche Posts – nur der Name ist sichtbar, sonst nichts. Aufgeschreckt klickt der Vater sich durch die Freunde seiner Tochter, soweit diese ihm zugänglich ist. Bei einigen entdeckt er wieder diesen anonymen User, der sich mit Jugendlichen befreundet. Der Vater sucht das Gespräch mit der Tochter, da er Angst vor einem Stalker hat. Als er sie auf den Stalker anspricht, entgegnet ihm die Tochter: Das ist doch der Pfarrer.

Was ist passiert?

Facebook erscheint Pfarrer N.N. die einzige Möglichkeit, Konfirmandinnen und Konfirmanden zeitnah zu erreichen, deshalb hat er sich ein Facebook-Konto zugelegt. Sensibilisiert durch die Debatten um fehlenden Datenschutz bei Facebook macht er nur die Pflichtangaben und setzt überall die höchste Sicherheitsstufe. Sein Facebook-Profil zeigt daher nur seinen Namen, sonst nichts.
Was für eine Privatperson ein konsequentes Vorgehen auf Facebook ist, um Herr der eigenen Daten zu bleiben, lässt einen Pfarrer als Stalker erscheinen.
Wie verhält man sich angemessen in sozialen Netzwerken? Darauf geben Social Media Guidelines Antwort und Hilfestellung. Guidelines sind die eine Seite der Medaille, Fortbildung die andere. Medienkompetenz ist gefragt.

Ein Praxis-Tipp

Man könnte die Konfirmandinnen und Konfirmanden zu einer Facebook-Gruppe einladen. Dazu braucht man nicht befreundet zu sein. Dann könnte ich an die Konfi-Facebook-Gruppe Emails schicken, die diese über Facebook empfangen. Gleichzeitig könnte ich mein Email-Programm so konfigurieren, dass automatisch eine Kopie der Mail an den Konfi gesendet wird, der nicht auf Facebook ist, sobald ich an die Facebook-Gruppe eine Mail versende. So wäre er auch nicht von der Kommunikation abgeschnitten. Natürlich versende ich keine personenbezogenen Daten über Facebook, sondern nur öffentlich zugängliche Information bzw. Hinweise, die öffentlich werden dürfen – zum Beispiel geänderte Unterrichtszeiten, die auch im Schaukasten stehen könnten.
Damit ich als Pfarrer (bzw.Pfarrerin) identifizierbar bin, gebe ich meine Gemeinde als Arbeitsgeber an, außerdem wähle ich ein Profilbild, das mit einer dienstlichen Nutzung meines Facebook-Kontos kompatibel ist. Dann werden Eltern mich auch nicht mit einem Stalker verwechseln.

Social Media Guidelines für Rheinland, Westfalen und Lippe

Ende Mai hat die Kirchenleitung der EKiR Social Media Guidelines für die rheinische Kirche beschlossen, diese wurden gemeinsam mit der westfälischen und lippischen Landeskirche erarbeitet, deren Beschlüsse stehen allerdings noch aus.
Was zeichnen unsere Social Media Guidelines aus?

  • Sie sind in einem partizipativen Prozess von der Online-Community erarbeitet worden – auf dieser Basis haben dann die Gremien beraten
  • Sie haben einen ermutigenden Grundton – benennen aber auch die Risiken
  •  Sie sind Guidelines für alle Mitarbeitenden der evangelischen Kirche im Rheinland – nicht nur für eine Berufsgruppe bzw. nur für hauptamtlich bzw. ehrenamtlich Mitarbeitende
  •  Bewusst ausgespart: arbeitsrechtliche Aspekte, z.B. Nutzung sozialer Netzwerke während der Arbeitszeit, dies müssen die einzelnen Einrichtungen, Kirchenkreise, Gemeinden für sich selbst regeln.
  • Im Vergleich zu anderen Social Media Guidelines: „Teilhabe“ hat einen eigenen Punkt, „Inklusion“ ist auch ein Thema für Social Media.

Die SMG für RWL – im Langtext: Social Media Guidelines für die evangelischen Landeskirchen Rheinland Westfalen Lippe – bieten einen raschen Überblick, geben aber gleichzeitig auch detailiert praktische Tipps.

Auf einer Seite geben Sie – ausgehend von der Goldenen Regel – eine schnelle Orientierung, dann gibt es zu verschiedenen Punkten ausführliche Informationen, diese werden ergänzt durch konkrete praktische Tipps.

Da sich die technischen Features der Netzwerke schnell verändern, werden die Tipps den aktuellen technischen Erfordernissen angepasst. Es ist geplant, die SMG RWL auf einer gemeinsamen Website mit Kommentarfunktion zu veröffentlichen – außerdem eine Broschüre für die, die lieber (noch) Papier in Händen halten.

Die Antworten auf die eingangs gestellten Fragen finden sich natürlich in den SMGs.

PS: Da der beschlossene Text gemeinsam veröffentlicht wird, hier der Link zum Entwurf der SMG, der beschlossene Text weicht nur an wenigen Stellen redaktionell ab.

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7 Responses to Hilfe, ich erreiche die Konfis nicht mehr per Email

  1. Pingback: Seelsorge, Social Media und Schule | Θ TheoNet.de

  2. Frank Peters says:

    Danke, Ralf, für die Tipps und die SMG – ich werde sie noch ausgiebig studieren und in meinem neuen Arbeitsfeld gut brauchen können. Wie sehr der Tipp: „Lesen Sie sich ein zweites Mal durch, was Sie veröffentlichen möchten“ zu beherzigen ist, zeigst Du dabei schon selbst: Gleich zu Beginn Deines Beitrags (der beim Teilen des Links als Teaser angezeigt wird) hat sich ein Rechtschreibfehler eingeschlichen: „… Mensche, die erst jetzt beginnen …“

  3. Wertvolle Tips, Ralpe! Danke!
    Für mich steht in diesem Zusammenhang aber gar nicht mal die Informationsweitergabe im Mittelpunkt. Denn damit hatten wir früher auch Probleme: verbummelte Zettel, unterbrochene Telefonketten…
    Ich war bei einer Facebook-Gruppe „funktionshalber“ dabei, die nach einer gemeindeübergreifenden Fimandenfahrt von einer Gemeindereferentin ins Leben gerufen wurde. Mich hat dabei beeindruckt, wie schnell und intensiv sich das junge Gemüse über Gemeindegrenzen und vor allem über soziale Schichten hinweg vernetzt hat. Und zwar nicht nur im Web, sondern hinführend zu gemeinsamen Unternehmungen, die die Jugendlichen selbst organisierten.
    Für mich war es dabei ein wichtiger Lernstoff, mitzubekommen, wie unterschiedlich die Teens mit dem Web umgehen. Da waren diejenigen, die nichts weiter mitzuteilen hatten, als dass sie gerade mit dem Dackel gassi gehen müssten. Oder die ihr Schulhofgeblödel in den Chat tragen mussten.
    Eines der Mädchen postete in aller Ausführlichkeit seinen Liebeskummer als Facebook-Status. Grund für mich, sie per PN daran zu erinnern, dass 450 Leute das lesen könnten. Ihre Antwort: „Das sind doch alles meine Freunde, die kenn ich ja alle!“ Die halbe Schule gilt als enger Freundeskreis, – für mich eine ganz neue Erkenntnis!
    Letzteres Beispiel verdeutlicht auch die Herausforderungen an die Seelsorge, gerade im Web. Und da führen wünschenswerte hohe Standards für Datensicherheit, Verschlüsselung usw. nicht weiter, da müssen wir einfach da sein, wo es brennt, auch wenn der Brandherd im ungeliebten Facebook liegt!
    Eine andere Jugendliche hielt sich aus all dem heraus, wir meinten, sie hätte keinen Account in irgendwelchen Web-Communities. Aber sie wusste auffällig gut darüber Bescheid, was gleichaltrige Afghaninnen über die Taliban denken und mit welchen Methoden irgendein abgelegener Eigeborenenstamm aus seiner Heimat vertrieben wird. Kein Wunder: Sie hatte mit den Leuten gechattet! Eine völlig andere Weise, das Internet zu nutzen. Für mich waren dabei auch ihre Methoden beeindruckend, an solche Leute heranzukommen.
    Eigentlich ergibt sich daraus eine Fülle von Workshop-Ideen, die man gemeinsam, Erwachsene und Jugendliche, angehen könnte.

  4. Hilfe, ich erreiche die Konfis nicht mehr per Facebook! Ralf-Peter, das ist mittlerweile auch schon so. Ich beobachte bei meinen Konfis und Ex-Konfis: 1, Der Information-Overkill per Facebook hat bei manchem solche Dimensionen erreicht, dass Nachrichten nicht mehr „wahrgenommen“ werden. Gesehen und vergessen. 2, Immer mehr nutzen Facebook nicht regelmäßig. Whats-App spielt mittlerweile eine viel größere Rolle. FB ist für ziemlich viele nicht mehr relevant. 3, Will ich sie verlässlich erreichen und auch eine Antwort bekommen, geht es oft nicht ohne Papier / Telefon. Schon seltsam. Markus Eisele

    • Ralpe says:

      Hallo Markus, in meiner Privat-Empirie nehme ich auch zunehmend eine Verlagerung der Kommunikation Jugendlicher in Richtung WhatsApp wahr. Dies führt allerdings nicht zu einer Abmeldung von Facebook, sondern zu einer differenzierteren Nutzung von Facebook und WhatsApp. Regional scheint es auch Unterschiede zu geben. Jedenfalls kommt Facebook weit vor Mail.

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