Kann „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ gelingen? Ich bin gespannt!

SynodenlesebuchDiese Frage hat sich die EKD-Synode für ihre Tagung vom 9. bis 12. November 2014 in Dresden gewählt hat. Das Lesebuch zur Synode, das dieses Wochenende veröffentlicht wurde, bietet eine gute Einführung und eine verlässliche Übersicht, wie sich die Digitalisierung auf die Kirche auswirkt.

Ansprechend gestaltet lädt das Lesebuch zum Mitdenken ein, zum Mitdiskutieren gibt es ein Forum auf evangelisch.de,  auf dem der Kundgebungsentwurf veröffentlicht ist und wo Mitglieder der Netzcommunity Rückmeldungen geben können, die in die Synodenberatungen Eingang finden sollen.

Diese Rückmeldemöglichkeit möchte ich mit diesem Blogpost nutzen. Synodenbeschlüssen gehen in der Regel keine Kampfabstimmungen voraus, sondern man sucht nach Konsensmöglichkeiten. Dies gilt auch für die Kundgebung der EKD-Synoden. Wenn die Beratungen zu diesem Thema jedoch mehr als ein Kundtun sein sollen, was sowieso schon mehrheitsfähig ist, müssen zumindest im Beratungsprozess auch kontroverse Positionen benannt werden – gegebenen Falls als Fragen, die es noch zu klären gilt. Die Proklamierung bereits bekannter und unstrittiger Positionen entfaltet keine Wirkung, weder nach innen in die Kirche, noch nach außen in die Gesellschaft.

Mein Eindruck ist, dass der Text des Kundgebungsentwurfes strittige Punkte ausgeklammert, statt sie offensiv zur Diskussion zu stellen.

Zunächst in der Kundgebung eine klassische captatio benevolentiae:

2) Wir erkennen, wie wenig wir von dem verstehen, was die Entwicklungen bewirken werden. Wir ahnen die Gestaltungsaufgabe, die die umfassende Digitalisierung mit sich bringt. Vor diesem Hintergrund bringen wir die evangelische Perspektive in den gesellschaftlichen Dialog ein. Wir wollen einen dauerhaften Prozess anstoßen, die Digitalisierung in ihrer Vielfalt und in ihren Ambivalenzen zu verstehen, um daraus Konsequenzen für die Kommunikation des Evangeliums zu ziehen.

Jedoch: die Kirche braucht keinen dauernden Prozess, um Konsequenzen aus der Digitalisierung zu ziehen, sondern muss handeln. Das stellt aber schon ein Teil des Problems dar, welche Ebene der Kirche handelt? Die EKD, die Landeskirchen, Kirchenkreise oder Gemeinden? ChatSeelsorge.de gibt es seit zehn Jahren, aber wer stellt die Pfarrerinnen und Diakone, die dort Dienst tun? Weil keine Ebene wirklich verantwortlich ist, gibt es zu wenig Seelsorgende und zu viel Ratsuchende. Es gab mehrfach Online-Andachten von Landeskirchen oder evangelisch.de, aber sie sind alle eingeschlafen, weil das Internet in keiner Kirchengemeinde und keiner Landeskirche liegt und somit niemand für Online-Verkündigung verantwortlich ist.

Jenseits der Parochie – so ist ein Aufsatz betitelt, der im Synodenlesebuch abgedruckt ist (und dessen Mitverfasser ich bin),-  aber wo bleibt im Kundgebungsentwurf diese Erkenntnis, dass Online und Parochialsystem nicht zur Deckung gebracht werden können.

Dies nur als Exkurs und Verdeutlichung: Über die Facebook-Seite der Landeskirche erreichte uns eine Anfrage eines Enkels, dessen Großmutter verstorben war. Sie war lange Jahre in Stadt A in ihrer Kirchengemeinde aktiv, lebte aber seit einiger Zeit in Ort B, die Bestattung sollte aber in Stadt C stattfinden, wo das Familiengrab liegt. Dem für die Beerdigung zuständigen Pfarrer aus B war die Fahrt nach C zu weit. Der Enkel verzweifelte an den kirchlichen Zuständigkeiten und wandte sich über Facebook an seine Kirche, in diesem Falle über Facebook an das Landeskirchenamt, obwohl für Beschwerden nicht die Landeskirche, sondern der Superintendent des Kirchenkreises zuständig ist. Dieser niederschwellige Kontakt über Social Media führte dann zu einer Klärung, so dass die Großmutter kirchlich bestattet werden konnte.

8) Die Digitalisierung der Gesellschaft hat die Entwicklung beschleunigt, dass Menschen in Ergänzung oder als Ersatz ihrer Ortsgemeinde andere Gemeindeformen suchen. Hier Verbindlichkeiten und Verlässlichkeit zu entwickeln, wird nur möglich sein, wenn diese Gemeinden die Chancen digitaler Netze nutzen.

Die „Kirche der Freiheit“ benutzt den Begriff der „Mediengemeinde“, im Synodenlesebuch wird auf die Online-Gemeinde der United Church of Christ extravaganceucc.org verwiesen . Hier bleibt die Kundgebung weit zurück hinter dem, was woanders bereits gelebte Realität ist. Warum nicht ausprobieren, wie eine Online-Gemeinde im deutschsprachigen Kontext funktionieren könnte? Es scheint, der Kundgebungsentwurf drückt sich gewunden darum, das Wort Mediengemeinde oder Online-Gemeinde zu verwenden.

17) Teilhabe in der digitalen Gesellschaft berührt grundsätzlich Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit. Für die evangelische Kirche stehen dabei der Mensch und seine Freiheit und Autonomie im Mittelpunkt. Die Vorstellung einer naturgesetzlichen Eigendynamik digitaler Prozesse widerspricht evangelischer Sicht auf die Gesellschaft. Die evangelische Kirche sieht und anerkennt, dass sich Vorstellungen von Datenschutz und Privatsphäre im Verlauf der Geschichte immer wieder geändert haben und weiter ändern werden. Die Regeln der evangelischen Kirche zum Umgang mit Daten müssen dabei dem Ziel dienen, die Kommunikation des Evangeliums zu ermöglichen. Datenschutz kann und darf für die evangelische Kirche nicht zum Rückzug aus der Welt und der digitalen Gesellschaft führen.

Alles richtig – aber fördert der Umgang der Kirche mit Datenschutz nicht einen Rückzug aus der Gesellschaft? Warum pflegt die Kirche ein eigenes Datenschutzrecht, das in wesentlichen Teilen materiell identisch ist zum staatlichen Datenschutzgesetz. Warum nicht staatliches Recht übernehmen und nur in den Bereichen eigenes Recht setzen, die genuin kirchlich ist, d.h. dort, wo es um Beichte und Seelsorge betrifft. Ein kirchlicher Sonderweg macht es nur komplizierter, kirchliche Online-Angebote zu befördern und verunmöglicht Projekte, weil Dienstleister auf Grundlage staatlichen Datenschutzrechtes arbeiten, aber eigenes kirchliches Recht neue Aufwände für sie darstellt, die die Dienstleistung verteuert, ohne dass dadurch der Datenschutz effektiv besser würde..

Nur als Beispiel: Google bietet fertige Verträge im Netz zum Download an, diese nehmen auf staatliches Recht Bezug. Der Suchmaschinenbetreiber stellt aber für die datenschutzrechtlich konforme Nutzung seiner Dienste für Gemeindehomepages keine eigenen Formulare nach EKD-Recht zur Verfügung stellen.

20) Die evangelische Kirche fördert Bildungsprozesse, die zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe führen. Dazu gehört heute, dass in immer mehr Ländern beispielsweise Algorithmen und Programmiersprachen zum Curriculum der Schulen gehören. Jede Entmystifizierung von Daten und Prozessen ist ein Schritt hin zu freier Entfaltung. Die Teilhabe in der digitalen Gesellschaft darf nicht abhängig sein von Herkunft, Bildung und Einkommen.

Der Satz stimmt: „Die Teilhabe in der digitalen Gesellschaft darf nicht abhängig sein von Herkunft, Bildung und Einkommen.“ – dann müssten aber als Konsequenz auch Offene Bildungsinhalte (Open Educational Resurces, kurz: OER) unterstützen. Dies wird bereits in der rheinischen Kirche diskutiert, mehr dazu unter openeducationalresources.de . Ob „beispielsweise Algorithmen und Programmiersprachen zum Curriculum“ gehören, ist nicht die entscheidende Frage für Teilhabe in der Bildung, sondern wer Zugang hat zu den durch das Curriculum vorgegebenen Lerninhalten. Wie positioniert sich die EKD-Synode zu OER?

22) Kirchliche Kommunikation ist – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – oft genug noch vom klassischen Modell der Vermittlung einer Botschaft vom Sender zum Empfänger geprägt. Die mit den digitalen Medien verbundene Abkehr vom Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation hin zu interaktiver, partizipativ angelegter, rezeptionsorientierter Kommunikation beinhaltet erhebliche Umstellungen für die kirchliche Kommunikation und deren Wahrnehmung. Einen exemplarischen Beitrag zur notwendigen Veränderung der kirchlichen Kommunikationskultur sehen wir darin, Mitarbeitende und Mitglieder zur Wahrnehmung ihrer kommunikativen Verantwortung zu befähigen.

Die Veränderung hat schon stattgefunden – man muss sie nur wahrnehmen. Religiöser Content, auf Facebook von Gemeindegliedern geteilt, ist glaubwürdiger, als wenn Inhalte von Pfarrerinnen und Pfarrern geteilt wird, von denen dies erwartet wird.

Welchen Verlauf wird die Online-Diskussion nehmen? Und wie wird die Synode am Kundgebungstext arbeiten? Ich bin gespannt.

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5 Responses to Kann „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ gelingen? Ich bin gespannt!

  1. Alexander Ebel says:

    Hat dies auf #Netzkirche rebloggt und kommentierte:
    Ralf Peter Reimann setzt sich in seinem Blog mit dem Kundgebungsentwurf zur kommenden EKD-Synode auseinander, die sich mit dem Thema „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ befassen wird.

  2. Pingback: Kommunikation des Evangeliums: Ein Wunsch | Pastorsandy

  3. Birgit Berg says:

    „…wo bleibt im Kundgebungsentwurf diese Erkenntnis, dass Online und Parochialsystem nicht zur Deckung gebracht werden können?“
    Auf der Online-Lernplattform rpi-virtuell.net habe ich die unkomplizierte Zusammenarbeit um der Sache willen – über landeskirchliche Grenzen, ja Ländergrenzen hinweg – schätzen gelernt. Die sich dadurch ergebenden Synergieeffekt, Impulse, Vernetzungen können nicht hoch genug eingeschätzt werden.
    Bei einem Online-Pilotprojekt, das (eigentlich) in einem Kirchenkreis angesiedelt ist, nehmen Interessierte aus ganz Deutschland teil und vernetzen sich, bereichern sich gegenseitig. Ja, der Online-Bereich sprengt das Parochialsystem. Das auch als Chance zu begreifen und diesen Bereich zu fördern, ist jetzt an der Zeit.

  4. Ich würde mir wünschen, dass die Synodalen, bevor sie solche Papiere beraten, einen Tag lang im Web surfen, christliche Blogs lesen, auf religiösen Foren diskutieren und sich im Chat mit anderen Christen beweisen.

    Ich denke, dann wird die Beschlussvorlage drei Sätze enthalten:
    1. Wir haben nicht den blassen Schimmer davon, was im Web abgeht.
    2. Die Evangelische Kirche hat den Anschluss verloren.
    3. Wir hören auf, verwaschene Absichtserklärungen zu formulieren, sondern wir steigen ein und gestalten mit.

    • Spiritus ex machina says:

      Ist Normalfall: Ahnungslose Entscheidungsträger sollen Grundsatzkonzepte beschließen. Unrealistisch, dass sich jeder alleine durch die Unterlagen kämpft. Die Tagungsregie hat die Verantwortung, allen gemeinsam den Stoff zu ZEIGEN:

      1. Mediensoziologiechinesische Vorträge absetzen.

      2. 90 min Blütenlese der fortgeschrittensten Realisierungen beamen.

      3. 90 min Übungsgruppen in Bloggen, Foren, Skypen, Teleandachten etc.

      Meinungsbild erstellen.

      Beschlüsse in 2 Jahren (war in Rom ne gute Idee).

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