Kirchentag und Social Media: Leere Inbox und Stimmungsmache

Mit etwas Abstand nun ein Rückblick auf die Social Media Aktivitäten während des Kirchentages und in der Kirchentagsredaktion. Mein Vergleichspunkt: Die Social Media-Aktivitäten auf dem Hamburger Kirchentag 2013, als es erstmals einen eigenen Social Media Desk gab. Vor vier Jahren in Dresden wurden Facebook und Twitter zwar bespielt, aber es gab keine eigenen personellen Ressourcen für Soziale Medien.

Erstmalig arbeiteten wir in einer integrierten Kirchentagsredaktion mit vier Desks: Nachrichten/Text, Audio/Foto, Video und Social Media. Studentinnen und Studenten der EJS, des Medienkollegs Innsbruck und des IFP berichteten wieder vom Kirchentag. Video- und Foto-Bereichterstattung lassen sich nicht trennscharf abgrenzen von Social Media, aber der Desk gab den primären Kanal für die Produktion und Ausspielung an, auch wenn der Beitrag neben Facebook dann auch auf der Website des Kirchentages online ging bzw. umgekehrt. Das dies möglich war, ist einer der Vorteile einer gemeinsamen Redaktion.

Twitter

Die wichtigsten Veranstaltungen haben wir mit einem Live-Twitter-Feed abbilden können. Ob Melinda Gates, Kofi Annan oder Auswärtiges Amt, auch sie twittern von Veranstaltungen. Für die Social Media Redaktion heißt es, diese Tweets zu retweeten oder zu favorisieren. So macht man die Vernetzung mit den Partnern des Kirchentages sichtbar.

Auch die Stuttgarter Polizei ist aktiv auf Twitter, eine Social-Media-Kommisarin war unsere Ansprechpartnerin seitens der Polizei. Warnhinweise der Polizei, ob Unwetterwarnung oder Sperrung des Hauptbahnhofs wegen Bombenverdachts haben wir schnell auch über den Kirchentags-Twitteraccount verbreitet. Stuttgart scheint in dieser Hinsicht anderen gleichgroßen Städten voraus zu sein. Auch die eigenen Pressekonferenzen lassen sich mit Twitter gut abbilden. Statt einer nachrichtlichen Meldung haben wir lieber ein paar griffige Zitate live getwittert.

Instagram

Instagram hat gegenüber dem Hamburger Kirchentag vor zwei Jahren auch deutlich zugelegt. Dies haben wir auch für die Berichterstattung genutzt, die Reporterinnen und Reporter der Journalistenschulen haben zu Terminen die Zugangsdaten des Accounts @Kirchentag mitgenommen und Fotos oder Videos direkt per Smartphone gepostet. So war dann während des Wise Guys Konzerts ein Bühnen-Video online und konnte geteilt und geliket werden. Auch bei den Besucherinnen und Besuchern ist Instagram neben Twitter und Facebook als ein weiterer relevanter Social Media Kanal angekommen.

Facebook

Die größte Reichweite hat weiterhin- wen überrascht’s?- Facebook. Mitte Mai (15.5.) hatte die Kirchentags-Facebookpage 19.172 Likes, am 1.6. waren es 19.949, am 3.6. zum Beginn des Kirchentages stieg die Zahl auf 20.175, zum Ende des Kirchentages am 7.6. auf 21.258, zwei Tage nach Ende des Kirchentages waren 22.089 Likes, rund einen Monat später 1.7. wares es 22.206. Die Kirchentagswoche hat also einen Nettogewinn von rund 3.000 Page-Likes erbracht, danach gibt es nur einen sehr geringen Zugewinn.

Da der Facebook-Messenger auf den meisten Smartphones installiert ist, laufen darüber auch Anfragen zu Fundsachen oder Rückfragen zu Veranstaltungen ein. Social Media wird so auch zum Teilnehmerservice und ersetzt teilweise Email- bzw Telefon.

Bands, die auf dem Kirchentag spielen, pinnen ihre Youtube-Videos auf die Wall des Kirchentages. Aber auch ein Dankeschön wird gepostet, wenn man nicht in Stuttgart dabei sein kann, sich aber freut, über Social Media den DEKT verfolgen zu können.

In der Regel haben wir das „Du“ in der Ansprache bei den eigenen Post gewählt, denn das Smartphone hält man in der Regel allein in der Hand.

Community-Management

Leere Inbox

Leere Inbox

Rechnet man alle Anfragen über Messenger, Shares, Likes und Mentions auf Facebook, Twitter und Instagram zusammen, gingen im Durchschnitt 2000 pro Tag während des Kirchentags ein. Um hier die Übersicht zu behalten, setzten wir das browserbasierte Tool Socialhub ein. Es war ein gutes Gefühl, wenn abends die Inbox abgearbeitet und leer war – nur um sich am nächsten Morgen wieder wundersam gefüllt zu haben. Community-Management war daher eine wichtige Aufgabe im Social Media Desk. Einen Post zu liken oder einen Tweet zu favorisieren zeugt von Wertschätzung und erhöht die Bindung.

Kirchentags-App

Auch die Kirchentags-App wurde deutlich gegenüber 2013 verbessert. Ein echter Mehrwert sind die standortbezogenen Dienste. Man kann sich anzeigen lassen, welche Veranstaltungen in Kürze in der eigenen Umgebung anfangen. Ob Stuttgart ein Kirchentag der kurzen oder doch der langen Wege war, lässt sich diskutieren, aber wer spontan umplanen muss, weil ein Veranstaltungsort nicht mehr erreicht werden kann, schätzt es, wenn er oder sie noch schnell ortsnah eine Alternative findet.

Stimmungsmache

Kommunikation in sozialen Netze folgt anderen Regeln als in Offline-Kontexten, Hemmschwellen sind geringer – mit allen Vor- und Nachteilen. In diesem Sinne haben wir Social Media auch zur  „Kundenbindung“ genutzt.

Bedenklich wird es jedoch, wenn der Aufbau des eigenen Netzwerkes zu Lasten Dritter geht und gezielt Vorurteile ausnutzt. Auf Facebook Stimmung gegen die Akzeptanz schwuler Christen und lesbischer Christinnen auf dem Kirchentag zu machen, und so die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren, schien die Mission des evangekikales Medienmagazins pro zu sein.

Facebook-Post von pro

Facebook-Post von pro

Das Kirchentagslogo wird mit der Regenbogenfahne kombiniert und das Thema Homosexualität mit dem Thema Christenverfolgung verknüpft. Inhaltlich hat diese Verbindung keinen Anhaltspunkt, außer dass das eine Thema – nach der Meinung des pro-Medenmagazins – zu viel Niederschlag erhält im Programm des Kirchentages und das andere zu wenig:

Die Situation von Lesben in Hongkong ist dem [sic!] Deutscher Evangelischer Kirchentag offenbar genauso wichtig wie die Lage der weltweit verfolgten Christen. #dekt15

Und später editiert:

Warum gibt es auf dem Deutscher Evangelischer [sic!] Kirchentag eigentlich 48 Angebote zu Sexualität und nur 1 zu #Christenverfolgung? #dekt15

FireScreenshot pro Medienmagazin

Ziel dieses Posts ist es, zu emotionalisieren, eine sachliche, auch kritische Diskussion scheint nicht gewünscht zu sein. Wer dreimal einen Post nachbearbeitet, weiß auch, was er tut. Wie vermutlich geplant und gewünscht, folgenden dann einige Kommentare vermeintlich frommer Christen, die sich über den Kirchentag empören und das „Käßmann-Esoterik-Gedächtnis-Festival“, den „Endtanz ums Goldene Kalb mit allen Schickanen“ und die „proislamische-bunte Vielfaltkirche“ kritisieren, um noch die freundlicheren Kommentare zu zitieren. 

Nachdem auf unsere erste  Antwort keine Reaktion erfolgte und die Diskussion in der eben beschriebenden Richtung weiterging, kam von uns dieser zweite Kommentar:

Ja – mit dieser Montage habt Ihr Stimmung gemacht. Zu einer sachlichen Diskussion hat das nicht beigetragen.

Wir wissen auch nicht, wie Ihr zur Aussage kommt, dass es nur ein Angebot zur Christenverfolgung auf dem Kirchentag gibt. Der Kirchentag hat beispielsweise Vertreter von Kirchen aus dem Nahen Osten eingeladen und gibt diesen bedrängten Christen so Stimme und Gesicht. Auf den beiden Pressekonferenzen hat das Ellen Ueberschär deutlich gesagt. Und vieles geschieht auch seitens des Kirchentages, ohne dass es groß berichtet wird.

PS: Die Formulierung „Angebote zu Christenverfolgung“ ist auch schräg, denn wir wollen doch verhindern, dass Christinnen und Christen verfolgt werden.)

Danach reagierten wir nicht mehr inhaltlich, sondern verbargen nur noch Kommentare, die andere verunglimpften.

Auf der DEKT-Facebookpage mussten wir – soweit ich mich erinnere – während des Kirchentages keine Kommentare löschen bzw. verbergen, Ausnahme waren die Kommentare zu diesem Post des pro-Medienmagazins und zu einem Post von Idea.

Mich hat es erschreckt, welche Hass-Kommentare vermeintlich fromme Christen posten, gleichfalls erschreckend ist für mich jedoch auch, wie ein evangelikales Magazin offensichtlich bewusst solche Kommentare hervorruft, um die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren.

PS: Dank an Jens Albers und die Studierenden für die prima Zusammenarbeit am Social Media Desk – und ein Gruß an die Kolleginnen und Kollegen im Redaktionsteam.

PPS: Ich werde diesen Blogpost an an das pro-Medienmagazin schicken und bin gespnnt auf eine Antwort.

Anbei die Antwort (6.7.2015):

Christliches Medienmagazin pro:
Vielen Dank, dass Sie unsere Aktivitäten rund um den Kirchentag so genau unter die Lupe genommen haben wink emoticon. Für konstruktive Kritik sind wir dankbar. Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass es nicht unsere Absicht war, Hass-Kommentare gegen die EKD oder den Kirchentag hervorzurufen. Bei dem Post, den Sie kritisieren, handelt es sich um den pointierten Kommentar eines Mitglieds der pro-Redaktion. Wir weisen darauf hin, dass persönlich gezeichnete Kommentare nicht zwangsläufig der Meinung der Redaktion entsprechen müssen. Dass dieser Text zu einer eher emotionalen Diskussion unter unseren Nutzern führen konnte, war uns bewusst. Diese sollte allerdings nicht dazu dienen, die EKD oder den Kirchentag anzugreifen oder gegen die Veranstaltung zu „mobilisieren“. Kommentare der Nutzer müssen sich zudem nicht mit der Meinung der Redaktion decken. Bei der Kombination des Kirchentagslogos mit der Regenbogenfahne sehen auch wir nach interner Diskussion, dass uns hier keine sachgerechte Illustration gelungen ist. Das tut uns leid. Generell sind wir immer offen für eine sachliche Diskussion und wir schätzen eine Pluralität der Meinungen. Wir praktizieren dies intern und wünschen dies auch in der Kommunikation mit und unter unseren Nutzern. Wenn Sie nicht nur diesen einen Kommentar, sondern weitere pro-Beiträge zum Kirchentag, zur EKD oder anderen Themen lesen, werden Sie hoffentlich feststellen, dass es Ziel der pro-Redaktion ist, ausgewogen, vielfältig und fair zu berichten. Ihr Urteil über die pro-Berichterstattung könnte dann insgesamt wahrscheinlich differenzierter ausfallen.
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3 Responses to Kirchentag und Social Media: Leere Inbox und Stimmungsmache

  1. Danke für den Beitrag Ralf Peter, ich finde auch „pro“ sollte man doch deutlicher entgegentreten, wie zum Beispiel bei diesem Post von ihnen (Gabalier und „genderversuchte Zeit…“-Post) https://www.facebook.com/pro.christliches.medienmagazin/photos/a.420771882504.188186.218739697504/10153429748347505/?type=1&permPage=1 – und wie sie erst nach Kritik und Hinweis von mir das Originalinterview eingebaut haben – und wie viel schwulenfeindliche Kommentare sich dort wiederfinden.

    Ist aber nicht das erste Mal das „pro“ so scheiße agiert. Auch danke für das nochmal-veröffentlich Machen von deren bescheuerten hasserfüllten Posts während des Kirchentages, ich habe sie auch gelesen.

    Auf die Reaktion von „pro“ bin ich auch gespannt.

    Und DANKE für eure Arbeit beim Kirchentag, auch wenn wir uns verpasst haben und nicht sehen konnten.

  2. Tim says:

    Ein sehr interessanter Beitrag und ein wichtiges Thema!
    Ich habe mich vor ein-zwei Jahren dafür entschieden- ‚pro‘ aktiv zu blocken in FB etc.. Diese vermeintlich neutrale Kommentierung aus tief rechts-konservativer Ecke brachte meinen Puls einfach zu oft in Wallung.
    Und vom Prinzip ist Pro auch recht irrelevant: es bedient genau die Leserschaft, die eh schon diese Meinung vertritt und hat nahezu keine Verbreitung über das rechts-evangelikale Lager hinaus. „Preaching to the choir“ nennt man das glaube ich 🙂
    In deiner/eurer Haut möchte ich jedoch nicht gerne stecken, wenn man sich entscheiden muss, ob man solchen ‚Störfunkern‘ durch aktive Beschäftigung eine Bühne einräumt, die über ihre bereits erreichte Zielgruppe hinaus geht. Aber ich finde; das habt ihr sehr gut gelöst! (Um einen zweiten Anglizismus zu bemühen: „Don’t feed the Trolls!“)

    • Hi Tim, ich hatte auch zuerst „pro“ geblockt, bzw. nicht abonniert, aber dann gemerkt, das es die Kommentierenden tierisch zur Weißglut bringt wenn man was entgegensetzt – und wie leicht die hasserfüllenden Kommentierenden zu reizen sind.. (bei einer Person habe ich Strafanzeige wegen Beleidigung gestellt, Verfahren läuft noch, FB ist halt nicht „anonym“ wie einige dort denken)

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