WhatsApp-Seelsorge: The Times They Are a-Changin‘

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Geht Seelsorge auf Facebook? Sieht man sich kirchliche Social Media Guidelines an oder liest das EKD-Datenschutzgesetz, kommt fast reflexartig die Antwort „Nein“. So habe ich bis vor kurzem auch immer geantwortet, wenn ich gefragt wurde. Aber die Zeiten ändern sich.

Wenn aber jemand darauf bestand, WhatsApp doch zu nutzen, etwa um bei Einsätzen der Notfallseelsorge zu informieren, war bisher mein Vorschlag immer, über WhatsApp eine Nachricht zu versenden, mit dem Hinweis, die E-Mails abzurufen (die verschlüsselt verschickt werden). Eine WhatsApp-Nachricht des Inhalts, die eigenen Mails abzurufen, enthält keine personenbezogenen Daten, fällt damit somit nicht unter das Datenschutzgesetz und ist daher zulässig. Die Kombination WhatsApp-E-Mail ist zwar ein Umweg, aber zumindest im beruflichen Kontext gangbar, wenn WhatsApp auf jeden Fall genutzt werden soll.

In anderen Kontexten ist dies aber nicht praktikabel, da es umständlich ist und z.B. im Umgang mit Klientinnen und Klienten in der Regel keine gesicherte E-Mail zur Verfügug steht. Daher bisher immer der Hinweis: Keine seelsorglichen Kontakte mit WhatsApp.

In der letzten Zeit haben sich jedoch bei WhatsApp zwei Dinge grundlegend verändert.

  1. WhatsApp führt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in der Chatkommunikation ein.
  2. WhatsApp gibt Nutzerdaten an Facebook weiter.

In Bezug auf Datenschutz ist das ein Schitt vor und ein Schritt (oder mehrere?) zurück.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung

Wenn beide (oder im Falle des Gruppenchats alle) Nutzerinnen bzw. Nutzer die neueste Software-Version nutzen, wird der Chatinhalt nun von mobilem Gerät zu mobilem Gerät verschlüsselt und ist für Dritte einschließlich WhatsApp nicht mehr einsehbar.

Allerdings gelten dabei diese Kautelen:

  1. Da WhatsApp keine Open Souce Software ist und kein unabhängiges Audit vorliegt, lässt sich diese Behauptung allerdings nicht aus unabhäniger Quelle verifizieren.
  2. Metadaten der Kommunikation (wer wann mit wem?) bleiben weiterhin unverschlüsselt und damit einsehbar.
  3. Auch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt nicht davor, dass jemand Drittes unbefugt in des Besitz eines Handys gelangt und so Zugang zu geschützter Kommunikation erhält.

Trotz dieser Bedenken scheint es mir daher nun prinzipiell doch möglich, WhatsApp auch in seelsorglichen Kontexten einzusetzen, wenn man sich der oben genannten Bedenken bewusst ist. Zumindest sind die Risiken vertretbar. Beispielsweise fallen auch in der Kohlenstoff-Welt Metadaten der Kommuniktion an, Dritte sehen, wie jemand das Amtszimmer einer Pfarrerin betritt oder auch die Telefonabrechnung weist Anrufe beim Pfarrer aus. Auch im seelsorglichen Vier-Augen-Gespräch kann es Pannen geben, sei es nur ein im Sommer offen stehendes Fenster, über das Gesprächsinhalte nach draußen dringen. Hundertprozentigen Schutz des Seelsorgegespräches gibt es weder online noch offline.

Daher halte ich es für rechtlich möglich, auch über WhatsApp seelsorgliche Gespräche anzubieten, so wie es  Pfarrer Christian Tsalos bei der von ihm initiierten WhatsApp-Seelsorge tut, der die Nutzerinnen und Nutzer wie folgt auf die Rahmenbedingungen und Risiken hinweist:

Die Nutzung ist kostenlos.
Die Verschlüsselung der Texte erfolgt über die Technik von WhatsApp.
Es gilt die bei Seelsorgegesprächen übliche Schweigepflicht.
Alle Daten werden vertraulich behandelt und nicht weitergegeben.
Lediglich bei Straftaten oder Lebensgefahr werden weitere Stellen eingeschaltet.
Der Seelsorge-Chat ist nicht anonym.
Ihre üblichen WhatsApp-Daten sind mir sichtbar.
Es erfolgt keine Kontaktaufnahme von meiner Seite.
Ich melde mich nur auf Ihre Anfrage.
Nach Abschluss des Chat werden Ihre Daten bei mir gelöscht.
Für die Daten auf Ihrem Smartphone sind Sie verantwortlich.
Ich kann keine ständige Erreichbarkeit garantieren
und behalte es mir vor, bei Bedarf Chats abzubrechen.
Bitte nehmen Sie nur Kontakt auf, wenn Sie dieser Nutzung zustimmen.
Telefonate auf dieser Nummer sind nicht möglich.

 Datenaustausch zwischen WhatsApp und Facebook

Allerdings muss man nicht alles tun, was rechtlich geht. Denn im Umgang mit Nutzerdaten hat WhatsApp entgegen gegenteiliger früherer Aussagen doch begonnen, diese mit Facebook zu teilen. Dies betrifft insbesondere die Weitergabe der bei WhatsApp hinterlegten Telefonnummer an Facebook. Die Verknüpfung der Profile anhand der Telefonnummer erlaubt es Facebook, noch genauer Werbung auszuliefern. WhatsApp bleibt werbefrei, die Monetarisierung der Nutzerdaten erfolgt über Facebook. Für einige engagierte Social-Media-User ist dies Anlass genug, über eine Exit-Strategie für Facebook und WhatsApp nachzudenken, so geschehen auch auf einer Session des Barcamps Kirche Online im September.

An WhatsApp kommt zurzeit niemand vorbei

Allerdings: Trotz aller Kritik, an WhatsApp ist es nur schwer vorbeizukommen. Ob im Sportverein oder der Konfi-Gruppe, WhatsApp ist in Deutschland zurzeit der de-facto-Standard im Post-SMS-Zeitalter. Wer sich verweigert, wird von Informationen abgeschnitten, auch wenn kirchliche Social-Media-Guidelines dazu aufrufen, niemanden auszuschließen, der ein ein bestimmtes soiales Netzwerk nicht nutzen will.

So berichtete jemand im Workshop einer Tagung für Mitarbeitende in kirchlichen Beratungsstellen, dass sie bei der Schwangerenberatung WhatsApp einsetze, um die werdenen Mütter zu erreichen. Vor kurzem wäre das noch undenbar gewesen (und kirchenrechtlich verboten) – nun aber vermutlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Auf einer Entwicklerkonferenz für freie Software fragte ich einen Referenten, welche Alternativen für Soziale Netzwerke wie Facebook und für Messenger-Dienste wie für WhatsApp er empfehlen könnte. Er konnte zwar auf Software als Alternativen hinweisen, musste aber zugeben, dass diese nur von Randgruppen genutzt würden. Fazit: An WhatsApp kommt zurzeit niemand vorbei, wenn man sich nicht in  Nischenkommunikation verlieren will. Hauptproblem: auch die Alternativen sind Insellösungen, Verknüpfungen  zwischen den verschiedenen freien  sozialen Netzwerken und freien Messengern gibt es nicht. Jeder dieser Dienste allein kommt gegen Facebook oder WhatsApp nicht an, eine Chance hätten sie nur, wenn sie miteinander verknüft würden, statt Insellösungen zu bleiben. Gemeinsam wären sie vielleicht sttark genug, einzeln sind sie jedenfalls unterlegen.

Vielleicht ändern sich die Zeiten noch – bis dahin aber sind WhatsApp und Facebook leider ohne echte Alternative.


Nachtrag (4.10.2016)

Beim Einsatz von WhatsApp ist zu unterscheiden, ob Auftragsdatenverarbeitung vorliegt oder ob ich eine fremde Plattform nutze, um Inhalte bzw. eine Kommunikationsmöglichkeit anzubieten.

Z.B. stellt eine öffentliche Facebook-Seite eben keine Auftragsdatenverarbeitung dar – wäre es Auftragsdatenverarbeitung, wäre diese nicht genehmigungsfähig. Daher kommt der entsprechende Paragraf des EKD-Datenschutzgesetzes nicht zur Anwendung. Adresslisten mit personenbezogenen Daten über Facebook-Messenger zu verteilen, wäre allerdings Datenverarbeitung, für die kein entsprechender Vertrag zur Auftragsdatenverarbeitung mit Facebook geschlossen ist bzw. unten den gegenwärtigen Bedingungen nicht geschlossen werden kann.

Beim beschriebenen Angebot der WhatsApp-Seelsorge handelt es sich nach meiner Auffassung nicht um Auftragsdatenverarbeitung, sondern darum, dass ein Pfarrer sich über WhatsApp erreichbar macht. Aufgrund der Gestaltung und der Aufmachung dieses Angebotes ist klar, dass er nur ein Nutzer ist und WhatsApp als solches kein kirchliches Angebot. Selbstverständlich bleibt er als Seelsorger auch auf anderen Kanälen erreichbar, sei es im Gespräch vor Ort oder per Telefon. (Wollte man die Auftragsdatenverarbeitung so streng auslegen, müsste auch mit der Telefongesellschaft ein Vertrag zur Auftragsdatenverarbeitung geschlossen werden, da Sprachdaten als VoIP auch Daten sind. Dies geschieht aber nicht.)

Auf jeden Fall gilt aber auch für Seelsorge auf WhatsApp das Seelsorgegeheimnisgesetz, insbesondere

§ 11 Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln

Soweit Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln ausgeübt wird, haben die jeweilige kirchliche Dienststelle oder Einrichtung und die in der Seelsorge tätige Person dafür Sorge zu tragen, dass die Vertraulichkeit in höchstmöglichem Maß gewahrt bleibt.

Die hier geforderte Vertraulichkeit ist aber aufgrund der Verschlüsselung gegeben.


Zweiter Nachtrag (17.10.2016)

Hier die Bedenken der Electronic Frontier Foundation: October 13, 2016 | By Bill Budington and Gennie Gebhart: Where WhatsApp Went Wrong: EFF’s Four Biggest Security Concerns

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9 Responses to WhatsApp-Seelsorge: The Times They Are a-Changin‘

  1. Pingback: Tschüß WhatsApp – Alexander Schnapper

  2. Pingback: Seelsorge, Social Media und Schule | Θ TheoNet.de

  3. Dank an Johannes. Sachlich ein wichtiger Beitrag.

    In der Anerkennung der Power von Facebook mit seinen Ablegern, gehen wir den Weg des geringsten Widerstandes. Wer die Werbemacht besitzt, steuert unser Handeln. Ist das alternativlos? Alternativen gibt es. Johannes hat einige aufgeführt.

    Erfahrung
    Mit der Neufassung der WhatsApp Regelungen zur umfänglichen Nutzung der Telefonkkontakte, habe ich mich dort verabschiedet. Ich habe unmittelbare Kontaktzugänge in der Gemeinde verloren. Auf Alternativangebote über die ich erreichbar sei, hatte ich hingewiesen.

    Ehrenamtliche, Mitarbeitende, die an einer schnellen Kommunikation interessiert sind, haben sich einen Account bei Threema, Telegram oder Signal eingerichtet. Langsam werden es mehr.

    Gefühlt habe ich keinen Verlust erlitten. Kritische Fragen musste ich mir gefallen lassen. Interessante Gespräche folgten.

    Peter

  4. Heike Speck says:

    Ein sehr komplexes Thema.
    ich finde, dass die anfragende Person die Wah des Kommunikationsmittelsl frei und selbstbestimmt trifft. Damit ist aus meiner Sicht dem Datenschutz genuge getan.
    Kritisch betrachte ich in der Seelsorge die Verbindungsprobleme, die sowohl WhatsApp aber auch emails sehr zeitverzögert reagieren lässt.
    Aber auch das muss dem Nutzer aus Erfarung klar sein! Nur in der Krise?

  5. Zumbrock, Claudia says:

    Lieber Ralf Peter,

    wieder ein sehr lesenswerter Beitrag von dir. Mir gefällt vor allem dein unbeugsamer Pragmatismus. Ich habe mehrfach versucht, an WhatsApp „vorbei zu kommen“ und meine community für Threema oder was anderes zu begeistern. Ist mir nicht mal im Ansatz gelungen – ich war einfach draußen. Und viele meiner WhatsApp-Freunde sind solche, die Datenschutz und Persönlichkeitsrechte ansonsten riesengroß schreiben in den abendlichen Debatten. Ich fand es sehr wohltuend, wie anschaulich du den manchmal auch in „analogen Gesprächssituationen“ u.U. unsicheren Schutz der Persönlichkeitsrechte geschildert hast (Stichwort „offenes Fenster“…). Das macht natürlich nichts besser und es ist trotzdem eine Sauerei, dass WhatsApp die versprochene Trennung zu Facebook nicht wahrt. Eine echte Überraschung ist es aber nicht. – Wir werden es sehen, wohin am Ende Vor- und Nachteile der digitalen Kommunikation ausschlagen. Mir gefällt es jedenfalls, dass die Telefonseelsorge digitale Alternativen zur Seite bekommt und Kirche sich da engagiert.

    Herzlichen Gruß,
    Claudia

  6. Ich empfinde die Aussage „An WhatsApp kommt zurzeit niemand vorbei“ schwierig. Warum gehen kirchliche Einrichtungen nicht auch voran und zeigen anhand von OpenSource/FreeSoftware Messengern oder Instant Messaging Apps, dass es durchaus Alternativen gibt – die auch noch sicherer sind.

    In meinem Blogbeitrag http://alexander-schnapper.de/2016/09/25/tschuess-whatsapp/ in dem ich explizit kurz anreisse meinen WA Account gelöscht zu haben, auch weil mir das Verhalten von WA/FB missfällt, hab ich auch einen Artikel von heise verlinkt, in dem angemerkt wird, dass der BKA Interesse an Daten von WA hat https://www.heise.de/newsticker/meldung/BKA-will-gesetzliche-Kooperationspflicht-fuer-WhatsApp-und-Co-3328475.html

    Wie das mit der seelsorgerischen Aufgabe innerhalb der Kirche zusammenpasst, erschließt sich mir nicht. Vielleicht sollte die EKD da mal auch mit den jeweiligen Datenschutzbeauftragten zusammensitzen und was erarbeiten.

    Früher hat die Kirche (ich verallgemeinere gerade da etwas, ich weiß) gesagt dass die Erde eine Scheibe sei.. Warum können so Sprechstunden über moderne Medien nicht auch über Signal oder Telegram angeboten werden? Zumindest mal einen Versuch wäre es doch wert?

    Ach ja, ich hab viel positives Feedback zu meinem Blogbeitrag und Entschluss WA zu verlassen erhalten, es nutzen viel mehr Menschen (auch außerhalb der Technik/Geek/-Blase) WA-Alternativen und sind begeistert. Wäre schade, wenn hier die (ev) Kirche den Wechsel verschlafen würde…

  7. Zwei Sachen zu WhatsApp und dem (kirchlichen) Datenschutz.

    1) Auch wenn WA nun die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutzt, können wir es aus kirchenrechtlichen Gesichtspunkten nicht verwenden, da weiterhin personenbezogene Daten (Metadaten wie wer und wann mit wem) auf außereuopäischen Servern verarbeitet werden, und WA keine mit der EKD abgestimmte Datenschutzerklärung abgibt.

    2) Und das ist für mich kritischer: Zwar konnte man der Übermittlung seiner Daten an Facebook (zur Verbesserung der persönlichen Werbung) widersprechen, dies gilt aber nicht für den Punkt „Adressebuch“ der Nutzungsbedingungen (https://www.whatsapp.com/legal/?l=de#terms-of-service)

    Zitat: Adressbuch. Du stellst uns regelmäßig die Telefonnummern von WhatsApp-Nutzern und deinen sonstigen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung. Du bestätigst, dass du autorisiert bist, uns solche Telefonnummern zur Verfügung zu stellen, damit wir unsere Dienste anbieten können.

    Viel Spaß beim Abklappern ALLER Kontakte im Adressbuch, ob sie damit einverstanden sind, dass ihre Telefonnummer (und evtl. sogar mehr) automatisch mit den WhatsApp-Servern synchronisiert werden, selbst wenn sie den Dienst gar nicht nutzen.

    Ich kann mir vorstellen, dass bei Kirchens da so einige Telefonnummern zusammen kommen, die normalerweise nicht auftauchen würden.

    Johannes

    PS: Ja, ich bin mir sehr wohl bewusst, dass man um WA im Moment nicht herum kommt, dennoch muss es auch unsere Aufgabe sein, auf die kritischen Aspekte hinzuweisen und Alternativen (Threema, Signal, Telegram, etc) hinzuweisen

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