Christi Leib für Dich im Livestream – Abendmahl online feiern?

Online-Abendmahl (Fotomontage)
Online-Abendmahl (Fotomontage)

Ostern Online

Ich habe Abendmahl gefeiert. Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag in diesem merkwürdigen April 2020. Es war anders als sonst. Online statt in der Kirche, jedes Mal auf einem anderen Kanal.

Ich studiere Theologie in Basel, im letzten Semester durfte ich eine Seminararbeit über die theologischen Grundlagen des Online-Abendmahl schreiben. Als ich im September 2019 damit begann, ahnte ich nicht, wie aktuell dieses Thema so plötzlich werden würde. Und so war meine Teilnahme am Online-Abendmahl begleitet von einem analytisch-kritischen, professionell-theologischem Blick: Kann die Theorie im Praxistest bestehen?

Theologische Theorie

Zentrale Frage meiner Seminararbeit war, wie Jesus Christus während des Abendmahls präsent wird und ob diese Präsenz auch im virtuellen Raum möglich ist. Diese Leitfrage habe ich aus dem Blickwinkel lutherischer und zwinglianischer Theologie unter drei verschiedenen Gesichtspunkten angeschaut:

1. Ist eine Präsenz Christi ohne die Präsenz einer real anwesenden Gemeinde möglich?

Für Luther ist die Gemeinde eine unsichtbare weltweite Kirche: auch wenn die Gläubigen tausend Meilen voneinander getrennt sind, ist die leibliche Versammlung EINE Gemeinde, die geistliche Einheit, die Gemeinde der Heiligen. Für Zwingli liegt der Sinn des Abendmahls liegt in der Stiftung von Gemeinschaft. Das Abendmahl ist für Zwingli daher nicht ohne Gemeinschaft denkbar, auch wenn für ihn das Abendmahl nicht an einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden ist. Meiner Meinung nach ist ein Online-Abendmahl möglich, sofern sich eine (kleine) Gemeinschaft vor dem Bildschirm sammelt, um gemeinsam zu feiern.

2. Ist eine Präsenz Christi die ohne die Präsenz eines real anwesenden ordinierten Liturgen / Liturgin möglich?

Aus katholischer Sicht ist die Sache klar: für die Wandlung der Elemente ist die Anwesenheit eines geweihten Priesters nötig. Für Zwingli hingegen ist die Gemeinde entscheidend, nicht das ordinierte Amt. Auch gemäss Luther wirkt das Wort und der Geist, nicht der Pfarrer. Die Wandlung von Brot und Wein und die Konstituierung der Realpräsenz erfolgt gemäss Luther durch das Wort und ist nicht räumlich gebunden, da Gott an allen Enden ist. Eine Leitung des Abendmahls braucht es aber, um die ordnungsgemässe Durchführung des Sakraments zu gewährleisten und die Einsetzungsworte richtig zu sprechen. Das kann meiner Meinung nach jedoch auch über das Internet geschehen – so wie Paulus die Gemeinde in Korinth auch nicht persönlich, sondern per Brief anleitete.

3. Besteht ein Unterschied, ob man das Abendmahl ausgeteilt bekommt oder es sich selbst nimmt?

Für Zwingli, der das Abendmahl als Erinnerung sieht und für den die Gemeinde in den wahren Leib Christi gewandelt wird, ist es kein Problem, wenn sich die gewandelten Menschen Brot und Wein selbst nehmen. Für Luther hingegen ist – ausgehend von seiner Rechtfertigungslehre – eine persönliche Übergabe/Spendung des Abendmahls essentiell. Luther schreibt (in seiner unverkennbar derben Sprache als Polemik gegen Zwinglis Auffassung): «Hörst du es nun, du Sau, du Hund oder Schwärmer oder wer du unvernünftiger Esel auch bist: Wenngleich Christi Leib an allen Orten der Welt ist, so wirst du ihn darum so bald nicht fressen, noch saufen, noch greifen.» (Quellenangebe: Weimarer Ausgabe 23, 148, Z. 15-33) Meiner Meinung nach ist die Spendung wichtig, da dadurch der Gabencharakter und die Unverfügbarkeit betont wird. Das Abendmahl ist nicht nur Wort, sondern auch Gestik: an der Geste des Brotbrechens und Austeilens erkannten die Jünger Jesus wieder. Ein Abendmahl ohne die Zuwendung in der Spendung ist meiner Meinung nach nicht überzeugend.

Fazit: Gemeinschaft ist für Zwingli der zentrale Punkt des Abendmahls. Für Luther ist die Gemeinschaft ebenfalls wichtig – wenn auch dem Wort nachgeordnet. Die Gemeinde braucht dabei aber keinen festen Ort: weder für Luther, der die weltweite Kirche betont, noch für Zwingli, für den das Heil nicht an Kirchengebäude gebunden ist.

Die Theorie im Corona-Praxistest

Als Fazit meiner Seminararbeit habe ich geschrieben:

Meiner Meinung nach, sollte Abendmahl nicht allein eingenommen werden. Es wäre eine traurige Angelegenheit. «Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.» Und Jesus sagt: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» In einer kleine Gemeinschaft, die gemeinsam vor dem Bildschirm der Abendmahlsliturgie folgt, mitfeiert und sich gegenseitig Brot und Wein reicht, wäre Online-Abendmahl für mich jedoch durchaus denkbar.

Das war vor Corona, vor meinem Praxistest. Vor der Zeit, wo Menschen bedingt durch die Quarantänemassnahmen allein vor dem Bildschirm Abendmahl feierten. Nach meinem Selbstversuch würde ich es jetzt noch viel kategorischer ausdrücken: Ein Gemeinde-Abendmahl, bei dem die Teilnehmer einzeln vor Bildschirmen sitzen, darf nicht zur Normalität werden. Im Moment ist es nicht möglich, gemeinsam vor dem Bildschirm (oder in der Kirche) zu feiern. Dieses Dilemma war für mich bei jedem Abendmahl während dieser Tage spürbar: man will den Menschen beistehen, Trost zusprechen, Nähe vermitteln, die Einsamkeit lindern. Es ist ein verzweifelter Versuch in einer schwierigen Zeit. Die jetzigen Angebote für Online-Abendmahl sehe ich als eine Art «Krankenabendmahl», als eine der momentanen Situation geschuldete Sonderlösung, nicht als zukünftigen Weg.

Diese kategorische Ablehnung hat zwei Gründe: Der erste Grund: In einigen Posts auf sozialen Medien, haben Menschen «ihr» Karfreitagsabendmahl festgehalten und der Welt kundgetan. Und da sieht man dann ein malerisch-frisches Stück Brot, neben einer teuren Flasche Wein in idyllischer Balkonkulisse Influencer-mässig inszeniert. Man gönnt sich das Abendmahl als Wellness-Lifestyle-Element, als sakramentale Selbstbefriedigung. «Weil ich mir etwas Gutes tun wollte», scheint die Devise zu sein. Dieser Trend zum Narzissmus und zur Selbstinszenierung und Selbstisolation läuft der Absicht und Intention des Abendmahls absolut zuwider.

Das Abendmahl ist eine Gabe, die wir uns nicht selbst nehmen können, sondern die wir als Geschenk aus der Gnade Gottes empfangen. So wie man sich die Sündenvergebung nicht selbst zusprechen kann, sondern zugesprochen bekommt, genauso kann man sich das Abendmahl nicht selbst nehmen. Man bekommt es gereicht. Von einem personalem Gegenüber. Diese Intention sollte auch bei der Etablierung neuer Formen leitend sein, damit der Sinn des Abendmahls erhalten bleibt.

Der zweite Grund: Die Einsamkeit und das Bedürfnis nach Nähe und persönlicher Begegnung war spürbar. Für viele Menschen – vor allem für ältere, kranke und wenig mobile Leute – besteht diese Einsamkeit jedoch nicht nur momentan, sondern ist traurige Realität – zum Teil über Jahre hinweg. Das Angebot eines Online-Abendmahls darf nicht dazu führen, dass von ohnehin einsamen Menschen erwartet wird, dass sie das Abendmahl jetzt auch noch allein vor dem Bildschirm einnehmen. Wir dürfen die stillen, die einsamen Menschen nicht aus dem Blickfeld verlieren.

Gerade deshalb: Online-Abendmahl!

Schon vor Corona führte der Pfarrermangel dazu, dass Gemeinden zusammengelegt werden mussten und dass die zunehmend längeren Anfahrtswege (vor allem in ländlichen Gebieten) es älteren und weniger mobilen Menschen häufig unmöglich machten, direkt am Gottesdienst teilzunehmen. Diese Menschen verschwanden aus dem Blickfeld der Gemeinde.

Die Erfahrungen der letzten Wochen haben das Bewusstsein verstärkt, dass «Risikogruppen» auf Unterstützung angewiesen sind. Jugendliche bieten Einkaufshilfen an und einige Kirchgemeinden nutzten digitale Tools zur Vernetzung von Hilfsangeboten und -nachfragen. Diese Tools und Netzwerke sollten unbedingt sorgsam weiter gepflegt werden – auch nach Corona und auch im Hinblick auf eine Vernetzung für gemeinsame Abendmahlsfeiern: Ältere Leute könnten mit einer App – statt Einkaufshilfe – ‘Abendmahlsbegleiter’ zu sich nach Hause einladen, mit denen gemeinsam man dann das Abendmahl vor dem Bildschirm mitfeiert und sich gegenseitig Brot und Wein reicht. Eine Gemeinde, die im hybriden Raum entsteht – als Mischung aus Online- und Offline-Begegnungen. Die Kirchgemeinden sollten besonderes Augenmerk darauf richten, dass möglichst niemand allein vor dem Bildschirm bleiben muss.

Die richtige Plattform

Entscheidend ist für mich dabei die Wahl der Plattform: Von allen Abendmahlsvarianten, an denen ich während der Ostertage teilgenommen habe, war der einfache Livestream vom Gottesdienst für mich am schwierigsten, weil man die anderen Teilnehmenden nicht sieht und sich etwas verloren fühlt. Etwas besser war der Livestream mit offener Chatfunktion – die rege genutzt wurde, um sich gegenseitig zu grüssen. Gut fand ich das Abendmahl via der Videokonferenzsoftware Zoom: man sah die Anderen vor dem Bildschirm, mit Namen, konnte per Chat auch Kontakt aufnehmen. Beim Einsatz von Zoom ist allerdings dem Datenschutz Rechnung zu tragen, denn gerade für die Feier des Abendmahls ist es wichtig, eine vertrauenswürdige Plattform zu nutzen. Die Teilnehmenden sollten sich einloggen müssen, um die eine Art virtueller Kirchentür zu schaffen, an der die Leute auch begrüsst werden können; um ein Raumgefühl zu schaffen, in dem sich die Leute verbunden fühlen; und nicht zuletzt um Störungen zu unterbinden. Ein Online-Abendmahl, wo die Gemeinde in der Kirche und die Teilnehmer zu Hause auf einer Weltkarte als Pünktchen und Profilbild zu sehen sind, wo Leute an verschiedenen Orten gemeinsam feiern, wo man hinterher noch im Kirchenkaffee und im Chat zusammenbleibt. Eine Kirche, die gleichzeitig weltweite, weltumspannende Grösse und lokale, persönliche Begegnung ist, könnte so erlebbar werden. Die Vielfalt der Kirche wäre als Einheit erkennbar.


Claudia Daniel-Siebenmann
Claudia Daniel-Siebenmann

Claudia Daniel-Siebenmann (43) ist in Ostdeutschland aufgewachsen und studiert seit 2018 an der Universität Basel Theologie.

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