
Das Buch „Digital verkündigen“ von Carsten Haeske und Elke Rudloff ist als 12. Band der Reihe „Praktische Theologie konkret“ erschienen. Der Schwerpunkt der Reihe liegt – so im Vorwort zum Buch durch die Herausgeber der Reihe – auf Impulsen zur Gestaltung pastoraler Praxis, und zwar praktisch-theologisch auf dem neuesten Stand, mit Informationen zu wichtigen neueren Fragestellungen und einer Vergewisserung bewährter Basics sowie einem deutlichen Akzent auf der Praxisorientierung.
Anspruch und Entwicklung digitaler Verkündigung
Diesen Anspruch löst das vorgelegte Werk nach Ansicht des Rezensenten voll ein, bietet darüber hinaus aber auch einen sehr guten Überblick, wie sich Formen digitaler Entwicklung entwickelt haben, angefangen von Twitter- und Chatandachten vor Corona über Um- und Aufbrüche in der Corona-Zeit und nimmt dann umfassend die Situation »nach Corona« in den Blick, in der wir heute stehen.
Inzwischen nimmt nur noch ein sehr kleiner Teil der Kirchenmitglieder regelmäßig an Online-Gottesdiensten teil. Grund hierfür – so vermuten die Verfasser*innen – ist, dass kontinuierliche digitale Verkündigung personelle und finanzielle Ressourcen benötigt. Anstatt hier nach dem Abklingen der Pandemie Prioritäten zu setzen, erhielten Präsenzgottesdienste schnell wieder Vorrang.
Online-Verkündigung wurde nach Corona wieder ein Nischenangebot, das hauptsächlich Menschen mit bereits bestehender Kirchenbindung erreicht. Die digitalen Formate konnten sich nicht flächendeckend durchsetzen und verschwanden weitgehend wieder von der Bildfläche. Nach der großen Aufbruchstimmung in Bezug auf Online-Gottesdienste zu Beginn der Pandemie ist das ein insgesamt ernüchterndes Fazit.
Allerdings bleibt der Wunsch nach Online-Gottesdiensten bei Gemeindegliedern weiter bestehen, wie erneut die (noch nicht vollständig veröffentlichte) DiRK-Studie 2026 zeigt.
Daher besteht der Wunsch der beiden Verfasser*innen, dass deutlich mehr landeskirchliche Gemeinden weiterhin Gottesdienste nicht nur in Präsenz, sondern auch online anbieten.
Damit Gemeinden neu bzw. wieder regelmäßig digitale Verkündigung anbieten können, leistet dieses Buch einen Beitrag, indem es Orientierung gibt, die Studienlage darstellt, Milieus und Anspruchsgruppen (Sinus-Milieus) in Bezug auf digitale Verkündigung in den Blick nimmt und so argumentiert, für welche Gruppen digitale Verkündigung sinnvolle Touchpoints mit Kirche sind.
Auch wenn der Fokus auf digitalen Gottesdiensten liegt, nimmt das Buch beispielsweise auch Podcasts, Sinnfluencer*innen bzw. Christfluencer*inner und KI-gestützte Gottesdienste in den Blick. Gerade dieser breite Blick macht deutlich, dass digitale Verkündigung nicht auf Livestream-Gottesdienste reduziert werden kann, sondern dass es um unterschiedliche Umsetzungen digitaler Verkündigung geht.
Aufbau und Gestaltung des Buches
Neben einem strukturierten Aufbau hilft auch die Gestaltung des Buches der Orientierung der Leser*innen. In der Marginalspalte helfen kondensierte Stichpunkte, sich schnell in bestimmte Abschnitte einzulesen, ein Padlet erlaubt es, auf weiterführende Links zu klicken, und ein Fazit am Ende jedes Kapitels fasst das Wesentliche prägnant zusammen.
Praktische Hinweise und Umsetzung
Nach theologischen und soziologischen Reflexionen zu digitalen Verkündigungsfragen schließt sich eine praktische Erörterung an, dabei nehmen die Verfasser*innen asynchrone (vorproduzierte) Formate und synchrone (Live-)Formate in den Blick. Dabei geben sie fundierte praxistaugliche Hinweise, z. B. zu möglichen Kameraplatzierungen und zu Streamingsoftware, und klären auch die wichtigsten rechtlichen Fragen rund um Online-Gottesdienste. Besonders hilfreich ist dabei, dass sich die Hinweise nicht auf theoretische Überlegungen beschränken, sondern konkrete Handlungsmöglichkeiten für die praktische Umsetzung eröffnen.
Neben Technik und Recht nehmen sie auch konkret den Ablauf von Online-Gottesdiensten in den Blick und geben Hinweise zu deren Planung, z.B. in Bezug auf Musik schreiben sie:
„Es ist ratsam, Musikstücke kürzer zu halten als in Präsenzgottesdiensten. Mehrere Strophen eines Liedes können besonders für diejenigen lang werden, die allein vor dem Bildschirm mitsingen. Live gespielte Musik und Vortragsstücke dürfen bei Zoom-Gottesdiensten allerdings länger sein als bei vorproduzierten digitalen Gottesdiensten.“
An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Verfasser*innen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch Orientierung für Verantwortliche geben, die Online-Gottesdienste (wieder-)planen.
In einem Schlusskapitel werden nochmals präzise verschiedene Formen digitaler Verkündigungsmöglichkeiten dargestellt, vom Podcast über eine WhatsApp-Andacht bis hin zu Zoom-Gottesdiensten und hybriden Gottesdienststreams.
Fazit
Das Buch gibt daher sowohl eine theologische Begründung für digitale Verkündigung als auch praktische Orientierung – auch für Gemeinden, die schon praktische Erfahrungen haben, ist es sicherlich gewinnbringend, sich gerade aus dem Praxisteil erneut Anregungen zu holen. Die Stärke des Buches liegt dabei insbesondere in der Verbindung von theologischer Reflexion und konkreter Praxisorientierung. Dadurch richtet es sich nicht nur an Personen ohne Vorerfahrung, sondern bietet auch Gemeinden mit bereits vorhandener Praxis neue Impulse.
Das Buch endet mit einem Plädoyer:
Es geht. Es bleibt zu hoffen, dass diese Beispiele Schule machen. Dass immer mehr Gemeinden die Chancen digitaler Verkündigung entdecken und mutig neue Wege gehen. Gerade in einer Zeit, in der Kommunikation herausfordernder wird.
Die Kirche bleibt, das wussten schon die Reformatoren, eine ecclesia semper reformanda, eine Kirche, die sich immer wieder erneuern muss, um ihrem Auftrag treu zu bleiben. Dieser Auftrag bleibt unverändert: das Evangelium wirksam und lebensnah zu verkünden, auch digital. Die Formate und Beispiele in diesem Buch sind Schritte in diese Richtung.
Diesem Wunsch schließt sich der Rezensent an. Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie Kirche gottesdienstliche Präsenz in digitalen Räume langfristig gestalten kann, findet in diesem Band zahlreiche Anregungen und praktische Hilfestellungen.
Transparenzhinweis: Das Buch „Digital verkündigen“ habe ich nicht nur als Rezensent gerne gelesen. Bereits vor Corona habe ich digitale Gottesdienste durchgeführt, während der Corona-Zeit war ich an Gottesdienststudien beteiligt. Daher hat es mich gefreut, auch mit Beiträgen im Buch zitiert zu werden.
