Als Referent war ich heute ins Studienseminar der VELKD eingeladen, der Titel des Kurses „Künstliche Intelligenz in Kirche und Theologie“. Mein Thema am Vormittag war: KI in der Verkündigung. Nach einer grundlegenden Einführung in die Funktionsweise von KI und einigen Beobachtungen – etwa, dass KI ein Tool ist, aber kein Bewusstsein ist – analysierten und diskutierten wir den KI-Gottesdienst vom Nürnberger Kirchentag sowie die Frage, wie KI bei der Erstellung von Predigten eingesetzt werden kann.
Nach der Diskussion folgte eine praktische Übung. Wir nahmen einen sorgfältig ausgearbeiteten Prompt zur Predigterstellung des Pfarrkollegen Hansjochen Steinbrecher. Er hat sich dabei große Mühe gegeben: Rund 9.000 Zeichen umfasst sein Predigtprompt.
In einem Dialog wird man Schritt für Schritt durch die Predigterstellung geführt. Über die Datumseingabe wird zunächst der Predigttext ausgewählt, anschließend können weitere Aspekte festgelegt werden:
SCHRITT 2 – Kirchenjahr + Predigttext (Reihe II)
Das Datum 31.05.2026 ist der Sonntag Trinitatis (Tag der Heiligen Dreifaltigkeit). Der vorgesehene Predigttext der Perikopenreihe II ist:
📖 4. Mose (Numeri) 6,22–27 – der aronitische Segen („Der HERR segne dich und behüte dich …“).
Bitte bestätige mit:
Y = passt
K = Korrektur / anderer Predigttext / andere Ordnung
Zwischenschritt: Möchtest du zu SCHRITT 3 gehen oder soll ich die Predigt sofort erstellen?
A) Zu SCHRITT 3 gehen (normal iterativ)
B) Vollpredigt sofort erstellen
X) offen (Standard: A)
Du kannst z. B. antworten: „Y, B“ oder „Y, A“.
Bei Option B wird sofort eine Predigt generiert – hier das Beispiel, das ich mit Gemini erstellt habe.
Alternativ kann man in weiteren Schritten zusätzliche Parameter festlegen:
SCHRITT 3 – Textumfang
Wie soll der Predigttext verwendet werden?
A) Enger Umfang: Fokus ausschließlich auf 4. Mose 6,22–27 (der aronitische Segen)
B) Erweiterter Umfang: Predigttext als Zentrum, dazu Verbindungen zu Trinitatis, Taufe, Gottes Begleitung im Alltag und dem Segenshandeln Christi (empfohlen)
C) Weiter gefasst: Segen als roter Faden durch die ganze Bibel (Abraham – Jesus – Gemeinde heute)
X) offen (Standard: B)
K) anderer Umfang (kurz beschreiben)
Du kannst mehrere Optionen wählen. Wenn du nur einen Buchstaben nennst, arbeite ich damit weiter.
Und an vielen Stellen lässt sich das Ergebnis über weitere Optionen noch weiter verfeinern.
Welche theologischen Stimmen sollen kurz und passend einfließen? (empfohlen 0–3)
Du kannst mehrere Optionen wählen.
A) Martin Luther – Rechtfertigung, Freiheit, Trost
B) Dietrich Bonhoeffer – Nachfolge, „Kirche für andere“, Gnade im Ernst
C) Karl Barth – Christusmitte, Gottes „Dennoch“
D) Jürgen Moltmann – Hoffnung, Zukunft Gottes
E) Paul Tillich – Mut zum Sein, Glaube und Zweifel
F) Dorothee Sölle – Leidenssolidarität, Verantwortung
G) Rudolf Bultmann – Entscheidung im Heute
H) Helmut Thielicke – alltagsnahe Predigtsprache, Seelsorge
I) Fulbert Steffensky – poetische Bilder, Lebensdeutung
J) Margot Käßmann – Trost, Zuversicht, Frieden
X) keine Stimme
K) andere (Name + 2–5 Stichworte)
Die Predigterstellung mit diesem Prompt führten die Pfarrkolleg*innen im Kurs zunächst einzeln durch. Eine Version erarbeiteten wir anschließend gemeinsam am Beamer. Ein Kollege beschrieb die Situation seiner Gemeinde und weitere Einzelheiten recht ausführlich. Bei den theologischen Stimmen wählte er gleich Sölle, Bultmann und Steffensky aus. Die über diesen Prompt erstellte Predigt wirkte dadurch recht überladen. Einige Teilnehmerinnen empfanden sie außerdem als sehr generisch und mit viel Kirchensprache versehen. Auffällig war beispielsweise die häufige Wiederholung des Wortes „Vielleicht“. Aber es gab nicht nur Kritik, ein Teilnehmers urteilte: „Ich habe schon schlechtere Predigten gehört.“
Eine Beobachtung am KI-generierten Text: in der Predigt kommt kein Ich vor. Wenn wir KI benutzen, was bedeutet das für das „Ich“ der Liturgin oder des Liturgen beziehungsweise der Predigerin oder des Predigers? Ist eine persönliche Geschichte oder eine gemeinsame Erfahrung mit der Gemeinde wichtig? Kann man sich KI-generierte Inhalte authentisch zu eigen machen?
Eine KI-Predigt kann natürlich nicht an die Erfahrungen eines Predigers oder einer Predigerin mit der eigenen Gemeinde anknüpfen. Sie kann keine Beispiele aus dem eigenen Leben erzählen. Zumindest dann nicht, wenn man als anonymer Nutzer lediglich einen Predigttext in die KI eingibt.
Aber wird sich das ändern, wenn ich mein Predigtarchiv – also die Predigten, die ich noch ohne KI geschrieben habe und die meine persönlichen Erfahrungen enthalten – in eine KI einspeise? Wenn ich ein RAG-System oder ein CustomGPT mit meinen eigenen Texten erstelle? Wird die KI-Predigt auf dieser Grundlage persönlicher? Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Nutzung von KI für Predigten weiterentwickelt.
Meine persönliche Praxis
Ich lese zunächst den Predigttext und arbeite mit exegetischer Literatur sowie Predigthilfen. Zum Glück liegt vieles davon inzwischen digital vor.
Die Gedanken aus der Exegese und den Predigtmeditationen notiere ich in einer Notiz-App. Im Laufe der Woche kommen mir weitere Gedanken, diese spreche ich über das Handy ein und speichere sie als Textbausteine in meiner App. Diese Textfragmente und Stichpunkte ordne ich anschließend, verschiebe sie und bringe sie in eine Struktur, bis das Gerüst der Predigt für mich stimmig erscheint. Dann lasse ich aus den Satzfragmenten vollständige Sätze formulieren und den Text sprachlich glätten.
Am Ende lasse ich mir noch eine Leseversion erstellen. Wenn ich auf Spanisch predigen darf, lasse ich mir zusätzlich eine Übersetzung anfertigen. Dabei achte ich darauf, dass die Sprache zu mir passt: keine unnötig komplizierten Sätze, dafür eine gut lesbare Fassung mit Betonungen und Lesepausen.
Vom Prediger als Regisseur meiner Theologie?
Im Seminar diskutierten wir unterschiedlichen Vorgehensweisen beim Einsatz von KI für die Predigtgestaltung. Ein Kollege brachte dabei den Begriff des „Regisseurs meiner Theologie“ ins Spiel, wenn ich meine Predigt nicht mehr eigenständig als Theologe schreibe, sondern der KI vielmehr – wie ein Regisseur – meine Anweisungen gebe. Natürlich geschieht das weiterhin in theologischer Verantwortung, aber die Vorgehensweise ist eine andere. Die Prompts werden zu Regieanweisungen, deren Ergebnis schließlich ein Drehbuch ist; die Predigt wird dann im Gottesdienst aufgeführt.
KI-Predigt als Alternative zur Lesepredigt?
Im Nachgang habe ich die Prompts von Hansjochen Steinbrecher mit ChatGPT selbst ausprobiert und durch zusätzliche Anweisungen weiter nachgeschärft. Als theologische Stimme habe ich im Prompt Martin Buber angegeben und die jüdische Herkunft des aaronitischen Segens betont. Anbei unten das Ergebnis.
Es ist keine Predigt, die ich selbst halten würde. Aber ich habe auch schon schlechtere Predigten gehört. Die entscheidende Frage bei der Bewertung lautet: Welchen Vergleichsmaßstab legen wir an?
Hansjochen Steinbrecher – so erzählte er mir – versteht seinen Predigtprompt als Alternative zu einer Lesepredigt. Wenn die Alternative also entweder ein fremder, nur abgelesener Text oder ein sorgfältig mit KI erzeugter Text ist, dann erscheint die KI-Variante durchaus gut.
