Open Source, Open Content, Open Educational Resources – was bewegt die Kirche?

“Für die evangelische Kirche ist – auf der Grundlage ihres Glaubens- und Kirchenverständnisses – Bildung von der Reformationszeit an ein zentrales Thema.“ – so die EKD-Denkschrift Maße des Menschlichen, Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft.

Was heißt aber Bildungsverantwortung in einer Gesellschaft, die sich durch die fortschreitende Digitalisierung verändert. Die evangelische Kirche ist eine Kirche des Buches, was aber, wenn das Buch zum eBook wird? Jedem ist einsichtig, dass ein gedrucktes Buch Geld kostet, aber was ist ein angemessener Preis für ein eBook, wo die Distributionskosten gegen Null gehen.

Niemand erwartet, dass ein Buch kostenlos ist. Natürlich ist uns auch klar, dass beim Preis eines Buches die reinen Materialkosten die geringsten Kosten sind. Auch wenn wir die verlegerische Kostenrechnung in der Regel nicht kennen, so besteht Bereitschaft, für ein anfassbares Papier-Buch zu bezahlen.

Creative Commons Lizenz

Bei Musik haben wir uns bereits daran gewöhnt, für die downloadbare MP3-Datei zu bezahlen, allerdings hat sich die Preisstruktur gegenüber CDs verändert, statt Alben lassen sich auch einzelne Songs runterladen. Die Musik-Industrie musste ihr Geschäftsmodell anpassen, neben kostenpflichtigen Einzeldownloads gibt es auch Flatrate angebote, solange man zahlt, kann man hörten, was man möchte.

Aber die Veränderung geht noch weiter, es gibt Künstler wer Josh Woodward , die ihre Musik unter einer so genannten Creative Commons Lizenz veröffentlichen, konkret: Nutzen und Weitergeben unter den selben Bedingungen erlaubt, aber Urheber muss dabei genannt werden.

Josh Woodward hat nach eigenen Angaben Erfolg:

„Josh Woodward seems to have a career death wish. A prolific indie acoustic-rock songwriter, he has released ten albums in the past eight years, but he has chosen to give away all of his music for free. In a world of $18 CDs and lawsuits against file sharing grandmothers, Josh offers 180 songs as free downloads from his websites, and sells CDs on a name-your-own-price basis.
This gamble has paid off well; he’s used file sharing to build a viral, worldwide network of fans. After over three-and-a-half million MP3 downloads from his site, he’s living proof that the music world is changing. His brand of energetic and passionate delivery with vivid stories, clever wordplay and dark humor may not be for everyone, but the Internet has made it possible to find its audience.“

Es war ein längerer Prozess, bis sich die Musik-Industrie den durch die Digitalisierung veränderten Bedingungen angepasst hat. Aber auch das Verlagswesen ist in einem Umbruch. Diesen Sommer war ich in der USA und fuhr morgens regelmäßig mit ÖPNV zur Arbeit, ich war der einzige, der noch ein gedrucktes Buch las – die anderen Pendler lasen eBooks. Der Trend geht zu eBooks, die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Wenn dann die Druckkosten wegfallen, wie werden sich langfristig die Preise für eBooks gestalten? Was bedeutet das, wenn Autoren selbst ihr digitales Manuskript zur Veröffentlichung hochladen? Welche Dienstleistungen werden Verlage in der Zukunft erbringen? Was wird das Geschäftsmodell für digitale Inhalte?

Open Source Software

Im Software-Bereich ist Open Source Software in vielen Bereichen fest etabliert. Die Grundidee ist einfach, so erläuert Ulrich Berens:

„Im Grunde genommen funktioniert ja die Idee Freier Software genauso. Jemand schreibt ein schönes Programm und stellt es allen anderen zur Verfügung. Und weil er den Quelltext mitliefert, können diejenigen, die etwas vom Programmieren verstehen, sein Programm verbessern und erweitern und es wieder allen anderen zur Verfügung stellen. Damit wird das Programm zu einer Art Gemeinbesitz. Und es wird frei. Nicht so sehr frei im Sinne von „das kostet nichts“, sondern vor allem frei im Sinne von „niemand kann die Weiterentwicklung und Nutzung einschränken“ – z.B. durch neue, rigide Lizenzmodelle.“

Richard Stallmann, Gründer der Free Software Foundation und Chef des GNU-Projects, war die Nähe von christlichen Gedanken zu den Prinzipien Freier Software schon früh bewusst:

„Ich habe immer geglaubt, dass Freie Software einen moralischen Imperativ für christliche Kommuniktoren darstellt. Christen und Menschen anderen Glaubens können die Kontrolle menschlichen Wissens oder die Entwicklungsbeschränkungen nicht billigen, die proprietäre Software verursacht.“

Das Prinzip des Teilens – oder neudeutsch: Sharens – ist freier Software inhärent. Dieses Prinzip lässt sich auch auf andere Inhalte oder konkret auch auf Bildungsressourcen anwenden. Die Software-Industrie und die IT-Branche geht durch Open Source Software nicht bankrott, aber gegenüber Lizensierungen muss sie ein anderes Geschäftsmodell entwickeln bzw. Kundinnen und Kunden anbieten.

Verlagswesen

Open Source, Open Content, Open Educational Resources: sie verändern Geschäftsmodelle. Was ist das Geschäftsmodell im Bildungswesen? Im schulischen Bereich sind die Schulbuchverlage die Gewinner des bisherigen Geschäftsmodells.

„290 Millionen Kopien werden nach Hochrechnungen der Verwertungsgesellschaft VG Wort jährlich allein in deutschen Schulen angefertigt. Der wirtschaftliche Schaden ist beträchtlich. „Es gibt zwar nur Schätzwerte. Aber man muss von Millionenbeträgen ausgehen, die den Schulbuchverlagen verloren gehen, weil nicht für die Urheberrechte bezahlt wird“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes deutscher Bildungsmedien (VdS), Andreas Baer. […] Eine neue Vereinbarung zwischen Verwertungsgesellschaften und den Kultusministern regelt das Urheberrecht für Schulen. Danach dürfen Lehrer einmal pro Jahr und Klasse 12 Prozent, maximal aber 20 Seiten eines urheberrechtlich geschützten Schulbuches kopieren.“

So Stephan Lüke vom klett-themendienst.de in einem Bildungsportal eines Fachbuchverlages. Man merkt, um welche wirtschaftlichen Interessen es geht. Wer über das Kontigent hinaus Kopieren will, muss Bücher kaufen. Daher die Vehemenz, mit der Schulbuchverlage gegen das Kopieren angehen bzw. versuchen, dies zu limitieren. Was geschähe, würde das Kopieren freigegeben, wenn die Bildungsinhalte unter einer freier Lizenz stünden? Wieviel Geld würde für andere Bildungsaufgaben freigesetzt? Dies mag auch einer der Gründe sein, warum sich die Stadt Köln, die auch Träger von Bildungseinrichtungen ist, als Veranstalter des OER Camps Köln engaggiert hat.

Qualitätssicherung

Andersherum muss man fragen: was würde passieren, wenn die Schulbuchverlage keinen Gewinn mehr machten? Sänke dann die Qualität der Unterrichtsmaterialien? Garantieren die Verlage Qualität? Im Wissenschaftsbereich positionieren sich Fachverlage gegen das im wissenschaftlichen Bereich  als „open access“ bezeichnete frei zugängliche Veröffentlichen, da ein fehlender bzw. unzureichender peer review, der durch Fachverlage organisert werde, die Qualität der Forschung unterminiere. Bezeichnerderweise stammt die Studie dazu jedoch vo Wissenschaftsmagazin Science – und auch Wissenschaftsverlage haben in Einzelfällen Falschpublikationen einräumen müssen.

Garantieren auch im Bereich schulischer Bildung Verlage die Qualität der Bildungsmaterialien? Oder ließen sich andere Prozesse der Qualitätssicherung implementieren? Oder könnten Verlage auf ein anderes Geschäftsmodell umschwenken? Nicht die Nutzung der Bildungsmaterialien kostet – das wäre bei Software die Lizenzgebühr -, sondern die Qualitätssicherung wird finanziert – das entspräche Service und Support bei Software.

Aber auch andere Formen der Qualitätssicherung sind denkbar. Gerade wenn Bildungsmaterialien frei wären, ließen diese sich kontinuierlich verbessern, so Klaus Eberl::

„Lehrerinnen und Lehrer an den verschiedenen Orten erhalten damit Gelegenheit, ihren Unterricht zu qualifizieren. Sie setzen erprobte Materialien ein, sie passen sie an, erweitern, optimieren und veröffentlichen sie weiter. „

Was kann OER für Kirche bedeuten?

Wenn durch OER Ressourcen freigesetzt werden, die nicht in „Lizenzgebühren“ fließen, können diese anderweitig für Bildung ausgegeben werden. Das ist begrüßenswert.

Debi ist auch zu bedenken, dass die Kirche selber Akteur im Bildungsbereich ist. Wenn sie dazu ermutigt, erarbeitete Bildungsmaterialien als OER freizugeben, liegt darin ein großes Potenzial, denn sie hat – so Klaus Eberl:

„[…] Unterrichtende in den Gemeinden, den Instituten, Akademien und Hochschulen, nicht zuletzt verantwortet die Kirche inhaltlich auch das Lehrfach Religionsunterricht mit. Auch selbstaktive Lernende können so z.B. über das Internet auf eine wachsende Anzahl von Medien zugreifen, um den eigenen Fragen nachzugehen und ihren Erkenntnisgewinn wieder mitteilen. Solches Kopieren-Verändern-Teilen entspricht dem urchristlichen Gemeindeverständnis – Geben ist seliger denn Nehmen (Apg 20,35) und macht sich die Weisheit der Gemeinden – also der vielen Menschen – zu eigen. Die Expertise erwächst damit aus der gemeinsamen Verantwortung; dies korrespondiert zum Priestertum aller Gläubigen.“

In der Diskussion um Open Content werden Freiberuflern (Fotografen, Journalistinnen) erwähnt, die sich über den Verkauf von Nutzungsrechten beruflich finanzieren, daher seien Lizenzgebühren bzw. Nutzungsrechte notwendig. Dies ist aber gerade bei den meisten Lehrenden im kirchlichen Bereich nicht der Fall. Sollte es nicht eine moralische Verpflichtung für kirchliche Mitarbeitende sein, dass sie Bildungsinhalte, die sie in ihrer Arbeitszeit erstellen, als OER freigeben?

Könnte nicht auch die Kirche darauf drängen, dass Bildungsmaterialien, die in ihrem Auftrag erstellt werden, Open Educational Resources werden? Dies müsste meines Ermessens eine Forderung sein.

Vor diesem Hintergrund bin ich froh, dass die rheinische Kirche einen Online-Diskussionsprozess zu OER jetzt gestartet und ich freue mich, dass sie einerseits theologisch ihre Posiiton zu OER klären will, gleichzeitig aber auch praktische Vorschläge für die Kirche als Bildungsträgerin erarbeiten will.

Ich hoffe, es wird deutllich werden, wie OER die Kirche auch bewegen kann.

Zum zweiten Mal (das erste mal war die Erarbetug von Social Media Guidelines) lässt sich die EKiR auf einen Online-Diskussionsprozess ein, der die Grundlage der Gremienberatung sein wird. Ich bin gespannt, welche Vorlage die Web-Community den EKiR-Ausschüssen für Bildung und Erziehung und für Sozialethik machen wird. Wer mitdiskutieren will: openeducationalresources.de

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