„Abendmahl im Internet: Ein Experiment“ ist der Abendaufmacher heute (6.9.2012) von evangelisch.de. Am kommenden Freitag – so die Ankündigung – wird in der evangelischen Kirchengemeinde Eppertshausen unter dem Titel „Chillen mit Gott“ ein alternativer Gottesdienst gehalten.
Während des Gottesdienstes feiert die Gemeinde auch ein Online-Abendmahl. Dies wird ins Internet gestreamt, über eine Webinar-Software können Internetuser dem Gottesdienst folgen. Geplant hat diesen Gottesdienst Ralf Friedrich, der Prädikant ruft die Internet-User auf, sich „ein Stück Brot oder eine Oblate sowie einen Schluck Traubensaft oder Wein für die Abendmahlsfeier“ bereit zu legen.
Der Artikel von evangelisch.de führt aus:
„Wie wir das Abendmahl nun im Internet spenden, wird noch eine Herausforderung sein“, gibt Friedrich allerdings zu. Wahrscheinlich wird er Brot und Wein einfach in die Kamera halten, „dann sieht das ja jeder persönlich für sich“. Teilnehmer zu Hause am Bildschirm brauchen ein bisschen Vorstellungskraft, sie könnten zum Bildschirm greifen, beides symbolisch „entgegennehmen“ und dann im richtigen Moment gemeinsam mit der „echten“ Gemeinde in Eppertshausen essen und trinken. „Dichter kommen wir in dieser Situation auch nicht ran“, bedauert Friedrich.
Die Gottesdienstankündigung hat es auch in die Lokalzeitung gebracht, anders als bei evangelisch.de lautet der Titel jedoch: „Gottesdienst in evangelischer Kirche Eppertshausen auch als Livestream im Internet“. Es ist eine Gottesdienstübertragung, der Übertragungsweg ist jedoch nicht der Äther wie beim TV, sondern das Internet. Theologisch kann ich keinen Unterschied feststellen, ob die Übertragung digital über Datenpakete im Internet läuft, oder über Satellit, Kabel oder Antenne. Bisher hat noch keine Rundfunkpastorin und kein TV-Pfarrer die Fernsehzuschauer aufgefordert, während der Übertagung Brot und Wein zu sich zu nehmen. Wer einer Übertragung eines Abendmahlsgottesdienste folgt, sieht zu, nimmt aber nicht teil. Das dürfte bei einem Internet-Stream nicht anders sein. Deshalb habe ich bei Fernsehgottesdiensten noch nicht die Aufforderung an die Zuschauerinnen und Zuschauer vernommen, sich die Elemente des Sakramentes bereitzustellen und diese einzunehmen. Ralf Friedrich betritt Neuland.
Online-Abendmahl muss gemeinschaftsstiftend sein
Kann es ein Abendmahl im Internet geben? Das will ich gar nicht ausschließen, persönlich halte ich es für möglich. Ein Internet-Abendmahl muss aber mehr sein als eine reine Übertragung, es muss Gemeinschaft ermöglichen bzw. in einer Gemeinschaft geschehen. Dies geht auch im Internet, wenn die Interaktionsmöglichkeiten des Netzes genutzt werden. Das Internet kann gemeinschaftsstiftendes Medium sein. Wenn in einer Mediengemeinde der Wunsch aufkäme, die Gemeinschaft in Christus auch leiblich zu erfahren, dürfen oder können die online versammelten Christenmenschen dann Abendmahl feiern? Diese Frage habe ich 2007 gemeinsam mit Tom Brok durchaus nicht nur rhetorisch gestellt:
Was würde passieren, wenn jemand die Einsetzungsworte über Chat spräche und Chatteilnehmer gleichzeitig Brot und Wein zu sich nähmen? Wäre Christus dann gegenwärtig in Brot und Wein oder ist seine Präsenz räumlich auf einen Radius um den Altar in der Ortsgemeinde beschränkt? Was gewönnen diese Gemeinden und was verlören sie dadurch? Fragen – auf die Antworten noch gesucht werden.
Ein Internet-Abendmahl wirft Fragen auf, mache werden sich vielleicht nicht am theologischen Schreibtisch lösen lassen, sondern in der Praxis der Gemeinde sich von selbst beantworten. Theologisch verantwortlich ist es, diese Fragen aber auch zu benennen und zu durchdenken – und auch auszuhalten, dass es vielleicht keine Antworten gibt oder man die Antworten erst im Vollzug findet, sie aber vorab beiseite zu schieben, wie es Ralf Friedrich tut, ist theologisch nicht verantwortlich: „Ich denke, wir haben teilweise Ängste und sagen: Ist das theologisch überhaupt richtig, funktioniert das? Und ich sage: Lasst uns das nicht aus der theologischen Brille sehen, sondern aus der seelsorgerlichen, spirituellen Brille!“
Das Abendmahl und das Abendmahlsverständnis sind keine Marginalien, sondern stehen im Zentrum unseres Glaubens. Der Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli wird so hart geführt, weil es für Luther im Abendmahlsverständnis um die Christologie geht, dass es im Marburger Gespräch 1529 sogar zur Aussage kommt, „Ihr habt einen anderen Geist als wir“. Auch die fehlende eucharistische Einladung der katholischen Kirche an Protestanten wird mit der fehlenden Gemeinschaft begründet. Wenn das Abendmahl und die im Abendmahl gestiftete Gemeinschaft so zentral ist, müssen wir uns auch die Mühe geben, diese online im Abendmahl zu ermöglichen.
Wenn Ralf Friedrich Webinar-Technik zur Übertragung nutzt, frage ich mich (oder besser ihn), warum er diese nicht auch als Rückkanal beim Abendmahl benutzt. So könnte Kommunikation der Internet-User untereinander und mit der vor Ort versammelten Gemeinde entstehen, solche Kommunikation könnte dann auch Gemeinschaft bewirken – und wäre Voraussetzung für eine gemeinsame Feier des Herrenmahls. Wie man online zusammen Gottesdienst feiern kann, dazu gibt es verschiedene – auch erfolgreiche – Beispiele, die ich in einer Übersicht zusammengestellt habe (ohne Vollständigkeit zu beanspuchen).
Wenn ich den Bericht bei evangelisch.de richtig lese, soll die Webinar-Technik – das Hinzuschalten der Internet-User per Beamer in die Gemeinde vor Ort – beim Bibliolog zum Einsatz kommen, der die Predigt ersetzt, während das Abendmahl gestreamt wird. Das Verhältnis von Online-Gemeinde und versammelter Gemeinde ist schwierig – dies hat für mich nicht zuletzt der erste Facebook-Gottesdienst der katholischen Fernseharbeit gezeigt.
Theologische Grundfragen
Ich kenne die Liturgie nicht – und will auch nicht vorschnell urteilen – aber sie scheint sehr gepackt und intensiv zu sein. Neben einer modernen Form („Band statt Orgel“) gibt es ein Bibliolog als Predigtersatz, eine Webinar-Integration in den Bibliolog mit Beamer und last not least ein ins Internet gestreamtes Abendmahl. Ein Online-Abendmahl ist ein Novum in der evangelischen Kirche (sieht man von kruden Gemeinschaften am kirchlichen Rand ab) – sollte es nicht besser eingeführt werden, anstatt ein Add-on in einem alternativen Gottesdienst zu sein?
Zur theologischen Begründung, dass Online-Gemeinden möglich sind, wird Artikel VII der Augsburgischen Konfession (CA VII) herangezogen, so wie es auch der Artikel von evangelisch.de tut, denn die Kirche ist die um Wort und Sakrament versammelte Gemeinschaft, Predigt: das geht online auf jeden Fall, Sakramentsverwaltung: das ist schwierig:
Die Kirche ist laut der Confessio Augustana, dem zentralen Glaubensbekenntnis der Reformation, „die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“ Klappt das auch, wenn die Menschen durch Bildschirme voneinander getrennt, also nicht physisch versammelt sind? Für die Predigt ist die Antwort einfach: Reden und Zuhören funktionieren auch durch Kabel und Funkwellen hindurch. Aber wie steht’s mit dem Abendmahl?
Interessant ist jedoch, dass im Zusammenhang von Predigt und Sakramentsverwaltung als notae ecclesiae in CA VII auch die Übereinstimmung im Predigt- und Sakramentsverständnis genannt wird:
Est autem Ecclesia congregatio Sanctorum in qua Evangelium recte docetur, et recte administrantur Sacramenta. Et ad veram unitatem Ecclesiæ satis est consentire de doctrina Evangelii et administratione Sacramentorum.
Ein Konsensus über das Sakramentsverständnis – „consentire de doctrina Evangelii et administratione Sacramentorum“ – ist zur Einheit der Kirche notwendig. Einen Konsens gibt es jedoch nur nach einer Diskussion. Gerade weil das Abendmahl so wichtig ist, ist zunächst die Diskussion wichtig.
Wenn wir theologisch über ein Online-Abendmahl diskutieren, wird vermutlich auch unsere konfessionelle Identität sich zeigen. Ist es Zufall, dass beim geplanten Abendmahl von einem symbolischen Entgegennehmen der Elemente gesprochen wird? Ist die reformierte Tradition näher an einem Online-Abendmahl als die lutherische – während eine Online-Eucharistie katholischerseits a priori ausgeschlossen ist.
Ich habe es lange Zeit erlebt, dass Online-Aktivitäten oft beargwohnt wurden, dass „online“ nur virtuell, aber nicht real bzw. echt meint. Erstmalig benutzte das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ als ein von der EKD herausgegebenes Dokument den Begriff „Mediengemeinden“ – zuvor wurde nur von Online-„Gemeinschaft“ oder „Community“ gesprochen. Ein Experiment kann daher auch dazu führen, dass kirchenleitend etwas verboten wird, weil noch kein Konsens besteht. Ist erstmal ein Verbot da, dauert es lange, dies wieder rückgängig zu machen.
Ist es daher jetzt an der Zeit, einfach ein Online-Abendmahl zu feiern – oder brauchen wir noch Zeit, einen Konsens zu finden?
