Lieber Twitter-Prägnanz als rückwärtsgewandte Ignoranz

Twitter-Screenshot

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Tablets, Twitter und WhatsApp sollten Kinder erst ab 14 Jahren benutzen, fordert Rechtschreibrat-Chef Hans Zehetmair, denn Twitter und SMS schaden der Sprache und gefährden das deutsche Sprachgut. Die Altersgrenze für die Nutzung dieser Medien stelle sicher, dass Jugendliche schon gefestigte Deutsch-Kenntnisse hätten und daher nicht dem Sprachverfall anheim fielen.

Man könnte diese Meldung unter #AlleJahrewieder verbuchen und vergessen, aber sie ist ob ihrer Ignoranz einfach ärgerlich und absurd.Wer auf das Gezwitscher und Gesimse eindrischt, bekämpft am besten das Englische gleich mit. Auch die Anglizismen sind Hans Zehetmair ein Dorn im Auge:

„Es hat nichts mit einem höheren Bildungsgrad zu tun, wenn man Wörter auf Englisch sagt, die man ebenso auch auf Deutsch formulieren könnte.“ via Heise

Schon lange bin ich über vierzehn, darf daher davon ausgehen, dass mein Deutsch gefestigt ist. Daher verwirrt es mich, wenn der Chef des Rechtschreibtrates fordert, anstatt englische Wörter zu sagen, diese auf Deutsch nun zu „formulieren“ . Auch wenn es der Getwittere noch Gezwitscher ist, soviel Platz muss sein, dass man Sätze formuliert und dafür dann mehrere Wörter benutzt. Ergo: auch wer mehr als 140 Zeichen benutzt, kann sprachlich daneben greifen.

Die Sprachpuristen ziehen gerne gegen das Englische zu Felde, befleißigen sich aber um so mehr des Lateinischen und Griechischen. Ein Fremdwort wird nicht dadurch geadelt, dass es aus einer Alten Sprache stammt. Klingt es besser, „Wörter zu formulieren“ als diese vulgär nur zu „benutzen“? Nota bene: Wer gegen das Denglish ist, sollte auch altphilologische Sprachpantschereien wie „Televison“ ablehnen, die Latein und Griechisch vermischen.

Technologische Entwicklungen schlagen sich auch im Sprachgebrauch nieder. Mit Beginn des Eisenbahnzeitalters sprach man von Billets und Perrons, heute von der Fahrkarte (oder doch dem Ticket?) und dem Bahnsteig (und nicht der „platform“ oder gar Amerikanisch vom „track“) . Andererseits ist der Flugsteig für die meisten zum Gate geworden ist. So what?

Statt den Niedergang der deutschen Sprache durch SMS und Twitter zu beklagen, könnte man sich auch ihrer produktiven Kraft freuen, dass sie Wörter wie „simsen“ hervorbringen kann und sich so neue technischen Möglichkeiten nun auch auf Deutsch ausdrücken lassen. Wann kommt das Wort „adden“ in den Duden und wann schreibt man es mit Umlaut. Freunde zu adden bedeutet etwas anderes, als diese nur hinzuzufügen. Bei vielen französischen Wörtern hat es sehr lange gedauert, Für die meisten ist eine Base immer noch eine Cousine und keine Kusine. Und? Warum nur den Niedergang der deutschen Sprache auf Anglizismen und moderne Technologien beziehen?

Twitter-Posts (also: Twitter-Nachrichten) sind auf 140 Zeichen beschränkt, Untersuchungen haben herausgefunden, dass Facebook-Posts am wirkungsvollsten sind, wenn ihre Zeichenlänge zwischen 140- und 280 Zeichen liegt. Wer gut für Twitter oder Facebook texten will muss komplexe Sachverhalte reduzieren können, also sie oder er muss prägnant formulieren statt zu schwafeln. Man muss die Dinge auf den Punkt bringen – dies kann durchaus eine Kunst sein.

Man kann gut oder schlecht schreiben, sei es auf Twitter, auf Facebook, im Blog, in der Print-Zeitung oder auch in einem Buch, Generalverurteilungen helfen niemandem.

„Gott ist mein Navi“

So fasste jemand auf einer Twitterbibelarbeit zusammen, was Gott für ihn bedeute. Luther hat den ersten Vers des 23. Psalmes übersetzt mit „Der Herr ist mein Hirte“. Beides drückt treffen aus, wer Gott ist.

Wir sollten die Lebendigkeit der Sprache bewahren und fördern, statt antiquierte Sprache zu verklären und den Sprachgebrauch zu reglementieren.

 

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