Digitale Pioniere: Nachtragendes zur „Digitalisierung der Kirche“ – eine kurze Replik

Website der rheinischen Kirche aus dem Jahre 1997

Ob christlicher Internet-Pionier oder doch Online-Dinosaurier, dieses Urteil mögen andere fällen. Jedenfalls bin ich seit nun zwanzig Jahren im Internet für Kirche unterwegs – in dieser Zeit hat sich viel verändert. Als ich begann, konnte man Entscheidungsträger daran erkennen, dass kein PC in ihren Büros standen, mit der Zeit hielten E-Mails Einzug im Kommunikationsalltag, wer wichtig war, erhielt seine Mails ausgedruckt. Dies hat sich seit langem geändert, heute bloggen und facebooken Leitende Geistliche.

Seit 1996 ist die EKD online, im selben Jahr gab es unter der Ägide der EKD das erste Netzwerktreffen der European Christian Internet Conference, ein Netzwerk, das bis heute kirchliche Online-Arbeit konstruktiv-kritisch begleitet.

Andreas Mertin holt zum publizistischem Rundumschlag zu Digitalisierung in der evangelischen Kirche aus mit seinem Aufsatz in tà katoptrizómena / Theomag: Digitale Pioniere: Nachtragendes zur „Digitalisierung der Kirche“. Bei der rasanten Entwicklung des Internet ist Andreas Mertins Aufriss fast schon historisch, wenn er die Suchmaschine crossbot betrachtet, die heute nur noch wenigen bekannt sein dürfte.

Jedem steht auch frei, das Design und die Ästetik protestantischer Websites zu kritisieren, so wie es Mertin z.B. in Bezug auf evangelisch.de tut- Aber es ist nur billig und polemisch, ein Satellitenbild mit einem Kirchtum zu veröffenlichen und daraus zu folgern, die Kirche vor Ort lasse sich auch so finden, ohne dass es eines Kirchenfinders bedürfe.

Der Weg der Kirche in die Digitalisierung ist nicht immer gradlinig, neun von zehn Start-ups haben keinen Erfolg. Es wäre daher erstaunlich, wenn kirchliche Digital-Projekte nie scheitern würden. Daher: Das Internet ist auch ein Lernfeld für Kirche. Nur wer aus Fehlern lernt, wird in der Zukunft auch Erfolg haben können. In seinem Aufsatz arbeitet sich Andreas Mertin an Projekten der Vergangenarbeit ab, übersieht aber, wohin sich kirchliche Internetarbeit bewegt und bereits bewegt hat.

Wenn ich nun meine Heimatstadt und Evangelische Kirche eingebe, dann sagt mir Google nach dem Klicken auf meine Heimatgemeinde, wann die nächsten Veranstaltungen sind. Nur bei Öffnungszeiten oder meinetwegen Gottesdienstzeiten steht nichts, weil meine Kirchengemeinde sich nicht mit Google in Verbindung gesetzt hat, um diese Zeiten einzutragen. Könnte sie aber.

Das schreibt sich lapidar, aber es ist nicht trivial, dass die eigene Kirchengemeinde sich „mit Google in Verbindung setzt”, um die eigenen Veranstaltungsdaten einzutragen. Außerdem: perspektivisch müssen wir auch an Alexa und Siri denken. Was zurzeit bei landeskirchlichen Internetbauftragten unter „Kirchenfinder” diskutiert wird, umfasst eben auch, Gemeindedaten über Suchdienste und Sprachassistenten auffindbar zu machen.

tà katoptrizómena ist ein Ort der durchaus kritischen Auseinandersetzung mit EKD-Online-Projekten. Vor rund 16 Jahren habe ich auf einen kritischen Artikel zu crossbot von Jörg Mertin in tà katoptrizómena / Theomag geantwortet und die Notwendigkeit von crossbot verteidigt.

Jörg Mertin forderte 2003 dagegen, Google stärker in den Blicḱ zu nehmen, anstatt eigene Angebote zu entwicklen. Auch die kirchliche Online-Welt hat sich weiterentwickelt. Die Fokussierung auf bestehende Portale ist nun Strategie, siehe dazu den Bericht von Präses Manfred Rekowski auf der rheinischen Landessynode im Januar 2019.

Besonders lose verbundene Kirchenmitglieder wissen nicht, wann und wo Weihnachsgottesdienst ist. Deshalb müssen sie auch über Google schnell sich orientieren können. Den eigenen Google-My-Buisness-Account zu steuern, ist für viele Gemeinden eine Überforderung. Hier kann ein „Kirchenfinder” helfen, der dies für Gemeinden übernimmt. Digitalisierung zahlt eben auch auf die Ortsgemeinde ein.

Wenn Andreas Mertin sich dafür ausspricht, Mittel in Jugendarbeit statt in Digitalisierung zu geben, hat er nicht verstanden, worum es geht. Es ist eben keine Alternative, entweder Jugendarbeit oder Digitalisierung, sondern Jugendarbeit und Digitalisierung. Denn wie bereits gesagt: Digitalisierung zahlt auch auf die Ortsgemeinde ein. Und wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Digitalisierung, um die Gemeinde zu stärken.


NB: In einer früheren Version des Artikels habe ich Andreas Mertin einen Artikel von Jörg Mertin zugeschrieben. Diesen Fehler habe ich korrigiert und bitte um Entschuldigung für die Verwechselung.

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3 Responses to Digitale Pioniere: Nachtragendes zur „Digitalisierung der Kirche“ – eine kurze Replik

  1. Irmela Fröhlich says:

    Danke, dieser Beitrag versöhnt mich wieder nach vielen Posts, die sich eher mit Hardware der Anwender (kirchliche Mitarb.etc.) als mit Entscheidungsgängen und Folgen von digitaler Präsenz von Kirche beschäftigen. LG ins Netz!

  2. Lieber Ralf Peter Reimann,
    vielen Dank für die Blumen! Für evangelische Christen, die sich auf Schrift (2000 Jahre) und Bekenntnis (500 Jahre) berufen, ist die Kritik daran, dass ich mich auf einen Vorgang von 2003 (15 Jahre) beziehe, fast schon merkwürdig. Ich fände es auch sinnvoll, den gesamten Kontext einzubeziehen. Ich hatte Anfang 2018 eine Überlegung geschrieben, was Digitalisierung nicht heißen kann. Darüber machten sich die Social-Media-Pfarrer lustig (der hat keine Ahnung, der will doch nur spielen usw.). Das finde ich zwar in der sich klerikalisierenden evangelischen Kirche normal, wollte aber als Gemeindeglied zumindest darauf reagieren.
    Und auch 65 Jahre später gilt: keine Familienhaftung. Mich als Stänkerer gegen die EKD zu beschreiben, weil mein Bruder einen Text gegen Crossbot geschrieben hat, ist schon ziemlich daneben. Aber auch hier sage ich: ich habe nichts anderes erwartet. Es spiegelt meine Wahrnehmung der Kirche.
    Ich hatte selbst im letzten Heft auf Ihren Beitrag verwiesen und meine Kritiker gebeten, auf diesem Niveau zu antworten. Aber der theonet-Beitrag unterläuft das. Schade!
    Andreas Mertin

    • Ralpe says:

      Lieber Andreas Mertin.

      in der Tat muss ich um Entschuldigung bitten für die Ver­wech­se­lung. Ich habe dies im Blogpost kenntlich gemacht und die Zuschreibungen korrigiert. Entschuldigung.

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