Church meets Start-ups – Ein Pastoralkolleg im Digital Hub

Digital Church in Aachen
Digital Church in Aachen

Erfahrungen und Impulse vom Pastoralkolleg #DigitaleKirche, an dem 15 Pfarrerinnen und Pfarrer in der Digital Church in Aachen vergangene Woche teilnahmen. Das Kolleg beginnt mit einer Führung durch die Kirche, die zu einem Digital Hub umgebaut wurde. Start-ups, die den Hub als Co-Working-Space nutzen, Mittelständler, genauso wie Ausgründungen aus der RWTH Aachen und ein Krankenhaus und andere Einrichtungen treffen hier aufeinander. Sogar ein evangelischer Kirchenkreis ist dabei wie auch das katholische Bistum Aachen. Der Sakralraum ist zum Innovationsraum geworden.

Die Location für das Pastoralkolleg – eine Fortbildungsveranstaltung für Pfarrerinnen und Pfarrer – haben wir bewusst gewählt, da in der Digital Church Religion und Digitalisierung aufeinander treffen und bereits die Räumlichkeiten einen Gesprächseinstieg für den Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern von Start-ups anbieten.

Die Begegnungen sind auf Augenhöhe, wir sind schnell beim Du, wie es in der Digitalbranche weit verbreitet ist. Aber – auch das merken wir – Kirche kommt im alltäglichen Leben der Menschen, die wir hier treffen, nicht vor. “Was erwartest Du von Kirche?” – so eine Frage, die ein Pfarrer den Gründern und Mitarbeitenden von Start-ups stellt. Einige erwarten nichts (mehr) von Kirche, sagen, sie sind ausgetreten. Jemand antwortet: Dass Kirche sich nicht um das alltägliche Kleinklein kümmert, sondern um die wirklich wichtigen Sachen. (Aber was ist das wirklich Wichtige?) Es gibt auch Anküpfungspunkte, einer war als Pfadfinder kirchlich aktiv, jemand weist auf die Werte hin, die ihr in der religiösen Erziehung mitgegeben worden seien und die ihr Engagement weiterhin prägen würden.

Digital Church in Aachen
Digital Church in Aachen

Start-ups als Partner von Kirche?

Inhaltlich ergeben sich dann aber Berührungen, als Start-ups uns ihre Ideen pitchen. Mit Event-Buddy lassen sich Pool-Parties organisieren, aber auch Kirchenkonzerte könnten darüber einfacher abgewickelt werden. Enactus verbindet soziales Engagement mit Wirtschaftlichkeit, quasi Diakonie mit Start-up-Charakter: “Bei uns kannst du durch Social Entrepreneurship die Welt im Kleinen verändern. Wir gründen wirtschaftliche, ökologische und sozial nachhaltige Start Ups, um weltweit Menschen zu helfen.” Im Projekt Second Light arbeitet Enactus auch mit einer Caritas-Werkstatt zusammen.

Die Idee bei YamYam: Menschen, die mehr Essen kochen, als sie selber benötigen, mit denen über eine Plattform zu vernetzten, die gerne ein selbstgekochtes Essen hätten, aber keine Zeit oder Gelegenheit haben, selber dies zuzubereiten. Dahinter steht auch ein intergenerationelles Anliegen, so sagt der Gründer. Seine Oma kocht gerne, hat aber niemanden, für den sie kochen kann. Er dagegen isst gerne Selbstgekochtes, hat aber keine Zeit zum Kochen. Da er aber nicht in derselben Stadt lebt wie seine Großmutter, soll nun YamYam helfen und Menschen zusammenbringen, die Essen teilen wollen. YamYam soll sich über eine Vermittlungsgebühr finanzieren. In einer Ausbaustufe soll die Möglichkeit für die Köchin oder den Koch geschaffen werden, den Essensbesteller oder die Essensbestellerin auch einzuladen, gemeinsam zu essen. Menschen durch gemeinsame Mahlzeiten aus der Einsamkeit zu holen – dies versuchen auch Kirchengemeinden. Ließen sich über die App auch Menschen aus der Gemeinde oder der Nachbarschaft zusammenbringen? Kirchengemeinden als Partner von Start-ups hatte bisher noch niemand auf dem Radar, aber für die Quartiersarbeit könnten solche Partnerschaften sinnvoll sein.

Beispiel aus den USA: Das Handy im Gottesdienst

Der amerikanische Pfarrer Lawrence Richardson, der sich selbst als digitalen Evangelisten bezeichnet, berichtet aus dem Gemeindeleben seiner Kirchengemeinde in einem Vorort von Minneapolis. Für ihn ist klar: Das Handy gehört auch in den Gottesdienst, also “it’s OK to use cell phones in worship.” Lawrence Richardsons UCC-Gemeinde streamt Gottesdienste über Facebook Live. In der Präsentation zeigt er dabei auch einen Screenshot, auf dem ein 94-jährige Gemeindemitglied aus dem Hospiz den Gottesdienst kommentiert und so über Social Media Kontakt zu seiner Gemeinde und seinem Pfarrer hält. Die deutschen Pfarrerinnen und Pfarrern sind sehr an den Erfahrungen ihres amerikanischen Kollegen interessiert, aber sich schnell einig, dass solche Integration von Social Media ins Gemeindeleben in Deutschland schon aufgrund der datenrechtlichen Bestimmungen nicht geht – aber wir auch kulturell anders aufgestellt sind.

Digital ist normal – auch für Pfarrerinnen und Pfarrer

Die Erfahrung und das Vorwissen unter den Kolleginnen und Kollegen waren sehr unterschiedlich, aber digitales Arbeiten gelang problemlos. Für das Kolleg nutzen wir ein Etherpad, in dieses Board konnten Kommentare, Themenwünsche, weiterführende Links und Anmerkungen geschrieben werden, so dass wir einige unserer Ergebnisse auch digital sichern konnten. Als ein Teilnehmer abreisen musste, um sich um sein krankes Kind zu kümmern, war es selbstverständlich, dass er von zu Hause aus über eine Videokonferenzsoftware weiter teilnahm. Ein iPad stand auf seinem Platz im Konferenzraum, so dass er für alle sichtbar dabei war. Für die Morgenandacht wurde der Link im Board gepostet, das Handy ersetzte Lied- und Liturgieblatt.

Strukturfragen können lähmen

Passen die Strukturen einer öffentlich-rechtlichen verfassten Kirche mit den Ebenen Gemeinde, Kirchenkreis, Landeskirche und EKD in die digitale Zeit? Oder muss sich eine digitale Kirche auch organisatorisch neu aufstellen? Sollen Landeskirchen digitale Tools top-down ausrollen? Oder sollten Gemeinde agil und unabhängig sich die für sie passenden Werkzeuge und Programme suchen? Oder helfen neue Technologien, neue Formen der Zusammenarbeit erst zu ermöglichen? Manchmal bissen wir uns daher bei der Diskussion der Strukturfragen etwas fest. Solche Diskussion kam beispielsweise auf, als uns Polarstern Education vorstellte, wie E-Learning, Blended Learning und MOOCs die (universitäre) Bildungslandschaft verändern.

Für Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrer ist es aufwändig, in einer Fremdsprache eine Taufkatechese für Migrantinnen und Migrante anzubieten. Sinnvoll könnte ein Online-Kurs sein. Von der Gemeinde wird der oder die Taufinteressierte zu einem Online-Seminar eingeladen, nach dem Abschluss gibt es noch ein Gespräch mit dem Ortspfarrer oder der Ortspfarrerin. Wer soll ein solches Seminar entwickeln und auf einer E-Learning-Plattform bereitstellen? Wie verhielte sich solch ein Modell zum Parochialprinzip? Man kann trefflich streiten, wessen Aufgabe es wäre, aber Interessierte aus dem Kolleg haben sich verabredet, selbst an dieses Thema zu gehen – und auf jeden Fall vorher zu prüfen, was es schon in diesem Bereich gibt und wo man anküpfen kann. Denn zu oft gibt es leider Mehrfachentwicklungen, die unnütz Ressourcen kosten. Auch dies ist ein Strukturproblem unserer Kirche.

Social Media

Muss ein Pfarrer auf Instagram sein oder die Pfarrerin auf Linkedin? Am besten die Netzwerke bewusst nach Zielgruppen auswählen, statt das zu machen, was als hipp an einen herangetragen wird. Vernetzung lieber planen, als zufällig Netzwerke auswählen. Muss jeder alles machen? Nein, aber was man auf Social Media macht, muss Spaß machen – so auch der Hinweis in den Social Media Guidelines.

Geschäftsmodell der Kirche

Der Digital Hub bietet Start-ups Beratung an. Warum sollte sich nicht auch Kirche entsprechend beraten lassen. Diesen Schritt hat der Kirchenkreis Jülich unternommen. Eine Grundfrage: Was ist das Geschäftsmodell für Kirche? Was geht digital? Ist Kirche etwa ein long-term Abo-Modell? Wie lässt sich Kirche definieren? Ich bin gespannt, welche Ergebnisse der Beratungsprozess bringen wird.

Wertevermittlung

Abschlussgespräch im Hub, mit dabei die Geschäftsführung. Welche Erwartung hat sie an Kirche? Die Vermittlung von Werten ist ein Wunsch, der an die Pfarrerinnen und Pfarrer herangetragen wird. Offensichtlich braucht Digitaliierung auch ethische Leitplanken. Hier könnte Kirche (wieder) ins Spiel kommen. Dazu muss sie aber die digitale Welt so verstehen, dass sie auf Augenhöhe mitsprechen kann. Dies ist uns anscheinend im Pastoralkolleg gelungen in den verschiedenen Gesprächen und Gesprächsrunden, die wir in der Digital Church hatten.

Neben Gewinnern wird die Digitalisierung auch Verlierer hervorbringen. Es gibt verschiedene Szenarien für die digitale Gesellschaft, aber sicher ist, die Gesellschaft wird sich stark verändern. Dabei werden auch Menschen benachteiligt werden. Könnte sich nicht Kirche um die Verlierer kümmern und so Trösterin im Tal der Tränen sein? So ein Vorschlag. Gegenvoschlag von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Pastoralkollegs: Statt zu trösten könnten wir doch zunächst für die Digitalisierungsverlierer eintreten. Nicht Trösterin, sondern Anwältin der Schwachen sein. Diese Rolle kennt die Kirche nur zu gut aus der Kohlenstoffwelt – aber auch im Digitalen scheint diese Funktion von Kirche gebraucht zu werden.

3 Antworten auf „Church meets Start-ups – Ein Pastoralkolleg im Digital Hub“

  1. Danke für den interessanten Bericht. Eine Sache nur: Die Digitalchruch gehört nicht mehr der katholischen Kirche, sondern der Landmarken AG, einem Projektentwickler.

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