Online-Abendmahl ist keine Schnelllösung, sondern jetzt an der Zeit

Online-Abendmahl ist keine Schnelllösung, sondern jetzt an der Zeit
Screenshot von einem Webinar zu Online-Ritualen

Nachdem es anfangs eine nicht öffentlich zugängliche Empfehlung aus dem EKD-Kirchenamt gab, die von online gefeierten Abendmahlsgottesdiensten abriet, gibt es nun eine differenziertere Stellungnahme, in der weiterer Klärungsbedarf angemahnt wird.

Die grundsätzlichen theologischen Fragen brauchen unseres Erachtens Zeit, um gemeinsam bedacht und entschieden zu werden – trotz der anstehenden Feiertage. Insofern wird hier eine gewisse Zurückhaltung gegenüber schnellen Lösungen empfohlen. Wo angesichts der geistlichen Not, sich nach dem Abendmahl zu sehnen und es doch in der gewohnten Form in unseren Kirchen nicht feiern zu können, neue Wege versucht werden, sollte dies sehr sorgfältig und unter Wahrung unserer Traditionen sowie in guter ökumenischer Verbundenheit getan werden.

Das jetzt um Zeit gebeten wird, die Frage eines Online-Abendmahls zu klären, wundert dann schon etwas, denn sie stand schon seit langem im Raum. Bereits 2007 stellte ich – damals noch auf Chat bezogen, denn Videostreaming war noch nicht weit verbreitet – diese Frage (Tom O. Brok / Ralf Peter Reimann, Gottesdienst und Gemeinde im Internet?, in: Zeitschrift der Gemeinsamen Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der Evangelischen Kirche in Deutschland, 01/2007, 21. Jahrgang, ISSN 1619-4047, Liturgie per Mausklick, 2007; online: https://www.ekd.de/070610_brok_reimann.htm ):

Und last but not least: In Online-Gemeinschaften wird diskutiert, ob miteinander das Herrenmahl gehalten werden kann. Was würde passieren, wenn jemand die Einsetzungsworte über Chat spräche und Chatteilnehmer gleichzeitig Brot und Wein zu sich nähmen? Wäre Christus dann gegenwärtig in Brot und Wein oder ist seine Präsenz räumlich auf einen Radius um den Altar in der Ortsgemeinde beschränkt? Was gewönnen diese Gemeinden und was verlören sie dadurch? Fragen – auf die Antworten noch gesucht werden.

Mit diesem Zitat endete der Aufsatz, die unausgesprochene Antwort war für mich die Möglichkeit, online das Herrenmahl zu feiern. Auf die ausgesprochene Frage im Aufsatz erhielt ich keine Reaktion – und die von mir erhoffte Diskussion blieb aus.

Im Herbst 2012 fand meines Wissens zum ersten Mal ein Online-Abendmahl in einer landeskirchlichen Gottesdienstfeier in Deutschland statt, evangelisch.de berichtete darüber, in einem Blogpost habe ich mich (heute würde ich sagen, vielleicht etwas zu) kritisch damit auseinandergesetzt und grundliegende theologische Fragen angesprochen.

Dinner Church in der United Church of Christ

Im Herbst 2015 stellte Rev. Lawrence T. Richardson auf der Tagung “Mache den Raum deines Zeltes weit. Formen der Glaubenskommunikation im Social Web” in Loccum das Modell der Dinner Church der United Church of Christ vor. Im Rahmen einer Online-Community feiern Menschen an verschiedenen Orten miteinander Abendmahl, zu dem sie Freunde und Nachbarn eingeladen haben.

Communion Dinner Church: https://youtu.be/0-Xo5578Mc0?t=2143 (Minute 35 Sekunde 47)

Es gibt also durchaus Modelle in der weltweiten Ökumene, auf die sich zurückgreifen lässt, wenn man digital verbunden an verschiedenen Orten Abendmahl miteinander feiern möchte. Vor fünf Jahren hatte sicherlich niemand auf der Loccumer Tagung die heutige Corona-Pandemie im Blick, die Grundstruktur der dort vorgestellten Abendmahlsfeier passt aber nun um so besser in die gegenwärtige Situation.

Ein Gedankenexperiement

Auf einer Großveranstaltung – z.B. Kirchentag – wird Abendmahl gefeiert.

  1. Auf der Bühne steht der Altar, darauf Brot und Wein, es werden sichtbar für die versammelte Gemeinde die Einsetzungsworte gesprochen, dann wird Brot und Wein verteilt.
  2. Es besteht nicht für alle Teilnehmenden Sichtkontakt zur Bühne, sie verfolgen die Einsetzung des Abendmahl über zusätzlich aufgestellte Leinwände und Lautsprecher.
  3. Auch diese Leinwände sind für einige Teilnehmende nicht einsehbar, sie stehen am Rande und erleben die Einsetzung des Abendmahls über den Live-Stream auf ihrem eigenen Handy.
  4. Einige verfolgen die Einsetzung des Abendmahls auf der Bühne, aber aufgrund der großen Entfernung stehen auf verschiedenen Tischen auf dem Platz Brot und Wein bereit, das von dort an die Teilnehmenden verteilt wird.
  5. Einige nehmen in einem Nebengebäude teil, sie folgen der Einsetzung des Abendmahls über eine Übertragung, erhalten aber Brot und Wein vom Altar der Bühne gebracht.
  6. Einige nehmen in einem Nebengebäude teil, sie folgen der Einsetzung des Abendmahls über eine Übertragung, Brot und Wein stehen auf einem Tisch im Nebengebäude bereit.
  7. Andere nehmen in einer anderen Stadt teil, sie folgen der Einsetzung des Abendmahls über eine Übertragung, beteiligen sich am interaktiven Stream, die von ihnen online geposteten Gebete und Fürbitten werden im Gottesdienst verlesen. Brot und Wein stehen an den jeweiligen Orten für sie bereit.

Abendmahl geschieht in einer Gottesdienstgemeinde

Wo wird Abendmahl gefeiert? Wo ist die versammelte Gemeinde? Das Gedankenexperiment zeigt, dass es schwierig ist, Grenzen zu ziehen, was geht, was nicht geht. Außerdem: Wer lädt zum Abendmahl ein? Wenn es Christus selbst ist, wie können wir diese Einladung nur auf eine bestimmte räumliche Reichweite um den Altar herum beschränken? Da es nach protestantischem Verständnis eben keine Wandlung gibt, kann es nicht daran liegen, dass Brot und Wein auf dem Altar bei der Einsetzung stehen müssen. Wenn es aber nicht um Transsubstantiation, sonden um lutherische Konsubstantiation geht, lässt sich die Gegenwart des Herrn per wohl definiertem Radius um den Tisch des Herrn begrenzen? Wenn aber die Gegenwart des Herrn aus reformierter Tradition symbolisch zu verstehen ist, dann greift auch eine räumliche Beschränkung um den Tisch des Herrn nicht. Was aber in jedem Fall – meiner Meinung nach – entscheidend ist: Abendmahl ist an eine Gottesdienstgemeinde gebunden. Einse solche Gemeinde ist aber eben nicht von einer Präsenz an einem physikalischen Ort abhängig.

In den letzten drei Wochen bin ich sehr dankbar für eine medial vernetzte Gottesdienstgemeinschaft beim Sonntagsgottesdienst. Wenn ich medial vermittelt mit Menschen beten kann und so mit ihnen Gemeinschaft habe, ohne am selben Ort mit ihnen zu sein, warum kann ich dann in solcher Gemeinschaft verbunden nicht auch Abendmahl miteinander feiern?

Wenn es im Online-Gottesdienst Kommunikation und Interaktion zwischen den am Gottesdienst teilnehmenden Menschen gibt, dann ist es eine versammelte Gemeinde, nur eben nicht an einem Ort. Solche Interaktionsformen unterscheiden Online-Gottesdienste auch von reinen Überragungen. Auch online gibt es sehr reale Gemeinschaft, so die Rückmeldung von Gottesdienstteilnehmenden. Diese Erfahrungen sollten auf jeden Fall ernst genommen werden.

Im Kundgebungsentwurf der EKD-Synode 2014 (Schwerpunktthema: „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“) hieß es noch:

Kirche ist im Kern Gottesdienst feiernde Gemeinschaft Anwesender, die „face to face“ miteinander und vor dem Angesicht Gottes feiern.

Im Laufe der Beratung veränderte sich die Argumentation, im verabschiedeten Text der Kundgebung heißt es nun:

Die Digitalisierung der Gesellschaft führt dazu, dass durch digitale Räume neue Formen von Gemeinde entstehen. Nicht physische Nähe, sondern Kommunikation ist für sie wesentlich. Die evangelische Kirche respektiert und fördert diese neuen Gestalten von Gemeinde.

Wenn es eben nicht um “physische Nähe”, sondern um “Kommunikation” geht, kann ich nicht verstehen, warum unter Verweis auf die noch notwendige Klärung theologischer Fragen auf Zurückhaltung zu setzen sei. Dafür gab es lange genug Zeit. Es geht ja nicht um die Pflicht, in digital vernetzten Gemeinden Abendmahl feiern zu müssen, sondern um die Ermöglichung solcher Abendmahlsfeiern. Wer in einer Gemeinde Abendmahl feiern möchte, sollte dies tun können – auch wenn die Gemeinde auf verschiedene Orte verteilt ist.


Nachtrag 6. April 8:00 Uhr: Eben erhielt ich folgende Einladung zur Andachtsfeier am Gründonnerstag im Landeskirchenamt. Da dieses wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist, findet die Hausandacht einschließlich Abendmahl als Videokonferenz statt.

Nach intensiver Beschäftigung mit den liturgischen Herausforderungen und theologischen Fragen, möchten wir Sie in der Andacht zur Feier des Abendmahls einladen. Es wird sich ganz anders anfühlen, als wenn wir Kreis zusammenstehen. Aber wir trauen dem Abendmahl in dieser besonderen Situation etwas zu. Wir sind nicht in einem Raum zusammen. Doch eint uns das Abendmahl miteinander und mit Christus. Wo immer wir gerade auch sein werden.

Wenn Sie also das Abendmahl mitfeiern möchten, stellen Sie Brot und Saft bereit. Nach den ersten Einsetzungsworten essen wir dann gleichzeitig vom Brot. Nachdem der zweite Teil gesprochen ist, trinken wir von dem Saft. Dann folgt ein Moment der Stille und des persönlichen Gebets. Zum Abschluss der Abendmahlsfeier spreche ich ein Dankgebet.               

Die Menschen, die mit Ihnen in häuslicher Gemeinschaft leben, sind ebenfalls eingeladen. Sie können an der Andacht selbstverständlich auch ohne die Feier des Abendmahls teilnehmen.

3 Antworten auf „Online-Abendmahl ist keine Schnelllösung, sondern jetzt an der Zeit“

  1. Diese Diskussion muss m.E. viel tiefer hinuntergeführt werden auf die Ebene des Geistes. Denn es geht hier um ein geistliches Geschehen. Was passiert geistlich genau beim Abendmahl? Einerseits verleiben wir uns Christus ein, andererseits gibt er sich uns ganz hin. Danach ist Christus in uns. Wir geben uns ihm ganz hin und lassen ihn in uns sein. Zudem erfahren wir, dass die anderen um uns herum diese Erfahrung auch machen, in ihnen ist auch Christus und wir reichen ihn weiter. Zudem verleiben wir uns auch die Schöpfung ein und die menschliche Arbeit. Das Abendmahl ermöglicht eine Alleinheitserfahrung. Die Gemeinschaft hat ein kommunikatives Element und ein Element des geistlichen Verstehens. In allen Zeiten ist es vorgekommen, dass Mystiker diese Erfahrung des Abendmahls gemacht haben, ohne, dass sie physisch einen Schluck Wein und eine Oblate erhalten haben. Wenn durch eine Online-Veranstaltung diese Erfahrung ermöglicht wird, ist das ein Abendmahl, also eine spirituelle Kommunion mit Christus. Ich meine sogar, dass das Abendmahl so aus seiner Mechanisierung herausgeholt und wieder neues Leben erhalten kann. Durch die neuen Medien ist es möglich, eine gleichzeitige Gemeinschafts- Erfahrung zu machen, die ein Bewusstsein für die Synchronizität des Geistes ermöglicht. Das ist eine ganz große Chance.

  2. Online-Abendmahl nach lutherischem Verständnis funktioniert nicht. Beim Altarssakrament: Die Konsekration / die Einsetztung muss über den Elementen gesprochen werden, Brot und Wein (Christi Leib/Christi Blut) müssen auch richtig ausgeteilt und empfangen werden! ein Stiftungsgemäßer Gebrauch der gesegneten Elemente Brot und Wein kann nicht gewährleistet werden. Was passiert mit den übriggebliebene Elementen?
    Warum verweist man hier nicht auf die lange bewährte evang. Tradition des Hausabendmahles, wo der Pfarrer/die Pfarrerin mit dem Köfferchen für das Hausabendmahl persönlich nach Hause kommt, das geht auch bei jungen Leuten, es müssen nicht nur alte und kranke Menschen sein, die einen Anspruch auf das Sakrament in Form des Hausabendmahles haben. ….Saft ist auch nicht stiftungsgemäß sondern nur eine Sonderform, sollte nicht die Regelform sein, sondern bitte möglichst immer Wein!

  3. Das heilige Abendmahl muss vor Ort in der Gemeinde gefeiert werden. Das Altarassakrament ist uns Evangelischen ja heilig, und deshalb ist es auch zu schade, damit online oder virtuell herumzuexperimentieren. Der stiftungsgemäße Umgang mit den beiden konsekrierten Elementen (Brot und Wein) kann bei Online-Gottesdiensten weder überwacht noch wirklich gewährleistet werden. Deshalb ist es gut wenn die Kirchenleitung von solchen Online-Varianten abrät. Alternativ kann man immer noch den Pfarrer/die Pfarrerin für einen Hausbesuch anfordern, damit vor Ort in der Wohnung u im kleinen Kreis das Sakrament gefeiert werden kann. Diese bewährte Form ist ja nicht nur für alte und kranke Gemeindeglieder, sondern könnte jetzt in Corona-Zeiten weiter gefasst werden.

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